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DB-Nummer: 1074

Die Mandragore - Gedaechtnis und Generationen – ein Treffen mit Günter Grass (Poln.)

Gedächtnis und Generationen – ein Treffen mit Günter Grass. Autorin: Anna Sorbecka. Eine Disskusion zwischen Günter Grass, Aleksander Jurkiewicz, Daniel Odyja und Ewa Nawrocka vom 01.06.2003 in der St. Jan Kirche in Danzig. Übersetzung: Monika Ordon-Krzak. Günter Grass liest ein Fragment des Romans „Im Krebsgang“. Akkordeon: Cezary Paciorek. Das Treffen fand am 1.06.2003 in der Johanneskirche zu Danzig statt. Am Podiumsgespräch nahmen teil: Günter Grass, Aleksander Jurewicz (Schriftsteller), Daniel Odija (Schriftsteller). Die Teilnehmer wurden von Lidia Makowska aus dem Baltischen Kulturzentrum in Danzig (NCK) begrüßt. Moderatorinnen waren Dr. habil. Ewa Nawrocka (Uniwersität Danzig) und Vera Bagaliantz (Goethe-Institut in Warschau). Das Treffen wurde von Monika Ordon-Krzak konsekutiv übersetzt. Autorin der Aufnahmen ist Anna Sobecka, die die Reportage zusammen mit Krystyna Pawlak vorbereitet hat. In der Aufnahme werden umfassende Fragmente von dem Podiumsgespräch mit Kommentaren und Zusammenfassungen der ausgelassenen Stellen durch die Autorin der Reportage wiedergegeben. In den Pausen spielt Cezary Paciorek Akkordeon. Zunächst sprich Vera Bagaliantz über ihre Erfahrungen und die Erfahrungen ihrer Generation mit Grass. Günter Grass liest ein Fragment aus dem Buch „Im Krebsgang“, in dem der Untergang des Schiffes Wilhelm Gustloff dargestellt wird. Nawrocka fragt, wie Grass die Form für das Buch gefunden hat. Grass geht auf die Gestalt von Tulla ein, die in „Hundejahre“ und auch in der „Rättin“ vorkommt. Diese Gestalt schien ihm für das Thema geeignet. Grass äußert sich auch zur Frage, ob man zu diesem Thema auch reif werden muss, und meint, dass die Literatur die Möglichkeit bietet, verschiedene Themen differenziert zu behandeln. Er geht dabei auf deutsche Geschichte und das Problem der Schuld und Sühne sowie auf die heutige Realität ein, die ihm als Autor nicht erlaubt, das Buch mit einem Fragezeichen zu beenden. Er erklärt, dass das Buch auf mehreren Biographien beruht. In der Johanniskirche hat er früher viele menschliche Knochen aus verschiedenen Zeiten gesehen, das wäre ein Ort, wo die Literatur entsteht, denn hier konzentriert sich die Geschichte. Das Wesen der Literatur ist, gegen die sich immer schneller bewegende Zeit die Erinnerung zu forcieren. In unserem Denken verbinden sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Literatur hilft, dies zu verarbeiten. Grass meint, dass es wenig Sinn hat, darüber zu sprechen, was die Zeitungen schreiben. Auf die Frage, ob Literatur die Erinnerung mythologisiert oder ritualisiert, antwortet Grass, dass in Deutschland jüngere Autoren gern über sich selbst schreiben und vor allgemeinen Themen zurückschrecken, sie sind subjektiv und narzisstisch, auch wenn sie gute Literatur schaffen. Er selbst hat nicht aus der Perspektive der Menschen, der Politiker geschrieben, die Geschichte schaffen, sondern aus der Perspektive derjenigen, die Gegenstand der Geschichte sind. Als Beispiel, wie man die Realität betrachten müsste, nennt Grass „Simplizissimus“, wo der Krieg von unten dargestellt wird. Er hat versucht, diesem Beispiel zu folgen. Er meint, dass man keine schwierigen Themen auslassen soll, nur dann kann man das Böse in unseren Emotionen vermindern und Aggressionen anhalten. Internet ist nach Grass ein menschliches Werk und kein teuflisches. Er dient der Kommunikation, bedeutet aber auch eine neue Form der Vereinsamung. Man müsste dieses menschliche Werk korrigieren. Im zweiten Teil des Treffens wurden die Fragen vom Publikum beantwortet. Grass äußert sich zunächst zu einer Frage, ob in der Literatur eine übernationale Sicht der Geschichte möglich wäre. Er meint, dass es eine große Chance der Literatur ist, anders als die Ideologien, zu zeigen, dass es verschiene Wahrheiten gibt. Daraus kann der Leser zu einger eigenen Wahrheit finden. Das Christentum zeigt, wie solche Literatur entstehen kann – Grass nennt die vier Evangelien. Einem anderen Leser antwortet Grass, dass er die Inspirationen nicht sucht, er reagiert auf Themen, die da sind, manchmal erst nach Jahren. Das Schreiben ist ein schöner Prozess. Der Demokratie und dem sozialen Verhalten gehört die Zukunft, solange es Ungerechtigkeit gibt, muss man so reagieren, wie es im Programm der Sozialdemokratie steht. Der Kommunismus wollte ohne Demokratie wirken, der Kapitalismus hat nun keinen Gegenpol, die Sozialdemokratie ist ein Antwort darauf. Grass gehört zu denjenigen, die gegen den Krieg im Irak sind. Polen hat deutsche und russische Okkupation und will jetzt als Besatzungsmacht im Irak präsent sein. Grass ist dankbar dafür, dass endlich die Gewissheit da ist, dass um die Grenzen nicht mehr gestritten werden muss. Deutschland hat den Krieg begonnen, verbrecherisch geführt und verloren und dafür bezahlt. Ihn freut, dass die deutsche Vorgeschichte von Danzig von der jungen Generation auch als ein Zugewinn betrachtet wird, dass man es nicht mehr versteckt. (Kommentierung von Miroslav Ossowski)



Urtitel:
Mandragora - Pamiec i pokolenia
Anfang/Ende:
(Trailer) Mandragore radiowy obserwator…Anna Sobecka i Krystyna Pawlak (Musik)
Genre/Inhalt:
--
Präsentation:
Diskussion
Historischer Kontext:

Günter Grass kam im Juni 2003 zu einem zweitätigen Besuch nach Danzig. Im Kloster Oliva eröffnete er eine Ausstellung seiner Grafiken, am 1. Juni nahm er an einer Lesung und einem Podiumsgespräch in der Johanneskirche teil.

Schlagworte:

Person:
Sobecka Anna; Bagaliantz Vera; Grass Günter; Grimmelshausen Hans Jakob Christoph von; Jurewicz Aleksander; Nawrocka Ewa; Odija Daniel; Schröder Gerhard; Jankowski Henryk; Paciorek Cezary; Tokarz Mateusz; Pawlak Krystyna
Werke:
Im Krebsgang; Hundejahre; Die Rättin; Simplicissimus
Sach:
Literatur; Erinnerung; Wilhelm Gustloff; Opfer; Internet
Geo:
Danzig; Irak
Zeit:
Zweiter Weltkrieg; Dreißigjähriger Krieg; 1990er Jahre
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
05.06.2003
Datum Erstsendung:
05.06.2003
Aufnahmeort:
Gdansk
Sprachen:
polnisch
Betriebsarten:
Stereo
Original:

Originallänge:
00:43:00
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
CD
Datenformat:
CD-A
Kopie:

Länge der Kopie:
00:43:01
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3

Zitieren

Zitierform:

Mandragora - Pamiec i pokolenia. Gdansk .

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