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DB-Nummer: 948

Meissner Tedeum : Nach dem "Tedeum laudamus" deutsch von Martin Luther und einem antiphonischen Text von Günter Grass

Zur CD Wolfgang Hufschmidt: Meissner Tedeum (SACD Hybrid Disc - Multichannel): Ob jedem Kunstwerk die jeweilige politische Situation innewohnt, in der es entsteht, ist kaum zu beweisen. Solches aber anzunehmen, vermag weitreichende und vielfach ungeahnte Perspektiven zu öffnen. Schließlich fallen ästhetische Gebilde nicht einfach so vom Himmel. Sie sind Dokumente und Protokolle ihrer Zeit, selbst wenn sie Jahre, Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte später durchaus noch Gehöriges mitzuteilen haben. Überhaupt entfaltet sich ihr Aussagepotenzial oft erst in der Rückschau, wenn historische Geschehnisse und Zusammenhänge sich klarer zeigen, als es in der jeweiligen Zeitgeschichte möglich zu sein scheint. Daraus nun allerdings herleiten zu wollen - was auch gern geschieht -, Kunst könne in ihrer Entstehungszeit ohnehin nicht richtig verstanden werden, der Künstler sei ob seines Künstlerseins den Zeitgenossen stets voraus, wäre fatal und verlangt nach Einspruch. 1939 sagte der Komponist Edgard Varèse: "Entgegen der herrschenden Auffassung ist der Künstler niemals seiner eigenen Zeit voraus, sondern einfach der einzige, der nicht verspätet ist." Als Wolfgang Hufschmidt in den Jahren 1967 und 1968 das MEISSNER TEDEUM schreibt, ein Auftragswerk der Internationalen Heinrich-Schütz-Gesellschaft aus Anlass des 1000-jährigen Bestehens des Domes zu Meißen (Sachsen), geht es ihm und dem Schriftsteller Günter Grass um einen deutsch-deutschen Dialog. Grass verfasst für die Komposition einen Gegentext zum traditionellen Tedeum-Text (in der Martin Luther-Übersetzung). Ein antiphonales Prinzip. Es ist nicht nur auf der Textebene präsent - den älteren singt der Chor, den jüngeren ein Vokalensemble -, sondern fungiert als durchgängiges Werkkonzept des MEISSNER TEDEUMS. Ursprünglich plant Hufschmidt, dass beide Vokalgruppen ihre Parte getrennt voneinander einstudieren und sie erst bei der Uraufführung im Meißner Dom zusammenzubringen. Ein Ensemble aus der Bundesrepublik sollte den Grass-Text interpretieren und die "Meißner Kantorei 1961" den Luther-Text. Die Politik vereitelt die Idee. Ohnehin ist das MEISSNER TEDEUM wiederholt Angriffen ausgesetzt, und die geplante Uraufführung am 25. Mai 1968 ist mehrfach gefährdet. Text- wie das grenzüberschreitende Produktions- und Realisationskonzept der Komposition - hier BRD, dort DDR - sorgen für erhebliche Schwierigkeiten. Günter Grass' Kommentare zum Tedeum missfallen der kirchlichen Obrigkeit in der DDR, man spricht gar vom "Teufel im Dom". Und die sich plötzlich einschaltende politische Staats- und Partei-Administration, an der die Diskussion selbstverständlich nicht vorbeigeht, betrachtet das Werk schließlich nicht mehr als eine nur "innerkirchliche" Angelegenheit. Der im MEISSNER TEDEUM verhandelte Diskurs von Glauben und Glaubenskritik avanciert zum Politikum. Ein solches Thema, das zwangsläufig die kirchliche Autorität in Frage stellt, bedroht womöglich auch die Staatsmacht. Und die Ereignisse von 1968 - der Prager Frühling, die Studentenrevolten in den westeuropäischen Ländern - befördern diese Meinung. So stehen Proben und Aufführung unter der Kontrolle der Staatssicherheit und der Volkspolizei - aus Angst vor politischen Unruhen. Dass angesichts dieser nervös angespannten Situation, den staatlichen wie kirchlichen Widerständen - die Musikkritik darf über die Aufführung nicht berichten, das Leipziger Gewandhausorchester nur anonym musizieren - das MEISSNER TEDEUM überhaupt realisiert werden kann, ist erstaunlich und rückblickend gar noch erstaunlicher. Dokumente, die erst nach 1989, nach der friedlichen Revolution in der DDR, öffentlich zugänglich geworden sind, belegen die ungeheure Brisanz, die die Komposition gut dreißig Jahre zuvor ausgelöst hat. All dies ist Wolfgang Hufschmidts MEISSNER TEDEUM inhärent.



Urtitel:
Genre/Inhalt:
Lyrik
Präsentation:
Adaption
Historischer Kontext:

Jubiläumskonzert im Dom zu Meißen.

Schlagworte:

Werke:
Gedichte; Meissner Tedeum
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
26.05.1968
Aufnahmeort:
Dresden, Meißen (Wiederaufführung)
Sprachen:
deutsch
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Lucaß, Martin (Beitragende(r))
Person:
Haenchen, Hartmut (Beitragende(r))
Person:
Hoene, Barbara (Beitragende(r))
Person:
Schmidt, Erich (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Dresden, Meißen (Wiederaufführung) .

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