Logo der Günter Grass Stiftung Bremen

Webdatenbank

Medienarchiv

DB-Nummer: 848
10.20379/dbvid-0848

Literarisches Quartett: Ein weites Feld

Literarisches Quartett aus Salzburg Teilnehmer: Marcel Reich-Ranicki, Sigrid Löffler, Hellmuth Karasck, Karl Corino (Gast) Karasek: stellt "Ein weites Feld" vor: "ein Buch über die Wiedervereinigung und ein Buch über Fontane"; kurzer Inhaltsabriss; Löffler: Idee, die Wiedervereinigung in eine historische Paralelle zu rücken, erscheint ihr nicht abwegig; historische Dimensionierung durch Paralellen; das ganze Buch besteht aus Paralellen; dabei Verlust von Originalität; Corino: enormer Raum, in dem wenig über die Unterschiede der beiden deutschen Vereinigungen (1870/71 und 1989/90) klar wird; Reich-Ranicki: fällt es schwer, Grass für die historische Parallelisierung zu loben; das ginge nur, wenn es einigermaßen gelungen wäre; Fontane ist typische Figur des 19. Jh., die man nicht mit dem Zusammenbruch der DDR in Verbindung bringen kann - "das ergibt gar nichts" - "schlechter Einfall"; in dem Roman wird nichts erzählt; es wird nur festgestellt und nicht dargestellt; Karasek: "es wird gequaselt und nicht geredet"; Problem des Romans: schlechte Konstruktion, kein Leben in den Figuren; als Grund sieht Karasek die "mangelnde Neugier des Autors"; Grass können nichts erzählen, weil es schon alles wisse; zweifelhafte Position von Grass zur Wiedervereinigung; Löffler: will differenzieren: Grass vs. Figuren; Figuren sind Ostdeutsche, die aus ostdeuscher Sicht über die Vereinigung reden, und zwar negativ; es ist nicht Grass, der spricht, sondern seine Figuren sind es; Reich-Ranicki: es gibt niemanden, der die Ansichten der Figuren korrigiert; Löffler: das ist in einem Roman nicht notwendig, ein Roman muss nicht politisch korrekt sein; Reich-Ranicki: Angriffe auf Kohl müssten begründet sein; Löffler: das Wort "Kohl" kommt im Roman nicht vor <hiermit hat Löffler recht>; Reich-Ranicki: "Kohl" kommt vor <hier irrt Reich-Ranicki> und wird beschrieben mit "er ist verächtlich, aber nicht hassenswert"; der Eindruck bleibt, dass hier Grass spricht; Denuntiationen von seiten des Autors; Löffler: Argumente der political correctness sind weder stichhaltig noch führen sie weiter; Corino: zum Handwerklichen: Erzählperspektive; Hemmung vor allwissendem Erzähler; erzählendes Kollektiv ("Wir vom Archiv") besteht aus "Lemuren, die überhaupt kein Gesicht bekommen"; Reich-Ranicki: das Handwerkliche ist überhaupt nicht vorhanden: es wird nicht erzählt, es gibt keine lebendigen Figuren, es gibt keine Geschichte und keine Fabel; Karasek: Fonty, der "Bürobote", ist Grass' eigene Stimme; weiterer Fehler: Stasi-Spitzel wird als liebenswürdig geschildert und die Stasi hat die deutsche Einheit herbeigeführt; Corino: für ihn ist letzteres der größte Fehler; "ungeheure Infamie"; historische Wahrheit wird auf den Kopf gestellt; Grass hat einige Dinge nicht recherchiert sondern "plaudert nur vom Höhren-Sagen"; Grass kennt weder die DDR noch die Stasi; Löffler: Pater Noster als Symbol und zentrale Metapher für ewiges Auf und Ab; Karasek: <ironisch> "wirklich ein tiefes Bild, wenn man sagt, das Leben geht auf und ab"; Reich-Ranicki: "das ist doch erbärmlich"; Karasek: wenn ein Autor behauptet, es sei alles gleich, so ist das Idiotie; Reich-Ranicki: "einfach Unsinn"; Grass wiederholt immer wieder, dass die deutsche Kritik schlecht sei; Grass wolle, dass die Kritiker nur informieren und nicht bewerten; "Grass muss endlich belehrt werden"; Kritik ist dazu da, um zu bewerten; in "Ein weites