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DB-Nummer: 1014

Gespräch mit Lohr

Bronzedenkmal für Grass in Gdansk, das Grass abgelehnt hat; Kompromiss: die Grass-Statue wird bis zu Grass' Tod eingelagert, die daneben sitzende Oskar-Statue hingegen in einem Park auf einer Bank errichtet; Grass Alternativ-Vorschlag zu den Statuen war die Einrichtung von Wohnungstoiletten im Labesweg und diese ggf. auch Grass-Toiletten zu nennen Günter Grass Haus in Lübeck, das am 20. Oktober eröffnet wird; in Berlin Ausstellung in der Akademie der Künste "Fundsachen für Grass-Leser"; im Archiv der Akademie der Künste lagern Vorlässe von vielen Künstlern; von Grass liegen dort Manuskripte, Briefwechsel, Skizzen, Zeichnungen und Entwürfe; in Lübeck Konzentration auf den Zusammenhang von Zeichnen und Schreiben; Wechselbeziehungen bis in die Skulpturen hinein; Grass will, dass im Grass-Haus generell der Zusammenhang von Zeichnen und Schreiben gezeigt wird, der auch bei anderen Künstlern evident ist; u.a. auch in Lübeck: über 100 Original-Aquarelle zu "Mein Jahrhundert", die von der Stadt Lübeck übernommen hat, sowie Zeichnungen und Manuskripte zu "Novemberland"; damit, so Grass, solle auch wissenschaftlich gearbeitet werden; von Grass gewählter, ironischer Titel: "Fundsachen für Nichtleser"; zur Arbeitsweise: "Vier Jahrzehnte" bzw. "Fünf Jahrzehnte" legt die Arbeitsweise offen; Grass geht immer vom Handwerklichen aus; auch Gespräche mit Schriftstellerkollegen (z.B. Uwe Johnson) über das Handwerkliche des Schreibens; zur Literaturkritik: die Kritik trage Erwartungen an die Autoren heran statt die Literatur kritisch und aufmerksam zu reflektieren; bei der Gruppe 47 nur Austausch über den Text selbst; dabei ist Grass aufgefallen, dass die Autoren immer handwerklich argumentiert haben; das Handwerkliche bei jungen Autoren: Grass ist Stifter des Alfred-Döblin-Preises, vor dessen Vergabe die Preisanwärter sich in Lesungen und Diskussionen mit Kollegen, Kritkern und Lektoren auseinandersetzen müssen; zum öffentlichen Interesse und zu den beiden jüngst erschienenen Biographien: Grass sieht dies mit Neugier und Interesse, sofern sich diese mit seiner Arbeit beschäftigen; Grass schätzt Werkbiographien; er werde auch oft gefragt, ob er nicht eine Autobiographie schreiben wolle; dies wolle er dem Leser aber nicht zumuten, denn dann würde Grass schon im ersten Kapitel anfagen "zu lügen und zu flunkern", da ihn die Wahrheit langweile; die Biographie von Vormweg ist nun noch erweitert worden und sehr persönlich geschrieben; Grass begrüßt es, dass Vormweg sich selber in die Biographie "mit eingeschrieben" hat; die Biographie von Mayer-Iswandy sei dagegen materialreich und für den Schulgebrauch geeignet; das Buch "Bürger Grass" von Michael Jürgs stellt die öffentliche Arbeit von Grass in den Mittelpunkt und in diesem Bereich hält Grass die Biographie für sehr gelungen; andere Passagen bei Jürgs, die ins Private gingen, seien hingegen fragwürdig; Grass und das Lesen, v.a. als Kind und Jugendlicher: Welche Chancen gibt Grass dem Lesen heut? Kindliche Leselust und Konzentrationsfähigkeit? Grass glaubt, dass das Buch sich immer durchsetzen wird; Wellen neuer Medien, aber immer wieder Rückbesinnung auf das Buch, zu dem es keine Alternative gäbe; latente Konzentrationsschwäche sei bei vielen Kindern zu beobachten; Versunkenheit ins Buch erlaube Kindern auch Flucht ins Buch; Rolle des Internets in "Im Krebsgang" und Umgang mit Internet: Grass selbst arbeitet ohne Computer, aber Internet und Computer seien "nun mal da"; bei "Im Krebsgang" viele Recherchen, im Internet unter anderem durch Olaf Mische und Grass' Sekretärin unterstützt; Computersprache sei rasch gelernt; Internet als Organisations- und Verbreitungsforum für Rechtsradikale; laufendes Verbotsverfahren für NPD, von dem Grass nichts hält; ein Verbot hätte das Abtauchen in den Untergrund zur Folge, wofür das Internet besonder gut geeignet sei; im Internet finde man die schärfsten und hasserfülltesten Formen des Rechtsradikalismus; Globalisierung des Hasses; schnelles und anonymes Medium begünstige