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DB-Nummer: 887
10.20379/dbvid-0887

Offizieller Arbeitsbeginn der Bundeskulturstiftung (Stiftung) in Halle (Sachsen-Anhalt)

Lipsch, Steffen

Vom Mut, dicke Bretter zu bohren - Kulturstiftung des Bundes nimmt offiziell Arbeit auf Halle. Zum Arbeitsbeginn der neuen Bundeskulturstiftung hat Günter Grass eine multikulturelle Perspektive der neuen Einrichtung gefordert. Die Stiftung solle allen in den Grenzen Deutschlands lebenden Menschen gewidmet sein, gleich welcher Herkunft, welcher Hautfarbe oder welchen Glaubens, sagte der Literatur-Nobelpreisträger in seiner Festrede gestern in Halle. Der Begriff Nation müsse heute in Deutschland weiträumiger als je zuvor gefasst werden. Sie umfasse viele fremde Kulturen, "die uns bereichern können, wenn wir bereit sind, von unseren Ängsten Abstand zu nehmen". Zuwachs wahrnehmen, fördern und schützen Die Kulturstiftung des Bundes nahm mit einer konstituierenden Sitzung des Stiftungsrates offiziell ihre Arbeit auf. Dem Stiftungsrat unter Vorsitz von Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin (SPD) gehören 14 Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik an. Grass zeigte sich zufrieden, dass die von ihm schon vor 30 Jahren angeregte Nationalstiftung nun Wirklichkeit geworden ist. Es werde die Aufgabe der Stiftung sein, den kulturellen Zuwachs wahrzunehmen, zu fördern und zu schützen. Der Schriftsteller würdigte das Engagement des früheren Kulturstaatsministers Michael Naumann und seines Nachfolgers Julian Nida-Rümelin für die Stiftungsgründung, „die keine Furcht hatten, dicke Bretter zu bohren“. Er hoffe, dass die immer noch abseits stehenden Länder doch noch mit der Bundeskulturstiftung zusammengehen werden. Die Bundeskulturstiftung wird von einer Doppelspitze mit der Kunsthistorikerin Hortensia Völckers und dem Kulturpolitiker Alexander Farenholtz geleitet. Die Stiftung werde solche Projekte fördern, die innerhalb der Zuständigkeit des Bundes liegen, sagte Nida-Rümelin. Der Stiftungsrat habe beschlossen, die Arbeit zunächst auf vier Schwerpunkte zu richten. Dies seien die Themen Kunst und Stadt, kulturelle Aspekte der deutschen Einigung, Kunst in Osteuropa sowie der 11. September 2001 – der Tag der Terroranschläge in den USA - als kulturelle Herausforderung. Hortensia Völckers teilte mit, es seien bereits acht Projekte genehmigt worden, die von der Stiftung gefördert werden sollen. Als ein Beispiel nannte Völckers die Beteiligung der Bundeskulturstiftung am Ankauf der privaten Kunstsammlung Marzona für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Nida-Rümelin sagte, das Fördervolumen für die acht Projekte liege bei zwei Millionen Euro. Die Bundeskulturstiftung wurde als Zuwendungsstiftung mit einer verbindlichen Finanzzusage bis 2004 gegründet. Im ersten Jahr verfügt sie über Fördermittel von 12,8 Millionen Euro, im Jahr 2003 über 25,6 Millionen Euro und 2004 über 38,3 Millionen Euro. Die Länder sind an der Kulturstiftung des Bundes vorerst nicht beteiligt. Nach einer grundsätzlichen Klärung der Bund-Länder-Kompetenzen im Kulturbereich ist es Ziel, die Kulturstiftungen des Bundes und der Länder zusammenzuführen. (dpa) Auszug aus der Grass-Rede: "Deutsche Vergangenheit bedeutet: Schande und Glanz, Verbrechen, die uns nach wie vor in Verantwortung nehmen, und kulturelle Überlieferungen, die den uns anhängenden Zivilisationsbruch dennoch überdauert haben. Zur deutschen Vergangenheit gehört aber auch der unwiederbringliche Verlust von Provinzen und Städten. Ich spreche von Ostpreußen, Hinterpommern, Schlesien, von Danzig und Breslau. Wie schon zu Beginn der siebziger Jahre bin ich auch heute der Meinung, daß wir zwar Land verloren haben, Vertreibung erleiden mußten, aber nirgendwo, in keinem Potsdamer Abkommen, steht geschrieben, daß die kulturelle Substanz dieser Provinzen und Städte in Vergessenheit geraten muß...." Im Anschluß distanziert sich Grass ganz schroff von den Vertriebenenverbänden.



