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DB-Nummer: 968

O-Töne zur Veröffentlichung des Films "Unkenrufe"

1. Sendefertiges Funkfeature Dialogausschnitte (02'59'') Anfang: Passend zum deutsch-polnischen… Ende: jetzt im Kino. 2. Alexander lernt Aleksandra auf dem Markt kennen (00'21'') 3. Alexander und Aleksandra schmieden eine Idee (01'06'') 4. Alexander zeigt Aleksandra den idealen Ort (00'27'') 5. Der Oberkirchenrat mischt sich ein (00'47'') 6. Alexanders Familie ist wenig begeistert über seine neue Liebe (00'56'') 7. Polnisch-deutsches Abstimmungsverfahren (02'27'') 8. Das Unternehmen floriert (00'51'') 9. Ein polnisch-deutscher Kompromiss (00'57'') 10. Luxushotels für Trauernde (01'16'') Interviewausschnitte: Günter Grass (Buch) über: 11. Die Aufgaben des Schriftstellers (00'37'') 12. Seine Erfahrung mit der Verfilmung eines Buches (00'39'') 13. Die Lenin-Werft in Danzig (00'28'') 14. Die Tragigkomik der Geschichte (00'38'') Matthias Habich (Alexander) über: 15. Die Idee einer Friedhofsgemeinschaft (00'23'') 16. Seine Rolle (01'24'') 17. Die Unke als Metapher (00'45'') Regina Ziegler (Produzentin) über: 18. Das Ergebnis (00'48'') Manuskripte zu den Ausschnitten: zu 11. bis 14.: Danzig oder die Möglichkeit, einander zu verstehen Ein Gespräch mit Günter Grass Herr Grass, haben Sie in Robert Glinskis Verfilmung der "Unkenrufe" Ihr Buch erkannt? Die Idee der Erzählung ist erhalten geblieben, diese humane Idee eines Versöhnungsfriedhofes, die dann an der Kommerzialisierung scheitert, wie wir es heutzutage auf allen möglichen Gebieten erleben. Den Drehbuchautoren und dem Regisseur ist es gelungen, die verschiedenen Handlungsstränge miteinander zu arrangieren, was schwierig ist. Ich bin damit zufrieden, mir hat das gefallen. Die Ironie, der Humor des Buches sind dabei erhalten geblieben. Es gelingt dem Film, ein ernstes Thema heiter zu behandeln, ohne Schwere. Das gefällt mir, und das entspricht der Erzählung. Der Film bewahrt das ironische Spiel mit den jeweiligen Klischeevorstellungen - wie ein Deutscher zu sein hat, wie ein Pole zu sein hat. Das kommt im Film gut. Die Schauspieler sind ausgezeichnet, die Kameraführung ist wunderbar. Man ist nicht der Gefahr erlegen, eine Art Sightseeing des schönen Danzig zu machen. Der Generationengegensatz der Erzählung kommt auch im Film gut heraus: Die ältere Generation möchte die Idee des Versöhnungsfriedhofes realisieren, scheitert aber damit; die junge Generation, also Aleksandras Sohn, der Trotzkist ist, und die beiden Töchter von Alexander, ist - aus den verschiedensten Gründen - ganz und gar dagegen. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Generationengegensatz auch beim Publikum eine Rolle spielen wird. Natürlich gibt es Dinge, die im Prosatext Nebensätze sind, während der Film immer dazu neigt, zu vergröbern, aber das muss man akzeptieren. Im Film tauchen Elemente auf, die in der Erzählung nicht vorhanden sind. Stört Sie das? Nein, das stört mich nicht. Im Buch gibt es zum Beispiel nicht diese Eifersuchtsgeschichte. Und die Liebesbeziehung zwischen Alexander und Aleksandra ist bei mir etwas deftiger, das ist ein richtiger zweiter Frühling, während die beiden im Film das Ganze etwas melancholischer angehen. Aber das ist eine mögliche Interpretation. Alexander Reschke hat viel mit Ihnen gemeinsam. Er ist mein Jahrgang, er hat die Erfahrungen meiner Generation. Er ist ein Gelehrter, fixiert auf das, was er macht, er bringt klischeehaft deutsche Züge mit. Mir kam es darauf an, die ja vorhandenen klischeehaften Vorstellungen - wie ist ein Deutscher? wie ist ein Pole, in diesem Fall eine Polin? - in Frage zu stellen. Am Ende erweist sich Aleksandra ja als die Realistin, während Alexander in Ideen verschwindet; eine Umkehrung der Rollenverteilung, und das war für mich reizvoll. Vielleicht hängt das mit meinem zunehmenden Alter zusammen, es gibt so viele Liebesgeschichten über junge Leute; mich hat gereizt, dass zwei