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DB-Nummer: 976

Jörg-Dieter Kogel im Gespräch mit Günter Grass über Gerhard Schröder

Track 1: - Grass "trommelt" diesmal für Gerhard Schröder; warum kann Grass das "Trommeln" nicht lassen? G.G.: Grass sieht es als Aufgabe, die Wähler zu bewegen; er tue dies seit Mitte der 60er Jahre, "nicht als geborener, aber als gelernter Sozialdemokrat"; trotz aller Kritik sei die SPD nach wie vor "die beste Garantie ist für eine demokratische Fortentwicklung". - Wird Grass durch den vermeindlicherweise bereits feststehenden Wahlverlierer Gerhard Schröder nicht an seinem Engagement gehindert? G.G.: Grass sieht dies als Risiko, das dazu gehöre, und verweist auf die letzte Bundestagswahl; die Wähler seien nicht in einer "Wechselstimmung", sondern nachdenklich geworden, insbesondere gegenüber der (Noch-)Opposition CDU/CSU; was zudem für die SPD spreche, seien die in der Kohl-Ära verschleppten und nun begonnenen Reformen; diese seien "schwierige, wehtuende Reformen", zu denen vor allem ein bewundernswerter Mut gehöre. - Grass begibt sich mit 78 Jahren noch auf Wahlkampftour - was macht er dabei genau? G.G.: Grass holt etwas weiter aus: es sei eine noch junge Tradition, dass sich Intellektuelle politisch engagierten; Grass' Generation habe das übernommen, was auch durch den 68er-Protest befördert worden sei, wenngleich er zu den Studentenprotesten in Opposition gestanden habe; insgesamt habe aber das politische Engagement der Intellektuellen die Gesellschaft in Bewegung gebracht; nach dem Tod von Heinrich Böll seien eine Reihe von Verantwortungen und Verpflichtungen auf Grass zugekommen, die Grass übernommen habe; die jüngeren Autoren seien aber bald eingeschüchtert worden, vor allem durch die Feulletons; der Beruf des Schriftstellers sei aber ein "Risiko-Beruf", der Schriftsteller stehe "in der Gesellschaft", und brauche sich daher von den Feuilletons nicht einschüchtern lassen; Grass habe darauf hin einige junge Autoren eingeladen und zum Engagement angeregt; dies erfülle Grass mit Freude, die Nachfolger des politischen Egagements bei der jüngeren Generation zu sehen; bei den fünf Wahlveranstaltungen von Grass sei daher auch jeweils ein junger Autor dabei. Track 2: - Die innenpolitische Bilanz von Gerhard Schröder sei "nicht grade berauschend": 5 Millionen Arbeitslose bei steigender Tendenz. Woher nimmt Grass die Kraft, Gerhard Schröder trotz dieser Bilanz zu unterstützen? G.G.: Schröder habe 4 Millionen Arbeitslose von Kohl übernommen; in den letzten Jahren habe man erlebt, wie Arbeitgeberverband und Unternehmer "absolut nur mauern"; bei sogenannten "Rationalisierungen", konkret "Entlassungen", stiegen an der Börse die Aktienkurse; dies habe sogar mit Kapitalismus nichts mehr zu tun, sondern nur mit der Vernichtung von Arbeitsplätzen; die von Müntefering angestoßene Kapitalismusdebatte hätte schon viel früher geführt werden müssen; der Abbau von Arbeisplätzen ruiniere nicht nur Staat und Gesellschaft, sondern auch den Kapitalismus als "Selbstzerstörungsprozess"; zur Zeit des Wirschaftswunders hätten die Unternehmen jede Mark investiert, statt sie ins Ausland zu verschieben, und so neue Arbeitplätze geschaffen; das dies nicht mehr so ist, habe mit dazu beigetragen, dass die Arbeitslosenzahl konstant geblieben bzw. gestiegen sei; auf der anderen Seite sei die "Globalisierung wie eine Schicksalserscheinung verschrieben ist"; der Versuch der Gewerkschaften, sich ebenfalls zu globalisieren, sei gescheitert; somit verharre die Gegenkraft; der Bundeskanzler habe aber versucht, mit verschiedensten Maßnahmen diese Herausforderung anzunehmen; als Beispiel nennt Grass den Ausstieg aus der Atomenergie, die gegen die massiven Widerstände der CDU/CSU durchgesetzt worden seien; alternative Energien würden zudem nachweisbar Arbeitsplätze schaffen, was ebenfalls der rot-grünen Regierung zu verdanken sei; als weitere Errungenschaft der Regierungskoalition nennt Grass den zum ersten Mal "wirklich wirkungsvollen Verbraucherschutz"; Grass lobt den "Löwenmut", mit dem sich Renate Künast in die organsierte Bauernschaft hineinbegebe; die CDU habe nur eine Rückkehr in die "Rehwinkel-Zeit" zu bieten, was "absolut mit Subventionen verbunden" sei; CDU/CSU und FDP, angetrieben von Herrn Kirchhof, planten ein neues Steuerkonzept, dessen Formulierung nicht eindeutig sei; profitieren würden in jedem Fall nur die Besserverdienenden, die Mittelschicht gehöre hingegen zu den Betroffenen. - Sind die Reformen nicht zu spät gekommen? Hat die Beschäftigung mit eher unbedeutenden Themen wie dem Dosenpfand in der ersten Legislaturperiode von rot-grün dazu geführt, dass Gerhard Schröder mit den hohen Arbeitlosenzahlen in Verbindung gebracht wird? G.G.: die Reformen hätten in der ersten Legislaturperiode begonnen werden müssen; als Fehler sei weiterhin kritisch zu benennen, dass die Regierung und Gerhard Schröder den Versprechungen der Arbeitgeberseite zu sehr vertraut hätten; die Steuererleichterungen hätten auch die Großunternehmer und Vielverdiener gleichermaßen mit eingeschlossen, die immer wieder die Hand auf gehalten hätten; die Versprechungen, wie die garantierten Ausbildungsplätzen für Jugendliche, seien jedoch nie eingehalten worden; diese Einsicht und die Lehre, die man daraus ziehen müsse, kämen tatsächlich relativ spät. Track 3: - Außenpolitik Gerhard Schröders: die Friedenspolitik der Regierung sei hoch angesehen, Schröder ist sogar für den Friedensnobelpreis nominiert worden; was sagt Grass zur Außenpolitik unter Fischer/Schröder? G.G.: Grass hält Schröder für einen guten Kandidaten für den Friedensnobelpreis; die Souveränität Deutschlands nach 1990 habe Schröder genutzt; die Deutschen hätten immer