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DB-Nummer: 961
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In Abrahams Schoß : Günter Grass bereist den Jemen

Lienhard, Tim

In Abrahams Schoß - Günter Grass bereist den Jemen R: Tim Lienhard. - Bonn: Inter Nationes, 2003. - Video: 29 Min. - farb. Günter Grass folgt einer Einladung des jemenitischen Staatspräsidenten. Freunde, Mitarbeiter und Journalisten begleiten ihn auf eine Reise ( Dezember 2002) in ein faszinierend schönes Land, das allerdings auch eines der ärmsten Länder der Welt ist. Englische Fassung (In Abraham’s Bosom - Günter Grass travels in Yemen)



Urtitel:
In Abrahams Schoß - Günter Grass bereist den Jemen
Anfang/Ende:
(MUSIK) Dezember 2002. Der…sind schon vergeben. (MUSIK, Abspann)
Genre/Inhalt:
Kultur
Präsentation:
Dokumentation
Historischer Kontext:

Sicher wie in Abrahams Schoß? Günter Grass bereiste den Jemen und tat viele Dinge zum ersten Mal. Von Tim Lienhard Von Reisen in den Jemen wird abgeraten, wenn sie nicht zwingend notwendig sind. Angst wird geschürt vor einem bis an die Zähne bewaffneten Land, in dem außerhalb der Städte jeder Halbwüchsige mit einer Kalaschnikov herumlaufen darf. Hier bekämpfen sich ganze Dörfer! Dazu muss man wissen: Bis 1990 war der Jemen ein geteiltes Land; der Südjemen wurde kommunistisch regiert, der Nordjemen von islamistischen Militärs. Nach einem Bürgerkrieg im Südjemen wurden die beiden Staaten unter den Fundamentalisten vereinigt - die einen wichtigen Helfer im Irak hatten: Saddam Hussein. Noch immer gehören blutige Auseinandersetzungen zwischen alt eingesessenen Stämmen, großen Familien und kleinen Siedlungen zum Alltag. Der Jemen ist eine Männergesellschaft. Frauen tauchen nur bis an die Augen verschleiert auf, wie wandelnde, konturlose Statuen. Die Männer dagegen sind laut, archaisch, sehr orientalisch und ausgesprochen freundlich. Wenn Frauen lachen, sieht man das nicht, die Männer und Kinder aber haben ein so schönes Lachen, dass man allein deswegen gerne ihr Freund werden möchte. Zwischen Militärposten und diesem Lachen, zwischen Waffenlieferungen aus Nordkorea - die gerade dieser Tage Schlagzeilen machten - und warmherziger Gastfreundschaft muss man seine Haltung finden. Günter Grass fiel das leicht: Die jemenitische Regierung gab eine Sicherheitsgarantie für seinen Aufenthalt ab. Er war Staatsgast, als er mit Schwägerin, Lektor, Mitarbeitern und Freunden das wunderschöne Land bereiste. Eskortiert wurde er von ein paar Dutzend Militärs. Für den deutschen Nobelpreisträger hatte sich der Jemen finanziell verausgabt. Der mächtigste Mann des Landes, Staatspräsident Ali Abdullah Saleh, ließ ein Besuchsprogramm zusammenstellen, das dieses Dritte-Welt-Land ein Vermögen gekostet hat. Zwölf Tage reiste die Delegation durch 3000 Meter hohe Gebirge und weite Wüstentäler, im Bus und in Jeeps. Bei Bedarf wurde auch mal eine Boeing gechartert. Man flog first class und bereiste all jene Sehenswürdigkeiten, die auf den jemenitischen Geldscheinen zu sehen sind: Wüstenstädte, Paläste, Aden. Nicht selten wurde der rote Teppich ausgerollt. Das Reisegepäck gewann von Station zu Station an Gewicht: silberne Krummsäbel, Schmuck für die Gattin, eimerweise Honig und pfundweise Kaffee, Folklore und Kostbarkeiten für jeden Einzelnen der Delegation. Grass revanchierte sich mit 10 000 Euro. Er regte an, mit diesem Geld eine Stiftung zu gründen, die in der reizvollen Gegend des Hadramaut im Inneren des Jemen eine Berufsschule betreiben