Ältere noch einmal die Chance zu einer Liebe, einer Leidenschaft, einer erotischen Begegnung wahrnehmen. Das hat mich als zusätzliches Moment bei der Geschichte gereizt. Beide haben vergleichbare Erfahrungen: Aleksandra kommt aus einer polnischen Familie aus Litauen, einer Flüchtlingsfamilie. Und Alexander stammt auch aus einer Flüchtlings- und Vertriebenenfamilie. Diese Worte werden direkt ausgesprochen, das ist gegen die political correctness der Zeit gewesen. Auch in Polen hat man es ungern gehört, wenn von Vertriebenen gesprochen wurde. Aber meine Eltern und meine ganze Verwandtschaft sind regelrecht vertrieben worden. Man muss - und das macht das Buch - deutlich klarstellen: Wer hat mit den Vertreibungen angefangen? Auch wenn es in dem Buch nicht wortwörtlich so steht, ist das Ganze auf den Hitler-Stalin-Pakt zurückzuführen, ein teuflisches Übereinkommen, das damals schon Polen von Osten nach Westen verrückt hat. Und Stalins Gegenleistung war, dass die Deutschen aus den baltischen Staaten und aus Bessarabien und von überall "heim ins Reich" geholt wurden. Nach der Besetzung wurden die Bauern auch in meiner unmittelbaren Gegend, also in Danzig, in der Kaschubei, vom Hof vertrieben, und baltendeutsche Bauern wurden an ihrer Stelle eingesetzt. Das war die erste Vertreibung. Das ist ein Unrecht gewesen. Und dann ist dieses Unrecht auf uns zugekommen. Aber es bleibt Unrecht, jede Vertreibung ist Unrecht. Für jeden, der dadurch seine Heimat verloren hat, ist das ein schmerzhafter Vorgang. So ist das Gefühl, das auch nicht abzustellen ist, wenn der Kopf weiß, dass das Ganze eine Konsequenz eines von deutscher Seite begonnenen und verbrecherisch geführten Krieges ist. Allein vom Kopf her kann dieser Verlust anerkannt werden. Diese Einsicht war für meine politische Betätigung in all den Jahren ausschlaggebend. Deswegen bin ich mit Siegfried Lenz, der aus Ostpreußen kommt, 1970 in der Delegation von Willy Brandt nach Warschau gefahren, als er den berühmten Kniefall machte. Das ist nicht leicht für uns beide gewesen, weil wir wussten, jetzt wird etwas unterschrieben, was wir vom Kopf her zwar bejahten, aber vom Gefühl her als Verlust empfanden. Und dennoch haben wir es getan. Das ist die gedankliche Vorgabe für die "Unkenrufe", die Spekulation über die Idee eines Versöhnungsfriedhofes kam auch aus meinen eigenen Erfahrungen heraus. Ich bin 1958 zum ersten Mal wieder nach Gdansk gefahren, auf der Suche nach Spuren der Stadt Danzig, die ich kannte. Ich arbeitete damals an der "Blechtrommel", lebte in Paris und fuhr zuerst nach Warschau. Über einen Freund, Andreij Wirth, bekam ich Zugang zum Innenministerium, wo in einem Büro drei ältere Herren saßen und Akten aus der Nazizeit verwahrten. Ich suchte Überlebende der polnischen Post in Danzig. Offiziell hieß es, alle Verteidiger seien erschossen worden, aber man müsse weiterforschen. Es stellte sich heraus, dass es in diesem Büro Adressen aus dem Jahre 1949 von drei Überlebenden gab. Zwei von ihnen habe ich in Danzig getroffen und mit ihnen einige Dinge besprochen, die sich auch in meinem Roman niedergeschlagen haben. Ich erzähle das wegen einer anderen Erfahrung: Als ich in Warschau war, gab es gegenüber dem jungen, unbekannten deutschen Schriftsteller Günter Grass eine höfliche, aber ungeheure Distanz - mir verständlich. In Gdansk war es ganz anders, dort traf ich Leute, die aus Wilna und aus Grodno kamen und die - ohne dass ich ein Wort sagte - verstanden, was in mir bei diesem Wiedersehen mit der völlig zerstörten und im Wiederaufbau befindlichen Stadt vorging. Es war auf einmal eine Nähe da, die Möglichkeit, einander zu verstehen. Dieselbe Grundlage spiegelt sich bei Alexander und Aleksandra wieder. Beide haben ihre Erfahrungen gemacht, und aus diesen Erfahrungen heraus kommt ihre humane, aber absurde und am Ende scheiternde Idee eines Versöhnungsfriedhofes. Glauben Sie, dass dieser Film das Verhältnis zwischen Deutschland und Polen