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DB-Nummer: 936

Günter Grass in Kalkutta : Stilbruch

Kron, Norbert

Günter Grass in Kalkutta Zum dritten Mal besucht Günter Grass in diesen Tagen Kalkutta. Mitte der 80er lebte der Schriftsteller fast ein Jahr dort. Im Buch "Zunge zeigen" setzte er sich mit den brutalen Gegensätzen in der 13-Millionen-Stadt auseinander. Günter Grass in Kalkutta: Zum dritten Mal ist der Schriftsteller in die indische Millionenstadt gereist, die neben Danzig und Berlin sein Werk am meisten beeinflusst hat. Schritt um Schritt erwandert er sich die turbulente Metropole in diesen Tagen. Günter Grass - Schriftsteller: "Vertraut war mir das ramponierte Pflaster. Man muss dann ja aufpassen beim Gehen - überall Schlaglöcher oder Erdbuckel. Aber in kürzester Zeit hatte ich meinen altgewohnten Kalkutta-Gang wieder." Vor zwei Jahrzehnten hat Grass hier für sechs Monate gelebt, hat seine Eindrücke obsessiv in einem Tagebuch aufgezeichnet. In den Zeichnungen und Texten, die er nach seiner Rückkehr veröffentlichte, legte er den Finger genau in die Wunde der Stadt, zeigte fast ausschließlich auf das Elend Kalkuttas. Dass er es mit dem erhobenem Zeigefinger des Europäers tat, erregte Unmut, auch bei den Menschen hier. Doch Grass hatte vor allem die Ignoranz der Reichen im Auge, die über die Not der Armen hinwegsehen. Der Überlebenswille der Mittellosen, ihre Überlebenskunst ist es, die Grass heute wie damals an der Stadt fasziniert. Günter Grass: "Man ist im Gedränge und geht in eine Nebenstraße hinein, und da ist es ruhig, und überall sind kleine, oftmals nur einen halben Meter breite Verließe, in denen jemand seinem Handwerk nachgeht. Und eine Vielzahl von Menschen haben dadurch auf dem niedrigen Niveau, das hier angegeben ist, Lohn und Brot. Und wehe, wehe wenn hier in diesem Land diese Art Rationalisierung um sich greift, die uns ja auch so viel zu schaffen macht und nur Arbeitsplätze vernichtet." Kalkutta ist ein pulsierender historischer Widerspruch. Kommunisten regieren seit einem Vierteljahrhundert die Stadt, im Stadtpark steht Lenin auf dem Sockel. Die Lebensverhältnisse haben sich in den letzten 20 Jahren verbessert; aber immer noch sind die Nachwirkungen der englischen Kolonialherrschaft spürbar. Bis vor hundert Jahren war die bengalische Metropole die Hauptstadt Indiens - hier wirkten Gandhi und Mutter Teresa. In kaum einer anderen Stadt ist das Nebeneinander von erster und dritter Welt so präsent wie hier. Für Grass ist das dringlicher Anlass, auf das bestehende Nord-Süd-Gefälle hinzuweisen. Günter Grass: "Wir brauchen eine neue Weltwirtschaftsordnung, in der diese Staaten als gleichberechtigte Handelspartner auftreten können. Das ist bis heute nicht eingelöst worden. Wenn wir also wirklich langfristige Hilfe machen wollen, das Aufrütteln durch eine Katastrophe ist nützlich und kann gut sein, aber wirklich hilfreich kann nur, gerade in Zeiten der Globalisierung, ein Gegensteuern sein, und das Globale nicht nur als Metapher begreifen, sondern auch als eine Verpflichtung, diese Weltinnenpolitik zu realisieren." Dass der Nobelpreisträger sich so nachhaltig mit ihrer Stadt auseinandersetzt, dafür schätzen die Einwohner ihn heute. Als Grass im Goethe-Institut zusammen mit bengalischen Dichtern liest, strömen Hunderte herbei. Ob der Dichter auch diesmal über Kalkutta schreiben wird, ist allerdings noch offen. Günter Grass: "Bei mir schlägt sich das nieder, muss sich setzen. In der Regel war es so, dass es an einer auch für mich unvermuteten Stelle dann wieder zum Tragen und zum Vorschein kommt." Grass in Kalkutta: Das ist viel mehr als nur die Lesereise eines Autors. Es ist die Wiederbegegnung zwischen dem Schriftsteller und den Menschen, die ihn faszinieren. Ein Beitrag von Norbert Kron



