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DB-Nummer: 990

Grass-Bekenntnis zur Waffen-SS

Kopfansage (Länge: 01'57''): (Einleitung zur Gesprächszeit) Guido Schulenberg: 5 Tage nach dem Bekenntnis von Grass: Die Diskussion ebbt nicht ab; hat Grass die Wahrheit verschweigen dürfen? Ist er ein "Wahrheitströpfler"? Kann man Verständnis für Grass aufbringen? Stimme (Unbekannter von der Straße?): Heuchlerei Stimme 2: Verständnis, aber möglicherweise Werbestrategie fürs Buch Stimme 3: Verständnis für einen Siebzehnjährigen Stimme 4: Grass hat sich geschadet und sollte den Nobelpreis zurückgeben Stimme 5: beim Nobelpreis geht es um Literatur, alles weitere ist dafür irrelevant Guido Schulenberg: Diese Argumente sollen nun diskutiert werden. GZ 1: (08'20')' (Gesprächszeit des Nordwestradion, Teil 1): Guido Schulenberg (Moderator) stellt die Gäste im Studio des Nordwestradios vor: Matthias Schreiber (Publizist, Spiegel-Kulturredaktion); Johano Strasser (Präsident des PEN-Deutschland); Harro Zimmermann (Kulturredaktion Nordwestradio) Frage an Zimmermann: Hat sich Zimmermanns Bild von Günter Grass verändert? Zimmermann: "Ja und nein"; "Krakehlerei" am Anfang, nun Versachlichung der Auseinandersetzung; Grass-Bild wird sich nun ändern; Faszination für Faschismus war selbst für hochintelligente Menschen wie Grass sehr manifest; selbst Grass als "Motor des deutschen Schulddiskurse" sei in "stärkerer Weise verstrickt" gewesen; es handle sich aber um ein Selbstbekenntnis, was anerkennenswert sei Frage an Schreiber: Hält Schreiber die Diskussion um Günter Grass für begründet? Schreiber: ja, den Grass sei eine "große moralische Instanz" gewesen, habe oft das Wort ergriffen gegen die "Verdränger der Vergangenheit"; Schreiber zweifelt an Zimmermanns Meinung, Grass' Enthüllung sei anerkennenswert; es gibt eine Karteikarte über die Waffen-SS-Mitgliedschaft, die früher oder später ans Licht gekommen wäre Frage an Strasser: Wird die Diskussion fair geführt? Strasser: keine faire Diskussion; frühere Grass-Gegener nehmen jetzige Debatte als willkommenen Anlass, zuzuschlagen; Strasser hält die Debatte für "völlig überzogen"; Grass habe immer sehr deutlich über seine Verstrickung in den Nationalsozialismus gesprochen und sich stets gegen Ideologien gewendet; für Strasser ist das, was er im Buch gelesen habe, nicht wirklich neu gewesen Guido Schulenberg: nur wenige haben das Buch bisher gelesen; Grass hat selbst die Sperrfrist durchbrochen und ist selbst schuld an der Vorab-Diskussion; Debatte auf Basis der Nicht-Kenntnis Zimmermann: Buch arbeitet mit Spielformen des Erinnerns; im Buch erscheint SS-Mitgliedschaft nicht als Skandal; Schreiber: hält es für möglich, dass Grass noch mehr verbirgt; "wer einmal lügt, dem glaubt man nicht". GZ 2: (09'13'') (Gesprächszeit des Nordwestradion, Teil 2): Frage an Strasser: Wenn man Grass persönlich kennt, fühlt man sich dann persönlich gekränkt über sein bisheriges Schweigen? Stasser: verneint dies; Grass habe sich nie moralische Autorität angemaßt, sondern habe seinen Verstrickung immer zugegeben, auf öffentlich; das Detail der Waffen-SS macht für Strasser keinen Unterschied aus; Grass sei als 16- und 17jähriger fanatischer Nazi gewesen; es sei heuchlerisch, daraus einen Skandal zu machen; Frage an Schreiber: ist für Schreiber dieses Detail bedeutsam? Schreiber: ist anderer Meinung als Strasser; das Problem sei nicht die Mitgliedschaft in der Waffen-SS, sondern das Moralisieren nach dem Krieg; Verweis auf Bittburg (Besuch Reagens auf Soldatenfriedhof); Stasser: Grass hat das Recht des Moralisierens nicht durcht Schweigen erkauft; vielmehr sei das Bewusstsei von Schuld grade der Antrieb von Günter Grass gewesen; Frage an Strasser: wenn das Detail der Waffen-SS nicht so wichtig ist, warum ist es Grass dann doch so schwergefallen, es zu nennen? Strasser: das fragt sich Strasser auch; Strasser vermutet, dass das Kürzel SS zu schwer wiegt; andere Vermutung: früheres Bekenntnis hätte "Persilschein" werden können für solche, die in der SS auch wirklich Verbrechen begangen haben; Frage an Zimmermann: warum hat Grass das Detail Waffen-SS verschwiegen? Was hat Zimmermann gedacht, als er die Stelle im Buch, von dem etwa 200 Exemplare im Umlauf sind, gelesen hat? Zimmermann: in der Logik des Buches fällt das Detail kaum auf; Perspektive des 17jährigen mit anderer Gefühls- und Bewusstseinsstellung; "Schuldmotor" bei Grass sei offenbar noch größer gewesen; Grass habe immer versucht, seine Schuld abzuarbeiten; dies sei für die Kultur der Bundesrepublik von großer Bedeutung gewesen; Frage an Zimmermann: hätte der "Schuldmotor" nicht kraftvoller sein können, wenn Grass früher zugegeben hätte, bei der Waffen-SS gewesen zu sein? Zimmermann: ja, kraftvoller, offener, ehrlicher, aber auch angreifbarer; Grass hätte sich möglicherweise geschadet oder wäre