positiv beeinflussen kann? Das hoffe ich. Wir waren in der deutsch-polnischen Beziehung schon einmal ein ganzes Stück weiter. Das wurde durch politische Dummheiten unterlaufen. Ich meine den Vorschlag, ein Museum über die Geschichte der Vertreibungen ganz aus deutscher Sicht zu errichten. Das hat ein nationalistisches Echo in Polen hervorgerufen. Die Nationalisten auf beiden Seiten waren auf einmal im Streit miteinander vereint, wie das oft der Fall ist. Ich habe nichts dagegen, dass man auf europäischer Basis eine Dokumentationsstätte baut, in der die Geschichte der Vertreibungen dokumentiert wird. So etwas muss - wenn überhaupt - von allen Betroffenen gemacht werden, von Polen wie Deutschen, von Deutschen wie Tschechen, aber auch zurückgehend in die Geschichte des letzten Jahrhunderts: Die Vernichtung der Armenier durch die Türken, das war der erste große Völkermord in diesem Jahrhundert. Vertreibung muss man in einem größeren Zusammenhang sehen, und die Perspektive muss frei von Aufrechnung und Abrechnung sein. Die Reaktion in Polen war eine Überreaktion, wenn auch verständlich. Ich bin froh, dass der Bundeskanzler und der Außenminister der Bundesrepublik von vornherein gesagt haben, so etwas kommt in dieser Form nicht in Frage. Ich hoffe, dass das von deutscher wie auch von polnischer Seite gehört worden ist, und wir wieder zu den wichtigen Dingen kommen können: zu den Brückenschlägen, wie sie zum Beispiel im Verlauf von Jahrzehnten zwischen Deutschland und Frankreich gut gelungen sind. Deutschland und Frankreich waren einmal Erzfeinde, aber es hat eine deutliche Annäherung gegeben. Etwas Vergleichbares muss gelingen zwischen Deutschland und Polen. Darum habe ich mich immer bemüht, dafür habe ich mich eingesetzt, und wenn auch der Film "Unkenrufe" dazu einen Beitrag leisten kann, bin ich froh. Zu 15. bis 17.: Interview mit Matthias Habich Herr Habich, wie würden Sie die „Unkenrufe – Zeit der Versöhnung“ charakterisieren? Der Film ist auf der einen Seite ein Liebesfilm: Alexander Reschke, ein Deutscher und gebürtiger Danziger, kommt nach Danzig zurück auf der Suche nach kunsthistorischen Monumenten, konkret nach dem Grab des einstigen Bürgermeisters Daniel Gralath. Im wahrsten Sinne des Wortes stolpert er auf dem Markt an der Dominikshalle über eine Polin namens Aleksandra. Diese Namensverwandtschaft führt dazu, dass sie zusammen zu Abend essen. Daraus und aus ihrer gemeinsamen Idee, einen Versöhnungsfriedhof zu gründen, entwickelt sich eine späte Verliebtheit und dann eine wirkliche Liebe. Auf der anderen Seite ist „Unkenrufe“ eine Tragikomödie, eine Satire mit schwarzem Humor und einer mystischen Atmosphäre. Denn die Unke ist ja ein Kassandratier, ein Unheil verkündendes oder warnendes Wesen. Die Figur der Erna Brakup ist die Personifizierung der Unke, sie spinnt ihre Fäden und lenkt die Begebenheiten. Und schließlich ist „Unkenrufe – Zeit der Versöhnung“ auch ein politischer Film, weil er die Ausuferung dieser Friedhofsidee als Respektlosigkeit des Kapitalismus vor der Menschlichkeit zeigt. Und natürlich ist das Verhältnis zwischen den Deutschen und den Polen eine sehr politische Angelegenheit. Im Film kommt Alexander Reschke mit einer Menge Vorurteile nach Danzig: Er hat einen Autounfall, wird abgeschleppt und sein Auto verschwindet plötzlich aus der Garage. Für ihn ist das die Bestätigung des alten Ressentiments, das die Deutschen gegenüber den Polen haben, dass die Polen Autos klauen – was ja nicht nur eine eingebildete Sache ist. Aber der Film löst das unerwartet auf: Als Alexander schon nicht mehr damit rechnet, bringt ihm der Mechaniker und vermeintliche Dieb das tipptopp reparierte Auto zurück. Welche Bedeutung hat die Rolle des Alexander Reschke für Sie? Die Rolle war für mich eine ganz besondere, denn es gibt wichtige Bezugspunkte zwischen der Biografie von Alexander Reschke und meiner eigenen Geschichte. Auch ich bin in Danzig geboren, meine ersten fünf Lebensjahre habe