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Medienarchiv

DB-Nummer: 940

Lyriker-Treffen in Lübeck

Grass, Günter; Rühmkorf, Peter; Enzensberger, Hans Magnus

Rühmkorff liest einleitend ein Gedicht aus seiner Jugendzeit und anschließend vieles mehr. Grass liest ab Minute 17: "In frühen Jahren stand bei mir die Bildende Kunst im Vordergrund, erste Einladung zur 'Gruppe 47', las dort ein Gedicht, das offensichtlich gefiel: "Polnische Fahne". Im Anschluss sprachen ihn Lektoren an, so dass er "Die Vorzüge der Windhühner" veröffentlichen konnte. Grass liest hieraus "Tierschutz", "Nächtliches Stadion" (ab ca. 20:00), "Die Seeschlacht" und das Titelgedicht. Dann vom Schluckauf geplagt das "Kinderlied": "Wer lacht hier, hat gelacht?". Seinen ersten Leseabschnitt abschließend "Im Ei" (bis etwa 25:00). Dann liest Enzensberger bis etwa Minute 38, gefolgt wieder von Rühmkorf bis Minute 47. Grass: Nach der Veröfftentlichung von "Die Vorzüge der Windhühner" verfasste Grass Theaterstücke, die auch gespielt wurden, zumeist von Studentenbühnen. Er versuchte sich in der Prosa: "Die Blechtrommel" entstand in Paris. 1960 kehrter Grass zurück und veröffentlichte "Gleisdreieck". Hieraus liest Grass: "Askese". In politisch bewegter Zeit Mitte der sechziger Jahre, in der alles und nichts in Frage gestellt wurde, folgte der Band "Ausgefragt", dessen Titelgedicht er liest, anschließend den Kommentar zum Wettrüsten: "Advent". Als Mittsiebziger macht es Grass dann Spaß, das brünstige Gedicht eines Mittvierzigers zu lesen: "März" (bis etwa 57:00) Enzensberger bedauert, im warmen Raum die Jacke nicht ausziehen zu können. Es folgt das Gedicht "Hummel Hummel". Erster Teil endet mit Rühmkorf, unter anderem mit dem "Bilderrätsel wortwörtlich", das bisher unveröffentlicht ist. Track 2: Peter Rühmkorf liest "Betrifft Grundfrage." Günter Grass kam auch nach Prosaversuchen, Skulpturen, etc. immer wieder zum Gedicht zurück, vornehmlich dem Gelegenheitsgedicht. Anlass war etwa eine Sammlung, die der Verleger Klaus Wagenbach unternahm: "Atlas". Hier sollten Schriftsteller ihrer Herkunft gedenken. Grass schrieb: "Kleckerburg". Enzensberger antwortet mit einem weiteren Heimat-Gedicht, allerdings in Terzinen, danach "Ein erdfarbenes Liedlein", ein Gedicht über die Kartoffel. Rühmkorf beginnt wieder mit "Früher, als wir die großen Ströme noch". Grass liest wieder ab 21:20. Irgendwann hatte er es satt, die Gedichte als Gedichtband zu separieren, so gerieten sie bei der Prosaarbeit in die Romane hinein, etwa in "Der Butt", in dessen erster Konzeptionsphase bereits die Gedichte die Wegmarken setzten. Eine davon: "Die Köchin küsst". In den neunziger Jahren kam eine Aquarellphase mitsamt Gedichten, so genannte Aquadichte, die in "Fundsachen für Nichtleser" veröffentlicht wurden: "Heiterer Morgen", "Farbenlehre"; "Wegzehrung". Als letzten Gedichtband stellte Grass einen Band namens "Letzte Tänze" zusammen, aus dem die letzten zwei Gedichte entnommen sind: "Als der Walzer in Mode kam" und "Tango nocturno". Anschließend liest wieder Enzensberger (bis 37:00). Dann gibt es eine Zugabe, beginnend wieder mit Peter Rühmkorf: "Stilleben bei Anruf Mord", dann Enzensberger, schließlich Grass (etwa bei 41:45) mit einer Reise zurück ins Jahr 1958 nach Warschau, wo Grass eine Ausstellung polnischer Künstler besuchte, die Don Quichotte zum Motiv hatte. Als Bildunterschrift stand dort immer "Pan Kiehot", was zu einem Gelegenheitsgedicht inspirierte. : liest "Tango nocturno"



