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DB-Nummer: 903

Gesprächszeit - Jörg Dieter Kogel im Gespräch mit Günter Grass

Gespräch mit Günter Grass auf der dänischen Ostseeinsel Møn, auf der Grass seinen Sommerurlaub verbringt Frage: Was ist Grass' Urlaubslektüre? Grass: kommt seit dreißig Jahren nach Møn, um sich zu erholen, aber auch zum Arbeiten; seit dem "Butt" bis zu "Im Krebsgang" seien auf Møn Manuskripte entstanden; er arbeite hier auch an Zeichnungen und Skulpturen; er komme aber auch sehr gut zum Lesen, er lese Bücher auch gerne zum zweiten oder dritten Mal (Beispiele: "Über den Prozess der Zivilisation" von Norbert Elias, "Kaiser Friedrich II." von Ernst Kantorowicz, "Kopfjäger" von Uwe Timm und Schopenhauer); Frage: Liest Grass keine jungen Autoren? Grass: Hat noch einige andere Bücher mitgenommen, liest aber auch Bücher, die seine Frau gelesen hat; Frage: Bei seiner Reise in den Jemen hat Graass drei junge deutsche Autoren mitgenommen (Judith Hermann, Ingo Schulze und Kathrin Röggla); schätzt Grass diese Autoren besonders? Grass: bestätigt; die Möglichkeit, mit arabischen Autoren ins Gespräch zu kommen, habe er nicht verstreichen lassen wollen; besonders Ingo Schulz sei sehr engagiert gewesen; Frage: Schätzt Grass das literarische Werk dieser Autoren? Grass: bejaht; hinzu komme, dass er sich als älterer Autor im Vorteil sehe durch seine Erfahrungen in der Gruppe 47 von 1955 bis 1968; dort habe er seine "besten Freunde und Feinde gefunden"; den jüngeren Autoren würden vergleichbare Erfahrungen fehlen; man habe in Deutschland zwar keinen "Wasserkopf" wie Paris, in dem sich das literarische Leben konzentriere, lebe aber verstreut; bei den Tagungen der Gruppe 47 habe Hans Werner Richter literarische Hauptstädte für drei Tage geschaffen; diese wichtige Erfahrung fehle den jüngeren Autoren möglicherweise; Frage: Grass hat den Döblin-Preis gestiftet; welche Tendenzen kann Grass in der jüngeren deutschen Literatur ausmachen? Grass: auffällig sei, dass sich jüngere Autoren zu früh auf ihre eigene Biographie beschränkten; diese Themen ("Beziehungskisten") würden sich schnell erschöpfen; etwas ältere Autoren würden sich dagegen an Themen heranwagen, z.B. Michael Schneider ("Der Traum der Vernunft"); diese Bücher blieben oft leider unbeachtet; anderes Beispiel: Robert Menasse; an Stoff für jüngere Autoren mangele es nicht; Frage: Ein erfolgversprechender jüngere Autor ist Uwe Tellkamp, der jüngst mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet worden ist; als Vorbilder nennt dieser u.a. Faulkner und Grass; ist Grass davon überrascht? Grass: ist überrascht, da er eher im Ausland als Vorbild gelte (John Irving, Salman Rushdie); Frage: Ist die Phase des Umbruchs in der deutschen Geschichte und in der Weltgeschichte in der jüngeren deutschen Literatur angekommen? Grass: in seiner Generation seien die Themen unausweichlich gewesen; Themen wie die Zeit des Nationalsozialismus seien für jüngere Autoren "nicht mehr so vordergründig und zwingend"; Frage: Salman Rushdie nennt Grass als literarischen Vorbild; deutsche Autoren wie Lenz, Enzensberger und Grass haben Rushdie verteidigt, als dieser ins Fadenkreuz von Islamisten geraten ist. Bedrückt es Grass, dass jüngere Autoren weniger engagiert sind? Sieht er eine Generationsschranke? Grass: es bedrücke ihn aus der Erfahrung der eigenen Generation heraus; in der Weimarer Republik habe ich es nicht genügend Bürger gegeben, die diese Republik verteidigt hätten; daraus habe er und habe seine Generation Lehren gezogen, und es sei selbstverständlich für ihn geworden, auch als Bürger aufzutreten; aus der Gruppe 47 sei eine Tradition wieder aufgenommen worden, die es in Deutschland bereits gegeben hätte, den aufgeklärten Patriotismus; offenbar habe auch das Feuilleton einen Einfluss darauf, das jüngere Autoren das Engagement meiden würden; Frage: Die jüngere Generation hat einen anderen Erfahrungshorizont, den man aber auch ernst nehmen könnte… Grass: der Erfahrungshorizont entstehe vor einer Gesellschaft mit unübersehbaren Problemen; die Probleme seien heute andere; die Stimmen von Intellektuellen und Schriftstellern seien aber dennoch wichtig Frage: Wünscht sich Grass von jüngeren Autoren, dass die öfter den Mund aufmachen? Grass: bestätigt; er habe sich damals "vom Kopf her" auch gesellschaftlich eingemischt; diese Entscheidung müsse jeder für sich treffen; die Notwendigkeit bestehe aber; Frage: sollen sich die Autoren in ihren Werken mehr auf das einlassen, was Grass früher "Zeitdeutung" genannt hat? Grass: auch in seiner Zeit habe es Autoren gegeben, die sich herausgehalten hätten; er habe von diesen Autoren aber nie verlangt oder erwartet, sich zu engagieren; auch Heinrich Böll und seine