ich in Langfuhr und Umgebung verbracht. Als ich fünf war, mussten meine Mutter, die hochschwanger war, und die Oma mit meinen beiden älteren Brüdern und mir fliehen, im tiefsten Winter bei Eiseskälte. Mit verschiedenen Verkehrsmitteln sind wir in den Westen gefahren. Unsere Flucht hat im Ganzen fast ein Jahr gedauert, aber für mich als Kind war das eher eine Abenteuerreise, ohne schreckliche Erinnerungen. Im Juli 1945 brachte meine Mutter den jüngsten Bruder zur Welt und hatte nun vier kleine Kinder an der Hand. Zum Glück war unsere Verwandtschaft ziemlich weitläufig, so dass es immer irgendwelche Adressen gab, wo man für ein paar Tage oder eine Woche oder sogar mal ein Monat oder zwei Monate Unterkunft fand. Was war mit Ihrem Vater? Der Vater war verschollen – wir wussten nicht, wo er war. Er war von Beruf Kaufmann und besaß vor dem Krieg in Danzig in der Nähe der Mottlau eine Futtermittelfabrik, die aber heute nicht mehr steht. Wie ist Ihre Familie nach der Flucht mit ihrer Danziger Herkunft umgegangen? Danzig war bei uns immer präsent. In unserer Hamburger Wohnstube hing das Danziger Wappen sowie Fotos vom Krantor und von der Marienkirche. Meine Eltern haben viel von ihren Erlebnissen in dieser Stadt erzählt. Gleichzeitig gab es wegen des Eisernen Vorhangs keine Möglichkeit, dorthin zu reisen. Danzig war eine verbotene Stadt. Das hatte zur Folge, dass Danzig sich in meiner Phantasie aufblähte zu einer mystischen Stadt, die beladen war mit Reminiszenzen meiner Mutter, aber auch mit meinen eigenen Erinnerungsbildern. Erst vor zehn Jahren kam ich das erste Mal nach Danzig zurück, weil ich hier in der Nähe gedreht habe. Wie haben die Dreharbeiten mit einem polnisch-deutschen Team funktioniert? Am Set wurde polnisch und deutsch geredet, was oft ein bisschen zeitraubend war. Aber bald hat vieles nonverbal funktioniert, und die gemeinsame Arbeit war praktizierte Annäherung der beiden Völker. Jeder machte seinen Job, aber alle arbeiteten zur gleichen Zeit für denselben Film und zogen am gleichen Strang. Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Robert Gliński gestaltet? Robert Gliński ist ein sehr zurückhaltender, scheuer Mensch mit einer sehr großen künstlerischen Bescheidenheit. Seinen künstlerischen Impetus merkt man in jeder Minute. Auch am Drehort haben wir noch neue Dialoge oder neue Situationen entwickelt. Es macht Freude, mit einem so ruhigen und gelassenen Menschen zu arbeiten. Ich habe absolutes Vertrauen zu ihm, und wir konnten uns mit ein paar Zeichen, ein paar Gesten verständigen. Wie war das Zusammenspiel mit Krystyna Janda, die die Aleksandra darstellt? Es war keine Kunst, sich in Krystyna und ihre Figur Aleksandra zu verlieben. Denn sie ist sehr offen und hat sprechende Augen. Wir haben sehr schnell eine große Vertrautheit, eine Art Verwandtschaftsgefühl entwickelt. Die Chemie zwischen uns hat wirklich gestimmt, wir verstehen uns sehr gut und haben viel miteinander gelacht. Krystyna Janda sagt, dass Sie tolle Techniken haben, um vor der Kamera nicht zu lachen. Wir haben ab und zu Aufnahmen vermasselt, weil wir beide einen Lachkrampf bekamen. Irgendjemand hat mir mal gesagt, man muss in dieser Situation an Brot denken. Brot – das funktioniert. Krystyna meinte, dass ich spinne und das nie klappen wird. Sie war sich sicher, noch mehr lachen zu müssen, wenn sie an Brot denkt. Aber beim ihrem nächsten Lachanfall hat es funktioniert. Sie hat an Brot gedacht und sofort aufgehört zu lachen. Ich bin ganz stolz, dass sie etwas von mir gelernt hat. zu 18.: Interview mit der Produzentin Regina Ziegler: Wie kam es zu der Idee, die Grass-Erzählung „Unkenrufe“ fürs Kino zu verfilmen? Zum einen sind gute Stoffe selten. Zum anderen ist ein Film nach einer literarischen Vorlage immer besonders reizvoll, weil er, ganz anders als das Buch zum Film, eine Möglichkeit bietet, all das, was man bisher „nur“ gelesen hat, was man sich bei der Lektüre vorgestellt hat, nun in bewegten