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DB-Nummer: 1036

Ulrich Wickert und Günter Grass sprechen über "Beim Häuten der Zwiebel" : Wickerts Bücher im August 2006

Knoch, jens-Uwe

Ort: Hotel in Dänemark Wickert (Anmoderation): In der ersten Sendung von Wickerts Bücher geht es nur um ein einziges Buch, um Grass' Autobiographie "Beim Häuten der Zwiebel"; Grass steht in der Kritik, weil hierin zum ersten Mal bekannt wurde, dass Grass Mitglied der Waffen-SS gewesen ist Frage an Grass: "Warum erst jetzt?" Grass: "Das lag bei mir begraben", war ihm jedoch immer präsent; genaue Gründe für sein Schweigen kann er nicht nennen; Engagement als Gegenpol; Grass ist sich keiner Schuld bewusst und war an keinem Verbrechen beteiligt; hatte immer das Bedürfnis, in einem größeren Zusammenhang darüber zu erzählen; Wickert: Kritik ist groß; die Vorsitzende des Zentralrats der Juden Knoblauch sagt, durch das Bekenntnis hätte Grass seine frühreren Reden ad absurdum geführt (z.B. Grass' Einwände gegen den Besuch des Soldatenfriedhofs in Bitburg) Grass: Kritik an Bitburg: das "Benutzen der Toten" sei damals "wie ein Propagandaakt" gewesen; Grass gesteht zu, dass man Kritik daran üben kann, dass er erst jetzt über seine SS-Mitgliedschaft spricht; Gründe dafür mögen für manche unzureichend sein; die kritischen Fragen stellt Grass sich selbst und in einem anderen Zusammenhang: er habe nicht die richtigen bzw. keine Fragen gestellt (Verschwinden des Onkels Franz); in die Waffen-SS ist Grass ohne eigenes Zutun geraten; Versuch von "Beim Häuten der Zwiebel", sich den damaligen Verhaltensweisen wieder zu nähern; Misstrauen der eigenen Erinnerung gegenüber, die im Schreibprozess berücksichtigt sind. Wickert: Grass ist Ehrenbürger von Danzig; Lech Walensa hat angeregt, die Ehrenbürgerschaft zurückzugeben; haben die Polen ein gewisses Recht, von Grass enttäuscht zu sein? Grass:Jjedem ist die Kritik zum langjährigen Schweigen freigestellt; Grass kann dazu nichts verteidigendes sagen; Ehrenbürgerschaft, weil er in Literatur und Politik sehr früh Brücken zwischen Deutschen und Polen geschlagen hat; Entscheidung über Ehrenbürgerschaft liegt beim Stadtpräsidenten, Grass sieht von sich aus keinen Grund, die Ehrenbürgerschaft zurückzuweisen; Wickert: in der "Rede von der Gewöhnung" hätte Grass bereits sagen können, dass er Soldat in der Waffen-SS gewesen ist - warum hat er es nicht getan? Grass: Frage, die sich Grass selber stellt; Schweigen ist auch Thema des Buches; Leser können sich selbst ein Bild machen; Grass ist dem Thema nicht ausgewichen; Grass hat nicht der FAZ ein Geständnis gemacht, das Thema wird im Buch behandelt; Wickert: Bitte, die betreffende Passage aus dem Buch vorzulesen Grass: <liest vor> "Im Morgengrauen stand der Zug nach Dresden…" <bis> "…niemand konnte sie erleichtern" Wickert: Grass hätte sich von der Last erleichtern können, hat es aber nicht getan; Grass: hat es jetzt durch das Buch getan; spät oder zu spät, aber Grass ist erst jetzt in der Lage dazu gewesen: "Wer richten will, mag richten"; was er jedoch zur Zeit erlebt, führt zu einem "Aburteilen"; er soll offensichtlich zu einer "Unperson" gemacht werden; späteres Wirken soll nihiliert werden. Wickert: Tabu und Scham als Motivation für das Schreiben? Grass: Bestärkung Wickert: Karl Jaspers hat 1946 die Schuldfrage untersucht: es gäbe keine kollektive Schuld der Deutschen sondern nur eine individuelle Schuld der Täter; hat Grass sich Schuld vorzuwerfen? Grass: Keine Verbrechen; wäre Grass zwei oder drei Jahre älter gewesen, wäre er möglicherweise in Verbrechen verstrickt worden; ideologische Gefangenschaft des Nationalsozialismus; hat immer offen über seine Verblendung gesprochen, dass er bis zum Schluss an den Endsieg geglaubt