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DB-Nummer: 780

Günter Grass liest zu Ehren von Walter Höllerer : Maxhütte, Sulzbach-Rosenberg

Grass, Günter

"Der hoffnungsvolle Anfang nach dem Schluss" Beeindruckende Lesung "Zu Ehren Walter Höllerers" von Günter Grass in der ausverkauften Maxhütte Von Stefan Voit Sulzbach-Rosenberg. Dieser Abend hätte Walter Höllerer wohl gefallen: ein ausverkauftes Haus, Literaturinteressierte aus der ganzen Oberpfalz, aus allen Altersschichten und nicht zu vergessen ein Nobelpreisträger, der mit der "Blechtrommel" Welterfolg erlangte. Zu seinen Ehren - und an seinem 81. Geburtstag - war Günter Grass nach Sulzbach-Rosenberg gekommen und zog, fast wie ein Popstar, am Freitag die Massen in die Hauptwerkstätte der Maxhütte. Der Medienrummel war sehr groß, und bereits vor der Lesung hatte der Schriftsteller zahlreiche Autogramm- und Signierwünsche zu erfüllen. Am Ende der Veranstaltung kam er dieser Aufgabe noch eine Stunde lang nach! Stimmungsvoll angerichtet Zwischen stillgelegten Maschinen war die Bühne aufgebaut, es war wohlig warm - Grass legt später sogar seine Jacke ab - und stimmungsvoll angerichtet. "Das" literarische Highlight des Jahres darf man diesen Abend sicher mit Recht nennen, denn Grass ist nicht nur ein begnadeter Schriftsteller und Künstler, sondern auch ein Vorleser par excellence. In seiner Einführung erinnerte Grass an Höllerer, der für seine literarische Entwicklung unwahrscheinlich wichtig war und mit dem ihm eine tiefe Freundschaft verband. Er erzählte, wie er ihm in Paris erste Kapitel aus der "Blechtrommel" vorlas, welch guter Zuhörer Höllerer war und welche Bedeutung dieser für die Literatur der Nachkriegszeit hatte. "Die Stadt kann stolz auf das Literaturarchiv sein. Unterstützt es und werdet neue Mitglieder", forderte Grass die 900 Zuhörer auf. Dem Gründer des Literaturarchivs zu Ehren las er anschließend - im Stehen - Gedichte von Höllerer, darunter "Der andere Gast", "Subjektives Gedicht" und "Denkmalsdämmerung". Damit erinnerte er nicht nur an den "Literaturvermittler, sondern auch an den Dichter Walter Höllerer. Ein Schmunzeln ging durch die Halle, als von Grass der Satz "Kein Wasser" zu hören war: Bürgermeister Gerd Geismann wollte dem Dichter eine Flasche Wasser für die Lesung öffnen. Der Nobelpreisträger hielt sich - von seiner Grippe wieder sichtlich erholt und bei bester Laune - lieber an ein Glas "Trollinger"-Rotwein. "Die Blechtrommel" stand im Mittelpunkt des Abends. Grass hatte das letzte Kapitel des ersten Buches "Glaube Hoffnung Liebe" ausgewählt. Die Geschichte, die Oskar Mazerath erzählt, handelt von einem Volk, das an den Weihnachtsmann glaubte, der in Wirklichkeit der Gasmann war; vom Musiker Meyn, der seine vier Katzen erschlug und vom Spielzeughändler Markus, der weiß-rot gelackte Blechtrommeln verkaufte. Diesen Abschnitt, der deutlichst die "braune Zeit" mit all ihren Gräueln beschreibt, trug Grass mit solcher Sicherheit und Brillanz vor, die nicht nur die Besucher andächtig zuhören ließen, sondern auch Appetit darauf machten, das Buch wieder einmal zu lesen. Nach seiner jüngsten Novelle "Im Krebsgang", die ihn sehr anstrengte, wie Grass betonte, widmete er sich wieder seinem künstlerischen Beruf. Er wechselte das Handwerkszeug und modellierte tanzende Paare aus rotem Töpferton, parallel dazu entstanden Lithografien und erste Strophen von Gedichten. Dies alles fand Eingang in seinem aktuellen Buch "Letzte Tänze", aus dem er zum Schluss Gedichte vortrug. Leichtfüßig, ja fast tänzelnd erzählt Grass darin von seiner Leidenschaft für das Tanzen. "Früh gelernt", "Tango Notturno", "Tango Mortale", "Als der Walzer in Mode kam" oder "Military Blues" waren die Titel, die - eindringlich und vielen vielleicht bislang nicht so bewusst - den Lyriker Grass zeigten, der nicht nur Bildhauer und Romanschreiber ist, sondern der auch mit kurzen Zeilen umgehen kann, der weiß, wie er die Zeilen und Strophen zu setzen hat. Mit dem Gedicht "Walter Höllerer nachgerufen", in dem er noch einmal an seinen Freund erinnerte, endete unter lang anhaltendem Applaus ein großer literarischer Abend.