Generation seien beispielhaft und anregend gewesen; nach Bölls Tod habe er versucht, den Staffel-Stab zu übernehmen; er wünsche sich, dass der Stab erneut übernommen würde; Frage: Vermisst Grass das "Literarische Quartett"? Grass: Könne die Sendung nicht vermissen, da er sie in den letzten Jahren überhaupt nicht mehr angesehen habe; "Quartett" sei außerdem ein "Etikettenschwindel" gewesen; Hellmuth Karasek sei der Stichwortgeber für Reich-Ranicki gewesen; die Art des "Aburteilens" von Literatur habe ihm, Grass, nie gefallen; Frage: Das "Literarische Quartett" ist durch die Sendung "Lesen" von und mit Elke Heidenreich ersetzt worden; die Sendung ist verkaufsfördernd; was hält Grass davon? Grass: hält dies für fragwürdig, es führe zu einer "Trivialisierung" von Literatur; dies habe auf den Buchhandel einen gestärkten Einfluss; der Buchhandel habe sich gewandelt, die großen Buchhandelsketten würden sich auf die Vorgaben verlassen und die Bücher entsprechend in den Vordergrund stellen; die Fixierung auf einige wenige Titel würde durch Sendungen wie "Lesen" verstärkt; Frage: Grass hat einmal in einer Rede vor der Bayerischen Akademie der Künste [Anmerkung: gemeint ist die Rede "Über das Sekundäre aus primärer Sicht", 1994] vom "Triumpf des Sekündären" gesprochen; hat sich Grass' Urteil geändert? Grass: Sein Urteil habe sich verstärkt; es mache sich eine unvergleichliche Überheblichkeit breit; dies betreffe auch bildende Künste, beispielsweise bei Ausstellungen, bei denen nicht der Künstler, sondern der Ausstellungsmacher und die Inszenierung im Vordergrund stünden; die Dominanz des Sekundären sei in allen Kunstsparten offensichtlich und im Literarischen besonders stark; Frage: Ist das bundesdeutsche Feuilleton ein angemessenes Forum für Literaturkritik? Grass: Dies sei das Feuilleton einmal gewesen, es habe sich aber sehr geändert; bis in die 1970er Jahre hinein hätten Kritiker die Leser zunächst über die Inhalte der Bücher informiert, dann interpretiert und dann ein kritisches Urteil abgegeben; heute stünden die Erwartungen des Kritikers im Vordergrund; dies hat aus Grass' Sicht nichts mehr mit Literaturkritik zu tun; auch hier stelle sich das Sekundäre vor das Primäre Frage: Warum hat sich Grass ausgerechnet die Ostseeinsel Møn als Urlaubs- und Arbeitsdomizil gewählt? Grass: Über seine Frau; der Ort habe sich bewährt als "stiller, sensationsfreier Platz" und als Fluchtpunkt, an den er sich zurückziehen könne; Frage: Liegt Grass die liberalere Atmosphäre der Dänen? Grass: stimmt zu; Frage: Grass hat jüngst bemerkt, dass Deutschland zu einem "Jammerland" verkomme, wovon Dänemark offenbar weit entfernt ist… Grass: stimmt zu; immer wenn er von Auslandsreisen zurück nach Deutschland kommen würde, werde ihm das Jammern der Deutschen deutlich; Deutschland sei in eine Bewegungslosigkeit geraten; auch die soziale Kälte nehme zu; mit Johano Strasser und Daniela Dahn hat er das Buch "In einem reichen Land" herausgegeben über die wachsende Armut in Deutschland; in den führenden Zeitungen sei dieses Buch nicht besprochen worden; Frage: Grass ist einer der ersten deutschsprachigen Autoren gewesen, der schon Ende der 60er Jahre die mediale Beeinflussung der Literatur, der Kultur und Meinungsbildung reflektiert hat, beispielsweise in "örtlich betäubt"; was fällt Grass heute dazu auf, auch im Hinblick auf den Literaturbetrieb? Grass: Das Verlangen nach "event" stehe im Vordergrund; das Buch "Die Entdeckung der Langsamkeit" beispielsweise habe zwar "Eventcharakter" gehabt, wirke sich aber länger aus; Frage: Bei kurzlebigen Büchern wie denen von Benjamin von Stuckrad-Barre geht das Konzept offenbar auf… Grass: dies habe mit Literatur nicht viel zu tun, sondern sei nur Trend; Frage: Die "Agenda 2010" hat Grass befürwortet, bei den Montagsdemonstrationen wendet man sich dagegen… Grass: Die Reformen seien notwendig, würden aber zu spät kommen; man dürfe sie auch nicht auf Kosten der Arbeitnehmer austragen; ärgerlich sei, dass sich die CDU diesen Protesten anschließe und dabei mitverantwortlich sei, dass das Reformpaket im sozialen Bereich noch verschärft worden sei; Frage: Versteht Grass die ehemligen DDR-Bürger, die an den Montagsdemonstrationen teilnehmen? Grass: Der Vergleich des jetzigen Protestes zu den Montagsdemonstrationen sei falsch; den historischen Montagsdemonstrationen tue man da mit Unrecht; weder Regierung noch Opposition würde erkennen, dass der Prozess der Deutschen Einheit falsch gelaufen sei; man hätte zu einer Neugründung der Bundesrepublik kommen müssen, dies sei versäumt worden; man habe verantwortungslos die Treuhand eingerichtet; ganze Regionen in der ehemaligen DDR seien wirtschaftlich untergegangen, es herrsche flächendenkende Arbeitslosigkeit.