hat. Wickert: Ist Grass als Antisemit erzogen worden? Grass: Nein, hat keine Rolle gespielt; in Deutschland herrschte allgemein keine "Progromstimmung", vielmehr geschah alles aus Kalkül. Wickert: Grass schildert im Buch, wie er durchs KZ Dachau geführt wird und nicht an die Verbrechen der Deutschen glaubt; Grass: hat dies anfangs nicht akzeptieren und verstehen können und es für feindliche Propaganda gehalten; erst bei den Nürnberger Prozessen, als Baldur von Schirach die Verbrechen zugegeben hat, sei diese Sperre gefallen; Entsetzen und Nicht-Begreifen hat bis heute nicht aufgehört. Wickert: Grass hat später Christa Wolf verteidigt, als dieser vorgewurfen wurde, sie sei als junger Mensch mit der Stasi verstrickt gewesen; auch Walter Jens' NSDAP-Vergangenheit hat Grass verteitigt; hat Grass damals auch an seine eigene Jugend gedacht? Grass: Wehrt sich gegen Pauschalurteile; jeder sei in seine Zeit hineingeboren; niemandem sei zu wünschen, dass er in solche Verhältnisse hineingerät; Wickert: Selbstmord in "örtlich betäubt" bei einer öffentlichen Veranstaltung; Grass: schockierende Veranstaltung; einige Wochen später ist Grass zu der Familie des Selbstmörders gefahren; dieser sei nach wie vor gefangen von nationalsozialistischen Ideen gewesen und gleichzeitig aufgrund seiner Kriegserfahrungen als Pazifist auftrat; Wickert: hat Grass hier eine Möglichkeit verpasst, über sich selbst zu reden? Grass: Lässt sich im Nachhinein leicht sagen; Grass hat es nicht getan; dazu muss er nur stehen und sich diese Vorwürfe anhören; im Buch ist es Thema, dort steht alles, was Grass zu dieser Sache zu sagen hat; alles was er jetzt noch erklärend sagt, "bleibt hinter dem Buch zurück". Wickert: Im Buch kommen immer wieder die Worte Schuld, Last und Angst vor; im Buch befragt Grass sich selbst; Zitat: "Sobald ich mir den Jungen von einst… …nur ein Kind"; hier wiedererkennbar: Motiv von Oskar Matzerath: Ich bin nicht verantwortlich für das, was ich als Kind gemacht habe? Grass: Spielt mit eine Rolle; Wickert: warum hat Grass sich freiwillig zur U-Boot-Marine gemeldet? Wollte er ein Held werden? Grass: Spielte ebenfalls mit eine Rolle; Enge der Wohnung, Elternhaus; Fronterfahrung und Soldat-Sein als Befreiung. Wickert: Was hat Grass zur Bewunderung des Nationalsozialismus gebracht? Grass: "Jugend muss von Jugend geführt werden"; Differenzen zur Parteispitze; innerhalb des Jungvolks ist Grass ein Mitläufer gewesen; Wickert: Kapitel "Wirtunsowasnicht" - hat der sich verweigernde Zeuge Jehovas Grass nicht zum Nachdenken gebracht? Grass: Genau das sind die Vorwürfe, die Grass sich macht und die für ihn schwerwiegender sind, als die Einberufung in die Waffen-SS; Wickert: Ausbildung als Soldat, aber keine Kampfhandlungen? Grass: Verdankt sein Überleben einem deutschen Obergefreiten, den er im Buch beschreibt und dem er sich durch das Lied "Hänschenklein" zu erkennen gibt; Wickert: verschweigen als Phänomen der Nachkriegszeit? Grass: Verschweigen als Ergebnis des Unvermögens, über Dinge sprechen zu können (Beispiel Vergewaltigung der Mutter); auch "Im Krebsgang" und das Thema der Novelle haben sehr viel Zeit beantsprucht, um in eine literarische Form zu kommen; Wickert: durch "Im Krebsgang" hat Grass eine Debatte angeregt über deutsche Vertreibung; ist dies der Schlüssel dafür gewesen, dass Grass jetzt in "Beim Häuten der Zwiebel" noch weiter geht? Grass: Hängt mit Alter und wachsender Distanz zusammen Wickert: "Beim Häuten der Zwiebel" reicht bis zum Erscheinen der "Blechtrommel"; Szene des Jungen mit Kindertrommel - was hat Grass daran berührt? Grass: Ist bei Grass als Bild hängengeblieben; Wickert: ärgert es Grass, dass er oft auf die "Blechtrommel" reduziert wird? Grass:Ja, so etwas ist für einen Autor unangenehm.



