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DB-Nummer: 953

Grass liest in der Herzog-August-Bibliothek : Das Treffen in Telgte

Kogel, Jörg-Dieter

Grass las zum 275. Geburtstag von Gotthold Ephraim Lessing in der Herzog-August-Bibliothek, wo er Bibliothekar war und "Nathan der Weise" schrieb: zuerst die ersten vier (hier ausgestrahlt die ersten zwei) Kapitel aus "Das Treffen in Telgte" (wie schon bei einer Lesung vor 25 Jahren), dann Barock-Gedichten von Andreas Gryphius und schließlich noch eigene aus dem gerade herausgekommenen Lyrikband "Letzte Tänze". Zuerst äußert sich Grass zu seinem Verhältnis zu Lessing, der bis in die Gegenwart hinein Wellen schlägt, etwa mit seinem Engagement am Hamburger Theater. Er hat immer auch das Publikum im Auge gehabt, was man nicht für alle heutigen Regisseure sagen kann. Die gleich nach Erscheinen sehr gerühmte Erzählung "Das Treffen in Telgte" spielt zwar vor Lessings Zeiten, doch Grass weist anfangs darauf hin, dass die Sprachgewalt der Barockdichter erst die Grundlage für alle nachfolgenden deutschsprachigen Literaten schuf. Die Barockliteratur ist heute weitgehend unbekannt und wäre bald vergessen gewesen, wenn nicht Lessing etwa Logau ausgegraben hätte. Gryphius hat noch lateinisch angefangen, dann schrieb er seine ersten Sonnette, die bis heute beispielhaft geblieben sind. Später kommt der erste nennenswerte Roman, der "Simplizissimus", zeitgleich kommt Hoffmannswaldau. Von Anfang an ist alles da, von den Dialekttexten Laurenbergs über Opitz, der auf allen Klavieren spielen könne und eine erste deutsche Poetik geschrieben hat. Auch in der deutschen Sprache könne man alle bekannten Formen verwenden. Dort fängt die deutsche Literatur an, gleich als vielstimmiges Orchester. Birken hat die ersten Figurengedichte geschrieben, auf der anderen Seite stand Gerhardt, der die Natur in die Kirchenlieder eingebracht hat. Die Barockliteratur füllt, so Grass weiter vor der Lesung, Bücherschränke und wird sehr akademisch aufgefasst. Es fällt schwer, zu den Menschen vorzudringen, etwa zum politisch tätigen Doppelagenten Opitz. Dieser hat ihn interessiert, weswegen in "Der Butt" ein Treffen mit dem jüngeren Andreas Gryphius in Danzig erfunden wird. Nach Abschluss des Romans ergab sich, dass sein literarischer Ziehvater Hans Werner Richter 70 wurde und ein Geschenk überlegt sein wollte. Das gab die Idee, ein Treffen der Gruppe 47 ins Barockliteratur zurückzudatieren. Richter selbst war Vorbild für die Gestaltung des Dichters Simon Dach, der ebenfalls literarisch kein Großer war. Bei der Ausführung entstand eine ausgewachsene Erzählung als Nachklang zum Butt. Nach Zwischenmusik folgt die Lesung der ersten zwei Kapitel der Erzählung. Im Anschluss an abermalige Zwischenmusik (Glen Gould spielt Bach) liest Grass drei Sonette von Gryphius: 1. Threnen des Vatterlandes/ Anno 1636 Wir sindt doch nuhmer gantz/ ja mehr den gantz verheret! Der frechen völcker schaar/ die rasende posaun Das vom blutt fette schwerdt/ die donnernde Carthaun Hatt aller schweis/ vnd fleis/ vnd vorraht auff gezehret. Die türme stehn in glutt/ die Kirch ist vmbgekehret. Das Rahthaus ligt im graus/ die starcken sind zerhawn. Die Jungfrawn sindt geschändt/ vnd wo wir hin nur schawn Ist fewer/ pest/ vnd todt der hertz vndt geist durchfehret. Hier durch die schantz vnd Stadt/ rint alzeit frisches blutt. Dreymall sindt schon sechs jahr als vnser ströme flutt Von so viel leichen schwer/ sich langsam fortgedrungen. Doch schweig ich noch von dem was ärger als der todt. Was grimmer den die pest/ vndt glutt vndt hungersnoth Das auch der Selen schatz/ so vielen abgezwungen. 2. Menschliches Elende Was sind wir menschen doch? ein wohnhaus grimmer schmertzen. Ein baall des falschen glücks/ ein irrlicht dieser zeit. Ein schawplatz herber angst/ besetzt mit scharfem leid/ Ein bald verschmeltzter schnee vnd abgebrante kertzen. Dis leben fleucht davon wie ein geschwätz vnd schertzen. Die vor vns abgelegt des schwachen leibes kleidt Vnd in das todten buch der grossen sterblikeit Längst eingeschrieben sind/ sind vns aus sinn vnd hertzen. Gleich wie ein eitell traum leicht aus der acht hinfält Vnd wie ein strom verscheust/ den keine macht auffhält/ So mus auch vnser nahm/ lob ehr vnd ruhm verschwinden. Was itzund athem holt/ fält vnversehns dahin: Was nach vns kommen wird/ wird vns ins grab nach zihn. Was sag ich? wir vergehn gleich als ein rauch von winden. 3. Es ist alles eitell Dv sihst/ wohin du sihst nur eitelkeit auff erden. Was dieser heute bawt/ reist jener morgen ein: Wo itzund städte stehn/ wird eine wiesen sein Auff der ein schäffers kind wird spilen mitt den heerden. Was itzund prächtig blüht sol bald zutretten werden. Was itzt so pocht vndt trotzt ist morgen asch vnd bein. Nichts ist das ewig sey/ kein ertz kein marmorstein. Jtz lacht das gluck vns an/ bald donnern die beschwerden. Der hohen thaten ruhm mus wie ein traum vergehn. Soll den das spiell der zeitt/ der leichte mensch bestehn. Ach! was ist alles dis was wir für köstlich achten/ Als schlechte nichtikeitt/ als schaten staub vnd windt. Als eine wiesen blum/ die man nicht wiederfindt. Noch wil was ewig ist kein einig mensch betrachten. Abschließend trägt Grass noch eigene Lyrik aus dem Band "Letzte Tänze" vor, inklusive Einleitung. Nach dem düsteren Stoff von "Im Krebsgang" hatte Grass den Wunsch, etwas Heiteres zu machen. Er fing an, aus Ton tanzende Paaren zu formen. Es folgten Gedichten über Tänze, daraus wurde der Band, der Bild und Wort verbindet. Es ist auch eine Reise in die eigene Jugend. Gesendet wurde "Einst in der Löwenburg".