als die "lammfrommen Verbündeten" der USA gegolten; Schröder habe nach dem 11.September die Solitarität im Kampf gegen den Terrorismus zugesagt, sich aber gegen "Abenteuer" gewehrt; der Irakkrieg sei durch die UNO nicht gedeckt und im Grunde volkerrechtwidrig; dies habe zum "Nein" zum Irakkrieg geführt, trotz großer Widerstände im In- und Ausland und ohne dabei mit den USA den Dialog über das Thema abzubrechen; Schröder (und auch Grass selber) sei kein Anti-Amerikaner; die Haltung Schröders verdiene große Anerkennung, auch angesichts der neuen, drohenden Konflikte wie der mit dem Iran; in derartigen Krisensituationen brauche man an der Spitze des Staates Leute, die Erfahrung, Standvermögen, Entschlussfreudigkeit und Nachdenklichkeit bewiesen; diese Eigenschaften sehe Grass beim Bundeskanzler, beim Außenminister und bei Verteidigungsminister Struck, den Grass ausgezeichnet findet; es sei "verrückt", diese durch Politiker wie Westerwelle oder Schönborn auszutauschen. - Angela Merkel hat sich gegen eine deutsche Beteiligung beim drohenden Iran-Konflikt ausgesprochen. Hat sie dazugelernt? G.G.: Merkel sei eine "gelehrige Schülerin von Herrn Kohl" gewesen, und Grass hofft, dass sie eine ebenso gelehrige Schülerin von Schröder sei; dies könne sie in der Opposition der nächsten Legislaturperiode beweisen. - Was macht Grass, wenn Merkel Bundeskanzlerin wird? G.G.: Darüber mache er sich jetzt noch keine Gedanken; Grass deutet die Möglichkeit einer großen Koalition an; sein Ziel, so Grass, sei, sich für eine weitere rot-grüne Fortsetzung einzusetzen. Track 4: - Grass' kritisches Verhältnis zur SPD: ist es für Grass eine Alternative, die Linkspartei unter Oskar Lafontaine und Gregor Gysi zu unterstützen? G.G.: die Linkspartei sei keine Alternative; Grass erinnert an das Ende der Weimarer Republik und den Beginn der DDR; die PDS biete nach wie vor Grund zum Misstrauen, da sie sich von der Vergangenheit nicht nachhaltig genug distanziere; Grass hoffe aber, dass sich dies andere, da er fähige Leute in der PDS sehe; Oskar Lafontaines Abgabe des Parteivorsitzes und der Angriff auf die eigene Partei in der BILD-Zeitung sind für Grass unverzeihlich und "schäbig"; Grass habe Lafontaine zwar in der Vergangenheit auch unterstützt, aber schon immer die "napoleonhafte Geste" an ihm bemerkt, den "manchmal stark infantielen Zug zur Selbstdarstellung; Lafontaine dulde niemanden über sich; die PDS habe sich mit Lafontaine einen "Mann eingehandelt, den sie noch zu knacken haben wird". - Welche Rolle hat die Kulturpolitik bei Grass' erneutem Engagement für Rot-Grün gespielt? G.G.: Das Klima für Kultur habe sich in den letzten Jahren unglaublich verbessert: umstrittene kulturelle Themen seien zum ersten Mal bundesweit ausgetragen worden, was ohne das neu eingerichtete Kulturministerium nicht möglich gewesen wäre; Grass erinnert sich daran, als er vor 30 Jahren mit Willy Brandt eine nationale Kulturstiftung vorgeschlagen hatte; der Vorschlag sei damals vom Innenministerium und von den Ländern "zerredet" worden; Schröder habe diesen Vorschlag wieder aufgegriffen, Naumann, Rühmelin und Frau Weiß hätten dies unterstützt, unter Beachtung des zu erhaltenden Föderalismus in Deutschland aber auch unter der Einsicht, dass bestimmt Kulturaufgaben zentral von Berlin aus aufgegriffen werden müssten; das Ausland erwarte im kulturellen Bereich mehr von Deutschland als bisher. Track 5: - Wie sieht Grass' persönliches Verhältnis zu Gerhard Schröder aus? G.G.: Grass erklärt, er habe immer ein gutes Verhältnis zu Schröder gehabt, den er aus dessen JuSo-Zeiten kenne; bei Schröder habe Grass aber fehlende Entschlossenheit befürchtet, die er hingegen bei Oskar Lafontaine stark gespürt habe; die Enttäuschung über Lafontaine und sein "moralisches Verhalten" sei daher auch umso größer; Schröder sei "mit dem Amt gewachsen", sei aber kein geborener Parteivorsitzender; Schröder sei ein "Staatsmann", der in seine Rolle hineingewachsen sei. - Hat Grass ein persönliches Verhältnis zu Frau Merkel? G.G.: Grass sagt, er kenne Merkel nicht, sei ihr nie begegnet; er schätze sie als fleißige, ehrgeizige, gescheite Frau; bei Merkel sähe Grass aber ein "Zaudern" vor Macht; ihre Machtpolitik habe Merkel bislang nur genutzt, um "Leute wegzuschieben"; besonders im Fall Seehofer, den er für "einen profiliertesten Politiker der Bundesrepublik" hält, bedauere Grass dies; in Merkels "Kompetenzteam" sei zwar "ein Herr Kirchhoff", mit einem "unmöglichen, unsozialen Steuerkonzept", aber kein Sozialpolitiker wie Seehofer; diese Tatsache macht Grass skeptisch. - Eine übereinstimmende Ansicht von Grass und Stoiber gibt es dennoch: beide halten Guido Westerwelle für einen "Leichtmatrosen" G.G.: "Stoiber, das ist ein politischer Amokläufer"; Grass wolle Stoiber keine Dummheit unterstellen, aber es zeige sich wohl eine Fremdenfeindlichkeit Stoibers nun auch gegenüber den Menschen in den neuen Bundesländern; dabei gäbe es "horrende Fehler" bei der deutschen Einheit, die bis heute nicht korrigiert seien und die von den Menschen in den neuen Ländern getragen würden; diese Menschen hätten es nicht verdient, "als Zweitrangige eingestuft" zu werden, dies sei "unverzeihlich" und mache Stoiber noch "unwählbarer" als Guido Westerwelle. - Wie geht nach Grass' Meinung die Bundestagswahl am 18. September 2006 aus? G.G.: Grass möchte nicht spekulieren, glaubt aber, dass die SPD noch zulegen wird; wenn dies auch bei den Grünen der Fall sei, sollte es wieder für Rot-Grün reichen; Grass habe jedoch Gründe, sich für die Fortsetzung von Rot-Grün einzusetzen und ist froh darüber, dass jüngere AutorInnen dabei mitmachen wollen die und "Tradition des engagierten Schriftstellers als Bürger" weiterführen wollen.