Bildern zu sehen. Und damit dem Publikum, das im Kino unwillkürlich vergleicht, die Frage zu stellen: Habt ihr das auch so gesehen, als ihr es seinerzeit gelesen habt? Sind das Bilder, die einleuchten, die überzeugen, denen man sich ausliefern kann? Oder ganz einfach: gefallen euch diese Bilder, die ein Regisseur und sein Kameramann erfunden, arrangiert und festgehalten haben? Geben sie wieder, was in der Geschichte passiert, sind sie auf Augenhöhe mit dem, was der Autor der Geschichte, der Novelle, des Romans im Sinn hatte? Ich bin sicher, dass für alle, die „Unkenrufe“ gelesen haben und schätzen, der Film nichts wegnimmt, sondern etwas hinzufügt. Gleichzeitig ist ein solches Vorhaben auch riskant. Man kann es sich nämlich auf einen Schlag mit allen verderben. Die Leser eines Buches finden nichts von dem wieder, was ihnen eine Geschichte lesenswert gemacht hat und beklagen dies lautstark. Der Autor fühlt sich vom Drehbuchautor, vom Regisseur falsch verstanden, fehl gedeutet. Zum Glück ist das bei den „Unkenrufen“ nicht der Fall. Günter Grass mag den Film sehr. Denn er demonstriert, dass aus einem Buch ein Film entstehen kann, ohne dass das Buch und der Film Schaden nehmen. Warum gerade diese Erzählung? Die feinsinnige Geschichte um Alexander, Aleksandra und ihren Versöhnungsfriedhof hat mich von Beginn an fasziniert. Ist sie doch zugleich beißende Satire, Zeitspiegel und nicht zuletzt eine große Liebesgeschichte mit ungeheurer Tiefe und Tragik. Die Unke, als mahnende Kassandra – personifiziert in der Figur der Erna Brakup – ist für einen Kinofilm geradezu ein ideales Bild, da der Film immer darauf angewiesen ist, in Bildern zu erzählen, zu vermitteln. Diese Erzählung von Günter Grass in deutsch-polnischem Grenzland – 1992 publiziert – und die europäische Öffnung von 2004 erzeugen zudem eine Spannung von seltener Art. Erzählen Sie doch bitte etwas über die Genese des Projektes: Haben Sie Günter Grass getroffen und mit ihm über das Projekt gesprochen? War es schwierig die Filmrechte zu bekommen? Es gab Heilbutt und natürlich haben wir geredet. Wie immer, wenn es um Texte von Günter Grass geht, war seine Verlegerin Dr. Maria Sommer dabei. Nachdem wir uns in der Sache verständigt haben, war die Rechtefrage nicht mehr schwierig. Der Film „Unkenrufe“ ist eine deutsch-polnische Ko-Produktion. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit? Ziegler Film hat eine lange Tradition in der Zusammenarbeit mit polnischen Filmschaffenden. Ich habe mit Regisseuren wie Agnieszka Holland, mit Andrzej Wajda und Krzysztof Zanussi gearbeitet. In diesem Fall hat der Stoff selbst noch zusätzlich gewirkt. Natürlich sind internationale Ko-Produktionen immer komplizierter als ein normaler deutscher Film. Am Set wurde englisch, polnisch, französisch und deutsch gesprochen. Da meint nicht jederzeit jeder dasselbe, und dass es dann auch einmal knirscht, kann nur Ahnungslose überraschen. Am Ende zählt das Resultat. Wie kam die Zusammenarbeit der drei Drehbuchautoren Klaus Richter, Pawel Huelle und Cezary Harasimowicz zustande? Hat Günter Grass auf das Drehbuch Einfluss genommen? Begonnen haben die beiden polnischen Autoren, Klaus Richter kam dazu und natürlich hat Günter Grass das Drehbuch gelesen. Wenn er ein Problem gehabt hätte, hätten wir mit ihm darüber geredet. Haben Sie mit Robert Gliński bewusst einen polnischen Regisseur ausgewählt? Es war mir sehr wichtig, das deutsch-polnische Thema der "Unkenrufe" auch polnisch-deutsch zu realisieren. Einen Film zu drehen, der überwiegend in Gdańsk spielt, ist für einen polnischen Regisseur naturgemäß einfacher. Aber natürlich hat auch die Qualität von Robert Gliński als Regisseur unsere Entscheidung beeinflusst. Nach welchen Kriterien verlief das Casting? Wie waren die Reaktionen von Matthias Habich und Krystyna Janda auf das Projekt? Um die Hauptrollen habe ich mich selbst gekümmert, Krystyna Janda und Matthias Habich mussten nicht lange überredet werden.