Urtitel:
MDR AKTUELL 19.30 Uhr F: 02/8600, BTR 10, Stiftung - Kulturstiftung
Genre/Inhalt:
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Präsentation:
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Historischer Kontext:

Nach einer fast 30-jährigen wechselhaften Vorgeschichte wurde im Januar 2002 die "Kulturstiftung des Bundes" als Stiftung des privaten Rechts mit Sitz in Halle an der Saale gegründet. Im Hauptgebäude der traditionsreichen "Franckeschen Stiftungen" hat sie nach einer ersten Stiftungsratssitzung und einem anschließenden öffentlichen Festakt am 21. März 2001 ihre Arbeit aufgenommen. Geleitet wird die Stiftung durch den 14-köpfigen Stiftungsrat mit Kulturstaatsminister Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin als Vorsitzendem sowie von der Künstlerischen Direktorin Hortensia Völckers und dem Verwaltungsdirektor Alexander Farenholtz, die gemeinsam den Vorstand bilden. Die Gründung einer Bundeskulturstiftung wurde erstmals 1973 von Bundeskanzler Willy Brandt vorgeschlagen, der damit eine Anregung von Günter Grass aufnahm. Trotz mehrerer Anläufe wurde das Projekt, vor allem wegen Einwänden der Bundesländer, während der folgenden Jahre nicht verwirklicht. Über zehn Jahre nach der deutsch-deutschen Vereinigung ist es nun möglich, dass die Bundesrepublik Deutschland dem Vorbild anderer westlichen Demokratien folgt und mit der Einrichtung einer Bundeskulturstiftung einen im Ausland selbstverständlichen Schritt vollzieht. Viele Staaten verfügen, je nach ihrer staatlichen Eigenart, über Nationalstiftungen oder ähnliche Einrichtungen, die sich der Kultur widmen, so etwa die Kulturstiftung "Pro Helvetia" in der Schweiz, die Stiftung "Arts Council of Great Britain" in Großbritannien oder die "National Foundation on the Arts and Humanities" in den USA. Durch den Sitz der Bundesstiftung in Halle - und nicht in der Hauptstadt Berlin - hat die Bundesregierung ein Zeichen im Sinne eines kooperativen Kulturföderalismus gesetzt und die besondere nationale Verantwortung gegenüber den neuen Ländern bekräftigt. Für Halle hatte sich vor allem Nobelpreisträger Grass engagiert, nicht zuletzt unter Hinweis auf die Franckeschen Stiftungen, an deren ausstrahlende Wirkung man anknüpfen könne. Deren ehemaliger Direktor, Prof. Dr. Paul Raabe, hatte dazu einen nicht unbeachtlichen Anstoß gegeben, wie er bei der Entgegennahme des Deutschen Stifterpreises auf der Jahrestagung 2001 des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen verriet. Die neue Stiftung fördert laut ihrer Satzung "Kunst und Kultur im Rahmen der Zuständigkeit des Bundes. Ein Schwerpunkt ist die Förderung innovativer Programme und Projekte im internationalen Kontext". Die Stiftung soll ein eigenständiges und neuartiges Förderprofil entwickeln und damit, so Kulturstaatsminister Nida-Rümelin, "deutliche Akzente" in der deutschen Kulturszene setzen. Leistungen der Stiftung werden als Projektförderung gewährt. Institutionelle Förderungen sind, um der Stiftung die notwendige Flexibilität und Handlungsspielräume zu belassen, grundsätzlich ausgeschlossen. Die Bundesregierung hat sich durch Kabinettsbeschluss gebunden, die dauernde und nachhaltige Erfüllung des Stiftungszweckes durch jährliche Zuschüsse zu sichern. Vorgesehen ist ab 2004 eine jährliche Zuwendung aus dem Haushalt des Kulturbeauftragten von 38,347 Mio. €. In der Aufbauphase stehen in diesem Jahr rund 13 Mio. €, im Jahr 2003 rund 25 Mio. € zur Verfügung. Die "Kulturstiftung des Bundes" soll allerdings keine rein staatliche Einrichtung sein. Bürger, die