Globalisierung des Hasses, doch will Grass die Erfindung Internet nicht von vorneherein negativ beurteilen; eine andere Schwierigkeit beim Internet sei Kinderpornographie; Grass sei es in der Novelle "Im Krebsgang" darauf angekommen, Historisches in einem aktuellen Medium zu zeigen; die Präsenz von Rechtsradikalen im Internet sei Grass von vielen bestätigt worden; die im Buch erwähnten Internetadressen wwww.blutzeuge.de und www.kameradschaft-konrad-pokriefke.de sind sofort durch den Verlag gesperrt worden, um Missbrauch vorzubeugen; zur historisch-politischen Debatte, die "Im Krebsgang" ausgelöst hat; Tabuisierung des Themas Flüchtlinge in den Medien; keine literarische Behandlung der Gustloff-Katastrophe; auch Grass hat lange gebraucht, sich des Themas anzunehmen; in der jungen Generation in Polen werde das Thema Vertreibung vermehrt zur Sprache gebracht; Grass begrüßt das Gespräch über dieses Thema; andere, bisher nicht behandelte Themen, z.B. Luftkrieg; Grass hat mit Harry Mulisch gesprochen, der als erster die Zerstörung Dresdens thematisiert habe; in Deutschland Hemmungen, sich mit bestimmten Kriegsthemen literarisch auseinanderzusetzen; Grass hält es für ein Recht und eine Pflicht, diese Dinge darzustellen; Blick in die Vergangenheit als Sinn und Aufgabe der Literatur; Leseerfahrungen und Leseempfehlungen von Grass für junge Leser: Grass fällt zuerst "Kleiner Mann, was nun?" von Fallada ein; des weiteren "Der Untertan" von Heinrich Mann, "Mein Katalonien" von Orwell (zur Aufklärung über den spanischen Bürgerkrieg); auch "Die Entdeckung der Langsamkeit" von Sten Nadolny sei ein "wunderbarer Schmöker"; Grass als Mitherausgeber (mit Daniela Dahn und Johano Strasser) von "In einem reichen Land", das dem Andenken von Pierre Bordieu gewidmet ist; Grass hat zwei Jahre zuvor für den Fernsehsender Arte ein längeres Gespräch mit Bordieu geführt, vor allem über dessen Buch "Vom Elend der Welt"; Grass habe sich gefragt, warum es derartiges in Deutschland nicht gäbe; die Bundesregierung habe immerhin einen Armutsbericht für Deutschland vorgelegt; Grass habe es gereizt, Armut zum Thema zu machen und habe seinen Verleger Steidl leicht zur Vorfinanzierung überreden können; Grass habe Dahn und Strasser bewusst mit einbezogen und diese hätten über 40 Autoren (Schriftsteller, Journalisten u.a.) angesprochen, um diesen "finsteren Bereich" in Deutschland auszuleuchten; Grass hofft auf viele Leser und Wahrnehmung unter Politikern und hält auch eine Fortsetzung und Ergänzung für möglich; man könne jedoch auch die Kehrseite zeigen, das Leben der Reichen; Sisyphos-Mythos von Camus - Mühsahl und Glück - wie ist dies anwendbar auf die Politik, konkret die Bundestagswahl? Grass sieht Probleme für die Bundesregierung: Reformstau, leere Kassen, tabuisierte Steuererhöhungen; positiv: neues Stiftungsrecht; Grass hat selber drei Stiftungen gegründet, um sein Kapital zu verringern; Grass ist bei Gesprächen von Gerhard Schröder mit Intellektuellen zum Thema Terrorismus und Golfkrieg zugegen gewesen; Schröder habe dies nicht zum Wahlkampfthema missbraucht; Ursachen des Terrorismus seien im "armen Süden" zu suchen und man müsse zurückgreifen auf den Nord-Süd-Bericht von Willy Brandt; Brandt habe auf diesen Konflikt früh- und rechtzeitig hingewiesen; der Bericht sei jedoch niemals zur Kenntnis genommen worden; Terrorismus sei nicht durch Krieg zu bekämpfen; Brandts Forderung nach einer neuen Weltwirtschaftsordnung sei nie umgesetzt worden; Grundlage für Terrorismus liege in der Armut und im Nord-Süd-Gegensatz; andere Sisyphos-Seite: Tod. Ist Tod ein Thema für Grass? Grass ist immer noch erfüllt von Arbeit und habe Situtationen in seiner Jugend erlebt, die ihm gezeigt hätten, dass er nur zufällig noch lebe; dies relativiere den Blick auf den Tod; der Tod sei ein Abschluss und über das "danach" habe Grass keine Spekulationen und "noch nichtmal eine Neugierde"; er lebe im Hier und Jetzt und versuche, seine Talente zu nutzen; Selbstzerstörung der Menschheit könne jedoch dazu führen, dass der Stein des Sisyphos irgendwann liegen bleiben wird.



