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DB-Nummer: 929

Günter Grass fordert eine neue Weltwirtschaftsordnung : Lesezeichen

Kron, Norbert

Zum dritten Mal ist der Schriftsteller in die indische Millionenstadt gereist, die neben Danzig und Berlin sein Werk am meisten beeinflusst hat. Schritt um Schritt erwandert er sich die turbulente Metropole in diesen Tagen. "Vertraut war mir das ramponierte Pflaster. Man muss dann ja aufpassen beim Gehen - überall Schlaglöcher oder Erdbuckel. Aber in kürzester Zeit hatte ich meinen altgewohnten Kalkutta-Gang wieder." Vor zwei Jahrzehnten hat Grass hier für sechs Monate gelebt, hat seine Eindrücke obsessiv in einem Tagebuch aufgezeichnet. In den Zeichnungen und Texten, die er nach seiner Rückkehr veröffentlichte, legte er den Finger genau in die Wunde der Stadt, zeigte fast ausschließlich auf das Elend Kalkuttas. Dass er es mit dem erhobenem Zeigefinger des Europäers tat, erregte Unmut, auch bei den Menschen hier. Doch Grass hatte vor allem die Ignoranz der Reichen im Auge, die über die Not der Armen hinwegsehen. Der Überlebenswille der Mittellosen, ihre Überlebenskunst ist es, die Grass heute wie damals an der Stadt fasziniert: Man ist im Gedränge und geht in eine Nebenstraße hinein und da ist es ruhig und überall sind kleine, oftmals nur einen halben Meter breite Verließe, in denen jemand seinem Handwerk nachgeht. Und eine Vielzahl von Menschen hat dadurch auf dem niedrigen Niveau, das hier angegeben ist, Lohn und Brot. Und wehe, wehe wenn hier in diesem Land diese Art Rationalisierung um sich greift, die uns ja auch so viel zu schaffen macht und nur Arbeitsplätze vernichtet." Kalkutta ist ein pulsierender historischer Widerspruch. Kommunisten regieren seit einem Vierteljahrhundert die Stadt - im Stadtpark steht Lenin auf dem Sockel. Die Lebensverhältnisse haben sich in den letzten 20 Jahren verbessert - aber immer noch sind die Nachwirkungen der englischen Kolonialherrschaft spürbar. Bis vor 100 Jahren war die bengalische Metropole die Hauptstadt Indiens - hier wirkten Gandhi und Mutter Theresa. In kaum einer anderen Stadt ist das Nebeneinander von Erster und Dritter Welt so präsent wie hier. Für Grass ist das dringlicher Anlass, auf das bestehende Nord-Süd-Gefälle hinzuweisen: "Wir brauchen eine neue Weltwirtschaftsordnung, in der diese Staaten als gleichberechtigte Handelspartner auftreten können. Das ist bis heute nicht eingelöst worden. Wenn wir also wirklich langfristige Hilfe leisten wollen - das Aufrütteln durch eine Katastrophe ist nützlich und kann gut sein -, kann wirklich hilfreich nur, gerade in Zeiten der Globalisierung, ein Gegensteuern sein - und das Globale nicht nur als Metapher zu begreifen, sondern auch als eine Verpflichtung, diese Weltinnenpolitik zu realisieren." Dass der Nobelpreisträger sich so nachhaltig mit ihrer Stadt auseinander setzt, dafür schätzen die Einwohner ihn heute. Als Grass im Goetheinstitut zusammen mit bengalischen Dichtern liest, strömen Hunderte herbei. Ob der Dichter auch diesmal über Kalkutta schreiben wird, ist allerdings noch offen: "Bei mir schlägt sich das nieder, muss sich setzen. In der Regel war es so, dass es an einer auch für mich unvermuteten Stelle dann wieder zum Tragen und zum Vorschein kommt." Grass in Kalkutta: Das ist viel mehr als nur die Lesereise eines Autors. Es ist die Wiederbegegnung zwischen dem Schriftsteller und den Menschen, die ihn faszinieren.



Urtitel:
Genre/Inhalt:
--
Präsentation:
--
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
06.03.2005
Sprachen:
deutsch
Teilnehmende:

Person:
Kron, Norbert (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

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Kron, Norbert:

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