Urtitel:
Anfang/Ende:
Track 1: Passend zum deutsch-polnischen…jetzt im Kino.; Track 2: Wissen Sie vielleicht…auch Lenin vertrieben.; Track 3: Wie meine Mutter…deutsche Friedhof. Prost.; Track 4: Schau mal. Hier…Protestanten. Alle beisammen.; Track 5: Polen sind katholisch…Folge mir!; Track 6: Auf ein friedliches…Danzig begraben werden.; Track 7: Meine sehr verehrten…von Erna Brako.; Track 8: (MUSIK) Wir nehmen Abschied…in heimatlicher Erde. (MUSIK); Track 9: Bitte sehr! Lesen…Wer ist dafür?; Track 10: So vermehren wir…Wer ist dafür?; Track 11: Jetzt auf einmal…noch übertroffen werden.; Track 12: Ich habe diese…Buch zu lesen.; Track 13: Lenin-Werft ist damals…es ist interessant.; Track 14: Ich habe ein…ein tragikomischer Vorgang.; Track 15: Alexander und Aleksandra…gehört, begraben werden.; Track 16: Szerischke (?) ist ein Professor…uns sehr gut.; Track 17: Diese mystische Atmosphäre…komische, komische Seiten.; Track 18: Jetzt ist der…aktueller ist denn je.
Genre/Inhalt:
Erzählung
Präsentation:
Dokumentation
Historischer Kontext:

Günter Grass: "Die Wunden sind schmerzhaft" veröffentlicht in der Rheinischen Post am 18.09.05 Autor: Leif Kramp München (rpo). Günter Grass hat viel für die deutsch-polnische Versöhnung getan. Im Danziger Kino Neptun erhielt er dafür jetzt die "Gloria Artis"-Medaille und sprach über Verständigung und Verständnis in Europa. Auch über die Verfilmung seiner "Unkenrufe" dachte der 78-jährige Schriftsteller in seiner Geburtsstadt nach, nicht ohne Kritik, aber durchaus wohlwollend. Können Sie im Film den Geist Ihres Buches "Unkenrufe" wieder entdecken? Nach der Verfilmung der "Blechtrommel" habe ich mir angewöhnt, meinen Roman bzw. bei "Unkenrufe" meine Erzählung erst einmal zu vergessen und mich dem auszuliefern, was ich auf der Leinwand sehe. Spezielle Dinge, die den Texten gemein sind, also konjunktivistische Sätze zum Beispiel, lassen sich schlecht in einen Film integrieren. Aber schließlich habe ich in der Verfilmung der "Unkenrufe" meine Erzählung wieder erkannt. Die Tendenz ist da, der Humor ist da, die Problematik, der ironische Umgang mit den Klischees, die in den Köpfen der Menschen stecken: Wie sind die Deutschen, wie sind die Polen? Das kommt in dem Film gut zum Tragen. Und worauf es mir besonders ankam: Die Liebesgeschichte zwischen zwei älteren Menschen ist auf wunderbare, sensible und ironische Art und Weise von den Schauspielern dargestellt worden. Beide können sich, trotz der starken Gefühle zueinander, gegenseitig auf die Schippe nehmen, und so kommt das, was im Buch steht, zur Geltung, also das deutsch-polnische Problem nicht bierernst vorzutragen, sondern auch die komischen und närrischen Vorurteile, die man wechselseitig hat, zu zerbröseln. So entsteht eine fast kammerspielartige Situation. Das hat mir sehr gefallen. Dabei bleibt der Film eine Interpretation Ihrer Erzählung. Gibt es keine Kritikpunkte? Was die Einwände betrifft: Alles, was in der Gegenwart spielt, ist bis ins Detail genau stimmig. Aber wenn es zu Rückblenden kommt, sei es in die Nazi-Zeit oder in die sozialistische Zeit, also in die Jugend der beiden Hauptdarsteller, wirken die Hitlerjungen, die da rumlaufen, oder die jungen Sozialisten wie kostümiert. Das ist zu plakativ geraten: Die Uniformen sehen aus, als wären sie gestern gekauft worden. Da sehe ich einen gewissen Gegensatz. Aber das geht mir bei anderen Filmen auch so. Das ist der einzige kritische Einwand, den ich machen möchte. Hatten Sie Einfluss auf die Dreharbeiten? Ich habe auf das, was mir am Drehbuch nicht gefiel, hingewiesen, und darauf wurde dankenswerterweise gehört. "Unkenrufe" ist Ihr