Urtitel:
Lyriker - Treffen in Lübeck
Anfang/Ende:
Track 1: Ich habe mir…Sessel, Dora Mar (BEIFALL); Track 2: Betrifft: Rundfrage Grundfrage…Polen sind begabt. (BEIFALL, ATMO)
Genre/Inhalt:
Lyrik
Präsentation:
Lesung
Historischer Kontext:

Das deutsche Schriftsteller-Triumvirat in Lübeck "Grüppchen 47": Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger und Peter Rühmkorf lesen beim lyrischen Gipfeltreffen in der Hansestadt von Hendrik Werner Eine historische Altstadt mit vielen "Sehenswürdikeiten" (sic!) verheißt der ansonsten sehr kulturbeflissene Prospekt des Hotels "Exelsior". Kein Wunder, daß Lübeck unlängst als Kulturhauptstadt-Aspirant ausgeschieden ist. Ungleich verwunderlicher indes, daß in dem Flyer ausgerechnet die Letter g fehlt. Steht die schmucke Stadt an der Trave doch literarisch im Zeichen gleich zweier Nobelpreisträger, deren jüngerer mit doppeltem G kürzelt. In jedem Fall sehenswürdig, ja denkwürdig ist am Freitag abend die Zusammenkunft dreier älterer Herren im Innenhof des nach Günter Grass benannten Ausstellungshauses in der idyllischen Glockengießerstraße. Unter der überlebensgroßen Butt-Skulptur des künstlerischen Multitalents blinzeln Hans Magnus Enzensberger (75), Peter Rühmkorf (75) und Günter Grass (77) in die milde Abendsonne und ein gutes Dutzend Kameraobjektive. 38 Jahre nach dem Ende des legendären Schriftsteller- und Streitforums Gruppe 47 hat sich unter Grass' Ägide ein "Grüppchen 47" zu einer gemeinsamen öffentlichen Lesung zusammengefunden. Auf der Tagesordnung steht Lyrik, weil die Mitglieder dieser sich sehr leutselig gebenden Altherrenriege in diesem Genre debütiert haben: Grass, der an diesem Abend neben der notorischen Pfeife ein nur wenig telegenes dijonsenffarbenes Sakko zur Schau trägt, mit "Die Vorzüge der Windhühner" (1956); Enzensberger, dieser medienscheue und -kritische Medienstar, mit "verteidigung der wölfe" (1957); Rühmkorf, der trotz seines juvenilen "Diesel"-Basecaps schon etwas gebrechlich wirkt, mit dem Band "Heiße Lyrik" (1956). Die Sitzordnung spricht eine etwas andere Sprache. Da sitzt Grass, der Gastgeber, gewissermaßen als präsidierender Moderator in der Mitte. Einer festen Burg gleich, die die beiden Mitstreiter zur Linken und zur Rechten - ein parlamentarisches Denkbild! - voneinander fernzuhalten scheint. Die waren sich nämlich keineswegs immer grün. Als "Edel-Jakobiner" und "Faschingsprinzen" schmähte Rühmkorf den Kollegen Enzensberger, dessen ideologische Wandellust er in seinen Tagebüchern mit den Worten "ein schlingerndes Subjekt, das sich nirgendwo richtig orten läßt" beschreibt. Eine Einschätzung, die Enzensberger, diesen wendigen wie smarten Dauerkonvertiten, nicht erfreuen kann. Doch auch Grass und Enzensberger waren nicht immer d'accord - etwa bezüglich ihrer Haltung zur Irak-Intervention. Auf dem Podium gibt sich das einstige Dreigestirn progressiver deutscher Lyrik versöhnlich, sympathisch und verhalten sentimental. Er habe Sehnsucht nach Enzensberger gehabt - "und nach dir, Peter" -, gibt Grass als von Eigennutz beseelten Grund für die temporäre Wiedervereinigung an. Eine Reunion, die für Poesiefreunde einen ähnlich hohen Stellenwert haben dürfte wie für Pop-Fans ein neuerliches Zusammenraufen der Boy-Group Take That. Enzensberger, der Schwabinger, paraphrasiert sein berühmtes Diktum, nach dem die von ihm als Notgemeinschaft bezeichnete Gruppe 47 das "Zentralcafé einer Literatur ohne Hauptstadt" gewesen sei, als er ausführt: "Wir leben in einer föderalen Republik, und man sieht sich zu wenig." Rühmkorf, der Hamburger Anarcho, verweist schließlich darauf, daß er mit Enzensberger zweimal, mit Grass gar dreimal gelesen habe. Das eben sei das Risiko: "drei Stimmen zum Gleichklang zu bringen". Es geht dann doch überraschend harmonisch zu: In vier Blöcken lesen die für die deutsche Nachkriegsliteratur prägenden Dichter abwechselnd aus ihren Werken. Chronologisch und also pädagogisch wertvoll. Grass zumal, der einordnende werkgeschichtliche Hinweise gibt. Rühmkorf rührt am meisten an. Er schwingt sich zu deklamatorischen und darbieterischen Höchstleistungen auf. Malt mit kleiner Geste zarte Jamben und Trochäen in die Luft. Und spickt seine durchaus weihevolle Rezitation mit jener subtilen Ironie, die seine sprach- und bildmächtigen Texte seit je auszeichnet. Das zeigt schon sein Eingangsvortrag, ein Gedicht aus Schülertagen, in dem sich Müller zwar auf Schiller reimen muß, das ihn aber gleichwohl als genialischen Frühvollendeten ausweist. Grass, unser Größter, verzieht kaum eine Miene, während er dem Auditorium mit Vers-Verve, wenn auch mit etwas onkeliger Intonation von Vorzügen der Windhühner und Nachteilen politischer Reaktionäre berichtet. Anders der nahezu durchgängig lächelnde Enzensberger, der seine Selbsteinschätzung, ein bühnenabgeneigter "Veranstaltungsflüchtling" zu sein, Lügen straft. Pointiert, gewitzt und nachhaltig fällt sein Parforceritt durch 50 für ihn und die Republik in jeder Hinsicht wechselvolle Jahre aus. In Lübeck ist er der Publikumsliebling. Warmer Beifall quittiert die zweistündige Reminiszenz an die Jahre, die das mehrheitlich mittelalte Publikum fraglos kennt. Den bewegenden Abend beschließen eine Zugabe pro Dichter und eine Sehenswürdigkeit mit Doppel-G: ein angedeutetes Tänzchen von Grass und Rühmkorf. Es wäre der deutschen Literatur zu wünschen, wenn es nicht ihr letztes bliebe. (Artikel erschienen in Die Welt am Mo, 18. April 2005)

