Logo der Günter Grass Stiftung Bremen

Webdatenbank

Medienarchiv

DB-Nummer: 997

Wechselrede 1995 : Gespräch über „Ein weites Feld“

Gespräch von Wilfried F. Schoeller mit Günter Grass in Behlendorf Schoeller: "Ein weites Feld" umfasst einen großen epischen Raum; Grass' Glaube an den Roman als "Universum" scheint unerschütterlich. Grass: Für den Roman gebe es ein Surrogat; der Roman werde immer wieder für tot erklärt, doch nur der Roman schaffe es, Epochen und Geschichtszäsuren zu erfassen; in "Ein weites Feld" sei der Zeitraum überschaubar verglichen mit dem "Butt"; in "Ein weites Feld" sei es ihm wichtig gewesen, das vordergründige Geschehen der kürzlich erlebten Einheit 1989/90 vor dem Hintergrund der Einheit 1870/71 und ihrer Vorgeschichte (Vormärz; 1848er-Revolution) darzustellen. Schoeller: Figur des Fonty; Fontane als Folie für die Gegenwart... Grass: Fontane als weiteres "Reizmoment"; Fontane sei aus dem 19. Jahrhundert nicht wegzudenken und habe eine widerspruchsvolle, welchselhafte Biographie; diese spiegele die Geschichte seines Jahrhunderts; er habe mehrere Romane zeitgleich geschrieben; "Frau Jenny Treibel" und "Der Stechlin" spiegelten des wilhelminische Preußen und die Gesellschaft der Neureichen in der Gründerzeit; in der jetzigen "zweiten Gründerzeit" träten diese Figuren wieder auf. Schoeller: Fontane als Kriegsberichterstatter und Spitzel mit antisemitischen Zügen... Grass: Wiederum widerspruchsvoll, denn Fontane sei andererseits ein großer Freund der Juden und betone deren Kulturfunktion; in seinen Briefen gebe es hingegen "entsetzliche antisemitische Passagen", die offenbar auch Anklang gefunden hätten; man habe Fontane als "heiter darüberstehend" stilisiert oder verkürzt; mit 60 Jahren sei Fontane endlich zum freien Schriftsteller geworden, habe seine Hass-Liebe zu Preußen abgelegt und seine Abhängigkeiten aufgelöst; das Angebot, ständiger Sekretär der Preußischen Akademie der Künste zu sein, habe er nach einem Viertelahr fallengelassen; statt dessen habe er bis zu seinem Tod Buch nach Buch geschrieben; dies sei der bis heute bedeutende Fontane; Grass sei es darauf angekommen, auch eine "gegen den Strich gebürstete Fontane-Biographie" zu liefern; dazu gehöre auch der Balladen-Dichter Fontane, die mitunter "schrecklich" seien, aber die erste Phase seines Ruhmes ausgemacht hätten; danach habe er noch eine späten, "spärlichen" Ruhm als Autor von Romanen gehabt. Schoeller: Theo Wuttkes "Tag- und Nachtschatten" Hoftaller ist bereits Held des Romans von Hans Joachim Schädlich gewesen; Wiederaufleben des Spitzels Tallhover bei Grass. Grass: Grundidee des Romans, die während seines Aufenthalts in Kalkutta gefasst worden sei; dort habe er einen Traum gehabt: von seinem Haus in Schleswig-Holstein aus habe er in den Garten gesehen und unter einem Birnbaum seine Frau im lebhaften Gespräch mit einem alten Mann beobachtet; bei nährerem Hinsehen sei es Fontane gewesen; dies habe Grass eifersüchtig gemacht, er sei in den Garten gegangen und habe sich dazu gesetzt; dies sei die erste direkte Konfrontation mit Fontane gewesen; auf die Indien-Reise habe Schädlich Grass das Leseexemplar seiner Romans mitgegeben; es sei ein wunderbares Buch und eine großartige Idee vom unsterblichen Agenten; es sei jedoch unbegreiflich, warum dieser am Ende stirbt; Grass habe Schädlich darauf in einem Brief geschrieben, dass er zu einem gegebenen Anlass den ewigen Spitzel wieder aufleben lassen würde. Schoeller: Reaktion Schädlichs darauf? Grass: Hat noch keine Nachricht von Schädlich erhalten, denkt aber, dass er den literarischen Dialog gutheißt; Schoeller: Fonty und Hoftaller als unzertrennlich und als gemeinsamer Schattenriss; Grass: Unterschiede und Konflikte zwischen den beiden Figuren würden deutlich, aus das Bedrohliche Hoftallers; gleichzeitig ginge von Spitzeln, so Grass' Beobachtung, immer etwas "Fürsorgliches" aus; Schoeller: Fonty spricht als professioneller Redner über Fontane im Kulturbund, wird dort aber suspentiert und fristet darauf sein Dasein als Aktenbote; Grass: auch auf Vermittlung Hoftallers werde Fonty Aktenbote im Haus der Ministerien; damit komme ein Gebäude in den Blick, das zentral im Roman sei: das ehemalige Reichsluftwaffenministerium Görings, in dem Wuttke 1939 als Kriegsberichtserstatter tätig wird; nach dem Ende der DDR wird Wuttke von der Treuhand, die in dieses Gebäude einzieht, übernommen; somit erlebe man Theo Wuttke in