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DB-Nummer: 950
10.20379/dbvid-0950

Regiert vom Kapital? : Kulturjournal - Günter Grass mischt sich in die Kapitalismus-Debatte ein

"Das ist eine schleichende Gefährdung der Demokratie. Nicht des Staates. Ein Staat hält 'ne Menge aus, selbst eine Halbdiktatur. Aber Demokratie nimmt Schaden", warnt Günter Grass vor den Auswüchsen des Kapitalismus. Gewinnmaximierung statt Gemeinwohl, Shareholder Value statt Solidarität - unserer Demokratie drohe der Zerfall, sagt Grass, wenn die Freiheit, auf der sie basiert, nur eine 'Freiheit nach Börsenmaß' ist, wie er sie nennt. Profitmaximierend und menschenverachtend. 'Freiheit' - wie sie sich unsere "global player" in den letzten Jahren genommen hat. Freiheit wird zu freier Marktwirtschaft "So ist der Freiheitsbegriff, der viel weiter fasst, verkürzt worden auf 'freie Marktwirtschaft', mit dem Ergebnis, das vorliegt. Mit dem, was dann passiert, wenn man der Ökonomie den Vortritt lässt, die Parlamente schrittweise, stückchenweise entmachtet werden, wenn die Lobby das Sagen hat. Wenn all diese Dinge passieren, die ja unübersehbar sind". Der Kapitalismus spielt verrückt Unübersehbar, dass börsennotierte Unternehmen Milliardengewinne erwirtschaften - und gleichzeitig zehntausende Menschen entlassen. Sozial ist das nicht, demokratisch auch nicht, aber - seit einiger Zeit - wie eine stille Übereinkunft. "Nach dem Zusammenfall der Sowjetunion ist der Kapitalismus als einzige Ideologie übrig geblieben, und seitdem spielt er verrückt. Das Kapital arbeitet nicht mehr, erarbeitet auch im Marxschen Sinne keinen Mehrwert mehr, sondern ist ein Vabanque-Spiel auf Kosten der Menschen. Es gibt nicht mehr die Sozialverpflichtung, wie sie im Grundgesetz steht, sondern die Dividende ist auf einmal das große Freiheitsgut". Parlamentarismus verkommt zur Farce Regieren Manager oder unsere Politiker? Das Vertrauen in die parlamentarische Demokratie geht immer weiter verloren. Wenn, wie Grass es nennt, das 'Diktat der Ökonomie' herrscht, wenn Wirtschaftslobbyisten die Entscheidungen prägen, wird der Bundestag zum Marionettentheater. "Das führt natürlich dazu, dass der Parlamentarismus Schaden erleidet, es verkommt zur Farce. Die Bürger im Land merken es. Man muss sich nicht wundern, wenn die Wahlbeteiligung zurückgeht. Das sind ja keine Dummköpfe. Die sehen, dass ihre Stimme nicht genügend ausrichtet, das die Leute, die sie frei wählen, verfassungsgemäß, von Leuten bestimmt werden, die ohne demokratischen Auftrag das Sagen haben". Müntefering hat einen Nerv getroffen Die Debatte um den Kapitalismus wird immer hitziger geführt. Da ist von "Heuschreckenplage" und "Antisemitismus" die Rede. Günter Grass hält die Diskussion für überfällig. Hätte SPD-Chef Müntefering nicht damit angefangen, hätte er es selbst getan. "Müntefering hat einen Nerv getroffen. Ich glaube, dass die Bundesbürger das alles geahnt haben. Er spricht die Dinge aus, die viele bei sich denken. Und er hat die Dinge auf den Punkt gebracht." Solidarität nur noch im Katalog der Fremdworte Es geht um den "Wirtschaftsstandort Deutschland" und die Frage: Was schadet den Menschen, was der Wirtschaft? Es ist die Debatte um einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz. "Ein Wort wie 'Solidarität' steht heute nur noch im Katalog der Fremdworte. Obgleich wir wissen, dass eine Gesellschaft - besonders eine Gesellschaft, die geschichtet ist, wie die der Bundesrepublik und mit der Erfahrung aus der Weimarer Republik - auf Solidarität angewiesen ist."



Urtitel:
Kulturjournal
Genre/Inhalt:
--
Präsentation:
--
Schlagworte:

Person:
Müntefering Franz
Sach:
Kapitalismus; Heuschrecken-Debatte
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
09.05.2005
Sprachen:
deutsch
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

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Zitierform:

Kulturjournal.

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