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DB-Nummer: 1004

Was steht eigentlich drin? : Studiogespräch mit Harro Zimmermann

Sprecher: Grass war Mitglied der Waffen-SS; dies ist bald nachzulesen in "Beim Häuten der Zwiebel"; Harro Zimmermann hat es bereits gelesen - was schreibt Grass überhaupt? Zimmermann: Es handelt sich um eine Seite, die ein Bekenntnis darstellt; für dieses Bekenntnis hat Grass 60 Jahre gebraucht; das spräche für eigene Ängste und Blockierungen; das Buch sei aber insgesamt viel reicher an Selbstbefragungen, Selbstrelativierungen; Grass will mehr über sich sagen und mehr über sich erfahren; es ist eine literarische Form der Selbstbefragung, was in der Debatte nicht ernst genommen werde; Sprecher: hat Grass damit gerechnet, dass diese persönliche Seite nun so sehr in den Vordergrund kommt in der Debatte? Zimmermann: Grass hat sicher damit gerechnet, aber nicht mit einem solchen "Furor"; wenn man Grass' Werk kenne, wisse man, dass er sein Problem schon literarisch ausgedrückt habe, nämlich in der Figur Oskar Matzeraths; die jetzige Autobiographie sei der richtige Ort, um weiteres von sich preiszugeben; Sprecher: Grass hat immer dazu gestanden, Nationalsozialist gewesen zu sein; wozu führt das Stichwort "Waffen-SS" jetzt? Zimmermann: Grass hat immer zugegeben, fasziniert und fanatisiert gewesen zu sein; wenn man die Umstände betrachtet, passt auch das neue Detail herein. Sprecher: Abmoderation



Urtitel:
Was steht eigentlich drin? - Studiogespräch mit Harro Zimmermann
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Günter Grass, der…Kollegen Harro Zimmermann. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Biographie
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Debatte um "Beim Häuten der Zwiebel" und die darin erstmalig von Grass erwähnte Tatsache, dass er gegen Kriegsende Angehöriger der Waffen-SS gewesen ist. Günter Grass und die Waffen-SS - Ein Kommentar von Harro Zimmermann. Das Eingeständnis des Literaturnobelpreisträgers komme viel zu spät, es mache das "Ende einer moralischen Instanz" deutlich, ja, ein "Moralapostel" sei vom Sockel gestoßen worden, den Literaturnobelpreis hätte er eigentlich gar nicht erhalten dürfen, tief enttäuschend sei, dass die große Nachkriegserzählung der Deutschen von Schuld und Scham ausgerechnet mit dem Namen Grass ende, und sogar ein "globaler Schock" wird diagnostiziert. Gelegentlich ist die betriebsübliche Häme schon ein bisschen unheimlich, wenn der Kommentator des "Kölner Stadtanzeigers" schreibt: "Diesmal kann er nicht mit moralischem Furor ablenken. Es geht nicht um die vielen, es geht diesmal um ihn". Und schon ist auch von "Fälschung" die Rede, derer sich dieser Autobiograph Grass schuldig gemacht habe. Da rutscht die öffentliche Kritik ab in eine Art Revanchehaltung gegenüber einem intellektuellen Streiter, die man in unserer politischen Kultur kaum noch für möglich halten konnte. Unterboten wird das klägliche Niveau dieser Auseinandersetzung nur noch von solchen Zeitgenossen, die das Bekenntnisunternehmen des Günter Grass zum publicity-süchtigen Verkaufstrick erklären. Die Schwundstufe der Debatte ist offenbar schon in ihren Anfängen erreicht. Ist denn tatsächlich eine moralische Instanz der Bundesrepublik zuschanden gegangen? An sich, so sagt der große Kritiker Hellmuth Karasek, ist die Grass-Mitgliedschaft in der Waffen-SS eine "Lappalie", dass man über so etwas schweige, sei irgendwie verständlich, aber dass einer wie Günter Grass sich geschämt habe, ein solches Eingeständnis rechtzeitig vorzutragen, sei völlig unerträglich, unverzeihlich und gewissenlos. Für Grass soll keinerlei Pardon gelten, offenbar auch nicht in dem Sinne Ralf Giordanos, der gesagt hat: "Schlimmer, als einen politischen Irrtum zu begehen, ist, sich mit ihm nicht auseinander zu setzen". "Beim Häuten der Zwiebel" ist ein literarisch komplexes Bekenntnisbuch, es geht behutsam und skrupulös um mit der Frage nach der eigenen Person, nach der Wahrhaftigkeit von Erinnerung und Schuld. Dass Günter Grass mit siebzehn als Nazi-Endsieggläubiger der Waffen-SS zugeteilt wurde, ist ja nur eins von vielen Bekenntnissen, Selbstbefragungen und Selbstzweifeln in diesem Buch. Dieses Grasssche Werk reicht tief hinein in die deutsche Geschichte und Zeitgeschichte, es besitzt einen langsamen und umwegigen Takt des Nachdenkens. An diesem Ort, zu dieser Zeit wollte Grass sehr bewusst sein schmerzhaftes Eingeständnis zum Ausdruck bringen. Doch nun wird es in einen hektischen Meinungsbetrieb gezerrt, in dem die Gerechten und Selbstgerechten das Sagen haben, und die schleudern nun die einst von Grass vermeintlich geschwungene Moralkeule auf ihn zurück. Allein das Waffen-SS-Thema, durch Grass selbst vor aller Welt eingestanden, finden die Grass-Kritiker wichtig. Als hätten sie den Autor entlarvt, als sei das Beschweigen der eigenen und der deutschen Schuld immer schon seines Amtes gewesen, als stünde nicht sein ganzes künstlerisches Werk dagegen. Hier kommt ein persönliches Eingeständnis spät, das ist kaum zu bestreiten. Aber es ist – nach langer Selbstquälerei - ein freiwilliges Eingeständnis, Grass traut es sich heute zu in einem Deutschland, das gelernt hat, die eigene Schuldproblematik ohne schrille Hysterisierung wahr- und ernst zu nehmen. Der so viel Kritik an seiner Nation geübt hat in den vergangenen fünfzig Jahren, der will sich nun selber dem Urteil aller Deutschen stellen. Das ist kein Skandal, das ist eine Ermutigung. 13. August 2006

Schlagworte:

Person:
Matzerath Oskar
Werke:
Beim Häuten der Zwiebel; Katz und Maus
Sach:
Waffen-SS
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
14.08.2006
Aufnahmeort:
Bremen
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:04:45
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
CD
Kopie:

Länge der Kopie:
00:04:48
Tonträger:
CD-ROM
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sendereihe:
Kulturjournal
Archivnummer:
B003162691
Teilnehmende:

Person:
Zimmermann, Harro (Sonstige)
Person:
Zimmermann, Harro (Vorredner(in))

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Zitierform:

Was steht eigentlich drin? - Studiogespräch mit Harro Zimmermann. Bremen .

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