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Dichter in der falschen Stadt Dieser Tage reist Günter Grass wieder einmal nach Kalkutta. Seine Äußerungen über Indien spiegeln aber nichts als arrogante westliche Vorurteile wider. Eine Polemik von Ilija Trojanow Kalkutta ist ein Moloch - keine Frage. Eine Herausforderung, für manche; eine Überforderung für viele. Sie saugt einen auf. Sie reißt einen mit. Sie ertränkt einen, auch außerhalb des Monsuns, weil die Luft den Ozean fortsetzt, mit schweißtreibenden Mitteln. Kalkutta ist keine Stadt, wenn man die Ordnungsabsicht dieses deutschen Wortes ernst nimmt, das laut ausgesprochen wie eine DIN-Einheit klingt. Berlin könnte "3 Stadt" sein, Paris "5 Stadt", Kalkutta aber - wie Bombay und Bangkok - verweigert sich solcher Einordnung. Sie läßt sich nicht messen, und somit eigentlich auch nicht maßregeln. Kalkutta ist ein Geruch, der in der Erinnerung verblaßt, der einen willkommen heißt, etwas aufdringlich, zugegeben, ein Geruch, der sich nicht reduzieren läßt, der Geruch einer Welt, in der alle menschlichen Bedürfnisse zu einem olfaktorischen Chutney zusammengemischt sind. Getrocknete Fische, von vielen Generationen barfüßiger Menschen gestampft, Gewürze, die in die Haut, in die bröckelnden Wände, in die dampfende Erde eingedrungen sind, wie ein täglich benutztes Duftwasser im Hemdkragen. Ein Aroma wie bei einem jener faulen Pinot Noir, die in Tolkiens Mittelerde abgefüllt worden sind. Ein sehr eigenes Bouquet, zugegeben. Nun kann keiner der Nase Toleranz aufzwingen, aber der Verstand könnte immerhin zur Einsicht gelangen, wie relativ der eigene Geruchssinn ist. Doch der deutsche Literaturnobelpreisträger, der dieser Tage wieder nach Kalkutta reist, zeigt sich in seinen Texten (vor allem "Zunge zeigen") wie gebannt von der Allgegenwart der Exkremente. In seinem Kalkutta ist alles von "Scheiße" bedeckt, die Slums, die Bahnstationen, sogar die Strände. Wahrlich, eine skatologische Orgie. Ist Kalkutta ein einziges großes Latrinenloch oder nimmt der Autor es so wahr, weil er aus aseptischeren Gefilden stammt? Leider reflektiert Grass kein einziges Mal darüber, daß seine Abscheu vor Exkrementen kein universaler Anspruch ist, daß eine kulturelle Differenz zwischen jenen Menschen existiert, die ihre Hintern mit der linken Hand abputzen und jenen, die Klopapier verwenden. Statt dessen wird mit kaprophilem Enthusiasmus das nächste Häufchen beschrieben, so als hätte der Autor ein Perpetuum Mobile des Kots entwickelt. Das wäre einen Hauch zu etepetete, aber moralisch nicht angreifbar, würde der Autor den "Einheimischen" eine eigene Würde zugestehen. In seinen schier endlosen Beschreibungen des Schmutzes unterläßt er es jedoch, die Reinlichkeit des durchschnittlichen Inders zu erwähnen, der trotz mangelnden Wassers und erbärmlicher Wohnsituation täglich mit sauberen und glatt gebügelten Kleidern auf die Straße tritt. Und hier liegt der Hund begraben: Günter Grass, der Mitgefühl verkündet (und als Privatmann bewundernswert viel für Projekte in Kalkutta gespendet hat) verharrt als Autor in Vorurteilen, verschanzt sich hinter der Autorität eines "Königs allen Ichs". Kalkutta muß ihn enttäuschen, weil er sich aus seinen Erwartungen ein eigenes Kalkutta konstruiert hat. Sein alles durchdringender Negativismus wird weder durch ernsthafte Recherche noch durch die Aussagen von Indern untermauert. Trotzdem spricht der Autor mit ultimativer Kompetenz. Der Leser soll glauben, er sehe alles, was zu sehen ist. Die indische Realität wird aus der Warte einer unfehlbaren Gottheit geordnet. Bruchstücke der Realität werden wie Insekten aufgespießt und in einem Horrorkabinett gesammelt. Wenn man einmal die Gelegenheit gehabt hat, mit eigenen Augen hinzusehen, erkennt man die kolossale Verfälschung - das wirkliche Kalkutta hat nur zufällig manchmal Ähnlichkeit mit