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DB-Nummer: 907

Jörg Dieter Kogel im Gespräch mit Günter Grass : Literaturforum

Grass, Günter

Günter Grass im Gespräch mit Kogel auf Moen über die derzeitige Lektüre, die aktuelle Literatur, das Engagement der Literatur, die Literaturkritik. • Einführung: Erstes Literaturforum des Nordwest Radios. • (Ab 00:58) Arbeitsaufenthalte auf Moen von Butt angefangen bis zum letzten Buch Krebsgang, Skulpturen, Zeichnen, Lesen. 2. und 3. Lesen diverser Bücher, Illias, Uwe Timm „Die Kopfjäger“, Schopenhauer, Simenon und seine Kurzromane. • (Ab 02:48) Jemenaufenthalt mit Judith Hermanns, Kathrin Röggla und Ingo Schulze. Ins Gespräch gekommen mit arabischen Autoren. Teilung Jemens. Das literarische Werk dieser drei wird von Grass geschätzt. Grass sieht sich im Vorteil durch die frühe Einladung zur Gruppe 47. Dort die besten Freunde und Feinde. Toleranzgebot von Hans Werner Richter. Da Deutschland kein literarisches Zentrum hat wie etwa Frankreich mit seinem Wasserkopf Paris, treffen sich die Autoren nicht so häufig, es gibt mehrere Zentren. Richter vermochte es, Deutschland für jeweils drei Tage die Illusion einer literarischen Hauptstadt zu organisieren. Man kam zusammen. Diese Erfahrung fehlt heutigen Autoren. • (Ab 05:44) Frage: Stiftung des Döblin-Preises in Andenken an den literarischen Lehrmeister Alfred Döblin. Gibt es aktuelle Themen in der gegenwärtigen Literatur? • (Ab 06:11) Schwer zu beantworten. Auf der einen Seite verlassen sich die jungen Autoren zu früh auf die eigene Biographie. Diese Themen erschöpfen sich schnell, Beziehungskisten. Andere Autoren, etwa Michael Schneider „Traum der Vernunft“, wagen sich an größere Themen heran. „Die Vertreibung aus der Hölle“, Vertreibung der portugiesischen Juden, meisterliche Verbindung mehrerer Ebene. Soziale und gesellschaftliche Umwälzungen sind eigentlich Thematik, die zur epischen Formung einladen. An Stoffen mangelt es nicht. • (Ab 08:45) Moderation. Uwe Tellkamp, mit Bachmann-Preis ausgezeichnet. Dessen Vorbilder sind unter anderem Faulkner und Grass. Ist dies überraschend? • (Ab 09:25) Überraschend, weil bisher eher das Ausland auf Grass Bezug genommen hat, John Irving und Salman Rushdie. Bei einem deutschen Autoren ist dies eher ein Novum. • (Ab 09:58) Frage: An Stoffen mangelt es nicht. Ist die Phase des Umbruchs in der jüngeren Deutschen Literatur angekommen? • (Ab 10:15) Die Themen meiner Generation waren unausweichlich nach 1945. Themen dieser Art sind heute nicht mehr so zwingend. Dies erleichtert das Schreiben, andererseits fehlt das Bleigewicht des „Schreiben müssens“. • (Ab 11:00) Frage: Salman Rushdie. Deutsche Autoren haben ihn verteidigt. Gibt es bezüglich solch eines Engagements eine Generationsschranke? • (Ab 11:40) Dieses Thema bedrückt. Bei Kriegsende prägte die Frage, wie es dazu kommen konnte. Es hatte nicht genug Bürger gegeben, die diese Republik verteidigt haben. Auch Schriftsteller hatten sich schützend vor die Demokratie zu stellen. Die ersten Patrioten waren Schriftsteller im Gegensatz zu den Separatisten in den Fürstenhäusern. Neue Autoren bleiben ängstlich bei sich. Die Probleme sind heute anders, nicht mehr der zertrümmerte, geteilte Deutschland. Die Entscheidung muss jeder selber treffen, die Notwendigkeit von Engagement hat nicht nachgelassen. Heinrich Böll war für Grass anregend. Nach dessen Tod hat er den Stafettenstab übernommen. • (Ab 16:10) Moderation: Literaturbetrieb. Vermissen Sie das Literarische Quartett? • (Ab 16:40) Nein, ich habe es in den letzten Jahren nicht mehr angeschaut. Ein-Mann-Unternehmen von Reich-Ranicki mit Karasek als Stichwortgeber, Aburteilung von Büchern. • (Ab 17:13) Frage: Quartett ist ersetzt worden durch „Lesen!“ von Elke Heidenreich, ähnlich erfolgreich. Ohne Besprechung kann ein Buch kaum auf dem deutschen Markt Erfolg haben. Was sagen Sie dazu? • (Ab 17:25) Fragwürdige Angelegenheit, selbst bei bester Absicht. Trivialisierung der Literatur. • (Ab 18:15) Frage: Rede vor der Akademie vom „Triumph des Sekundären“, damit die Literaturkritik gemeint. Wie fällt Ihr Urteil heute aus? • (Ab 18:35) Situation hat sich noch verstärkt Nicht nur in der Literatur, auch bei Ausstellungen, das Sekundäre drängt sich in den Vordergrund. Karajan wichtiger als der Komponist. • (Ab 19:30) Das gedruckte Feuilleton war einmal besser, mit Kritikern wie Joachim Kaiser, inzwischen wird hier immer mehr personell und an der Qualität abgebaut. Früher waren sich die Kritiker nicht zu schade, den Leser zunächst einmal zu informieren, eine Inhaltsangabe zu machen, dann über die Intention des Autors zu informieren und das Ergebnis dann damit zu vergleichen. Heute steht eher im Vordergrund, was der Kritiker vom Autor erwartet und wehe, er erfüllt diese Erwartungen nicht. • (Ab 21:10) Frage: Seit 30 Jahren verbringen Sie mit Ihrer Frau Ute einige Wochen auf der dänischen Ostseeinsel Moen. • (Ab 21:27) Biographie, Ute, Flucht 1961, man kann von der Insel Hiddensee sehen. Der Ort hat sich bewährt. In die dänische Lebensart hat auch eine liberale Lebensart gekommen. Auch vom Jammern ist hier ebenso wie in anderen Ländern wie Jemen wenig zu spüren. Auch die soziale Kälte in Deutschland ist erschreckend. Obdachlose, Kinder, die auf Suppenküchen angewiesen. Herausgabe des Buches: "In einem reichen Land" über die wachsende Armut. In den führenden Zeitschriften, etwa FAZ, ist das Buch ignoriert worden. Leider ist es aktuell geblieben. Inspiriert durch französischen Soziologen. • (Ab 25:00) Frage: Mediale Beeinflussung der Literatur und des Alltagslebens schon früh thematisiert, etwa in örtlich betäubt. Wird Literatur immer mehr zum Event? • (Ab 26:00) Ob es von den Autoren ausgeht, ist fraglich. Diese Dinge hinterlassen kaum längere Spuren. "Die Entdeckung der Langsamkeit" wirkt sich etwa aus, bis in die Alltagssprache, obwohl das Erscheinen nicht so laut war. Benjamin von Stuckrad-Barre ist weniger Literatur. Das ist ein abnehmender Trend. • (Ab 28:00) Frage: Gegen die Agenda 2010 mit ihren Reformen gibt es besonders im Osten neuen Widerstand, unter dem Titel „Montagsdemonstrationen“. Etikettenschwindel? • (Ab 28:18) Versäumnisse der Koalition in der ersten Legislaturperiode, bei den Besserverdienenden vergleichbare Abstriche zu machen. Berechtigter Protest. Ärgerlich das Verhalten der CDU, die für die Verschärfung gesorgt hat. Heuchelei höchsten Grades. Vergleich mit Montagsdemonstrationen ist falsch. Unzulässige Vermengung, aber darum geht es nicht. Prozess der deutschen Einheit ist falsch gelaufen, Missachtung der Verfassung, keine Neugründung der BRD, verantwortungslos die kriminelle Treuhand, ganze Regionen sind flachgelegt worden, flächendeckende Arbeitslosigkeit. Die Einsicht ist jedoch nicht da.