viertes Buch, das verfilmt wurde. Gibt es aktuell noch weitere Ansinnen, Adaptionen für die Leinwand zu drehen? Es gibt derzeit Anfragen, den "Krebsgang" zu verfilmen. Aber da muss ich aufpassen. Wenn es darauf hinausläuft, eine zweite "Titanic"-Verfilmung zu machen, dann muss ich nein sagen. Mein Buch handelt nicht nur vom Untergang der "Gustloff", sondern schildert die ganze Vorgeschichte, von der Figur Wilhelm Gustloff und dem Nazifunktionär, wie es überhaupt dazu gekommen ist, und von der NSDAP-Organisation "Kraft durch Freude". Das alles läuft ja auf die Katastrophe zu und hat auch ein Nachspiel. Es spielt ja auch in der Gegenwart. Das müsste auch in einem Film alles zusammenlaufen, und das habe ich bisher noch nicht gesehen. Gehen Sie auch privat manchmal ins Kino? Ich bin Mitglied im Filmclub der Stadt Ratzeburg nahe meines Wohnortes Behlendorf zwischen Lübeck und Hamburg. Das ist meine einzige Mitgliedschaft in einem solchen Kino-Verein. Leider habe ich seit Jahren nicht die Zeit, die Filmvorführungen zu besuchen. Ich halte es aber für notwendig, meine Verbundenheit mit dem künstlerisch ambitionierten Film und dem lokalen Engagement von Cineasten zu zeigen. In "Unkenrufe" geht es um einen Versöhnungsfriedhof. Wollen Sie später einmal selbst in Danzig beerdigt werden? Ich will das gar nicht. Ich habe nur vor solchen Plänen warnen wollen. So gut gemeint sie sind, sie zerbrechen an unserer Realität, die eine rein kommerzielle ist. Diese wunderbare Idee geht ja am Kommerziellen kaputt, das wollte ich zeigen. So scheitert ja auch dieses Paar. Nur seine Liebesgeschichte wird davon nicht tangiert. Also den Wunsch, in Danzig begraben zu werden, habe ich absolut nicht. Wie bewerten Sie das aktuelle Verhältnis zwischen Deutschen und Polen? Ich glaube, dass das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen im Verlauf der letzten zehn Jahre, um einen Zeitraum zu nennen, entspannter geworden ist. Man kann nicht sagen: normalisiert. Das kann es auch gar nicht sein. Dafür sind die historischen Wunden noch zu schmerzhaft - und zwar auf beiden Seiten. Aber es gibt eine Annäherung vor allem auf individueller Ebene. Privatinitiativen haben sehr viele Kontakte geschaffen zwischen Deutschen und Polen. Leider sind aber auch immer wieder Störungen aus der Politik festzustellen - auf deutscher und auf polnischer Seite - meist aus nationalistischen Beweggründen, als wollte man Entfremdung von Deutschen und Polen am Leben erhalten. Ich halte übrigens die Idee eines Forschungszentrums zur Vertreibung im 20. Jahrhundert für eine gute. Ich halte es falsch, allein eine deutsche Initiative zu verfolgen mit einem Standort in Berlin. Das Vorhaben, ein Museum für Vertreibung mit deutscher Federführung mit aller Macht durchzusetzen, sorgte für verständliche kritische Reaktionen in Polen und ist für das deutsch-polnische Verhältnis unerträglich. Doch auch in Polen gibt es nicht nur objektive Kritik, sondern auch nationalistisch motivierte. Es gibt also offenbar ein Interesse, den Konflikt am Leben zu erhalten. Ich glaube aber nicht, dass sich das weiterhin durchsetzen wird, obwohl es auch ein bisschen vom Wahlergebnis zum neuen Deutschen Bundestag abhängen wird. Inwiefern hat sich Ihrer Meinung nach die kritische Sicht der Polen auf die Deutschen verändert? Es ist natürlich auch so, dass sich auf polnischer Seite im Laufe der Jahre etwas verändert hat. Ich bin immer wieder nach Danzig gekommen, auch während der Zeit des Kommunismus. Von den Kommunisten, aber auch von der katholischen Kirche aus, wurde auf recht nationalistische Weise, gerade auch im Hinblick auf Danzig gesagt, das