drei Phasen deutscher Geschichte; Schoeller: zwei Seiten der Münze "deutsche Geschichte" und Vereinbarkeit dieser Seiten? Grass: Es zeige sich die Tendenz, dass geurteilt würde, was Recht und Unrecht ist und wer Sieger bzw. Besiegter sei; diese Unterscheidung ist Grass fremd; ihm sei es darauf angekommen, die Grautöne sichtbar zu machen, den Übergang vom Opfer zum Täter, und die Gefährlichkeit des Wortes zu verdeutlichen; Diktaturen würden sich dadurch auszeichnen, dass sie Schriftstellern übergroße Aufmerksamkeit zukommen ließen; dies sei eine Art Liebe, die in Gestalt von Spitzeln der Schriftstellern entgegengebracht würde und ihn daran hindern soll, etwas Falsches zu machen; Hoftaller/Tallhover begreife sich als fürsorglicher Mensch. Schoeller: Mitarbeiter des Fontane-Archivs gehören zur Grundkonstellation... Grass: "Wir vom Archiv" als Erzähler; diese kennen Fonty und nehmen ihn ernst; sie verehren ihn als jemanden, der viel weiß und nehmen dies zum Anlass, von Fonty zu erzählen; Schoeller: drei allwissende Parteien: besserwisserische Philologen im Archiv, Stasi-Spitzel und Fonty; weiträumige Konstellation, die mit Wahrheiten bricht; Grass: es würden viele Dinge in dem Roman unterschwellig miterzählt: Fontane-Biographie, Berlin in seinen verschiedenen Zuständen und im Zusammenhang mit Ereignissen (Beispiel Tiergarten) und Prozess der Deutschen Einheit. Schoeller: Thema Preußen? Grass: Geschichte Preußen sei ohne die Hugenotten und ohne das Toleranz-Ediktes nicht vorstellbar; Abscheu des hugenottisch-stämmigen Fontane gegenüber dem wilhelminischen Preußen; Schoeller: Rückwärtsgewandtheit von Fonty und Hoftaller als leiser Widerstand gegen die schnelle Wiedervereinigung? Grass: Es werde auch der Prozess des Scheiterns mit eingeführt, da der Prozess über die Menschen hinwegginge; Fonty habe dies alles schon einmal 1870/71 erlebt; daher maßt Fonty sich an zu behaupten, die Mauer mit geöffnet zu haben; negative Prophezeihungen von Hoftaller und anders gesetzte negative Prophezeihungen von Fonty; dies mache auch die Spannung zwischen den beiden Figuren aus; Schoeller: kein schnelles Lesen des Buches und keine schnellen Meinungen möglich; Grass: will dem Leser eine Erzählung bieten, die ihn wachhält und anregt, Wissenslücken neugierig zu füllen; für eine "Nebenwirkung", dass mehr Fontane gelesen würde, wäre Grass dankbar; Schoeller: Bild für den ganzen Roman: Großes labyrintisches Gehäuse mit abgeschlossenen Räumen Grass: bestätigt dies; man komme aber auch in Räume zurück, die sich verändert hätten (Treuhand-Gebäude mit Pater Noster); Schoeller: Spitzen gegen den Literaturbetrieb und gegen Kollegen, die sich alle auf Theo Wuttke schieben lassen; Grass: Niedermachen-Mentalität des Westens gegenüber dem Osten; diese Anmaßung spiegele sich in dem Buch wider (Beispiel Wuttkes Hochzeit); Schoeller: trauriger Schluss des Romans: Verschwinden Wuttkes; Grass: bitterer Beigeschmack, dass Wuttke erkennt, dass sich in dem fremdenfeindlichen Deutschland die Hugenotten nicht mehr halten können; die Hugenotten seien nach Deutschland gekommen, als ihnen das Toleranz-Angebot gemacht wurde; Schoeller: Verhältnis vom Kleinen und Großen; Grass: Fonty bette die Ereignisse in ein alltägliches Geschehen ein im Gegensatz zur "regierenden Masse aus Bonn", die kleine Ereignisse groß verkaufe; er relativiere somit das Große; Schoeller: Fontane-Zeichnung von Liebermann, der Fonty nach und nach sehr ähnlich wird; der Leser wisse am Schluss nicht mehr, was Fonty, was Fontane und was Grass geschrieben habe Grass: die entspreche seinem Vorhaben, eine Symbiose zu schaffen und den richtigen Ton für die Archiv-Erzähler zu finden; Schoeller: Buch als "Historien-Gemälde mit Übermalungen"; Grass: immer wieder blättere etwas von der Übermalung ab und das Dahinterliegende komme zum Vorschein; dies entspräche auch Grass' Blick auf die Gegenwart und seiner Vorstellung von "Vergegenkunft"; Schoeller: die Kritik spricht von "Überfülle"... Grass: lehnt "Medienverknappung und Verdummung als ästhetisches Prinzip" ab; man könne zwar Tolstois "Krieg und Frieden" verkürzen und Cervantes "Don Quichotte" "anzitieren"; solche Verkürzungen würden zu den "Barbarismen unserer Zeit" gehören; durch Grimmelshausen sei "Geschichte von unten erzählt worden" und durch ihn wisse man mehr über den Dreißigjährigen Krieg als von manchen Historikern; Grass möchte dem Leser "etwas geben aber auch etwas zumuten".