Urtitel:
Jörg Dieter Kogel im Gespräch mit Günter Grass
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Heute mit dem…nicht mehr herauszubekommen.
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Gespräch
Schlagworte:

Person:
Homer; Schulze Ingo; Röggla Kathrin; Richter Hans-Werner; Rushdie Salman; Reich-Ranicki Marcel; Karasek Hellmuth; Döblin Alfred; Faulkner William; Böll Heinrich; Karajan Herbert von; Kaiser Joachim; Grass Ute; Nadolny Sten; Timm Uwe; Herrmans Judith; Heidenreich Elke; Simenon Georges; Schopenhauer Arthur; Schneider Michael; Tellkamp Uwe; von Stuckrad-Barre Benjamin
Werke:
In einem reichen Land; Der Butt; Im Krebsgang; Über das Sekundäre aus primärer Sicht; örtlich betäubt
Sach:
Gruppe 47; Döblin-Preis; Engagement; Literaturkritik; Skulpturen; Zeichnen; Lesen; Aktuelle Literatur; Lektüre; Illias; Die Kopfjäger; literarisches Zentrum; literarische Hauptstadt; Beziehungskisten; Traum der Vernunft
Geo:
Jemen; Paris
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
03.09.2004
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:55:00
Kopie:

Länge der Kopie:
00:32:00
Tonträger:
MC
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sender / Institution:
Mitteldeutscher Rundfunk (MDR)
Sendereihe:
Nordwestradio (NWR)
Teilnehmende:

Person:
Kogel, Jörg-Dieter (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

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Zitierform:

Grass, Günter: Jörg Dieter Kogel im Gespräch mit Günter Grass.

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