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DB-Nummer: 869
10.20379/dbvid-0869

Metropolis: Grass im Jemen

Kogel, Jörg-Dieter

Zum ersten Mal seit Bestehen des Studiengangs Germanistik lesen deutsche Autoren und Autorinnen ihre Texte vor Studenten der Universität Sana´a. Dies ist auch ein einschneidendes und bewegendes Erlebnis für die deutschen Autoren, wie sie in den Interviews hervorheben, die ARTE danach mit ihnen führte... Vor zehn Jahren wurde der Studiengang Germanistik an der Universität Sana´a eingeführt, knapp 100 Studenten und Studentinnen nehmen zur Zeit an dem vier Jahre dauernden Studiengang teil, um dann mit dem Grad des "Bachelor of Arts" das Studium zu beschließen. Der Raum "arabia felix" des Dekanats ist bis auf den letzten Platz gefüllt und erinnert mit seiner Einrichtung eher an ein Klassenzimmer, in dem bei "Frontalunterricht" deutsche Grammatik gepaukt anstatt deutsche Literatur diskutiert wird. Alle Studenten sind zusammengekommen, um Judith Hermann, Kathrin Röggla und Ingo Schulze zu sehen und zu hören. Unter dem Bild des Staatspräsidenten und einem gelben Begrüßungsbanner in arabischer Schrift sitzen die drei Autoren, vor ihnen bunte Blumen und Mikrofone, zwei Kamerateams quetschen sich in den bereits stickigen Raum, der Muezzin ruft draußen zum Mittagsgebet und Ingo Schulze beginnt, aus seinen „Short Storys“ eine Episode deutsch-deutscher Wiedervereinigungsgeschichte zu lesen. Ein Thema, das die Studenten sehr interessiert, denn auch der Jemen arbeitet noch an seiner Geschichte der Wiedervereinigung (22. Mai. 1990), die bis heute eine noch nicht verheilte Wunde des Landes darstellt. Mit großer Konzentration lauschen die Studenten allen Autoren, ganz gleich wie viel sie verstehen: Sie sehen und hören deutsche Literatur und das ist das, was zählt. Nach der Lesung gibt es Gelegenheit zum Dialog, der zu Überraschungen auf beiden Seiten führt: „Was muss man lesen, um Schriftsteller zu werden? „Wie kann man über Liebe schreiben, wenn im Irak Bomben fallen?“, Gilt das Interesse der deutschen Autoren nur der persönlichen Perspektive oder beschreiben sie auch, was das „deutsche Volk denkt und fühlt“? Solche Fragen an die deutschen Schriftsteller führen vor Augen, welch unterschiedlichen Auffassungen über die Rolle des Schriftstellers in Deutschland und im Jemen herrschen. Auf die Gegenfrage von Ingo Schulze, „warum die Zuhörer die deutsche Sprache studieren, gibt ein junger Student gekleidet in traditioneller Hose, Jackett und Turban eine ebenso kurze wie prägnante Antwort: „Weil Deutschland ein reiches Land ist“. Socotra – die „Insel des Glücks“ „Ich bin wohl so etwas wie Euer Dr. Tigges“, witzelt Günter Grass als die deutsche Reisedelegation am Strand von Socotra nach Muscheln und Korallen Ausschau hält. Die Insel liegt 400 km vor der jemenitischen Küste im Roten Meer und gilt mit ihrer vielfältigen Flora und Fauna als besonders schützenswertes Naturreservat. Schützenswert ist hier aber auch etwas ganz Essentielles: die Sprache. Auf Socotra hat sich bis heute eine völlig selbständige Sprache erhalten, die nicht bloß als Dialekt des Arabischen gilt, das „socrit“. Zwei Dichter tragen hier vor einem gemeinsamen Mittagessen unter freiem Himmel auf einer herrlich gelegenen Hochebene einen Disput in ihrer Landessprache darüber aus, was wohl die höchste Form der Liebe ist. Die sinnliche Liebe oder die Liebe zu Gott? Der deutsch-arabische Dialog bekommt hier an diesem Ort einen ganz wunderbaren Impuls: Plötzlich lösen sich Sprachbarrieren wie von selbst auf. Der Autor Ingo Schulze hat mit einem jemenitischen Dichter eine gemeinsame Sprache gefunden: Russisch, denn beide haben Studienjahre in der ehemaligen Sowjetunion verbracht. Der Name Socotra entstammt der Sprache, die schon prähistorische Siedler der Insel sprachen. Dieser antike Name der Insel war "Eipheba Sakhotora", was "Die Insel des Glücks" bedeutete. Ausländische Akademiker, Orientalisten und Historiker sprechen den Namen auf vier verschiedene Arten aus: Asqo'ter, Soqutri, Sou'qatra und Soqotra. Die alten Griechen nannten die Insel "Dyo-sacreeda", während sie bei den Römern unter "Dyo-Socor-Yahlas" und "Dyo-Sotori" bekannt war. Außerdem kamen aus einer alten griechischen Sprache die Namen "fia-Soqa'tra" und "Soqater". Unter den heutigen Einwohnern der Insel herrscht die Meinung, dass der Name aus der Kombination zweier Wörter entstand: "Al-Souq" (d. h. "der Markt" auf Arabisch) und "Qatra" (d. h. ein einzelner Tropfen einer Flüssigkeit). Die geografische Lage macht die Insel Socotra zu einem wichtigen Verbindungspunkt zwischen der Arabischen Halbinsel, Afrika und Indien. Sie faszniert ihre Besucher mit einer dichtbewachsenen, ursprünglichen Bergwelt und großen Korallenriffen. Sie ist außerdem Heimat des berühmten Drachenblutbaums. Günter Grass nutzte übrigens seinen Empfang beim Staatspräsidenten auch dazu, ihn darum zu bitten, die Insel bei der Entwicklung des Tourismus in ihrer jetzigen Form zu erhalten und zu schützen. Die