authentischer gewesen. GZ 3: (10'23'') (Gesprächszeit des Nordwestradion, Teil 3): Frage an Strasser: Was sagen die SchriftstellerkollegInnen zu den neuen Erkenntnissen über Grass? Strasser: der tschechische PEN hat über das Zurückziehen des Capek-Preises für Grass nachgedacht; dies sei jedoch falsch; Strasser hat Verständnis für die Emotionen im Ausland; Frage an Stasser: Reaktionen aus Polen? Stasser: hält Superlative in den Reaktionen für falsch; Grass sei aus seinen eigenen Erfahrungen heraus moralisierend gewesen; man solle keine Ansprüche an Schrifsteller und Intellektuelle erheben, dass diese "übermenschliche Urteilsfähigkeit haben"; Frage an Schreiber: dürfen oder können Schrifsteller nicht mehr machen, als die Diskussion über Vergangenheit anzuregen? Schreiber: Grass sei sehr lautstark in der Öffentlichkeit gewesen; Polemik bei Grass; warum moralisiert Grass sogar noch im FAZ-Interview?; Verweis auf Hundejahre: Mehlwürmer als "verdruckste Kreaturen", die sich nicht offen der Wahrheit stellen; Grass sei aber selbst ein Mehlwurm, wie sich nun zeige; Frage an Schreiber: hat Grass nun kein Recht mehr auf moralische Äußerungen? Schreiber: doch, aber Grass habe sich nicht zu sehr aus dem Fenster hängen sollen; Grass sei "Rechthaber der Nation schlechthin" gewesen; mit Grass könne man nicht richtig diskutieren, er hat "immer recht" Strasser: in den 60ern und 70ern habe Grass vor zu schnellen Urteilen gewarnt; diese Funktion, die Grass damals gehabt habe, dürfe nicht vergessen werden; Zimmermann: durch sein Bekenntnis verliert Grass nicht das Recht, als moralischer Intellektueller aufzutreten; es lasse sich hier nichts verrechnen; man müsse nur offener über ihn nachdenken und Grass müsse sich offener der Kritik stellen; Grass dürfe aber nach wie vor Kritik üben; die Diskussionen mit Grass könnten dadurch sogar interessanter werden Schulenberg: Verkaufsstrategie für das neue Buch? Zimmermann: schlimme Unterstellung, aber Fehler von Grass, dass er im Interview mit der FAZ sehr schnell auf "deren Zug aufgesprungen" ist; Grass hätte besser auf das Buch verwiesen; Buch als "Entscheidungs- und Bekenntnisort" hätte zur Versachlichung beigetragen Frage an Schreiber: Verkaufsstrategie? Schreiber: Verkaufsstrategie wird von Grass' Verlag betrieben, nicht vom Autor; Grass hat das "journalistische Event" in der FAZ aber offenbar gewollt; Grass habe sich an der Inszenierung selbst beteiligt. GZ 4: (08'35'') (Gesprächszeit des Nordwestradion, Teil 4): Frage an Strasser: Grass beginnt sich zu wehren in dem er sagt, er werde zur "Unperson" gemacht; ist diese Reaktion übertrieben? Strasser: Reaktion ist übertrieben; Öffentlichkeit ist gespalten, wie immer bei Grass; Frage an Stasser: was würde Strasser Grass raten? Strasser: es wäre besser gewesen, auf das Buch zu erweisen, statt sich auf die FAZ einzuallsen; Strasser stimmt SChreiber zu, dass Grass mit dazu beigetragen hat, dass das Thema hochgeschaukelt wurde; Strasser würde Grass raten, die PR-Dinge vorsichtiger anzugehen; Frage an Schreiber: wie wird Grass in Zukunft gesehen? Schreiber: von Grass bleibe "viel Vernünftiges übrig"; Verweis auf "Tagebuch einer Schnecke" und "Rede über das Selbstverständliche", Plädoyer für Demokratie in den 60ern; Grass wird mehr argumentieren und diskutieren müssen und mehr kritische Fragen zulassen müssen; Zimmermann: ist eher optimistisch; künftige Wirkung sei unbestreitbar; 87 Prozent der Deutschen hätten in einer Meinungsumfrage gesagt, Grass solle den Nobelpreis behalten; dies zeige, wie fundiert Grass als Intellektueller in der Gesellschaft verankert ist; Frage an Strasser: Revision des Bildes von Grass? Strasser: keine Revision, aber zusätzliche "Patina"; Frage an Schreiber: Bild von Grass? Schreiber: Anprangerungen der konservativen "Verdränger" durch Grass muss aufhören Zimmermann: Grass wird der bleiben, der er ist; Geständnis wird aber nicht folgenlos bleiben.



Urtitel:
Gesprächszeit: Grass-Bekenntnis zur Waffen-SS
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Günter Grass, ein…folgt die Musikzeit. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Biographie
Präsentation:
Gespräch
Schlagworte:

Sach:
Waffen-SS; Nobelpreis
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
16.08.2006
Aufnahmeort:
Bremen, Radio Bremen
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
CD
Kopie:

Länge der Kopie:
00:37:55
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sendereihe:
Gesprächszeit
Archivnummer:
Siehe Anmerkungen
Teilnehmende:

Person:
Zimmermann, Harro (Beitragende(r))
Person:
Strasser, Johano (Beitragende(r))
Person:
Schreiber, Matthias (Beitragende(r))
Person:
Schulenberg, Guido (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Gesprächszeit: Grass-Bekenntnis zur Waffen-SS. Bremen, Radio Bremen .

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