den Beschreibungen des deutschen Autors. Wieso etwa sehen Kokosnüsse bei ihm "wie abgeschlagene Köpfe" aus? Welcher widersinnige Herrschaftswillen offenbart sich in dieser Metapher? Kokosnüsse am Straßenrand in Kalkutta sind nicht "wachsende Schädelstätten", sondern eher schöne Häuflein positiver Zusammenhängen: einzige Einnahmequelle von hunderttausenden Kleinbauern in Indien, ein preiswertes Getränk für viele Angestellte, gesünder und schmackhafter als Coca-Cola oder Thumps-Up. Wieso also müssen sogar die Kokosnüsse als Angeklagte in dieser Scharfrichterposse dienen? So herrscht bei Grass die Unzuverlässigkeit des oberflächlichen Blicks: Angestellte füttern Ratten und Krähen, "wie man anderswo Schwäne und Eichhörnchen füttert" - kein Wort über die Bedeutung dieser Tiere im Hinduismus (die Ratte wird als Reittier des Elefantengottes Ganesh verehrt). Der gesamte Mittelstand wird als parasitäre Klasse diffamiert, eine Beleidigung von Millionen von Indern, die mehrere Jobs haben, nebenbei ein Familiengeschäft betreiben und dabei weder von Gewerkschaften noch staatlicher Sozialfürsorge unterstützt werden. Auf dem Bahnsteig steckt der Autor einem Bettler ungewollt einen 20-Rupien-Schein zu, damals etwa der Tageslohn eines Hilfsarbeiters. Erschrocken läßt der Verkrüppelte den Schein aus der Dose verschwinden. Die Szene wird genau beschrieben, aber nicht hinterfragt: Will der Bettler die Einnahme vor seinem Bettlermeister - so etwas wie ein Zuhälter im Geschäft der Barmherzigkeit - verstecken? Hat er Angst vor der gierigen Gewalt anderer Bettler? Oder fürchtet er sich vor den Polizisten, den größten Parasiten, die sogar bei Straßenkindern und Krüppeln abschöpfen? Der Leser erfährt nichts von solchen Zusammenhängen; was unter dem Offensichtlichen lauert, wird ausgespart. Ein trauriger Höhepunkt ist erreicht, als Grass aus einem Taxi heraus doziert: "Kinder auf Holzsuche, Bauernmädchen mit seitlichem Nasenring. Es heißt, daß Tag für Tag ein bis zwei Mitglieder jeder Familie kilometerweit unterwegs sind. Auch deshalb die vielen Kinder, auch deshalb sterben die Wälder ab, deshalb wächst, außer Kindern, nichts nach." So einfach geht das: Überbevölkerung und Umweltzerstörung werden in zwei Halbsätzen erklärt, nebenbei wird Indien allumfassende Impotenz attestiert. Besonders elegant die Formulierung "es heißt", die den Autor davon befreit, aus dem Taxi zu steigen und die Mädchen zu fragen, die weit sie denn täglich laufen müssen. Nur ein Unheil kann bei Grass mit dem Kot konkurrieren - der Slum. Das urbane Elend wird auf diesen kurzen und prägnanten Nenner gebracht. Das Wort allein genügt, es wird nicht ausgeleuchtet. Es beschwört Schreckensbilder von Schmutz, Armut und Krankheit herauf. Es deutet, mal mit einem empörten, mal mit einem resignierten Finger, auf halbverhungerte, verwahrloste Opfer, die schutz- und machtlos vor sich hin vegetieren. Das Wort "Slum" impliziert eine statische Hoffnungslosigkeit, die der komplexen und vielfältigen Realität nicht gerecht wird. Kalkutta verfügt über einige der größten "Slums" Asiens, meist Gebiete, die nur wenige Quadratkilometer groß sind, oft einstiges Sumpfgelände, auf dem sich ein erstaunliches Mosaik von Gemeinschaften versammelt. In einer Ecke hat sich fast ein ganzes Dorf aus Orissa niedergelassen, andere Ecken und Enden werden von Flüchtlingen aus Bihar und Assam bewohnt. Es finden sich Tempel, Moscheen und Kirchen. Gelernte und ungelernte Arbeiter, Akademiker und Analphabeten, Muslims und Hindus, Unberührbare und Angehörige höherrangiger Kasten leben auf engstem Raum neben- und miteinander. Wer es zu etwas Wohlstand bringt, bleibt oft wegen der Gemeinschaft und der Kontinuität dem Viertel treu. Daher die soliden Bauten, die vielstöckigen Wohnhäuser, die aus dem Meer selbsterrichteter Baracken ragen. Doch auch die zusammengezimmerten Hütten