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DB-Nummer: 971

Komm, Trost der Nacht

Opitz, Martin; von Lohenstein, Daniel Caspar; von Grimmelshausen, Hans Jacob Christoffel; Fleming, Paul; Moscherosch, Johann Michael; von Logau, Friedrich; Gryphius, Andreas; Angelus Silesius

Zum Jubiläum des Westfälischen Friedens, der 1648 Dreißigjährigen Krieg beendete, trafen sich Günter Grass und Peter Rühmkorf im Oktober 1998 im Funkhaus Hannover des NDR, um Gedichte und andere Texte des Barock zu lesen. Ihren Lesungen vorangestellt werden von den beiden befreundeten Schriftstellern stets kurze Informationen zu den Gedichten und Autoren, die teilweise auch Eingang ins Booklett gefunden haben. Die ausgewählten Gedichte dieser CD spiegeln dann die Themen des Barock wieder: Krieg, Pest, Vanitas, Liebe. Zu Gehör kommt also die Literatur jener Epoche, in der die Erzählung "Das Treffen in Telgte" von Grass situiert ist, teilweise auch "Der Butt". Grass gibt hier Einblick in seine Quellen, was das, was er in seinen eigenen Werken daraus gemacht hat, in ein anderes Licht rückt. Die vorgestellten Dichter umfassen Martin Opitz, der die normative Poetik, das poetische Programm für die Barockdichtung mit dem "Buch von der deutschen Poeterey" niederlegte. Des weiteren Paul Fleming mit seinem Gedicht: "Wie er wolle geküsset sein" Nirgends hin als auf den Mund: da sinkts in des Herzen Grund; nicht zu frei, nicht zu gezwungen, nicht mit gar zu fauler Zungen. Nicht zu wenig, nicht zu viel: beides wird sonst Kinderspiel. Nicht zu laut und nicht zu leise: bei der Maß' ist rechte Weise. Nicht zu nahe, nicht zu weit: diß macht Kummer, jenes Leid. Nicht zu trucken, nicht zu feuchte, wie Adonis Venus reichte. Nicht zu harte, nicht zu weich, bald zugleich, bald nicht zugleich. Nicht zu langsam, nicht zu schnelle, nicht ohn' Unterscheid der Stelle. Halb gebissen, halb gehaucht, halb die Lippen eingetaucht, nicht ohn' Unterscheid der Zeiten, mehr alleine denn bei Leuten. Küsse nun ein Iederman, wie er weiß, will, soll und kan! Ich nur und die Liebste wissen, wie wir uns recht sollen küssen. und mit seinem Gedicht Gedanken über der Zeit Ihr lebet in der Zeit und kennt doch keine Zeit; so wißt, ihr Menschen, nicht von und in was ihr seid. Diß wißt ihr, daß ihr seid in einer Zeit geboren und daß ihr werdet auch in einer Zeit verloren. Was aber war die Zeit, die euch in sich gebracht? Und was wird diese sein, die euch zu nichts mehr macht? Die Zeit ist was und nichts, der Mensch in gleichem Falle, doch was dasselbe was und nichts sei, zweifeln alle. Die Zeit, die stirbt in sich und zeugt sich auch aus sich. Diß kömmt aus mir und dir, von dem du bist und ich. Der Mensch ist in der Zeit; sie ist in ihm ingleichen, doch aber muß der Mensch, wenn sie noch bleibet, weichen. Die Zeit ist, was ihr seid, und ihr seid, was die Zeit, nur daß ihr wenger noch, als was die Zeit ist, seid. Ach daß doch jene Zeit, die ohne