soll – er war noch ganz beeindruckt von der überwältigenden Schönheit der zum Weltkulturerbe gehörenden Lehmbauten von Shibam; mit seiner Stiftung will er das aussterbende Bauhandwerk wieder beleben, das siebenstöckige Lehmbauten hervorgebracht hat. Der Dichter reiste übrigens unerschrocken und mutig. Naiv wirkte allerdings mitunter sein Auftreten gegenüber hartgesottenen Polit-Militärs. Immer wieder nahm Grass Meinungsfreiheit für sich in Anspruch. "Die wissen ja schließlich, wen sie sich hier eingeladen haben!", rechtfertigte er seine Provokationen, mit denen er manchen seiner fundamentalistischen Gastgeber vor den Kopf stieß. Einmal rundherum reiste der Weltautor: von Sanaa über Taiiz nach Aden, Seyun und Shibam, bis er endlich wieder in der Hauptstadt landete. Dort gab es ein Dichtertreffen. Die Stars dieser deutsch-arabischen Konferenz waren der Syrer Adonis und der Palästinenser Machmud Darwisch, der einst Reden für Arafat schrieb. Klar waren die Fronten, und sie blieben es auch. Aus Sicht der meisten Araber lassen sich Waffenlieferungen an Israel nicht mit Solidaritätsbekundungen für die Palästinenser vereinen. "Die Araber dürfen sich nicht immer in der Opferrolle sehen", meinte Grass. "Es gibt genug Alleinverantwortung der Araber, und jeder Tote ist ein Toter zuviel." Nach der Politik wollte Günter Grass unverblümt über Erotik in der Literatur sprechen; seine arabischen Kollegen scheuten sich. Dennoch kam es zum Dialog. Einig war man sich immerhin, dass die Trennung von Staat und Religion die Voraussetzung für Meinungsfreiheit sei. Trotz mehrerer Konferenztage, gab es Abstecher und Ausflüge, Diplomatenempfänge - auch eine Audienz beim Gastgeber, dem Staatspräsidenten. Gesehen hatte Günter Grass, wie alle anderen Reisenden auch, den Mann schon viele tausend Mal, denn sein Konterfei hängt in jedem Taxi und Büro. Der oberste Boss des Jemen, der auch der oberste Militär ist, übergab Günter Grass einen Orden. Grass nahm an, setzte sich aber zuvor für einen verfolgten Dichter ein. Der Nobelpreisträger blieb während seines zwölftägigen Aufenthalts im Jemen auf der mit Waffen gesicherten Sonnenseite. Er lieferte mit seinem am Anfang der Reise geäußerten Satz "Ich fühle mich hier sicher wie in Abrahams Schoß" ein erstaunliches Bekenntnis zum Fremdenverkehr in das ferne Land, das inzwischen von Touristen gänzlich gemieden wird. Der Tourismusminister, ein Cousin des gelegentlich die Reiseroute kreuzenden ehemaligen Ministerpräsidenten al-Iryani, machte diese willkommenen Worte zum Slogan. Wie sollte selbst ein so erfahrener Mann wie Grass, der im gestandenen Alter von 75 Jahren binnen weniger Tage so viele Dinge zum ersten Mal tat - zum ersten Mal Kat kaute, zum ersten Mal Wasserpfeife rauchte -, wie sollte er Unverständliches verdauen und auf Widersprüche angemessen reagieren? Und das unter einer Kontrolle, die fast rund um die Uhr anhielt, unter den Bedingungen einer eindeutig parteiischen Gastfreundschaft? Ein Ausdruck dieser auch für ihn spürbaren Ungereimtheiten war, dass der reiselustige Autor nach Abschluss eines ausführlichen Interviews mit dem arabischen Fernsehsender Al Dschasira plötzlich sagte: "Ich bin dafür, dass wir jetzt alle nackt baden gehen." Damit rebellierte Grass gegen Sonderbarkeiten, die für den diplomatisch Ungeschulten und Künstler echte Zumutungen waren. Im Interview mit Al Dschasira hatte Grass keine Hemmungen, den Rücktritt Saddam Husseins zu fordern. Am Büffet des PLO-Vertreters in einem einfachen