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DB-Nummer: 1073

Günter Grass in Danzig, Teil 1 und 2 (Poln.) : Ein Bericht über das Treffen mit dem Leserpublikum an der Universität Gdańsk

Günter Grass w Gdansku (Günter Grass in Danzig, Teil 1 und 2). Ein Bericht über das Treffen an der Danziger Universität. Autor: Wojciech Konieczny. Grass äußert sich zunächst zur Frage, ob er die Wahrheit sagt: Er habe schon gelogen, als er klein war. Dies hat seine Mutter bemerkt und dann verstanden, dass die Lüge für ihn Notwendigkeit war. Er findet manchmal die Wahrheit langweilig, deswegen verschönert er sie. Manchmal widerspricht er sich, indem er auf dieselben Fragen unterschiedliche Antworten gibt, was er erst nach der Veröffentlichung bemerkt. Am liebsten lügt er in gedruckten Texten. Er hat eine Schwäche zur Illusion, Erzählung, Einbildung. Auf die Frage, ob er im Bereich der Politik lügt, erklärt er, dass die Politiker lügen, wenn sie etwas verheimlichen wollen oder keine Ideen haben. Er erweitert den Raum der Wahrheit oder spielt damit. Es wird über das Treffen mit dem Leserpublikum an der Universität Gdańsk berichtet. Ausgelassen werden in der Reportage Grass’ Äußerungen zur bildenden Kunst, es werden dagegen seine Antworten auf die Fragen nach Geschichte, nach seiner Heimatstadt und nach Problemen der modernen Welt wiedergegebenen. Der Autor der Sendung, Wojciech Konieczny, hebt Grass’ Dialog mit Geschichte und literarischen Traditionen hervor. Grass erzählt über seine Jugend in Danzig bis 1944 und seinen ersten Besuch in der Stadt nach dem Krieg 1958. Damals wurde die Stadt gerade wiederaufgebaut. Mit den heutigen Einwohnern konnte er schnell Kontakte aufnehmen, denn diese haben auch ihre Heimatstadt verloren. Seitdem wurde er allmählich zum Chronisten der Stadt. Der Streik in Danzig im Dezember 1970, auf den er im „Butt“ eingeht, hat eine neue Situation geschaffen. Grass ist stolz darauf, was in Danzig heute geschieht. Er meint, dass es auch für polnische Leser interessant ist, die Stadt Danzig aus der Perspektive der früheren deutschen Einwohner zu betrachten. Die Geschichte Danzigs ist Geschichte einer europäischen hanseatischen Stadt. Sie soll eine offene Stadt und kein Gegenstand nationalistischer Streitigkeiten sein. Der Totalitarismus hat im 20. Jh. den Nationalismus wieder entfacht. Es gab Antisemitismus sowohl in Deutschland als auch in Polen, in Deutschland wurde er aber ausgerüstet, was zur Schande führte. In der „Blechtrommel“ wurde vor allem das Kleinbürgertum abgebildet. Die Personen sind fiktiv, aber viele Elemente wurden seinen Lebenserfahrungen entnommen. Grass unterhält bis heute Kontakte mit seinen kaschubischen Verwandten und würde gern dieses kleine Volk noch bekannter machen. Alle Bücher, die er bisher geschrieben hat, beruhen auf dem Rückblick in die Vergangenheit, zugleich wird darin die Gegenwart abgebildet, wie in der „Blechtrommel“ die Restaurationszeit der Bundesrepublik in den 50er Jahren. Im „Butt“ wird aus der Perspektive der 70er Jahre erzählt. In der „Rättin“ ist die Perspektive der 80er Jahre deutlich. Uns droht heute die atomare Gefahr. Ebenso gefährlich ist die Zerstörung der Umwelt. Die nächste Gefahr ist die Verarmung der Dritten Welt im Zusammenhang mit der demographischen Explosion. Grass ist gegen den Terrorismus und gegen jede Gewalt. Gandhi hat gezeigt, wie man ohne Gewalt seine politische Meinung deutlich machen kann. Grass ist der Meinung, dass das politische Engagement nicht nur die Aufgabe des Schriftstellers ist, er meint, dass sich jeder Bürger politisch engagieren muss. Deshalb war er an einer Initiative für die SPD 1969 und 1972 beteiligt, was Grundlagen für eine neue Innen- und Ostpolitik geschaffen hat. Alle seine Bücher waren kontrovers und haben Widersprüche oder Bewunderung hervorgerufen. Er ist als Autor immer bemüht, den Übersetzern zu helfen. Ein halbes Jahr nach dem Erscheinen eines neuen Buches trifft er sich mit den Übersetzern. Grass beklagt sich über die schlechte Zusammenarbeit mit dem Verlag „Czytelnik“. Eine Leserin bedankt sich dafür, dass Grass ihre Heimatstadt so wunderschön dargestellt hat. Es werden im Folgenden drei Beiträge über Grass angeführt. Zunächst wird ein Fragment aus dem von Wacław Maksymowicz verfassten Text „Gdański Trójkąt Bermudzki“ [Danziger Bermuder Dreieck] vorgelesen. Maksymowicz interpretiert darin die Novelle „Katz und Maus“ als Darstellung seines Wohnortes. Dann wird von Jacek Mikołajczak ein als Poem vorgestellter Essay von Dariusz Wasilewski „Rozmowa z Günterem Grassem“ [Gespräch mit Günter Grass] vorgelesen, in dem der Autor auf eigene Erfahrungen eingeht, die den Darstellungen Grass’ ähneln – Wasilewski greift Motive aus „Katz und Maus“ auf und schildert seine eigenen Erlebnisse der darin dargestellten Orte. Es folgt ein Gespräch mit Wasilewski. Dieser äußert sich zu den Fragen, ob man nach Grass noch über Danzig schreiben kann und wie Grass bei der Darstellung der Stadt die heutigen Autoren beeinflusst. Wasilewski vergleicht die Danziger Trilogie – Maksymowicz folgend – als Bermudadreieck, in dem viele ertrunken sind, für andere Autoren seien Grass Werke aber eine Hilfe. Die in Danzig heute lebenden Autoren sollten einen eigenen Mythos der Stadt schaffen. Wasilewski meint, dass für Grass die Geschichte eine lebendige Tradition ist. Die Rolle der Literatur sei, Fragen zu stellen, und nicht, Fragen zu beantworten. (Kommentierung von Miroslav Ossowski)