Zeit ist, käme und uns aus dieser Zeit in ihre Zeiten nähme, und aus uns selbsten uns, daß wir gleich könten sein, wie der itzt jener Zeit, die keine Zeit geht ein! Von Hoffmannswaldau ist mit seinem Brief von "Abelard an Heloissen" vertreten, die Streitschrift Gesichte Philanders von Sittewald gegen den Sprachmissbrauch jener Zeit von Johann Michael Moscherosch. Ehrenrettung will Rühmkorf betreiben beim nur angeblich schwülstigen Lohenstein: Umschrift eines Sarges Irdisches und sterblich Volk, lebend-todte Erdengäste, Ihr Verwürflinge des Himmels, ihr Gespenster dieser Welt, Denen Nichts, als falsche Waare, Nichts, als Rauch und Wind gefällt, Thoren, klettert und besteigt die bequalmten Ehrenäste, Setzt euch Säulen von Porphyr, mauert euch aus Gold Paläste, Festigt Tempel euch aus Marmor, der der Zeit die Wage hält, Rafft zu euch mit gicht'gen Klauen er verdammten Klumpen Geld, Macht euch euer stolzes Lob durch gelehrte Schriften feste; Aber wißt, wenn das Verhängniß euer Lebensgarn reißt ab, Schwindet Wissenschaft und Kunst, Schätze, Reichthum, Ehr' und Titel, Und ihr nehmet Nichts mit euch, als den nackten Sterbekittel, Wo ihr auch noch aus dem allen noch erschwitzet Sarg und Grab! Tausend, Tausend sind gewest, die mich nicht erlangt noch haben, Die die Lüfte, die die Gluth, die der blaue Schaum begraben. Nur schwer über die agnostische Zunge kommt Rühmkorf ein Kirchenlied von Paul Gerhardt, das Vorbild für "Der Mond ist aufgegangen" von Claudius: Abendlied/ Nun ruhen alle Wälder 1. Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt und Felder, Es schläft die ganze Welt; Ihr aber, meine Sinnen, Auf auf, ihr sollt beginnen, Was eurem Schöpfer wohlgefällt. 2. Wo bist du, Sonne, blieben? Die Nacht hat dich vertrieben, Die Nacht, des Tages Feind; Fahr hin! Ein ander Sonne, Mein Jesus, meine Wonne, Gar hell in meinem Herzen scheint. 3. Der Tag ist nun vergangen, Die güldnen Sterne prangen Am blauen Himmelssaal; Also werd ich auch stehen, Wenn mich wird heißen gehen Mein Gott aus diesem Jammertal. 4. Der Leib eilt nun zur Ruhe, Legt ab das Kleid und Schuhe, Das Bild der Sterblichkeit; Die zieh ich aus. Dagegen Wird Christus mir anlegen Den Rock der Ehr und Herrlichkeit. 5. Das Haupt, die Füß und Hände Sind froh, daß nun zu Ende Die Arbeit kommen sei; Herz, freu dich, du sollst werden Vom Elend dieser Erden Und von der Sünden Arbeit frei. 6. Nun geht, ihr matten Glieder, Geht hin und legt euch nieder, Der Betten ihr begehrt; Es kommen Stund und Zeiten, Da man euch wird bereiten Zur Ruh ein Bettlein in der Erd. 7. Mein Augen stehn verdrossen, Im Hui sind sie geschlossen, Wo bleibt denn Leib und Seel? Nimm sie zu deinen Gnaden, Sei gut für allem Schaden, Du Aug und Wächter Israel. 