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DB-Nummer: 884

Talkshow mit Alfred Biolek : Gerhard Schröder und Günter Grass - zu Gast bei Boulevard Bio

Gerhard Schröder und Günter Grass - zu Gast bei Boulevard Bio (04. Juni 2002) Teurer Euro Bundeskanzler Schröder zeigte Verständnis für die Sorgen der Bürger wegen der Preiserhöhungen im Zuge der Euroumstellung. "Es gibt in wichtigen Dienstleistungsbereichen den Wunsch, Kasse zu machen", bestätigte er. Die Inflationsrate von unter zwei Prozent zeige aber, dass dies nicht für alle Bereiche gelte. Schröder riet den Verbrauchern "aufzupassen und sich verbraucherbewusst zu verhalten". Außerdem müssten die "schwarzen Schafe benannt und mit Kaufenthaltung bestraft" werden. Inzwischen begännen die Preise sich aber wieder zu normalisieren, sagte der Kanzler. "Wenn Verbraucher klug reagieren, dann haben sie Macht." Arbeitslosigkeit Sein Versprechen bei Amtsantritt, die Arbeitslosenzahlen zu senken, ist dem Bundeskanzler nicht gelungen. Er ist aber der Meinung, dass es möglich gewesen wäre, wenn nicht der Terrorakt am 11. September geschehen wäre. Maßgeblich bei einem so exportabhängigen Land wie Deutschland sei nun mal die Weltwirtschaft, und diese sei durch den Terroranschlag stark betroffen gewesen. "Ich habe nicht bereut, das Ziel zu setzen", sagte Schröder. Man müsse hohe Ziele setzen, bekräftigte er seine Versprechen bei Amtsantritt. Günter Grass ein Anhänger und zugleich Kritiker der rot-grünen Politik Günter Grass bekannte sich zur rot-grünen Koalition, äußerte sich aber auch kritisch gegenüber der derzeitigen Politik. Seit den 80er Jahren würden mehr und mehr Kompetenzen an die Wirtschaft abgegeben - unabhängig von der Partei. Man könne kaum tiefgreifende Reformen durchziehen, ohne dass die "Industrie das nicht abnickt". Das schade der Demokatie. Lobende Worte fand er beispielsweise für Finanzminister Eichel: "Ich finde den Finanzminister fabelhaft. Er kann schwierige Finanzprobleme in kurzer Zeit so erklären, dass auch ich sie verstehe." Es sei für die junge Generation eine enorme Entlastung, dass er seinen Sparkurs so konsequent gestalte. Auch die Gleichstellung von Homosexuellen oder die Einbürgerung von Ausländern sei längst überfällig gewesen. Diskussion über Antisemitismus Auf die Frage nach der derzeitigen Diskussion um den Antisemitismus verteidigten beide Gäste den Schriftsteller Martin Walser. Sowohl Schröder als auch Grass bestätigten, dass im bisherigen Lebenswerk des Schriftstellers keine Spur von Antisemitismus zu erkennen gewesen sei. Grass sieht in der derzeitigen Diskussion einen "Feuilleton-Krieg" zwischen den Medien. Und in Richtung FDP-Führung forderte der Kanzler: "Die müssen das in Ordnung bringen, sonst ist die FDP keine ernstzunehmende politische Kraft mehr". Die vom stellvertretenden FDP-Vorsitzenden Jürgen W. Möllemann begonnene Antisemitismus-Diskussion "schadet dem Ansehen Deutschlands im Ausland", sagte Schröder. Ihn beschäftige insbesondere, dass sich die FDP-Ehrenvorsitzenden Hans-Dietrich Genscher und Otto Graf Lambsdorff bei der Sondersitzung des FDP-Landesvorstandes nicht hätten durchsetzen können und wie "Schuljungen" behandelt wurden.