unterscheiden sich erheblich voneinander. Jede Familie hat mit Einfallsreichtum eine eigene Lösung für die Besonderheiten ihrer jeweiligen Enge gefunden. Viele Bewohner haben einen zweiten Stock angebaut, der über eine schmale Außensprosse erreichbar ist und eine gewisse Intimität, einen Hort des Rückzugs bietet. Die Slumbewohner haben von renommierten Architekten Lob für ihre innovativen, improvisierten Bautechniken erhalten, die das Beste aus dem Raummangel machen. Der indische Stararchitekt Charles Correa bestätigt diesen "einfachen Menschen" ein bemerkenswertes Gefühl für Design. Würde man ihnen Grundbesitz und Verantwortung einräumen, könnten sie ihre mittelbare Umgebung und somit letztlich den ganzen Slum entscheidend verbessern. Slums sind zudem enorm produktiv, obwohl die einheimische Ober- und Mittelschicht das Vorurteil pflegt, die Slumbewohner würden den braven Steuerzahlern auf der Tasche liegen. In den Slums wird fast alles produziert, wofür man keine schweren Maschinen benötigt: Lederartikel (sogar für schicke westliche Firmen), Notizhefte, Kleidung, Papads, Musikkassetten, Süßigkeiten, Goldschmuck, Gurtschnallen. Die Wirtschaft von Kalkutta hängt von den Menschen in den Slums ab. Sie sind ein wertvoller Teil der Gemeinschaft. Sie leisten billige Dienste für jene Wohlhabenden, die sich aufregen, wie sehr diese Menschen die Stadt verschandeln. Manchmal werden sie sogar als menschliche Bulldozer mißbraucht. Sie besetzen sumpfiges Land und machen es bewohnbar. So gewinnt es an Wert, Städteplaner, Bauherren und Architekten erfahren davon und empören sich darüber, daß wertvolles Land von Nichtsnutzen besetzt wird. Die Slumbewohner werden umgehend vertrieben, sie sind rechtlos, sie haben keinen Zugang zu den Machtzentren, sie wissen nicht, wie man sich einen Platz im System erkämpft, sie verfügen über keine Lobby. Nie wird um ihre Meinung gefragt, stets wird über ihren Kopf hinweg entschieden. Nichts davon in den Schriften von Günter Grass. Bei ihm ruft das Wort "Slum" höchstens ein diffuses Mitleid hervor, das die Bewohner auf eine Opferrolle reduziert - satt sie zu achten und ihnen mit aktiver und kundiger Solidarität zu helfen. Die Überheblichkeit des westlichen Intellektuellen ermöglicht Verallgemeinerungen über ganze Kontinente, die man sich zu Hause nicht einmal über Schleswig-Holstein erlauben würde. So kann Grass behaupten, Indien komme ihm geheimnisloser vor als Dänemark, denn das oft beschworene Unergründliche sei nur ein "abgeschmackter Aberglaube, die Religion". Immer wieder versucht er, etwas zu beschreiben und zu bewerten, zu dem er kein Verhältnis entwickelt hat. Es ist, als würde er einen Menschen charakterisieren, den er nicht kennt. Dieser Mensch kann folglich nur als Opfer erscheinen, als willenlose Figur im Würgegriff eines vage umrissenen Systems, das eher an seinen Folgen (Elend, Kot, Aberglaube) erkannt wird, als an seine Ursachen. Die Individualität der Biographien, die vielfältigen Pfade, die auch Inder einschlagen, gehen verloren. Die vereinnahmende Geste dieser intellektuellen Selbstherrlichkeit spiegelt die wirtschaftlich-politische Hegemonie der Ersten Welt wider, die sie in Lippenbekenntnissen verteufelt. Artikel erschienen am Sa, 22. Januar 2005 in DIE WELT

Schlagworte:

Person:
Kron Norbert; Lenin; Gandhi Mahatma; Mutter Teresa
Werke:
Zunge zeigen; Mein Jahrhundert
Sach:
Tagebuch; Zeichnungen; Elend; Armut; Kommunismus; Globalisierung; Schlaglöcher; Rationalisierung; Nord-Süd-Gefälle; Weltwirtschaftsordnung
Geo:
Kalkutta; Indien; Danzig; Berlin
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
01.03.2005
Sprachen:
deutsch
Herkunft:

Sendereihe:
Stilbruch
Teilnehmende:

Person:
Kron, Norbert (Interviewpartner)
Person:
Kron, Norbert (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

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