Urtitel:
Anfang/Ende:
(setzt abrupt ein)…kaum vorstellen ohne…wieder wunderschön Trompete. (BEIFALL)
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Lesung
Historischer Kontext:

Die Wiedervereinigung als erbärmliches Kunststück Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass nach fast 30 Jahren wieder in Ostbayern zu Gast - Ein Redaktionsgespräch Sein Freund Walter Höllerer hat Günter Grass zum zweiten Mal veranlasst, zu einer Lesung nach Ostbayern zu kommen. Kochte der Schriftsteller 1977 eine noch heute legendäre Pilzsuppe für Höllerer und Freunde zur Eröffnung des Literaturarchivs Sulzbach-Rosenberg, kam er diesmal, um den langjährigen Wegbegleiter und Begründer des Archivs posthum zu ehren. Walter Höllerer verstarb im Mai dieses Jahres. Am Freitagabend, seinem 81. Geburtstag, fand ihm zu Ehren eine Lesung in der Maxhütte statt. Der 76-jährige Literatur-Nobelpreisträger unterhielt sich mit einem kleinen Kreis von Journalisten im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg über die Gruppe 47, Literatur und Politik. Die Person Walter Höllerer ist untrennbar mit der Gruppe 47 verbunden. Welche Bedeutung messen Sie in der heutigen Rückschau dieser Gruppe zu ? Grass: Die Gruppe 47 war für mich ein ganz großer Gewinn. Hans-Werner Richter, der Begründer, hat es verstanden, die Illusion einer Literatur-Hauptstadt für drei Tage ein-, zweimal im Jahr zu erstellen, meist in kleinen Nestern. Man kam zusammen. Ich war unterrichtet, woran meine Kollegen arbeiteten, sie wussten, woran ich saß. Ich kann mich erinnern, als ich das erste Mal 1956 dort las. Ich war völlig unbekannt. Ich kannte Protestnoten waren zu wenig auch niemanden da, außer Ingeborg Bachmann und Günter Eich. Als ich dann dran kam mit dem Lesen, hat man zu mir gesagt: Laut und deutlich. Und daran habe ich mich eigentlich bis heute gehalten. Warum ist die junge Generation von Autoren heute an einer Schriftstellergruppe nicht mehr interessiert? Das weiß ich nicht. Dabei wäre es notwendig. Die Situation in Deutschland hat sich in dieser Hinsicht nicht geändert. Im Vergleich zu anderen Ländern leben die deutschen Schriftsteller zerstreut. Auch Berlin, das sich jetzt Hauptstadt nennt, ist nach wie vor nicht der Punkt, an dem sich alles bündelt, wie Paris etwa. Das ist auch gut so. Walter Höllerer ist ja eben erst in die Schlagzeilen geraten wegen seiner angeblichen NSDAP-Mitgliedschaft. Wie sehen Sie das? Las in der ehemaligen Maxhütte: Günter Grass. Was ist geschehen? Ein Mann, der sich als Germanist ausgibt, meint genug getan zu haben, wenn er aus Nazi-Karteien Daten reiht und dann über den Spiegel der Öffentlichkeit zuspielt, so dass Personen, in dem Fall Walter Höllerer, der sich nicht mehr wehren kann, nun mit diesem "Gerüchlein" leben müssen. Walter Höllerer war elf Jahre alt, als die Nazis an die Macht kamen, er war also kein Germanist in der Nazizeit. Ich weiß nicht, ob in dieser Siegesperiode damals der eine oder andere etwas unterschrieben hat. Für mich ist wichtig, wie sich Walter Höllerer oder auch Walter Jens nach dem Krieg verhalten haben. Diese Haltung ist Antwort genug. Ich kann für mich nicht garantieren, was ich gemacht oder gelassen hätte, wenn ich Jahrgang 22 gewesen wäre. Wie sehen Sie in der Rückschau ihr politisches Engagement als Autor? Ich gehöre zu einer Generation, die