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Medienarchiv

DB-Nummer: 922

Fusion durch PEN-Zentrum : Schriftsteller bei Sitzung in Saal

Urtitel:
MDR AKTUELL Spätausgabe F: 98/4739 Fusion (B 34686)
Genre/Inhalt:
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Präsentation:
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Historischer Kontext:

Berliner Zeitung, 25.11.1996, Seite 31 Autor: Jens Jessen Ein Sieg der Vernunft über Glanz und Moral Die Vereinigung der beiden deutschen PEN-Zentren kann kommen: Der West-PEN hat einen Pragmatiker zum Präsidenten gewählt Der emeritierte Kölner Literaturwissenschaftler Karl-Otto Conrady ist zum neuen Präsidenten des westdeutschen PEN-Zentrums gewählt worden. Auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung in Berlin, die durch den Rücktritt des bisherigen Präsidiums unter Ingrid Bacher nötig geworden war, haben sich die Freunde einer Vereinigung mit dem Ost-PEN durchgesetzt. Es hat viele bittere Worte gekostet und den Verlust eines weiteren Mitglieds (Hans Christoph Buch, der seinen Austritt erklärte), aber am Ende siegte eine Art geschäftsmäßige Resignation. Die Wunden, die in der Vereinigungsdebatte der letzten Jahre geschlagen worden sind, die "Widerwärtigkeiten der niedrigsten Art", von denen Ingrid Bacher sprach, haben den West-PEN erkennbar erschöpft. Die bekannten Argumente, die einer Vereinigung mit dem Ost-PEN widersprachen, wurden zwar noch einmal wiederholt, aber nicht mehr gewogen; die prominentesten Vereinigungskritiker wie Hans Joachim Schädlich oder Sarah Krisch haben den Club schon verlassen, von anderen wie Günter Kunert wird es ohne erkennbare Besorgnis erwartet. Der Preis der Erschöpfung ist freilich hoch. Im Präsidium ist kein Schriftsteller von Rang mehr zu finden. Günter Grass wollte nicht kandidieren, Guntram Vesper unterlag Conrady. Als Generalsekretär wurde der ehedem viel kritisierte Johano Strasser bestätigt, als Vizepräsidenten wurden die ebenfalls moderat vereinigungswilligen Mitglieder Friedrich Schorlemmer, die Slawistin Elsbeth Wolffheim und der Hörspielredakteur Wend Kässens gewählt. Im Vorstand des westdeutschen PEN haben sich die Funktionäre und Literaturvermittler gegen die Dichter durchgesetzt. Das wird, was Kompromißfähigkeit und Verhandlungsgeschick anlangt, dem Vereinigungsprozeß nützen; dem ohnehin beschädigten Ansehen des Clubs wird es schaden. Am augenfälligsten wurde der Rückzug der Künstler bei der Wahl der Beisitzer; alle prominenteren Autoren verweigerten die Kandidatur, weder Katja Lange-Müller noch Guntram Vesper, weder Burckhard Spinnen noch Christian Friedrich Delius, Rüdiger Safranski oder Michael Schneider wollten sich engagieren. Gewählt wurden am Ende auch hier Literaturwissenschaftler (Christa Dericum und der immerhin brillante Jörg Drews), Funktionäre wie Herbert Wiesner (Chef des Literaturhauses in der Fasanenstraße) und Hans-Georg Noack (Verleger und Übersetzer), schließlich der Agitpropkünstler Klaus Staeck. Dasselbe wiederholte sich bei der Wahl der umstrittenen Kommission, die den Vereinigungsprozeß vorbereiten soll. Gewählt wurden der Münchener SPD-Mann Dieter Lattmann, der frühere Leiter der Wannsee-Gedenkstätte Gerhard Schoenberner, der Jurist Adalbert Podlech und als einzige Autorin Irina Liebmann, die sogleich bedauert wurde von den Kollegen, die sich verweigert hatten wie Bodo Morshäuser, Gerd-Peter Eigner und Rüdiger Safranski, der sarkastisch erklärte, er fühle sich "gesinnungsethisch nicht einwandfrei genug". Tatsächlich überläßt er aber das Feld nicht den Gesinnungsethikern, die aus moralischen Gründen die Fusion mit dem Ost-Pen ablehnten oder aber aus ideologischer Sympathie betrieben. Die einen haben aufgegeben; die anderen sind schon demonstrativ als Doppelmitglieder dem Ost-PEN beigetreten. Es sind im Gegenteil die diplomatischen Verantwortungsethiker, die den West-PEN nun regieren und pragmatisch retten werden, wenn er den Ansehensverlust denn überlebt. Die neue verantwortungsethische Wurstigkeit zeigte sich schon in der Nachlässigkeit, mit der die Frage der Doppelmitgliedschaften in der Vereinigungskommission behandelt wurde, die vor Wochen noch zum Eklat und schließlich zum Rücktritt von Ingrid Bacher geführt hatte. Jetzt stieß sich niemand an der Doppelmitgliedschaft von Schönberner und Podlech, die ehedem als bedenkliche Parteilichkeit gewertet worden wäre.

Aufnahme:

Datum Erstsendung:
15.05.1998
Aufnahmeort:
München
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:15:01
Herkunft:

Sender / Institution:
Bayerischer Rundfunk (BR)
Sendereihe:
MDR AKTUELL
Archivnummer:
0034687
Produktionsnummer:
9832112021
Teilnehmende:

Person:
Mugrauer, Stefan (Redaktion)
Person:
Querner, Eckhart (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Querner, Eckhart: MDR AKTUELL Spätausgabe F: 98/4739 Fusion (B 34686). München .

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