sei eine auf immer und ewig polnische Stadt gewesen, was historisch nicht stimmt. Interessanterweise gab es in der polnischen Literatur aber auf einmal junge Autoren, die Bücher schrieben, in denen die Fragen gestellt wurden: Wer hat früher in diesem Haus gewohnt, wer hat an diesem Tisch gesessen, gegessen, welche Familie wohnte hier? Im Gebiet des gesamten Freistaats Danzig lebten etwa 400.000 Menschen, die einfach vertrieben wurden. Vertreibung ist immer ein Unrecht. Wir Deutschen haben mit diesem Unrecht angefangen, und dann kam das Unrecht auf uns zurück. Das zu dokumentieren, ist eine außerordentlich schwierige Aufgabe, zu der es ein hohes Maß an Objektivität braucht und die man nicht einem einzigen Land überlassen darf. Das ist eine europäische Aufgabe. Vertreibung an sich ist im 19. und 20. Jahrhundert ein europäisches Problem. Wie aktuell kann ein Film wie "Unkenrufe" in der Darstellung der Problematik sein, wenn er im Jahre 1989 spielt? Es handelt sich um einen Film, der auf eine sehr subtile und sehr genaue Art diese Problematik darstellt und zwar mit leichter Hand, auf unterhaltsame Weise mit sehr viel Humor. Indem er zeigt, dass dieser Dialog zwischen Deutschen und Polen immer schwierig war, schwierig ist und schwierig bleiben wird. Aber er ist möglich, wenn wir die Klischeevorstellungen, die wir wechselseitig voneinander haben, ablegen und das ignorieren, was Politiker - zumeist von rechts, in Deutschland wie in Polen - immer wieder als nationalistische Zwischenrufe in die Debatte hineinbringen. Dann kommen wir vielleicht weiter. Sie bringen die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland mit dem Ausgang der Bundestagswahlen in Zusammenhang: Was hat Sie bewogen, sich noch einmal so vehement im Wahlkampf zu engagieren? Solange ich schreibe, habe ich mich für einen Dialog, zumal einen schwierigen, zwischen Deutschen und Polen eingesetzt - mit Hilfe meiner Bücher und auch damit, was ich politisch dazu gesagt habe. Unterstützung für meine Arbeit habe ich in erster Linie bei der SPD erhalten. Ich stand dabei, als Willy Brandt seinen Kniefall machte. Ich kenne diese Bemühungen der SPD bis in die Gegenwart hinein, während der Periode, in der Rot-Grün die Regierungsverantwortung hatte, das Verhältnis zwischen unseren beiden Ländern weiter zu verbessern. Die Bemühung von speziell einer CDU-Abgeordneten, gegen alle Widerstände dieses Zentrum in Berlin aufzubauen, ist eine Irritation in dieser mühsamen Arbeit, das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen zu verbessern. Das war mit ein Grund für mich, in den Wahlkampf zu ziehen. Oft traten Sie auch mit jüngeren Prominenten wie Benjamin Lebert auf. Fühlen Sie sich als Vorbild? Ich bin jetzt 78 Jahre alt, und in diesem Alter lege ich viel Wert darauf, dass meine bisherige Arbeit Nachfolger findet. Es gibt ja große Leute der Politik, die nicht darauf achten, was nach ihnen kommt. Ich möchte, dass die Partition von Heinrich Böll über meine Bemühungen weiterreicht und von der jungen Generation weitergeführt wird. Ich hoffe, dass die Bundesrepublik nicht nach rechts rutscht.

Schlagworte:

Person:
Lenz Siegfried; Brandt Willy; Stalin Joseph; Hitler Adolf; Wirth Andrzej; Schröder Gerhard; Fischer Joschka
Werke:
Unkenrufe
Sach:
Verfilmung; Lenin-Werft; Schriftsteller; Komik
Geo:
Danzig
Aufnahme:

Sprachen:
deutsch
Kopie:

Länge der Kopie:
00:17:49
Tonträger:
CD-ROM
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Habich, Matthias (Vorredner(in))
Person:
Ziegler, Regina (Vorredner(in))

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
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