Feld" ist nichts Künstlerisches; Problem: Was ist aus Grass geworden; Corino: Grass ist wohl der Weltgeschichte böse, dass sie ihm 1989/90 nicht gefolgt ist; Karasek: Grass war "die größte anarchische Kraft" in Deutschland nach 1945 durch seine Figur Oskar Matzerath; nun versuche Grass, diese Perspektive wiederzugewinnen; das Buch hält nicht, was es verspricht, man hat sich viel mehr erwartet; Löffler: warum hat man sich mehr erwartet? Karasek: das Buch ist als "Jahrhundertereignis" angekündigt worden; Löffler: "aber doch nicht von Herrn Grass"; Marketingstrategie des Verlages mag nach hinten losgegangen sein; Kritiker selbst stellen Wiedervereinigung als Großthema dar; die Großkritiker werden dadurch wiederum auf den Plan gerufen, um das vermeintliche Großwerk "niederzumachen"; Karasek: Grass ist "groß genug, dass er nicht wie ein Papagei wartet, was die Großkritiker sagen, um ein Buch zu schreiben"; Reich-Ranicki: andere Grass-Bücher waren auch nicht von der Kritik vorgeschlagen; glänzende Erzählung "Katz und Maus", fabelhaftes "Treffen in Telgte", unterschätzte Lyrik (frühe Lyrikbände sind "fabelhaft"); unbeantwortete Frage: warum jetzt ein so "unmenschliches", "langweiliges" Buch? warum kann Grass nicht erzählen; Löffler: versteht die Verbitterung von Reich-Ranicki nicht; es müsse einem Autor erlaubt sein, "sehr hoch einzusteigen" ("Blechtrommel"), ohne dass die Kritiker ihn fortan daran messen; Beispiel Richard Strauss; Karasek: 100 000 Exemplare zur Erstveröffentlichung, Ankündigung von "Ein weites Feld" als Jahrhundertereignis; Kritik ist sich einig, dass das Buch unlesbar und schlecht ist; Löffler: Vorschlag, das Buch "ein wenig niedriger zu hängen"; Reich-Ranicki: "Noch niedriger können wir es nicht hängen!", "wertlose Prosa"; Karasek: es bleibt ein genauso schlechtes Buch; Löffler: wäre "Ein weites Feld" von Siegfried Lenz oder Stefan Heym geschrieben worden, würde die Kritik es dulden und "leben lassen"; Reich-Ranicki: "Ich kann etwas, was tot ist, nicht leben lassen"; 5 Seiten des Buches (Treffen mit Uwe Johnson) sind fabelhaft geschrieben, aber nicht erzählt; wie kann einem routinierten Autor so etwas langweiliges passieren? Karasek: "schauerlicher Traum", dass ein Autor auf einen anderen Autor (in diesem Fall Fontane) eifersüchtig ist, weil dieser von der Frau des Autors gelesen wird; "schlechte Parodie" auf Fontane; Reich-Ranicki: noch nie passiert in der Geschichte der deutschen Literatur: Sekretär der IG Medien hat von Unrecht gesprochen, dass die Kritiker Grass antun; Karasek: zu political correctness: Titelbild des "Spiegel" ist das Bild, mit dem seit Jahren für das "Literarische Quartett" geworben wird; Reich-Ranicki war damit einverstanden, es für den "Spiegel" zu benutzen; Reich-Ranicki: "ist mir alles völlig egal"; Bild ist Nachahmung eines Gemäldes von Michelangelo; "ich finde Michelangelo im Zusammenhang mit meiner Person nicht beleidigend"; Empörung über das Titelbild des "Spiegel" für Reich-Ranicki irrelevant; Corino: von wem sollte man den großen Roman über die Wiedervereinigung erwarten, wenn nicht vom "potentiellen Nobelpreisträger" Grass? man muss Grass an seinen eigenen Ansprüchen messen; Reich-Ranicki: zur Wiedervereinigung als Großereignis: alle großen Romane der Literaturgeschichte behandeln zwei Punkte, die Erlebnisse des Autors und seine eigene Epoche; von einem Romancier kann man erwarten, dass er über sich schreibt; wenn er dies gut macht, wird die Epoche darin enthalten sein; Grass erwähnt die Epoche in jedem Satz, was unglaublich langweilig ist.