einzelne Projekte fördern möchten, können dies über die Kulturstiftung tun. Insbesondere können private Zuwendungen mit der Maßgabe eingebracht werden, aus diesen Mitteln Sonderfonds oder unselbständige Stiftungen unter dem Dach der Kulturstiftung zu bilden. Die Stiftungserrichtung erfolgte ohne Beteiligung der Länder, wobei diese allerdings mit drei Mitgliedern neben dem Bund, den Kommunen und Persönlichkeiten des Kulturlebens im Stiftungsrat repräsentiert sind. Staatsminister Nida-Rümelin hatte zwar im Sommer 2001 ein Einvernehmen mit seinen Kultusministerkollegen über die gemeinsame Errichtung einer nationalen Kulturstiftung erzielt. Breite Unterstützung hatte dies auch bei Künstlern und Kulturverbänden gefunden; vor allem auch durch den Deutschen Kulturrat und eine Unterschriftenaktion der Kulturpolitischen Gesellschaft. Die Ministerpräsidenten der Länder wünschen indes - vor dem Hintergrund einer von ihnen geführten Grundsatzdebatte über die Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern - zunächst vor Gründung einer gemeinsamen Stiftung eine Klärung der Förderzuständigkeiten im Kulturbereich. Dazu finden Verhandlungen statt. Bei einem Gespräch des Bundeskanzlers mit den Regierungschefs der Länder konnte allerdings am 20.12.2001 erstmals Einvernehmen darüber erzielt werden, dass der Bund eine Kompetenz zur Errichtung einer eigenen Kulturstiftung besitzt. Nach einer Systematisierung der Förderkompetenzen soll über eine Zusammenführung der seit 1988 bestehenden "Kulturstiftung der Länder" und der Bundeskulturstiftung gesprochen werden. Der Bund hat zugesagt, dass die neue Stiftung, solange die Systematisierungsverhandlungen andauern, nur in solchen Bereichen initiativ wird, die unstreitig in dessen Kompetenz fallen. Der Bund wird sich außerdem bis auf Weiteres wie bisher hälftig an der Finanzierung der "Kulturstiftung der Länder" beteiligen; dies sind in diesem Jahr rund 8,7 Mio. €. Die Satzung der "Kulturstiftung des Bundes" sieht die Einrichtung eines beratenden Stiftungsbeirats aus Persönlichkeiten, die in den unterschiedlichen Sparten der Kunst und des Kulturlebens tätig sind, vor. Dieser soll die inhaltlichen Schwerpunkte der Stiftungstätigkeit erörtern und Empfehlungen abgeben. Vor Berufung der Beiratsmitglieder wird der Stiftungsrat hierzu Vorschläge der Kulturverbände, vor allem des Deutschen Kulturrates, einholen. Die "Kulturstiftung des Bundes" ist nach der Etablierung des Amtes des Kulturstaatsministers und der Einrichtung des Kulturausschusses im Deutschen Bundestag ein weiterer sichtbarer Ausdruck des verstärkten kulturpolitischen Engagements des Bundes. Das Gewicht der neuen Bundesstiftung für die weitere Kulturentwicklung in Deutschland sollte man nicht unterschätzen. (Günter Winands) politik und kultur, Zeitschrift des Deutschen Kulturrats, Ausgabe Juni-August 2002, S. 6

Schlagworte:

Werke:
Die vielen Stimmen Deutschlands
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
21.03.2002
Aufnahmeort:
Halle (Sachsen-Anhalt)
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:20:43
Analog/Digital:
reformatted digital
Kopie:

Tonträger:
VHS
Herkunft:

Sender / Institution:
Nordwestradio (NWR)
Sendereihe:
MDR AKTUELL
Archivnummer:
0062245
Produktionsnummer:
0232111219
Teilnehmende:

Person:
Panse, Jörg (Redaktion)
Person:
Lipsch, Steffen (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Lipsch, Steffen: MDR AKTUELL 19.30 Uhr F: 02/8600, BTR 10, Stiftung - Kulturstiftung. Halle (Sachsen-Anhalt) .

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