Gefahr, die Inselsprache durch das allgemeingültige Hocharabisch zu ersetzen ist - auch Dank des Engagements von Günter Grass und des jemenitischen Autorenverbandes - zunächst einmal gebannt. Interviews Ingo Schulze, Kathrin Röggla und Judith Hermann haben in kurzen Interviews, die am letzten Tag der Reise geführt wurden, ihre Eindrücke geschildert. Alle waren von der schier grenzenlosen Gastfreundschaft im Jemen beeindruckt. Doch es fiel ihnen verständlicherweise schwer, schon jetzt die Vielzahl an Eindrücken zu bewerten und festzustellen, welche Wirkungen diese Reise auf sie hatte. Und so ergibt sich aus den drei Gesprächen für den Leser zunächst einmal ein interessantes Puzzle. Das Reisetagebuch von Ingo Schulze, entstand erst nach Abschluss der Reise in Deutschland. Deutsch-arabisches Autorentreffen Der Roman stand im Mittelpunkt des deutsch-arabischen Autorentreffens. "Roman und Medien", "Roman und Zeit", "Roman und Raum", "Roman und Lyrik", das waren die recht abstrakten Themen, mit denen sich die Autoren beschäftigten und über die sie versuchten, einen Dialog herzustellen. Nur mühsam ist dies gelungen, zum Teil liegen die Voraussetzungen und Auffassungen zu einem gemeinsamen Gespräch auch aufgrund der ganz unterschiedlichen Traditionen weit auseinander. Starre, langatmige Statements konnten den Diskurs nicht beflügeln bis sich auf einmal in der Debatte um "Roman und Lyrik" ein Themenfenster öffnete, das beide Seiten stark interessiert, nimmt doch die Lyrik in der arabischen Dichtung einen sehr großen Stellenwert ein. Statt über "Roman und science fiction" wie ursprünglich vorgesehen, wurde mit dieser Debatte der aktuellen Realität Rechnung getragen Statt über Bei der aktuellen Debatte um den Kriegsroman. Anklagende, antiamerikanische Stellungnahmen eines irakischen Autors mündeten - nach zum Teil heftigen Reaktionen anderer arabischer und irakischer Autorenkollegen nicht zuletzt dank der behutsamen Moderation von Günter Grass in eine kontroverse aber ausgewogene Debatte über das Schreiben angesichts von Krieg, Terror, Unterdrückung, Zensur und Vertreibung. Wie offen darüber im Jemen (wieder) nachgedacht und gesprochen werden kann zeigt auch die Tatsache, dass dem Schriftstellertreffen eine Konferenz zur Entwicklung von Demokratie, menschenrechten und einem internationalen Strafgerichtshof in Sana´a vorausgegangen war - so fiel plötzlich Licht und nicht Schatten auf eine Diskussion, die gleichsam subkutan seit der ersten Sitzung der Autoren durch den Raum geisterte. Shibam - "das Manhattan der Wüste" und die Günter Grass Lehmbauschule. Spenden erwünscht... Seit dem 5. vorchristlichen jahrhundert ragen im jemenitischen Wadi Hadramaut bis zu 6-stöckige Lehmhäuser in den Himmel, die gelten als die ersten Hochhäuser der Welt. Ständig vom Zerfall bedroht haben Sie dennoch bis in unsere Zeit Bestand und stehen als Weltkulturerbe wie auch die Altstadt von Sana´a unter dem Schutz der UNESCO. Günter Grass war bei seinem ersten Besuch im Jahre 2002 von der Schönheit der Stadt Shibam in den bann gezogen und sorgte sich um den Fortbestand dieses einmaligen Architekturwunders, das vielen Architekten weltweit bis heute als Quelle der Inspiration dient. Die Häuser müssen permanent gepflegt und ausgebessert werden, Witterung und Verschleiß gefährden die diffizile Struktur. Im Auftrag des deutschen Entwicklungsdienstes und der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit bemüht sich zur Zeit ein deutscher Architekt in Zusammenarbeit mit jemenitischen Stellen um diese Arbeit, die neben Sachkenntnis natürlich auch viel Geduld erfordert. Günter Grass regte an, der wachsenden "Betonisierung" des Landes entgegenzutreten und junge Jemeniten wieder in der Kunst des Lehmbaus zu unterrichten. In Tarim, dem geistigen Zentrum des Jemen, ca. eine Autostunde von Shibam entfernt, entdeckte Günter Grass zwei renovierungsbedürftige Lehmpaläste, die nun mit seiner Unterstützung und unter seinem Namen zu einer Lehmbauschule umgebaut werden sollen. Neben dem eigentlichen Unterrichtsgebäude entsteht hier zugleich ein Internat für die angehenden Lehmbauer. Die Eröffnung am 11. Januar 2004 war ein Festakt für die ganze Region Hadramaut, die das Patronat des Nobelpreisträgers als außerordentliche Ehrung auffasst. Die offiziellen Festlichkeiten geben aber auch Gelegenheit nach weiteren Financiers Ausschau zu halten, denn für Erwerb und Aufbau der Gebäude sind insgesamt ca. 1 Million Euros erforderlich: Sponsoren gesucht, Spenden erwünscht... Und Günter Grass würde seinem Ruf als spiritus rector nicht gerecht, hätte er nicht bereits einen weitergehenden Vorschlag "mitgebracht": Die Einrichtung eines Lehrstuhls für Lehmbauarchitektur. Denn was nützt es, fragt Grass, wenn Lehmbauer nur Altes renovieren, niemand aber mehr darin geschult ist, die Lehmbauweise heute anzuwenden. Sie ist für die Region Hadramaut nicht nur eine kulturhistorisch interessante Bauweise, sondern auch eine bauökologische Verpflichtung für die ganze Region.