Urtitel:
Boulevard Bio
Genre/Inhalt:
--
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Berliner Zeitung vom 8.06.2002, von Hendrik Munsberg, Klaus Wirtgen, Seite 31 Munition für die Truppe Das rot-grüne Marketing sei schlecht, befand Nobelpreisträger Grass. Prompt liefert die Regierungszentrale nun ein Erfolgszahlenwerk Normalerweise ist die Rollenverteilung klar: Nach fast vier Regierungsjahren gilt Gerhard Schröder im Kreise der seinen als unumstrittener Chef: Er, der Kanzler, ist der Koch, der bestimmt, was angerichtet und aufgetragen wird. Für Kabinett und Spitzenbeamte sind die dienenden Funktionen reserviert - mal Kellner, mal Küchenjunge. Am Dienstagabend lagen die Dinge anders: ARD-Talkmaster Alfred Biolek übernahm den dienstleistenden Part. Regie führen durfte, ausnahmsweise, ein anderer: nicht der geladene Kanzler, sondern sein 74-jähriger Plauderpartner, Literaturnobelpreisträger Günter Grass, der bislang eher als notorischer Kritiker des nach seinem Geschmack zu wirtschaftsfreundlichen Spitzengenossen aufgefallen war. Viel zu wenig, so tadelte der diesmal bis zur Peinlichkeit auf Anbiederung gestimmte Literat seinen neuen Freund Gerhard, hätten der SPD-Kanzler und seine Mannschaft bisher getan, um die Leistungen ihrer Regierungsarbeit herauszustellen: etwa den Atomausstieg oder die Agrarwende der Grünen Renate Künast - vom eisernen Sparkurs des "fabelhaften" (Grass) Finanzministers Hans Eichel ganz zu schweigen. Die Kritik saß. Nun soll das Marketing, eigentlich Aufgabe der "Kampa"-Wahlkampftruppe, verbessert werden. Eifrig wurde in der Regierungszentrale ein Sechs-Seiten-Papier zusammengetragen - Überschrift: "Bilanz der Regierung Schröder", eine faktengespickte Argumentationshilfe, Munition für die wahlkämpfende Truppe. Wer das Zahlenwerk liest, kann sich des Eindrucks nur schwerlich erwehren: Nicht schlecht, was der SPD-Kanzler und seine Mannschaft zusammenregiert haben - jedenfalls, wenn man es an der Schlussbilanz des konservativen Vorgängers Helmut Kohl misst (s. Grafik). Beispiel Staatsfinanzen: Zwischen 1998 und 2002, so ist in dem Kanzleramtspapier akribisch aufgeführt, seien die Bundesschulden um 37 Milliarden Euro moderat gestiegen. In der ausklingenden Kohl-Ära, 1994 bis 1998, waren sie noch um 230 Milliarden Euro emporgeschnellt. Fazit heute: "Anstieg stark gebremst". Beispiel Direktinvestitionen: Den stolzen Betrag von 321 Milliarden Euro legten ausländische Firmen zwischen 1999 und 2001 in der Bundesrepublik an. Die Jahre zuvor hatte es noch so ausgesehen, als könne der Geldzustrom bald versiegen: von 1994 bis 1998 kamen gerade mal 37 Milliarden Euro ins Land. Unter rot-grüner Steuer- und Wirtschaftspolitik, so vermerkt die neue Bilanz, hätten sich die Direktinvestitionen mithin verzehnfacht - die Übernahme des Mannesmann-Konzerns durch Britanniens Mobilfunkgiganten Vodafone nicht eingerechnet. Wäre da nicht das Kanzlerversprechen, die Erwerbslosenzahl bis zur Wahl auf unter 3,5 Millionen zu drücken, könnte man sogar die Arbeitsmarktbilanz für einigermaßen manierlich halten: Gut eine Million Erwerbstätige mehr, rund vierhunderttausend Arbeitslose weniger. Allerdings werden die negativen Resultate der Ära Schröder - ganz Grass schem Ratschlag folgend - in dem Zahlenwerk elegant verbrämt. So erfährt der Leser zwar, dass die Lohnnebenkosten seit 1998 kaum sanken, aber nicht, dass SPD und Grüne im besagten Zeitraum zig Milliarden Euro aus der Ökosteuer in die Rentenkassen pumpten. In jedem Fall kommt das Zahlenwerk zu einem günstigem Zeitpunkt. Für Auftrieb sorgt, dass Schröders Rivale Edmund Stoiber nicht recht in Form kommt. Selbst Getreue waren erschrocken, wie müde und unkonzentriert der Unionskanzlerkandidat Anfang der Woche vorm CDU-Wirtschaftsrat auftrat. Und auch der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg der FDP ist nach den Möllemann-Eskapaden wohl vorerst gebremst. Haben die Berliner Regenten doch noch eine Wiederwahlchance? Einen trifft jedenfalls keine Schuld: "Ich", bekannte Grass, "bin für Rot-Grün".

Aufnahme:

Datum Erstsendung:
04.06.2002
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:59:09
Herkunft:

Sender / Institution:
Norddeutscher Rundfunk (NDR)
Archivnummer:
0063761
Produktionsnummer:
0233008315
Teilnehmende:

Person:
Biolek, Alfred (Interviewpartner)
Person:
Geilert, Bernd M. (Redaktion)
Person:
Häßner, Olaf (Redaktion)
Person:
Schröder, Gerhard (Vorredner(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

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Zitierform:

Boulevard Bio.

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