Urtitel:
Jörg-Dieter Kogel im Gespräch mit Günter Grass
Anfang/Ende:
Track 1: Zu Gast im…nächsten Musik weiter; Track 2: Günter Grass ist…kommt relativ spät; Track 3: Unser heutiger Gast…die Wähler honorieren; Track 4: Günter Grass ist…der nächsten Musik; Track 5: Zu Gast in…für dieses Gespräch.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Bundestagswahl 2005. Die Bundestagswahl 2005 fand aufgrund der vorzeitigen Auflösung des 15. Deutschen Bundestags bereits am 18. September 2005 statt.

Schlagworte:

Person:
Brandt Willy; Schröder Gerhard; Kohl Helmut; Blüm Norbert; Andersch Alfred; Richter Hans-Werner; Böll Heinrich; Rühmkorf Peter; Lebert Benjamin; Sparschuh Jens; Müntefering Franz; Thierse Wolfgang; Lafontaine Oskar; Seehofer Horst; Stoiber Edmund; Struck Peter; Gysi Gregor; Steeg Klaus; Kirchhof Paul; Menasse Eva; Kumpfmüller Michael
Sach:
Weimarer Republik; Studentenproteste; Rentenreform
Geo:
Berlin; Hamburg; Lübeck; München; Bischofswerda
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
31.08.2005
Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Stereo
Kopie:

Länge der Kopie:
00:25:52
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sendereihe:
Gesprächszeit
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))
Person:
Kogel, Jörg-Dieter (Interviewpartner)

Zitieren

Zitierform:

Jörg-Dieter Kogel im Gespräch mit Günter Grass. unbekannt .

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