8. Breit aus die Flügel beide, O Jesu, meine Freude, Und nimm dein Küchlein ein! Will Satan mich verschlingen, So laß die Englein singen: Dies Kind soll unverletzet sein. 9. Auch euch, ihr meine Lieben, Soll heinte nicht betrüben Ein Unfall noch Gefahr. Gott laß euch selig schlafen, Stell euch die güldnen Waffen Ums Bett und seiner Engel Schar. Das Titelgedicht "Komm, Trost der Nacht" ist aus dem "Simplizissimus" von Grimmelshausen: Komm Trost der Nacht, o Nachtigall! Laß deine Stimm mit Freuden-Schall Aufs lieblichste erklingen, Komm, komm, und lob den Schöpfer dein, Weil andre Vögel schlafen seyn, Und nicht mehr mögen singen; Laß dein Stimmlein Laut erschallen, denn vor allen Kannst du loben Gott im Himmel, hoch dort oben. Obschon ist hin der Sonnenschein, Und wir im Finstern müssen seyn, So können wir doch singen Von Gottes Güt und seiner Macht, Weil uns kann hindern keine Nacht, Sein Loben zu vollbringen. Drum dein Stimmlein Laß erschallen, denn vor allen Kannst du loben Gott im Himmel, hoch dort oben. Echo, der wilde Wiederhall, Will seyn bei diesem Freudenschall, Und läßet sich auch hören; Verweist uns alle Müdigkeit, Der wir ergeben allezeit, Lehrt uns den Schlaf bethören. Drum dein Stimmlein Laß erschallen, denn vor allen Kannst du loben Gott im Himmel, hoch dort oben. Die Sterne, so am Himmel stehn, Sich lassen Gott zum Lobe sehn, Und Ehre ihm beweisen; Die Eul' auch, die nicht singen kann, Zeigt doch mit ihrem Heulen an, Daß sie auch Gott thu preisen. Drum dein Stimmlein Laß erschallen, denn vor allen Kannst du loben Gott im Himmel, hoch dort oben. Nur her, mein liebstes Vögelein! Wir wollen nicht die faulsten seyn, Und schlafen liegen bleiben, Vielmehr bis daß die Morgenröth Erfreuet diese Wälder-Oed, In Gottes Lob vertreiben; Laß dein Stimmlein Laut erschallen, denn vor allen Kannst du loben Gott im Himmel, hoch dort oben. Zentral ist aber wohl das von Rühmkorf vorgestellte Andreas Gryphius und sein Sonett "Threnen des Vatterlandes", in welchem er die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges und die Qualen und Plagen der Menschen beschreibt. Gerade in der Nachkriegszeit sei dieses Gedicht von enormer Aktualität gewesen: Gryphius: "Threnen des Vatterlandes/ Anno 1636" Wir sindt doch nuhmer gantz/ ja mehr den gantz verheret! Der frechen völcker schaar/ die rasende posaun Das vom blutt fette schwerdt/ die donnernde Carthaun Hatt aller schweis/ vnd fleis/ vnd vorraht auff gezehret. Die türme stehn in glutt/ die Kirch ist vmbgekehret. Das Rahthaus ligt im graus/ die starcken sind zerhawn. Die Jungfrawn sindt geschändt/ vnd wo wir hin nur schawn Ist fewer/ pest/ vnd todt der hertz vndt geist durchfehret. Hier durch die schantz vnd Stadt/ rint alzeit frisches blutt. Dreymall sindt schon sechs jahr als vnser ströme flutt Von so viel leichen schwer/ sich langsam fortgedrungen. Doch schweig ich noch von dem was ärger als der todt. Was grimmer den die pest/ vndt glutt vndt hungersnoth Das nun der Selen schatz/ so vielen abgezwungen. So sagt auch Grass an einer Stelle auf der CD: "Was wüssten wir vom Krieg, wären wir nur auf die Historiker angewiesen."