Schlagworte:

Person:
Rühmkorf Peter; Enzensberger Hans Magnus; Wagenbach Klaus; Opitz Martin
Werke:
Letzte Tänze; Die Vorzüge der Windhühner; Gleisdreieck; Polnische Fahne; Tierschutz; Nächtliches Stadion; Die Seeschlacht; Kinderlied; Im Ei; Askese; Die Blechtrommel; Ausgefragt; Advent; März; Kleckerburg; Der Butt; Fundsachen für Nichtleser; Heiterer Morgen; Farbenlehre; Als der Walzer in Mode kam; Tango nocturno; Pan Kiehot; Gedichte und Kurzprosa; Die Köchin küsst
Sach:
Gruppe 47
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
15.04.2005
Datum Erstsendung:
15.04.2005
Aufnahmeort:
Lübeck
Sprachen:
deutsch
Kopie:

Länge der Kopie:
01:54:54
Tonträger:
CD-ROM
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sendereihe:
Nordwestradio (NWR)
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Autor(in))
Person:
Rühmkorf, Peter (Autor(in))
Person:
Enzensberger, Hans Magnus (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Rühmkorf, Peter (Vorredner(in))
Person:
Enzensberger, Hans Magnus (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Grass, Günter / Rühmkorf, Peter / Enzensberger, Hans Magnus: Lyriker - Treffen in Lübeck. Lübeck .

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