Urtitel:
Wickerts Bücher
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Herzlich Willkommen meine…ARD-Reihe Debüt-Filme. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Debatte um "Beim Häuten der Zwiebel" und die darin erstmalig von Grass erwähnte Tatsache, dass er gegen Kriegsende Angehöriger der Waffen-SS gewesen ist Bitburg-Kontroverse: Am 5. Mai 1985 legte US-Präsident Ronald Reagan gemeinsam mit Bundeskanzler Helmut Kohl Kränze an der Gedenkstätte des KZ Bergen-Belsen bei Celle und auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg nieder. Am Besuch in Bitburg entspann sich in der Öffentlichkeit eine Debatte, da in Bitburg neben deutschen Wehrmachtsangehörigen auch Angehörige der Waffen-SS beerdigt liegen. Günter Grass machte seine Ablehnung gegen den Besuch eines Bitburger Soldatenfriedhofs durch den damaligen Bundeskanzler Kohl und den amerikanischen Präsidenten Reagan deutlich. Er warf Helmut Kohl „Geschichtsklitterung“ vor und wandte sich gegen das Ausstellen von „Unschuldszeugnissen“. Seiner Meinung nach „spricht Unwissenheit … nicht frei. Sie ist selbst verschuldet, zumal die besagte Mehrheit wohl wusste, dass es Konzentrationslager gab… Kein selbstgefälliger Freispruch hebt dieses Wissen auf. Alle wussten, konnten wissen, hätten wissen müssen.“

Schlagworte:

Person:
Walesa Lech; Jaspers Karl; Wolf Christa; Jens Walter; Matzerath Oskar
Werke:
Beim Häuten der Zwiebel; Rede von der Gewöhnung; örtlich betäubt; Im Krebsgang; Die Blechtrommel
Sach:
Waffen-SS; Engagement; Ehrenbürgerschaft; FAZ; Nationalsozialismus; U-Boot; Jugend; Soldat; Elternhaus
Geo:
Bitburg; Polen; BRD; Dachau
Zeit:
Nachkriegszeit
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
17.08.2006
Aufnahmeort:
Moen/Dänemark
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:28:51
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
DVD
Datenformat:
VOB
Kopie:

Länge der Kopie:
00:28:40
Tonträger:
DVD
Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
AVI
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen (RB)
Sendereihe:
Wickerts Bücher
Archivnummer:
0001107532
Produktionsnummer:
20061322
Teilnehmende:

Person:
Wickert, Ulrich (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Bungartz Christoph, (Redaktion)
Person:
Knoch, jens-Uwe (Autor(in))

Zitieren

Zitierform:

Knoch, jens-Uwe: Wickerts Bücher. Moen/Dänemark .

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