Hotel war er jedoch deutlich überrascht, als vor ihm in der Reihe zu den Hühnerbrüstchen der irakische Botschafter stand. Der drehte sich um, begrüßte den Ehrengast und lud ihn ein, als nächstes den Irak zu bereisen. Da war Grassens Unerschrockenheit erheblich gefordert. Nett wich er aus, wie man das am kalten Büffet eben so tut. Reiselust muss auch ein Günter Grass begründen. Den Jemen unterstützen, für Tourismus werben, leichtfertige Vorurteile abbauen – das mag ja sinnvoll sein. Doch nach Bagdad kann ihn im Moment wirklich nichts locken. Tim Lienhard lebt als Filmemacher in Köln. Artikel erschienen am 4. Jan 2003 in "Die Welt" Die Zeit; 3/2003: Der Schriftsteller als Missionar Von Werner Bloch Günter Grass fliegt in den Jemen, ignoriert vermeintliche Gefahren und erlebt die schönste Reise seines Lebens: Baden im Golf von Aden, Streiten mit dem Staatspräsidenten, vor allem aber Werben für westöstliche Völkerverständigung Ist es Ostern? Oder Palmsonntag? Eine Zeitmaschine hat uns 2000 Jahre zurückgeworfen, in eine Epoche, als Propheten noch etwas galten. Nur kommt diesmal kein religiöser Verkünder, sondern ein bekennender Atheist, kein Religionsstifter, sondern ein Literat. Groß ist die Aufregung, das ganze Volk auf den Beinen, als es gilt, den Besucher in die Moschee zu geleiten. Eine Prozession mit Trommeln und Flöten vor wildromantischem Bergpanorama. Als der Mann aus Lübeck – umringt von bunten Gestalten mit Turbanen und Kaftanen, über denen strenge europäische Jacketts getragen werden – die Moschee ansteuert, ertönt von einem Felsen, der jäh oberhalb des Bergdorfs aufragt, der ungeheure Ruf: »Im Namen Allahs, willkommen sei Günter Grass.« Nicht alle Besucher werden im Jemen so fromm begrüßt, doch es kommen auch nicht mehr viele hierher, seit das Land als Rückzugsgebiet von al-Qaida gilt und von den Amerikanern auf der »Achse des Bösen« verortet wurde. Ende Dezember ging die Nachricht über die Ermordung dreier amerikanischer Ärzte im südjemenitischen Jibla durch die Presse. Doch solche Meldungen stehen nur für einen kleinen Ausschnitt aus der jemenitischen Wirklichkeit. Der Großteil des Landes fußt auf einer friedlichen archaischen Kultur, wie sie die muslimische Sekte der Ismaeliten vorlebt, die Günter Grass an diesem Morgen besucht. Ins Hochland mit seinen Terrassen und Felsendörfern haben sich die Ismaeliten vor Jahrhunderten angesichts der Verfolgungen durch die muslimische Orthodoxie zurückgezogen. Heute beeilen sich die ehemaligen Ketzer, ein Bekenntnis zur Friedfertigkeit des Islam abzulegen. Wer nachts durch Sanaa streift, ist dort sicherer als in vielen europäischen Hauptstädten Günter Grass erlebt hier auf den Bergspitzen des Djebel Haraz eine Epiphanie eigener Art: Der Junge, der auf dem Weg in das Städtchen Manakhah vor ihm her läuft und hingebungsvoll die Blechtrommel spielt, sich fast bis zur Bewusstlosigkeit die Kehle aus dem Leib singt, sieht aus wie eine Wiedergeburt von Oskar Matzerath, dem Helden aus der Blechtrommel. Günter Grass ist bewegt: »Haben Sie gesehen? Das war kein normaler Junge, er hatte ganz alte Augen.