Urtitel:
Anfang/Ende:
(Setzt abrupt mit Nachrichten ein): Millionen Euro verursacht…verabschiedet sich Jörg Dieter Kogel. (Abmoderation, Musik)
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Gespräch
Schlagworte:

Person:
Elias Norbert; Timm Uwe; Schopenhauer Arthur; Hermann Judith; Schulze Ingo; Röggla Kathrin; Richter Hans-Werner; Lenz Siegfried; Enzensberger Hans Magnus; Böll Heinrich; Rushdie Salman; Irving John; Schneider Michael; Menasse Robert; Karasek Hellmuth; Heidenreich Elke; Strasser Johano; Dahn Daniela; von Stuckrad-Barre Benjamin; Kantorowicz Ernst
Werke:
Der Butt; Im Krebsgang; örtlich betäubt; In einem reichen Land; Die Entdeckung der Langsamkeit; Über den Prozess der Zivilisation; Kaiser Friedrich II.; Kopfjäger
Sach:
Gruppe 47; Weimarer Republik; Literaturkritik; Feuilleton; Agenda 2010
Geo:
Møn; Jemen; Paris; Dänemark
Zeit:
1955; 1968; 1960er Jahre
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
12.09.2004
Sprachen:
deutsch
Anmerkung Qualität:
Sehr leise! Enthält Musik!
Kopie:

Länge der Kopie:
00:48:28
Tonträger:
MC
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Mitteldeutscher Rundfunk (MDR)
Sendereihe:
Gesprächszeit
Teilnehmende:

Person:
Kogel, Jörg-Dieter (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten

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