Urtitel:
Literarisches Quartett
Anfang/Ende:
(Setzt abrupt ein) heut`wie immer…wie ein (bricht ab)
Genre/Inhalt:
Roman
Präsentation:
Dokumentation
Historischer Kontext:

Marcel Reich-Ranicki - Medienstar mit Kultstatus Marcel Reich wurde am 2. Juni 1920 in Wloclawek an der Weichsel (Polen) geboren. 1929 zog seine Familie nach Berlin, wo er ab 1935 das Fichte-Gymnasium besuchte und 1938 das Abitur ablegte. Im Oktober 1938 wurde Marcel Reich nach Polen ausgewiesen und lebte ab 1940 im Warschauer Getto. Dort arbeitete er als Übersetzer und zugleich auch als Mitarbeiter des Getto-Untergrundarchivs. 1943 gelang ihm schließlich mit seiner Frau Teofila die Flucht aus dem Getto. Beide gingen in den Untergrund und überlebten den Holocaust. Reichs Eltern und sein Bruder wurden ermordet. Nach der Befreiung durch die Rote Armee im September 1944 meldete sich Marcel Reich zum Dienst in der polnischen Armee und arbeitete dort in der militärischen Postzensur. 1946 wurde er Mitglied der Polnischen Militärmission in Berlin und diente 1947 im Auslandsnachrichtendienst und im polnischen Außenministerium. In den Jahren 1948/1949 war er als Konsul im polnischen Generalkonsulat in London, wo er den Namen Ranicki annahm, weil ihm der Name "Reich" zu deutsch klang. Nach seiner Rückkehr nach Warschau 1949 eckte er schnell ideologisch an, was zur Folge hatte, dass er aus dem Geheimdienst, aus dem Außenministerium und auch aus der kommunistischen Partei entlassen wurde. Zu diesem Zeitpunkt begann sich Ranicki der literarischen Arbeit zu widmen. Zunächst war er Leiter des Lektorats für deutsche Literatur in einem Warschauer Verlag, und ab 1951 betätigte er sich als freier Schriftsteller mit deutscher Literatur als seinem Schwerpunkt. In Polen veröffentlichte er, neben vielerlei Beiträgen in Zeitungen und Zeitschriften, kritische Einleitungen zu Werken von Johann Wolfgang Goethe, Theodor Fontane, Theodor Storm, Herman Hesse und Heinrich Mann. Scharfzüngiger Kritiker Nach einer Studienreise in der Bundesrepublik im Jahre 1958 kehrte Ranicki nicht mehr nach Polen zurück, weil er dort keine Zukunft mehr für sich sah. In Deutschland verwendete er nun den Doppelnamen "Reich-Ranicki". Als ständiger Literaturkritiker der Wochenzeitung Die Zeit lebte er von 1960 bis 1973 in Hamburg, wo er sich als scharfzüngiger Kritiker einen Namen machte. Nebenbei lehrte Ranicki 1968 auch als Gastprofessor an der Washington University in St. Louis (USA) und 1969 am Middlebury College (USA). Als ständiger Gastprofessor arbeite er von 1971 bis 1975 in Stockholm und Uppsala (Schweden). In Deutschland leitete er von 1973 bis 1988 die Redaktion für Literatur und literarisches Leben bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und von 1988 bis 2001 schließlich das "Literarische Quartett" im ZDF. Mit der Sendung "Das Literarische Quartett" wurde aus dem Literaturkritiker ein Medienstar mit Kultstatus. Die Literatursendung verstand es wie keine andere zuvor, beim Zuschauer das Interesse am Lesen zu wecken, was sich an den ansteigenden Verkaufszahlen der vorgestellten Bücher nachweisen ließ. Für große Diskussionen sorgte Ranicki in der Literaturszene im August 1995 mit seiner negativen Beurteilung des Günter-Grass-Romans "Ein weites Feld", der als "erster großer Roman zur Wiedervereinigung" angekündigt worden war. Um den Roman entbrannte ein heftiger Literaturstreit um die Grundsatzfrage, wie in Deutschland mit Büchern und Meinungen umgegangen wird. Viel Lob bekam Reich-Ranicki von Kritikerkollegen 1996 für sein Buch über Bertolt Brecht "Ungeheuer oben". 1999 erschien schließlich seine Autobiografie "Mein Leben", die wochenlang auf den Bestsellerlisten ganz oben stand. Bis Ende 1999 wurden circa 500.000 Exemplare des Buches verkauft. Im Sommer 2000 kriselte es im "Literarischen Quartett". Nach einer heftig geführten Auseinandersetzung um den erotischen Roman "Gefährliche Geliebte" von Haruki Murakami gab Sigrid Löffler Ende Juli 2000 ihren Abschied vom "Literarischen Quartett" bekannt. Nachfolgerin von Frau Löffler wurde Iris Radisch, Literaturredakteurin bei dem Wochenblatt Die Zeit. Im Dezember 2001 fand die letzte Sendung des "Literarischen Quartetts" statt, die mit Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek und Iris Radisch/Sigrid Löffler in 13 Jahren 77 mal ausgestrahlt wurde. Marcel Reich-Ranicki und seine Kollegen haben mit dieser Sendung Fernsehgeschichte geschrieben. Zuletzt war der scharfzüngige Kritiker im ZDF mit "Reich-Ranicki - Solo. Polemische Anmerkungen" zu sehen.

Schlagworte:

Person:
Fontane Theodor; Kohl Helmut; Matzerath Oskar; Schädlich Hans-Joachim; Johnson Uwe; Fonty; Hoftaller
Werke:
Ein weites Feld; Katz und Maus; Das Treffen in Telgte; Die Blechtrommel
Sach:
Wiedervereinigung; Erzählperspektive; Stasi; Literaturkritik; Lyrik; IG Medien; Der Spiegel; Literaturgeschichte; Erzählerkollektiv; political correctness; Metapher
Geo:
Berlin
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
24.08.1995
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:30:50
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
VHS
Datenformat:
VOB
Kopie:

Länge der Kopie:
00:44:52
Tonträger:
DVD
Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
AVI
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen (RB)
Sendereihe:
Literarisches Quartett
Teilnehmende:

Person:
Reich-Ranicki, Marcel (Beitragende(r))
Person:
Karasek, Hellmuth (Beitragende(r))
Person:
Löffler, Sigrid (Beitragende(r))
Person:
Corino, Karl (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Literarisches Quartett.

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten

Export