sich durchaus als gebrannte Kinder bezeichnen kann. Aus dieser Erfahrung heraus konnte ich mich dem nicht anschließen, was gang und gäbe war, dass Intellektuelle nach französischem Vorbild eine Protestnote zu Missständen formulierten. Das war mir zu wenig. Das hat mich dann dazu gebracht, - was mich viel Zeit und Kraft gekostet hat, das ich aber dennoch nicht missen möchte in meinem Leben -, dass ich mich in die politischen Niederungen begeben habe, dass ich mich aus Vernunftgründen, nicht aus Neigung für die Sozialdemokraten erklärte. Sie waren Skeptiker, Mahner und Warner während der deutschen Wiedervereinigung. Wie beurteilen Sie heute - nach fast 15 Jahre - die Wiedervereinigung? Die Wirklichkeit ist schlimmer als meine schwärzesten Prognosen. Viele, die mich damals als vaterlandslosen Gesellen aus dem Raum geschickt haben, schweigen heute. Das Gravierende, glaube ich, ist, dass man viele falsche Entwicklungen nicht mehr korrigieren kann. Es sind viele übereilte Entscheidungen getroffen worden, wie das Einführen der DM, das zum Wegbrechen der Arbeitsplätze führte, oder das kriminelle Unternehmen Treuhand, das drei Jahre lang ohne parlamentarische Kontrolle lief. Das sind alles Dinge, die nicht mehr zurückzudrehen sind. Ein anderer Punkt: Rückgabe vor Entschädigung mit dem Ergebnis, dass 90 Prozent des Produktionsvermögens heute in westlicher Hand ist. Es hat eine regelrechte Enteignung stattgefunden. Genau so gravierend ist die mangelnde Bereitschaft im Westen gewesen, die Biografien dieser 16 Millionen Menschen zu respektieren. Die Ostdeutschen haben die Hauptlast des von allen Deutschen verlorenen Krieges zu tragen gehabt, sie wurden bis in die 70er Jahre von den Russen ausgebeutet mit ungünstigen Handelsverträgen und haben dennoch auf ihre Art und Weise etwas geschafft. Dies wurde alles lächerlich gemacht. Diese westliche Vermessenheit, die Arroganz, dieses wohlwollende Kolonialherrentum, das hat bei so viel Erwartungshaltung - vielleicht bei überstiegener Erwartungshaltung - zu Enttäuschungen geführt, die schwer zu korrigieren sind. Die Spaltung im mentalen Bereich ist heute wahrscheinlich größer als in der Zeit, als die Mauer kam. Das ist ein erbärmliches Kunststück. Sie haben sich mehrfach zum Irak-Krieg geäußert. Wie wirkte auf Sie die Darstellung der Gefangennahme Saddam Husseins? Das überrascht mich nicht mehr. Als der Krieg begann, hat man gefangene Soldaten gezeigt, die nur mit Papiertüten verhüllt waren. Entwürdigender geht es nicht mehr. Das spottet der amerikanischen Verfassung; es ist ein Niedergang der amerikanischen Kultur- und Rechtsgeschichte. Was mich wundert, ist, dass wir Gelesen hat immer nur eine Minderheit auf der einen Seite zwar sehen, wie das alles schief läuft und mehr und mehr Tote im Irak zur Folge, dass es aber auf der anderen Seite in der bundesdeutschen Gesellschaft offenbar nicht möglich ist, die Leistung des Bundeskanzlers und seines Außenministers anzuerkennen, die uns aus diesem Krieg heraus gehalten haben. Dazu gehörte einige Courage. Denn er bekam ja nicht nur aus Amerika Gegenwind, sondern auch hier im Land. Ich finde, das ist ein beschämender Vorgang, denn das sind erkennbare und darstellbare Leistungen, es gibt ja genug auszusetzen an den Sozialdemokraten und auch an den Grünen. Warum nimmt die Lesekultur in Deutschland