« Wenn Grass durchs Land reist, ist das natürlich kein normaler Touristentrip. Der Staatspräsident stellt die Karosse, man reist mit einem Tross von Sicherheitsbeamten, mit Bus und 16 weiteren Fahrzeugen. Immer dem Blaulicht nach! Ein Polizeiauto vorn, eines am Ende des Konvois, Sirenen, Hupen, dazu Soldaten in offenen Jeeps, die die Kreuzungen und Zufahrtsstraßen sichern. Privatautos werden zur Seite gedrängt, der Konvoi donnert wie ein Zug durchs leere Land. Aber es gibt auch Momente der Entschleunigung. Zum Beispiel wenn Grass anhalten lässt. Dann nimmt er seinen Zeichenblock, setzt sich seelenruhig zwischen die Menschen oder vor eine Flusslandschaft, fängt Gesichter, Figuren und Panoramen ein. Ja, Grass ist glücklich hier, euphorisch. »Dies ist die schönste Reise meines Lebens – und ich habe viele Reisen gemacht«, betont er immer wieder, überwältigt von Geschichte und Natur, aber natürlich auch dem königlichen Empfang, der ihm bereitet wird. Eine 22-köpfige Delegation aus Deutschland begleitet Grass auf Einladung des jemenitischen Staatspräsidenten. Die Visite trägt alle Züge eines offiziellen Staatsbesuchs: vom durchorganisierten Programm bis zu den üppigen orientalischen Geschenken, die jeder bei der Abreise in seinem Koffer findet. Ausgedacht hat sich das Projekt die Dichterin Amal al-Jubouri, die als Kulturattaché in der jemenitischen Botschaft in Berlin arbeitet und weiß, wie sehr Kultur das Image eines Landes aufwerten kann. Der Jemen gehört zu den ganz großen Traumzielen vieler Deutscher. Das Reich der Königin von Saba, die zur Zeit Salomons die gesamte so genannte Weihrauchstraße kontrollierte und es zu sagenhaftem Reichtum brachte, die Schönheit der Landschaften zwischen Wüste und Bergen, Meer und Sahelzone, die faszinierende Stadt Sanaa mit ihrer Architektur – all das macht den Jemen unwiderstehlich. Gerade Deutsche haben zu seiner touristischen Entdeckung beigetragen. Sie sind bis heute angesehen und beliebt. Und doch ist der Tourismus zusammengebrochen, kaum noch einer traut sich her, nachdem es in den neunziger Jahren spektakuläre Entführungen gab. »Ich fühle mich hier so sicher wie in Abrahams Schoß«, sagt der Nobelpreisträger. »Schande über diejenigen, die nicht das bisschen Zivilcourage aufbringen, dieses wundervolle Land zu bereisen.« Tatsächlich gibt es viele Länder, zum Beispiel in Südamerika, die wesentlich gefährlicher sind als der Jemen. Wer nachts durch Sanaa streift, ist dort sicherer als in vielen europäischen Hauptstädten. Auch ohne Begleitung von Sicherheitsbeamten. Kein Tourist braucht sich in einem Ghetto einzubunkern, man kann Kontakt zur Bevölkerung aufnehmen, am besten natürlich bei einer Katsitzung. Der bitter schmeckende Saft der Blätter des Katstrauches hat euphorisierende Wirkung, er enthält ein Amphetamin, das die Zunge löst. Deshalb werden Probleme im Jemen gern bei Katsitzungen besprochen. Wie sehr der Jemen im Umbruch ist, erfährt man vor allem auf einer Reise in den Süden. Bis 1990 gab es einen Nord- und einen Südjemen; beide Teile vereinigten sich im selben Jahr wie die beiden deutschen Staaten. Doch der ehemals sozialistische Süden wollte sich danach noch einmal abspalten. Es kam 1994 zu einem Sezessionskrieg. Seitdem muss die ehemals freizügigere und sozial fortgeschrittenere Volksrepublik um die Hauptstadt Aden eine massive Reislamisierung über sich ergehen lassen. Schul- und Gesundheitswesen haben sich zurückentwickelt. Gerade die jüngeren Frauen und heranwachsenden Mädchen sind, abgesehen von den Augen, völlig verschleiert, während ihre Mütter herumlaufen, als könne ihnen das Schleierdiktat nichts anhaben. Ein merkwürdiger Riss geht durch die Familien. In Aden selbst gibt es nicht viel zu sehen, obwohl die Stadt einst, als die großen Dampferpassagen von Europa nach Indien führten, zu den wichtigsten vier Passagierhäfen des britischen Empire gehörte. Aden fällt heute vor