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Medienarchiv

DB-Nummer: 890
10.20379/dbvid-0890

Beerdigung von Hans Mayer

Berliner Zeitung, 29.05.2001, Seite 11. Von Arno Widmann Das war nur ein Anfang Hans Mayer wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof begraben Der Bundespräsident war da, Günter Grass, Christa und Gerhard Wolf, Christoph Hein mit einer langstieligen gelben Rose, die Bürgermeister von Köln und Leipzig hatten nicht nur Kränze geschickt, der Chef des Suhrkamp-Verlages, Siegfried Unseld, Adolf Muschg, Rainer Kirsch, Volker Braun. . . Hans Mayer wurde gestern auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin begraben. Begräbnisse sind gesellschaftliche Ereignisse, Gelegenheiten, bei denen auch die sich wieder näherkommen, die einander jahrelang aus dem Wege gegangen sind. Unter den Kränzen vor der Kirche lag auch einer, auf dessen Schleife stand: "Dank für den Hörsaal 40! Hans Marquardt. " Der langjährige Chef des Reclamverlages Leipzig war auch auf dem Friedhof. Das Gesicht braungebrannt unter dem weißen Schopf stand er klein und hellwach da - exakt so wie die Alten Sokrates darstellten. Hans Marquardt soll der Stasi gar zu ausführlich Bericht erstattet haben. Damit beschäftigte sich über Jahre nicht nur der Schriftstellerverband. Hans Marquardt war persona non grata der jungen Berliner Republik. Gestern aber war er dabei und das zu Recht. Schließlich war er es gewesen, der es 1987 möglich gemacht hatte, dass wieder ein Buch von Hans Mayer in der DDR hatte erscheinen können. Die Berliner Republik wird ihren besserwisserischen Elan, ihren frühkindlichen Trotz ablegen und dafür sorgen müssen, dass auch die, die groß waren in der DDR und vielleicht sogar mitgeholfen haben, sie ein wenig größer erscheinen zu lassen als sie wirklich war, aufgenommen werden. Sie gehören dazu. Ohne sie, ohne ihre Taten und Untaten wären wir dümmer. Hans Mayer wurde ohne Musik begraben. Das war das Schreckliche an dieser Feier. Man hätte ein paar Minuten lang einem Band zugehört oder einer kleinen Kapelle, einem Bläserchor vielleicht und sich dabei überlegt, wie er wohl diese Performance gefunden hätte. Vor allem aber erschreckt der Gedanke, dass sein Sarg herabgelassen wurde ins Schweigen, in die beängstigend unversöhnliche Lautlosigkeit, von der wir ahnen, dass sie und nicht mehr und nicht weniger der Tod ist. Dabei hatte der Pfarrer in seiner kleinen von Jesaja 25 ("Der Dank für den Untergang der feindlichen Stadt") ausgehenden Ansprache es geschafft, die versammelten Mayer-Leser zum Lächeln zu bringen. Da war einmal sein Satz, dass der Prophet von einer "Aufklärung über ihre Dialektik hinaus" spreche. Das war von einer Kühnheit, zu deren Ausmaß eine gewisse Naivität nicht unerheblich beigetragen haben dürfte. Unter den am Grabe Hans Mayers Versammelten mag es einige Verächter der Dialektik gegeben haben, aber keinen, der nicht wußte, dass er ohne sie dümmer geblieben wäre. Als dann der Pfarrer den Propheten Jesaja zitierte, der seinem Gott nachrühmte, er zerreisse die Decke, die alle Völker bedeckt und an dieser Stelle den Herrn Zebaoth selbst als den Zerstörer des "Verblendungszusammenhangs" pries, da lächelte die Versammlung selig. Es war Jahrzehnte her, dass sie das letzte Mal vom "Verblendungszusammenhang" gehört hatte und dass er hier in einer Grabesstunde wiederbelebt wurde, das hatte nicht nur etwas Feierliches. Es schien ein paar Sekundenbruchteile lang so, als würde er damit der Ewigkeit anheimgegeben. Die Feier war kurz. Nur der Pfarrer sprach. Walter Jens ergriff erst eine Stunde später in der Akademie am Hanseatenweg das Wort und pries seinen Freund. Am Ende seiner kurzen Predigt forderte Pfarrer Matthias Loerbroks - man hofft, dass er es aus Gewohnheit tat und nicht etwa, weil er es so mit Hans Mayer abgesprochen hatte - : "Lasst uns jetzt gemeinsam das Vaterunser beten und dabei unseren Nachbarn die Hände geben. " Eine Forderung, die nach einem Widerruf geschrieen hätte. Er kam nicht. Viele blieben stumm und reichten niemand die Hände. Die meisten aber erwiesen sich als bibelfest und sagten das Gebet des Herrn Jesus Christus - wie es sein Pastor gewünscht hatte - hier am Grabe des Juden Hans Mayer tapfer auf, und sie hielten einander die Hände, ob sie diesem oder jenem oder keinem Gott glaubten. Das mag ein Anfang gewesen sein.



