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DB-Nummer: 1009

Kommt Grass' Geständnis zu spät? : Kommentar von Stefan Lohr

Kommentar von Stefan Lohr: Grass hat sich mit dem Interview in der FAZ keinen Gefallen getan; die FAZ hat die Gelegenheit zu einer "effektvollen Medieninszenierung genutzt"; die Mitgliedschaft zur Waffen-SS hat die FAZ zu einer "isolierten Nachricht" gemacht; Diskussionen an allen Fronten; die meisten kritischen Stimmen beziehen sich auf Grass' langjähriges Schweigen; alle Diskussionen stehen jedoch im "luftleeren Raum", solange das Buch nicht erschienen ist; Grass hat die Sperrfrist für das Buch selbst durchbrochen; Grass ist empört auf die Fokussierung auf das SS-Thema; er erweist sich darin sehr naiv: dass die FAZ dieses Detail skandalisiert ist "weder verwunderlich noch verwerflich"; Grass hätte besser noch zwei weitere Wochen schweigen sollen bis zur Veröffentlichung des Buches.



Urtitel:
Kommentar von Stefan Lohr: Kommt Grass' Geständnis zu spät?
Anfang/Ende:
Günter Grass hat…es eben nicht.
Genre/Inhalt:
Biographie
Präsentation:
Statement
Historischer Kontext:

Debatte um "Beim Häuten der Zwiebel" und die darin erstmalig von Grass erwähnte Tatsache, dass er gegen Kriegsende Angehöriger der Waffen-SS gewesen ist. Vorgestellt von Stephan Lohr "Weil dies und auch das nachgetragen werden muss. Weil vorlaut auffallend etwas fehlen könnte. Weil wer wann in den Brunnen gefallen ist: meine erst danach überdeckelten Löcher, mein nicht zu bremsendes Wachstum, mein Sprachverkehr mit verlorenen Gegenständen. Und auch dieser Grund sei genannt: weil ich das letzte Wort haben will." So fasst der Autor knapp seine Absicht mit dem neuen Buch zusammen. "Allen von denen ich lernte", hat er es gewidmet. Auf den 480 Seiten begegnen uns etliche davon, die Eltern, die Mutter mehr als der Vater, die Schwester, Schulkameraden und Verwandte aus der Kaschub’schen Verwandtschaft. In der Kriegszeit der Obergefreite, der ihn das Überleben lehrte, später lernen wir die Lehrer an den Kunstakademien in Düsseldorf und Berlin, Sepp Mages und Otto Pankok kennen, schließlich berichtet Grass von seiner ersten Frau, der Schweizer Tänzerin Anna Schwarz und endlich Hans Werner Richter, der den inzwischen 28-jährigen Künstler und Schriftsteller 1955 erstmals zu einem Treffen der Gruppe ’47 einlud. Den Zeitraum der Jahre 1939 bis 1959, vom Kriegsbeginn also bis zum Erscheinen der "Blechtrommel" erzählt Grass in 11 Kapiteln chronologisch, doch immer wieder auch vorgreifend oder zurückverweisend. "Das Buch heißt "Beim Häuten der Zwiebel" und die Zwiebel steht für Erinnerung. Dieses Ablösen wie bei der Zwiebel, da ist ja immer eine Haut nach der anderen, eine Haut nach der anderen, immer kommen neue Gedächtnisschichten zum Vorschein und die Skepsis dem Gedächtnis gegenüber, oder der Erinnerung gegenüber, oder dem Streit zwischen Erinnerung und Gedächtnis, wobei das Gedächtnis der Rechthaber ist und die Erinnerung dazu neigt, zu schönen." Grass, der phantasiereiche Erzähler, der Märchen neu erfindende und die Barockliteratur genussvoll herbeizitierende Autor stößt auf Schwierigkeiten beim beschreibenden Blick auf die eigene Person. "Der Junge", schreibt er, "verweigert Auskünfte, will sich nicht als mein frühes Selbstbild ausbeuten lassen", er schneidet Grimassen. Grass weiter: "Da mir, dem Kind einer Familie, die nach Kriegsende vertrieben wurde, kein Nachlass aus Jugendjahren zur Hand ist, kann nur die fragwürdigste aller Zeuginnen, die Dame Erinnerung, angerufen werden, eine launische, oft unter Migräne leidende Erscheinung, der zudem der Ruf anhängt, je nach Marktlage käuflich zu sein." Gleichwohl erfahren wir dann doch eine ganze Menge von dem so selbstbewussten, aufsässigen jungen Mann. Der aber zugleich schweigt, nicht "warum" fragt. Weder beim Tod des Onkels, einem Verteidiger der Polnischen Post in Danzig, der von den Deutschen standrechtlich erschossen wird. Noch als er während der Kommiss-Zeit das Verschwinden eines Zeugen Jehovas miterlebt, eines Kameraden, der sich beharrlich weigert, das Gewehr auch nur zu berühren. Das beschäftigt ihn bis heute mehr als der SS-Schlamassel. "Also schreibe ich über die Schande und die ihr nachhinkende Scham. Selten genutzte Wörter, gesetzt im Nachholverfahren, derweil mein mal nachsichtiger, dann wieder strenger Blick auf einen Jungen gerichtet bleibt, der kniefreie Hosen trägt, allem, was sich verborgen hält, hinterdreinschnüffelt und dennoch versäumt hat, ’warum’ zu sagen." Die Schilderung der militärischen Karriere hat im Vorfeld der Buchveröffentlichung für Furore gesorgt. Mit 15 Luftwaffenhelfer, dann Reichsarbeitsdienst, schließlich die kritiklos hingenommene Einberufung des gerade 17-jährigen in die Waffen-SS. "Und doch habe ich mich über Jahrzehnte hinweg geweigert, mir das Wort und den Doppelbuchstaben einzugestehen. Was ich mit dem dummen Stolz meiner jungen Jahre hingenommen hatte, wollte ich mir nach dem Krieg aus nachwachsender Scham verschweigen. Doch die Last blieb, und niemand konnte sie erleichtern." Wann ihm, der aus seiner Nazi-Verblendung auch bisher schon keinen Hehl gemacht hatte, seine SS-Zeit zum Problem, zum Makel, zur Schande wurde, teilt das Buch nicht mit. Nach entbehrungsreicher Zeit als Kriegsgefangener, dann als Koppeljunge im Kalibergwerk, nach der Erfahrung von ordinärem Hunger, der nur mit Nahrung zu stillen ist, erinnert Grass auch anderen Hunger: das Verlangen nach fleischlicher Liebe, schließlich den Hunger nach Kunst. Uns begegnet der formsuchende Bildhauer, der das Handwerk im Steinmetzbetrieb erlernt und künstlerisch Position bezieht: für die Gegenständlichkeit und wider die Abstraktion. Der Bildende Künstler schreibt auch, Gedichte und Theaterstücke, 1956 erscheint das erste Buch "Die Vorzüge der Windhühner". Zeichnungen und Gedichte. Mehr und mehr verdrängt der Autor den Bildenden Künstler. Die nagende Scham wird zur Triebfeder des literarischen Werkes. "Beim Häuten der Zwiebel" ist ein privates Buch. Dieser Widerspruch macht den Reiz der Lektüre aus. Grass-Kenner und Leser seiner Bücher werden zudem beglückt mit vielen Details darüber, wie Erfahrungen, Begebenheiten und Personen aus dem wirklichen Leben transformiert werden ins epische Werk der "Blechtrommel" und anderer Romane. Vielleicht ist "Beim Häuten der Zwiebel" auch das letzte Prosabuch des großen alten Mannes, der - spät - seine vom künstlerischen Ruhm später Jahre überdeckte menschliche Gewöhnlichkeit eingesteht. "Weil so etwas auch nachwirkend, selbst wenn man ins Greisenalter kommt, schmerzt. Und wahrscheinlich im Greisenalter noch mehr schmerzt, weil man in dieser Altersphase den jungen Jahren sehr nahe ist." (Sendetermin: 16. August 2006, 12:30 Uhr)

Schlagworte:

Werke:
Beim Häuten der Zwiebel
Sach:
FAZ; Waffen-SS
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
15.08.2006
Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:02:52
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
CD
Kopie:

Länge der Kopie:
00:02:56
Tonträger:
CD-ROM
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Herkunft:

Sendereihe:
Journal
Teilnehmende:

Person:
Lohr, Stephan (Sonstige)
Person:
Lohr, Stephan (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Kommentar von Stefan Lohr: Kommt Grass' Geständnis zu spät?. unbekannt .

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