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DB-Nummer: 938

Märchen sind grausam : Vom Zauber der Märchen Arte Magazin

Märchen sind grausam Interview mit Günter Grass Schreiber oder Zeichner? Der Literaturnobelpreisträger und Grafiker Günter Grass ist ein "Schreibkünstler". Zum 200. Geburtstag des dänischen Märchendichters Hans Christian Andersen hat er die Anthologie "Der Schatten" vorgelegt - eine Auswahl aus Andersens Märchen, die er auf originelle Weise illustrierte. Im April erhält Grass den Hans-Christian-Andersen-Preis. ARTE: Herr Grass, als ich den "Schatten" zum ersten Mal sah, dachte ich, jetzt ist es raus: Günter Grass ist ein Märchenerzähler. Man hat den Eindruck, Sie seien nun offen eingetreten in eine lange Reihe deutscher Märchenerzähler. Bekennen Sie sich zu dieser Tradition? Günter Grass: Ganz gewiss. Auch "Die Blechtrommel" hat ja schon stark märchenhafte Züge. Ein Kapitel fängt an mit "Es war einmal ein Musiker...". Ich habe den Erzählgestus des Märchens aufgenommen und rondoartig durchgespielt. Ähnlich im Roman "Hundejahre". Auch dort ist der Untergang Berlins in einer drastischen Märchenform erzählt. Das hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass für mich das Märchen eine andere Form von Realismus darstellt, einen unterschwelligen Realismus, einen Sub-Realismus, der notwendig wird, wenn man bestimmte Dinge, die sich platterdings nicht darstellen lassen, sichtbar machen will. ARTE: Als ich Ihren Band in die Hand bekam, dachte ich, die Fachleute vom Andersen-Forschungszentrum werden Ihnen wohl ein paar Tipps gegeben haben, wo in dieser Riesenmenge von Andersen-Märchen und -Erzählungen kleine Juwelen zu finden sind, die nicht jeder kennt. Ich war wirklich verblüfft, als ich hörte, dass Sie diese Auswahl allein getroffen und so eine überraschende Andersen-Anthologie erstellt haben. Günter Grass: Wenn man mir Vorgaben gemacht hätte, dann wäre es beim Zeichnen sehr schwer für mich geworden. Ich bin bei dieser Auswahl von der Qualität der Märchen ausgegangen und habe bewusst bekannte und unbekannte Märchen gemischt. Aber ich habe natürlich auch überlegt: Was lässt sich zeichnerisch darstellen? Da macht Andersen die wunderbarsten Angebote. ARTE: Inwiefern? Günter Grass: Ich kenne keinen anderen Autoren, der so gegenständlich ist. Wir sind es gewohnt, dass in Märchen außer den Menschen auch die Tiere sprechen können. Aber bei Andersen sprechen selbst die Gegenstände: die Teekanne, der Knopf, der Hemdkragen, die Bürste, der Stiefelknecht. Das ist für einen Zeichner schon sehr anregend und lässt sich in Bilder übersetzen, ohne dass man es einfach nur illustriert. ARTE: Also war das Auswahlkriterium für Ihre Anthologie die zeichnerische Verwertbarkeit? Oder spielte da auch so etwas wie Entdeckerfreude eine Rolle? Günter Grass: Und was für eine! Natürlich gab es auch Märchen, die mir vom Text her gefallen haben und an die ich mich langsam heranarbeiten musste. Oder andere, die nichts Gegenständliches zu bieten hatten. Da war es schwieriger, mit Illustrationen zu arbeiten. In solchen Fällen habe ich auch andere Elemente herangezogen, etwa autobiografische. So kann man "Das hässliche Entlein" wie eine Parabel über Andersens Leben lesen: Jemand, der von unten kommt und hässlich ist und am Ende zum schönen Schwan wird. So habe ich dann ein Profilporträt von Andersen mit dem Profil der Ente in einem Bild zusammengebracht. Auch das Märchen "Der Schatten" ist sehr autobiografisch. Da konnte ich Andersens lebenslang gepflegte Neigung, Scherenschnitte und Schattenrisse anzufertigen, aufgreifen. ARTE: Die "Prinzessin auf der Erbse" haben Sie ziemlich schonungslos bebildert. Überhaupt sind viele Ihrer Illustrationen sehr grausam. "Die Roten Schuhe" zum Beispiel, mit dem abgehackten Fuß, so etwas ist selten zu finden in Kinderbüchern... Günter Grass: ...aber es kommt darin vor. Ich meine, es ist ja ein grausames Märchen. ARTE: Aber so was zeichnet man doch nicht! Günter Grass: Und nicht nur "Die Roten Schuhe", auch die Geschichte dieser armen Meerjungfrau ist grausam. Sie läuft jeden Schritt wie auf Messern, und dann wird ihr auch noch die Zunge abgeschnitten... Bei Andersen wird in vielen Märchen mit dem Beil hantiert. Und die "Prinzessin auf der Erbse" - na ja, sie sieht bei mir ein bisschen hysterisch aus, aber das gehört auch zu einer wirklichen Prinzessin. ARTE: Das Schreckliche an der Geschichte ist ja, dass sich unsereins fragt: "Was ist schon eine Erbse?" Die Prinzessin aber leidet Höllenqualen. Für sie macht es keinen Unterschied, ob man sie mit dem Beil traktiert oder ob man ihr eine Erbse ins Bett legt. Das ist ja das Prinzessinnenhafte, bei solch einem geringen Anlass tatsächlich Schmerzen zu leiden. Günter Grass: Wir wissen natürlich nicht, wie sehr der Prinz später unter ihr gelitten hat... ARTE: Die Prinzessin ist eines der Beispiele dafür, wie Andersen mit geringem Aufwand und in knappster Form Figuren erschafft. Günter Grass: Ja, das ist genau wie in "Des Kaisers neue Kleider". Da hat er Figuren erschaffen, die sprichwörtlich sind - bekannt wie König Lear oder Hamlet. Es ist ihm gelungen, auf engstem Raum Figuren in die Welt zu stellen, die in aller Munde sind - bis heute. Das Gespräch führte Prof. Dr. Heinrich Detering. Mit freundlicher Unterstützung von Nordwestradio



Urtitel:
ARTE Magazin
Genre/Inhalt:
--
Präsentation:
Interview
Schlagworte:

Person:
Andersen Hans Christian
Werke:
Der Schatten; Hundejahre; Die Blechtrommel; Glaube Hoffnung Liebe
Sach:
Märchen; Zeichnen; Gegenständlichkeit; Realismus; Grausamkeit
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
03.04.2005
Sprachen:
deutsch
Teilnehmende:

Person:
Detering, Heinrich (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

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ARTE Magazin.

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