Urtitel:
Metropolis
Anfang/Ende:
(Atmo: Muezzin)Sanaa: Hauptstadt des…einfach nahc Fortsetzung.
Genre/Inhalt:
Kultur
Präsentation:
Feature
Historischer Kontext:

ARTE war eingeladen, den Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Günter Grass und eine Delegation junger deutscher Autoren, darunter Judith Hermann, Kathrin Röggla und Ingo Schulze, auf ihrer Reise in und durch den Jemen vom 10. bis 17. Januar 2004 zu begleiten. Günter Grass hatte den Jemen schon einmal zusammen mit Autoren und Journalisten auf Einladung des "Jemenitischen Studien- und Forschungszentrums" im Dezember 2002 besucht. Grass verliebte sich dabei in den Jemen, in Land und Leute, er fühlt sich hier, wie er selbst sagt, "so sicher und aufgehoben wie in Abrahams Schoß". Und so war es nur eine Frage der Zeit, den damals begonnenen Dialog mit arabischen Autoren, Germanisten und Politikern wieder aufzunehmen und fortzuführen: Die Reise und das daran anschließende deutsch-arabische Autorentreffen in der Hauptstadt Sana´a standen unter der Schirmherrschaft des jemenitischen Staatspräsidenten Ali Abdullah Saleh, organisiert wurde sie von der Autorin und Vorsitzenden des "west-östlichen Diwan e. V." Amal al Jubouri. Die Reise führte zunächst in das Wadi Hadramaut zu den Städten Sejuhn, Tarim und Shibam, die wegen der berühmten Lehmbauhochhäuser gerne auch das "Manhattan der Wüste" genannt wird. In Tarim eröffnete Günter Grass eine nach ihm benannte Lehmbau-Schule. Er dokumentiert damit sein Anliegen, die kunstvolle Tradition des Lehmbaus gegen die zunehmende "Betonisierung" des Hadramaut zu schützen und fortzusetzen. Auf der jemenitischen Insel Socotra trafen die deutschen Autoren mit einheimischen Dichtern zusammen, die dort das Erbe einer mündlich tradierten Dichtkunst in ihrer inseleigenen Sprache "socrit" wahren. In der jemenitischen Hauptstadt Sana´a fand schließlich der dreitägige deutsch-arabische Kongress der Romanautoren statt. Beleuchtet wurde das Verhältnis des Romans zu anderen literarischen Gattungen und zur Romanverfilmung. Eine lebhafte Debatte zwischen den Autoren entzündete sich in der abschließenden Debatte um den "Kriegsroman", in der natürlich die aktuellen Ereignisse im Irak und Palästina eine große Rolle spielten. Der Kongress endete mit der Veröffentlichung eines Schlusscommuniqués, das noch einmal die Wichtigkeit des deutsch-arabischen Dialogs hervorhebt und die gemeinsamen Grundfesten wie den Kampf gegen Zensur und Vertreibung von Autoren dokumentiert.

Schlagworte:

Person:
Schulze Ingo; Hermann Judith; Röggla Kathrin
Sach:
Lehmbauschule; Dialog; Schriftsteller und Politik; Schriftstellerkongress; xxx
Geo:
Jemen
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
28.02.2004
Aufnahmeort:
Jemen
Sprachen:
deutsch
Anmerkung Qualität:
Zweikanalton: deutsch/ französisch
Original:

Originallänge:
00:13:00
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
VHS
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Kogel, Jörg-Dieter (Autor(in))
Person:
Goerke, Andreas (Vorredner(in))
Person:
Takarli, Fuad al- (Beitragende(r))
Person:
Saqr, Mahdi Issa al- (Beitragende(r))

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Kogel, Jörg-Dieter: Metropolis. Jemen .

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