Urtitel:
Wechselrede: Wilfried F. Schoeller im Gespräch mit Günter Grass
Anfang/Ende:
(Trailer) Herr Grass, dieser…Vielen Dank, Herr Grass.
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Veröffentlichung von "Ein weites Feld"

Schlagworte:

Person:
Fontane Theodor; Hoftaller; Schädlich Hans-Joachim; Ulbricht Walter; Tolstoi Leo; Grimmelshausen Hans Jakob Christoph von; Grass Ute; Wuttke Theo; Göring Hermann
Werke:
Ein weites Feld; Der Butt; Frau Jenny Treibel; Der Stechlin; Tallhover
Sach:
Roman; Geschichte; Revolution; Einheit; Antisemitismus; Spitzel; Traum; Vergegenkunft; Hugenotten; Agent
Geo:
London; Kalkutta; Indien; Berlin; Preußen
Zeit:
Vormärz; 19. Jahrhundert; Gründerzeit; 1848; 1870/71; 1961; 1989/90
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
27.08.1995
Aufnahmeort:
Behlendorf, Garten
Sprachen:
deutsch
Anmerkung Qualität:
Ton und Bild teilweise asychnron
Original:

Originallänge:
00:28:45
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
VHS
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:28:25
Tonträger:
DVD
Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
AVI
Herkunft:

Archivnummer:
0000077428
Produktionsnummer:
163988
Teilnehmende:

Person:
Schoeller, Wilfried F. (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Wechselrede: Wilfried F. Schoeller im Gespräch mit Günter Grass. Behlendorf, Garten .

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten

Export