Urtitel:
Gespräch mit Lohr
Anfang/Ende:
Günter Grass. Ein…einfach liegen bleibt.
Genre/Inhalt:
Kultur
Präsentation:
Gespräch
Schlagworte:

Person:
Wißkirchen Hans; Keller Gottfried; Johnson Uwe; Melville Herman; Döblin Alfred; Luther Martin; Dostojewski Fjodor; Tolstoi Leo; Hamsun Knut; Raabe Wilhelm; Baum Vicki; Lagerlöf Selma; Barlach Ernst; Schön Heinz; Kempowski Walter; Mulisch Harry; Vonnegut Kurt; Braun Volker; Grimmelshausen Hans Jakob Christoph von; Mann Heinrich; Orwell George; Brandt Willy; Nadolny Sten; Steidl Gerhard; Camus Albert; Stoiber Edmund; Kohl Helmut; Schröder Gerhard; Eichel Hans; Hoffmann Ernst Theodor Amadeus; Vornweg Heinrich; Fallada Hans; Bourdieu Pierre; Beckstein Günther
Werke:
Mein Jahrhundert; Novemberland; Fundsachen für Nichtleser; Im Krebsgang; Hundejahre; Die Rättin; Krieg und Frieden; Simplicissimus; Der Untertan; Mein Katalonien; In einem reichen Land; Das steinerne Brautbett; Schlachthaus Nummer 5; Kleiner Mann, was nun?; Die Entdeckung der Langsamkeit; Vom Elend der Welt
Sach:
Denkmal; Akademie der Künste; Günter Grass Haus; Labesweg; Oskar; Toiletten
Geo:
Danzig; Gdansk; Lübeck; Polen; Dresden; Warschau; Rotterdam; London; Spanien; USA; Amsterdam; Coventry; Liverpool; Barcelona
Zeit:
Dreißigjähriger Krieg; 1920er Jahre
Aufnahme:

Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Stereo
Original:

Originallänge:
00:52:33
Kopie:

Länge der Kopie:
00:52:30
Tonträger:
CD
Herkunft:

Archivnummer:
NR57553
Teilnehmende:

Person:
Lohr, Stephan (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

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Zitierform:

Gespräch mit Lohr. unbekannt .

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