Urtitel:
Die Dokumentation
Anfang/Ende:
(Trailer, Anmoderation) Am Mikrofon ist…verabschiedet sich Jörg-Dieter Kogel. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Dokumentation
Historischer Kontext:

Bundespräsident Rau eröffnet Lessing-Jahr 2004 (epd / ST). Mit einer Festrede in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel eröffnet Bundespräsident Johannes Rau am Donnerstag das Lessing-Jahr 2004. Der 22. 1. ist der 275. Geburtstag des Schriftstellers und Dramatikers Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781). In Lessings Geburtsort Kamenz bei Dresden haben bereits am Wochenende in Anwesenheit von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse die 43. Lessing-Tage begonnen. Thierse vertrat die Auffassung, Lessings Werke wie sein Theaterstück «Nathan der Weise», das für Toleranz der Religionen eintritt, gehörten nicht ins «Museum edler Utopien», sondern in die Schulen, Theater und Bibliotheken. Lessing wurde 1729 in Kamenz als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren. Von 1770 bis zu seinem Tod am 15. Februar 1781 leitete er die Bibliothek der Wolfenbütteler Herzöge. Die Herzog-August-Bibliothek plant in diesem Jahr noch eine Reihe von Veranstaltungen zum Lessing-Gedenken. Der Schriftsteller Günter Grass kommt am 31. Januar zu einer Lesung. Die Autorin Elfriede Jelinek erhält am 2. Mai den Lessing-Preis für Kritik.

Schlagworte:

Person:
Lessing Gotthold Ephraim; Dach Simon; Logau Friedrich von; Gryphius Andreas; Opitz Martin; Moscherosch Johann Michael; Schneuber Johann Matthias; Lauremberg Johann; Hofmannswaldau Christian Hofman von; Richter Hans-Werner; Buchner Augustus; Zesen Philipp von; Greflinger Georg; Weckherlin Georg Rudolf; Scheffler Gerhardt Paul; Friedrich Wilhelm von Brandenburg; Birken Sigmund von; Czepko von Reigersfeld Daniel
Werke:
Das Treffen in Telgte; Letzte Tänze; Der Butt; Im Krebsgang; Einst in der Löwenburg
Sach:
Herzog-August-Bibliothek
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
31.01.2004
Datum Erstsendung:
11.04.2004
Sprachen:
deutsch
Kopie:

Länge der Kopie:
00:53:04
Tonträger:
MC
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Teilnehmende:

Person:
Kogel, Jörg-Dieter (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Kogel, Jörg-Dieter: Die Dokumentation.

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