Urtitel:
MDR AKTUELL 19.30 Uhr F: 01/7710, BTR 08, Beisetzung - Hans Mayer
Genre/Inhalt:
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Präsentation:
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Historischer Kontext:

Der Außenseiter kehrt heim - Rau, Grass und Wolf gaben Hans Mayer auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof das letzte Geleit Von Eckhard Fuhr Berlin - Er wollte nicht in seiner Vaterstadt Köln begraben werden, auch nicht in Leipzig oder Tübingen, wo er viele Jahre seines Lebens verbracht hat. Hans Mayer, der "Deutsche auf Widerruf", der am 19. Mai starb, ist am Montag seinem Wunsch gemäß auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt worden, nicht weit von den Gräbern Bert Brechts und Helene Weigels, Johannes R. Bechers und Heinrich Manns, Stephan Hermlins und Hanns Eislers. Die Nachbarschaft der Toten in dieser Ecke des Friedhofs an der Chausseestraße in der Mitte Berlins ist voller Spannungen, Widersprüche und Querverbindungen. In den Namen derer, die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben, ist das zerrissene zwanzigste Jahrhundert der Deutschen lebendig. Deshalb ist dieser Platz der richtige Ort für Hans Mayer, dessen Leben dieses Jahrhundert fast umspannt. Als er im Frühjahr in Tübingen seinen 94. Geburtstag feierte, nannte er sich den "letzten Vertreter der bürgerlichen Gesellschaft". Sein letztes Buch aber, das gerade rechtzeitig zu den Nachrufen erschien, beschäftigt sich mit Willy Brandt. Es ist ein merkwürdiges Erinnerungsbuch. Hans Mayer spiegelt darin seine Biografie in der des bewunderten sozialdemokratischen Politikers. Er berichtet von biografischen Berührungspunkten und inneren Wesensverwandtschaften, von einem nicht abreißenden Zwiegespräch, als suchte im zehnten Lebensjahrzehnt der heimatlose Intellektuelle, der Marxist, Jude und Homosexuelle, der "Außenseiter" eine Heimstadt in jenem freiheitlich-sozialistischen Ideal, das er in Brandt verkörpert sah. Man kann dieses schmale Büchlein, das voller scharfsinniger Beobachtungen, vieler bitterer Verdikte und mancher rätselhafter Urteile ist, als verzweifelten Versuch lesen, der eigenen Außenseiter-Biografie den Halt bejahender Zeitgenossenschaft zu geben und am Ende den "Widerruf" nicht aussprechen zu müssen. Das Klischee des "zornigen alten Mannes" ist geläufig. Man ist versucht, es auch in Hans Mayers letzter veröffentlichter Schrift zu entdecken. Doch der Zorn ist der Ton, in dem um Zustimmung und Einvernehmen geworben wird. Das Außenseitertum war in Hans Mayers Leben nicht vornehme Pose. Er hat wohl darunter gelitten. Auf Friedhöfen begegnen sich die Lebenden und die Toten. Auf dem Dorotheenfriedhof geschah das stumm. Es wurden keine Grabreden gehalten. Schlicht war die Zeremonie, peinlich wurde jedes Pathos vermieden. Nur der evangelische Pfarrer, der den jüdischen Atheisten Mayer beerdigte, sagte, was seines Amtes war. Er las aus dem Propheten Jesaia und sprach von der Hoffnung auf eine "Aufklärung jenseits ihrer Dialektik". Nicht jedem aus der Trauergemeinde ging dann das Vaterunser flüssig über die Lippen. Es trafen sich am Grab viele, die etwas zu sagen gehabt hätten. Bundespräsident Rau erwies dem Toten schweigend die letzte Ehre, der höchste Repräsentant jenes wiedervereinigten Deutschland, zu dem Hans Mayer die innere Distanz nicht überwinden konnte. Aus Tübingen waren die Freunde Walter und Inge Jens gekommen, aus Frankfurt Mayers Verleger Siegfried Unseld. Günter Grass war da und Christa Wolf, Adolf Muschg und Christoph Hein. Ein wenig im Hintergrund hielt sich Wolfgang Wagner. Man ging bald wieder auseinander. Es war eine flüchtige Begegnung in der Friedhofsstille, die so still nicht ist. Die Stadt Berlin mit ihren Geräuschen ist gleich hinter der Mauer.

Schlagworte:

Person:
Mayer Hans; Jens Walter; Unseld Siegfried; Wolf Christa; Rau Johannes; Hein Christoph; Muschg Adolf; Kirsch Rainer; Braun Volker
Werke:
Das Treffen in Telgte
Sach:
Gruppe 47; Beerdigung
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
28.05.2001
Aufnahmeort:
Berlin
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:19:42
Herkunft:

Sender / Institution:
Nordwestradio (NWR)
Sendereihe:
MDR AKTUELL
Archivnummer:
0056305
Produktionsnummer:
0132112201
Teilnehmende:

Person:
Pohl, Manfred (Redaktion)
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))
Person:
Jens, Walter (Beitragende(r))
Person:
Unseld, Siegfried (Beitragende(r))
Person:
Wolf, Christa (Beitragende(r))
Person:
Rau, Johannes (Beitragende(r))
Person:
Hein, Christoph (Beitragende(r))
Person:
Muschg, Adolf (Beitragende(r))
Person:
Kirsch, Rainer (Beitragende(r))
Person:
Braun, Volker (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

MDR AKTUELL 19.30 Uhr F: 01/7710, BTR 08, Beisetzung - Hans Mayer. Berlin .

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