allem durch seinen Leerstand und den Grad der Verfallenheit auf: kilometerweit nichts als unvollendete Steinbauten. Der Hafen ist verwaist, seit hier im Herbst 2000 ein Selbstmordanschlag auf das amerikanische Kriegsschiff USS Cole verübt wurde. Das Haus, in dem der Dichter Arthur Rimbaud zwiespältige Waffengeschäfte geführt haben soll, nennt sich jetzt Rambow’s Hotel und sieht aus wie ein Bordell. Nur das Meer ist traumhaft in Aden. Wer sich vom Sheraton aus ins Wasser stürzt, sollte allerdings Obacht auf seine Füße geben. Spitzes Geröll türmt sich unsichtbar unter der Wasseroberfläche, man verletzt sich beim Inswassersteigen bis aufs Blut, nur Grass bleibt wunderbar verschont. »Macht euch um mich keine Sorgen«, sagt er, bevor er hinausschwimmt, »ich bin doch an der Ostsee aufgewachsen.« »Eid Mubarak« – frohes Fest! Heute ist der Ramadan zu Ende gegangen, es gibt wieder Bier, zumindest in den großen Hotels. Im Sheraton sogar normales Becks, nicht nur alkoholfreies. Das Sheraton, munkelt man, hat nicht nur eine fantastische Küche mit den besten Fischspezialitäten der Stadt. Nachts soll es in der Hoteldisco auch zu Freizügigkeiten kommen, die es sonst im ganzen Land kaum noch gibt. »Deshalb befürchten wir, dass das Sheraton einmal Opfer eines Bombenanschlags werden könnte«, sagt eine langjährige deutsche Beobachterin. Das Hotel wird jedoch stark bewacht. Morgens um neun soll es weitergehen, per Flugzeug in den Hadramaut. Doch am Flughafen gähnende Leere: keine Maschine in Sicht, und es wird auch in den nächsten fünf Stunden keine erwartet. Die Situation scheint aussichtslos. Ein völlig abgewrackter Teil des Flughafens mit Schutthaufen und zerschossenen Scheiben ist für Transitpassagiere gedacht und lässt nichts Gutes erwarten. Also Weiterfahrt per Bus? Nicht wenn man Gast des Staatspräsidenten ist und der Chef der Fluggesellschaft Yemenia zugleich Schwiegersohn des Präsidenten Ali Abdallah Saleh. Kurzerhand wird ein Airbus aus Sanaa abgerufen, mit 300 Sitzen, allein für die kleine deutsche Delegation. Nachmittags fliegen wir tatsächlich im weiten Bogen über das Meer, über die keilartigen, fantastischen Felsformationen der Tafelberge, die aussehen, als hätte man sie mit der Laubsäge ausgeschnitten. Jenseits der furchterregeden Wüste Rub al-Khali, die übersetzt »Leeres Viertel« heißt, geht es nach Shibam, dem »Manhattan in der Wüste«, einem architektonischen Wunder. Von hier sind es nur noch wenige Kilometer bis zu jener abgelegenen Gegend, aus der der Vater von Osama bin Laden stammen soll. Der Jemen ist traditionell kein Ort des Fundamentalismus Mit ihren bis zu siebenstöckigen Häusern aus Lehm gilt Shibam als Perle des Hadramaut. Die Stadt liegt mitten in einem Wadi und ist das Zentrum der jemenitischen Lehmarchitektur. Kaum jemand aber beherrscht noch die Kunst des Lehmbaus, ganze drei Baumeister, von denen der jüngste 70 ist. Günter Grass beobachtet, notiert und lässt sich in die Häuser einladen. Am nächsten Tag macht er dem Gouverneur der Provinz einen Vorschlag: Man solle doch eine Berufsschule für Architekten gründen, am besten über eine Stiftung. Er, Grass, sei bereit, dafür 10000 Euro zur Verfügung zu stellen. Der Gouverneur legt dieselbe Summe drauf, es kann ernst werden mit der Erneuerung der Tradition. Am Ende seiner Reise steht dann noch ein dreitägiger Dichterkongress in Sanaa, bei dem Grass mit arabischen Schriftstellern und Intellektuellen über Literatur und Freiheit, Demokratie und Engagement diskutiert. Kein Leichtes, eine gemeinsame Sprache zu finden, zum Beispiel als Grass behauptet, man könne sowohl ein Freund der arabischen Länder als auch ein Freund Israels sein. Die jemenitischen Schriftsteller sind da ganz anderer Meinung. Anschließend will Grass über Freizügigkeit und Körper diskutieren. Doch eine junge Frau antwortet: »Wenn ich das Wort Körper höre, denke ich nicht an Erotik und Sex, sondern an die verbrannten Körper der palästinensischen Jugendlichen, die von israelischen Soldaten getötet wurden.