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Literatur
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Lesung
Historischer Kontext:

Günter Grass, Peter Rühmkorf Komm, Trost der Nacht Malerei und Musik des Barock sind bekannt, aber die Dichtung? Klug wie umfassend, charmant wie amüsant ist der Überblick über die Lyrik des deutschen Barock, die Günter Grass und Peter Rühmkorf hier geben. Oktober 1998. Im NDR-Funkhaus Hannover. Günter Grass und Peter Rühmkorf tragen Lyrik aus der Zeit des 30jährigen Krieges vor: aus Anlass des 350jährigen Jubiläums des Westfälischen Friedens, der den Verwüstungen 1618 bis 1648 in ganz Europa ein Ende gesetzt hat. Mit Günter Grass als Interpret beginnt die CD, die ein beeindruckendes Live-Hörerlebnis vermittelt. Zudem sind die Gedichte der heute weithin vergessenen Barocklyriker wie Friedrich von Logau, Johann Michael Moscherosch oder Martin Opitz in ihrem Weltempfinden von einer ungebrochenen Brisanz und Aktualität. Allen voran Paul Flemings "Gedanken über die Zeit”, vorgetragen von Peter Rühmkorf: Ihr lebet in der Zeit und kennt doch keine Zeit So wisst Ihr Menschen nicht, wovon und was Ihr seid Dies wisst Ihr, dass Ihr seid in einer Zeit geboren Und dass Ihr werdet auch in einer Zeit verloren. Grimmelshausen: Grass' Ziehvater Beide - Günter Grass und Peter Rühmkorf - stellen ihren Lesungen jeweils erklärende Worte zu "ihren” Protagonisten aus dem 30jährigen Krieg voran. Auf diese Weise gelingt es zum einen, die betreffenden Inhalte historisch einzuordnen. Zum anderen erfährt man, welche persönliche Bedeutung die jeweiligen Lyriker für das literarische Schaffen von Grass und Rühmkorf ihrerseits hatten. Als einen seiner "Ziehväter” beschreibt etwa Günter Grass den 1622 geborenen Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, von dem auch der "barocke” Titel des Hörbuches stammt: Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall Lass Deine Stimm mit Freudenhall aufs Lieblichste erklingen Komm, komm und lob den Schöpfer Dein weil andre Vöglein schlafen sein und nicht mehr mögen singen. Historisches, das gegenwärtig wirkt Lyrischer Höhepunkt: die "Umschrift eines Sarges” aus der Feder von Daniel Caspar von Lohenstein, der nach Rühmkorf völlig zu Unrecht als immer nur schwülstig galt. Irdisches, unsterblich Volk Lebend Tote ehrten Gäste Ihr Verwürflinge des Himmels Ihr Gespenster dieser Welt, denen nichts als falsche Ware, nichts als Rauch und Wind gefällt Närrische, klettert und besteigt die bepalmten Ährenäste setzt Euch Säulen aus Porfour mauert Euch aus Gold Paläste, fertigt Tempel Euch aus Marmel, der der Zeit die Waage hält. Viel zu schnell vergehen die 68 Minuten der CD - gern hätte man mehr aus jener Zeit damals gehört, die ganz Europa in seinen Grundfesten erschütterte, was durch den Live-Mitschnitt erstaunlich gegenwärtig wirkt. Kristine von Soden

Schlagworte:

Person:
Rühmkorf Peter; Opitz Martin; Angelus Silesius; Gryphius Andreas; Logau Friedrich von; Moscherosch Johann Michael; Fleming Paul; Grimmelshausen Johann Jakob Christoffel von; Lohenstein Daniel Caspar von
Werke:
Das Treffen in Telgte; Der Butt
Sach:
Krieg; Westfälischer Friede; Dreißigjähriger Krieg; Vanitas; Poesie
Zeit:
Barock
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
01.10.1998
Aufnahmeort:
Hannover
Sprachen:
deutsch
Teilnehmende:

Person:
Opitz, Martin (Autor(in))
Person:
von Lohenstein, Daniel Caspar (Autor(in))
Person:
von Grimmelshausen, Hans Jacob Christoffel (Autor(in))
Person:
Fleming, Paul (Autor(in))
Person:
Moscherosch, Johann Michael (Autor(in))
Person:
von Logau, Friedrich (Autor(in))
Person:
Gryphius, Andreas (Autor(in))
Person:
Angelus Silesius, (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Rühmkorf, Peter (Vorredner(in))

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Zitierform:

Opitz, Martin / von Lohenstein, Daniel Caspar / von Grimmelshausen, Hans Jacob Christoffel / et al: Hannover .

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