Urtitel:
Günter Grass w Gdansku (Günter Grass in Danzig, Teil 1 und 2)
Anfang/Ende:
(Trailer) Günterze Grass czy…i u drogi brzoza.
Genre/Inhalt:
--
Präsentation:
Dokumentation
Historischer Kontext:

Grass’ Besuch fand aus dem Anlass der Tage der Kultur der Bundesrepublik Deutschland in Polen im Oktober 1988 statt. Der Schriftsteller traf sich auch mit den Lesern an der Universität Danzig. Die Sendung, die davon berichtet, wurde erst nach einigen Monaten ausgestrahlt.

Schlagworte:

Person:
Grass Günter; Opitz Martin; Gryphius Andreas; Gandhi Mahatma; Brandt Willy; Lenz Siegfried; Maksymowicz Wacław; Wojtkowiak Jerzy; Konieczny Wojciech; Wasilewski Dariusz; Forster Georg; Hoffmann von Hoffmannswaldau Christian; Sucharski Henryk; Dąbek Stanisław; Mikołajczak Jacek; Kamrowski Jerzy; Zimand Roman; Gombrowicz Witold; Bulhakow Michail; Czechowski Mieczysław; Zarański Arkadiusz
Werke:
Der Butt; Die Rättin; Die Blechtrommel; Hundejahre; Katz und Maus
Geo:
Danzig; Langfuhr; Brösen
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
22.02.1989
Datum Erstsendung:
22.02.1989
Aufnahmeort:
Gdansk
Sprachen:
polnisch
Betriebsarten:
Stereo
Original:

Originallänge:
00:50:35
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
CD
Datenformat:
CD-A
Kopie:

Länge der Kopie:
00:49:35
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3

Zitieren

Zitierform:

Günter Grass w Gdansku (Günter Grass in Danzig, Teil 1 und 2). Gdansk .

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