« Grass aber bleibt streitbar. Selbst den Staatspräsidenten verwickelt er bei einer Audienz im Präsidentenpalast in einen kleinen Disput, bei dem sich der Nobelpreisträger für einen jemenitischen Autor einsetzt, der sich wegen einer Veröffentlichung bedroht glaubt: »Ich weiß, Herr Präsident, es gibt ein Gerichtsurteil gegen diesen Autor. Aber die Literatur hat auf Dauer gesehen den längeren Atem.« Der Präsident ist erst sichtlich verstört, dann aber erstaunlich wohlwollend gegenüber dem unbotmäßigen deutschen Schriftsteller, dem er eigentlich nur einen Orden umhängen wollte. Gerade dank seiner Offenheit kommt Grass erstaunlich gut an. Und wenn es nach ihm geht, dann soll in Sanaa eines Tages eine Konferenz über die Probleme wiedervereinigter Staaten stattfinden. »Da hätte ich einen guten Grund, noch einmal herzukommen.« Die Fassaden mit den weiß getünchten Fenstern, die unzähligen Buden mit ihren Angeboten an Silberschmuck, Perlen, Schatzkästchen und Tuchen machen Sanaa zu einer reichen und attraktiven Metropole, aber ohne die Zudringlichkeiten, die aus anderen arabischen Kapitalen bekannt sind. Seit Sanaas Altstadt Weltkulturerbe ist, wurde viel für ihre Erhaltung getan. Heute bedroht eher das exzessive religiöse Bauen der Saudis die Silhouette. Ihre viel zu hohen Minarette zerstören die Proportionen des Ensembles und zeigen den Anspruch der sehr viel strengeren wahabitischen Religion der Saudis. Der Jemen selbst ist traditionell kein Ort des Fundamentalismus. Günter Grass will nun etwas für den Tourismus unternehmen. »Ich möchte junge, bildungshungrige Menschen einladen, dieses wunderbare Land zu besuchen«, sagt er. »Wir dürfen nicht so tun, als sei die jeweils andere Kultur eine feindliche Masse.« Das wirtschaftlich strangulierte Land will seine Isolation durchbrechen, und wer kommen mag, findet hier perfekte Organisation und deutschsprachige Betreuung. Touristen werden im Jemen händeringend erwartet.

Schlagworte:

Sach:
Reisereportage; Reise; xxx
Geo:
Jemen
Aufnahme:

Datumszusatz:
Produktionsdatum: 2003
Aufnahmeort:
Bonn/Jemen
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:29:00
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
VHS
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:29:11
Tonträger:
DVD
Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Teilnehmende:

Person:
Lienhard, Tim (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Dahm, Daniela (Beitragende(r))
Person:
Wali, Najem (Beitragende(r))
Person:
Al-Jubouri, Amal (Beitragende(r))
Person:
Al-Shalah, Ali (Beitragende(r))
Person:
Stolz, Dieter (Beitragende(r))
Person:
Bloch, Werner (Beitragende(r))
Person:
Darwish, Mahmud (Beitragende(r))
Person:
Salih, Ali Abdallah (Beitragende(r))
Person:
Taufiq, Suleman (Beitragende(r))
Person:
Desinger, Bernd (Regie)

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Zitierform:

Lienhard, Tim: In Abrahams Schoß - Günter Grass bereist den Jemen. Bonn/Jemen .

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