immer mehr ab? Gehen wir erst einmal davon aus, dass es immer eine Minderheit gewesen ist, die überhaupt gelesen hat. Uns Autoren ginge es noch schlechter in der Beziehung, wenn es nicht die lesenden Frauen gäbe. Man muss da schon sehr differenzieren. Die Männer lesen nicht, sie lassen von der Frau lesen und lassen sich dann mitteilen, damit sie in einem Gespräch mitreden können. Sie können es auch beim Signieren erleben, dass zwei Drittel Frauen sind, die mit gelesenen Exemplaren ankommen. Das ist jetzt eine sehr persönliche Erfahrung. Dass generell wenig gelesen wird, liegt auch am Internet, am Fernsehen - das lenkt ab. Es liegt auch daran, dass sich die Feuilletons darin gefallen - es gibt Ausnahmen - jeweils vom aktuellen Fall auszugehen. Der heißt Bohlen. Auf dieses Niveau sind wir abgesunken. Offener Arbeitsprozess bis zum Schluss Selbst die sich darüber aufregen, dass Bohlen das Messegespräch bestimmt, schreiben lange Riemen. Ich ärgere mich, dass man sich auf der einen Seite mokiert, - im Mokieren sind wir immer sehr stark - und auf der anderen Seite den knapper werdenden Raum im Feuilleton verschwendet mit solchen Auseinandersetzungen, die nach zwei Jahren kein Mensch mehr begreift. Sie sind ein Schriftsteller, der noch ganz herkömmlich mit Tinte und Papier arbeitet. Ist das eine Abneigung gegen den Computer? Sie wollen mehr über Günter Grass erfahren? Diese Homepage ist eine Sammlung aller Links zu den einzelnen Lebens-Stationen des Literatur-Nobelpreisträgers. Ich schreibe wie früher in Blindbände, die erste Fassung handschriftlich mit Füller; die zweite, dritte und vierte Fassung entsteht dann auf meiner alten Olivetti. Von ihr habe ich vier Stück. Im Computer erstellt sich zu schnell ein sauberes Schriftbild. Ich muss die Änderungen sehen, ich muss in der Lage sein, einen Strich wieder aufzulösen und ihn ganz anders anzusetzen. Der Arbeitsprozess muss bis kurz vor Schluss ein offener sein. Ich habe in der Bildhauerei gelernt, dass man eine Skulptur, die man in Ton anlegt, nicht zu früh glätten soll. Die Oberfläche muss bis in die Schlussphase hinein rau und beweglich bleiben. Da ist der Computer keine Hilfe, er täuscht. Das bildhauerische Schaffen nimmt jetzt einen breiten Raum ein. Kehren Sie zu Ihren Anfängen zurück? Ich bin dankbar dafür, dass ich die Möglichkeit habe, nach einem längeren Schreibprozess das Medium zu wechseln. Viele Kollegen fallen nach Beendigung eines Werkes dann in ein Loch, schreiben dann zwar ein neues schönes, aber leeres Buch. Den Wechsel des Handwerkzeugs hat es in meinem Leben immer gegeben. An dem Redaktionsgespräch nahmen außer der Passauer Neuen Presse die Frankfurter Zeitung, Bremer Hörfunk und Bayerischer Rundfunk, Mittelbayerische Zeitung und Sulzbach-Rosenberger Zeitung teil.

Schlagworte:

Person:
Höllerer Walter
Werke:
Glaube Hoffnung Liebe; Die Blechtrommel; Gedichte
Sach:
Gruppe 47
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
19.12.2003
Aufnahmeort:
Maxhütte, Sulzbach-Rosenberg
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:42:02
Kopie:

Länge der Kopie:
00:42:03
Tonträger:
MC
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

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Zitierform:

Grass, Günter: Maxhütte, Sulzbach-Rosenberg .

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