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DB-Nummer: 1084

Bundestagswahl 1965 : Auf Wahlreise mit Günter Grass

Diskussionsteilnehmer: Grass, Günter Gerken, Eike: Moderator Stritzik, Helmut: ehemaliger Vorsitzender des liberalien Studentenbundes Grossmann, Heinz: Mitarbeiter der "neuen Kritik" (Organ des SDS) Riesenhuber, Heinz: stellv. Landesvorsitzende der Jungen Union Steffen, Gustav: Vorstand des Sozialdemokratischen Hochschulbundes in Münster, hat Grass auf den Wahlreisen begleitet Diskussionsverlauf: Eike Gerken (Moderator): Welchen Beitrag glaubt Grass mit seiner Wahlreise leisten zu können? Grass: Grundlage: Er reise als Schriftsteller und Bürger und verhinderter Wähler, da er in Berlin nicht wählen darf. Den Anstoß haben ihm "Landsleute der DDR" bei einem Besuch in Weimar 1964 gegeben. Dort habe man ihn gefragt, wie sich die Schriftsteller im Wahlkampf verhalten. In der DDR sei man sehr am Ausgang der Bundestagswahl interessiert. Grass hat auf Anfragen zu Dichterlesungen an Herrn Steffen in Münster zurückgefragt "ob es vielleicht auch getan wäre mit einer Wahlkampfveranstaltung", die ihm "mehr liegen würde in dieser Zeit". Seitdem dikutiert Grass vor allem mit jungen Leute und den Jugendverbänden der verschiedenen Parteien, mit Ausnahme der Jungen Union, die zu sehr an die CDU gebunden sei. Grass fragt, wie die Junge Union im Wahlkampf steht. Riesenhuber: Riesenhuber begründet, dass die Junge Union die Teilnahme an Wahlveranstaltungen abgelehnt hat. Gerken: Was glaubt Grass, den Jungwählern sagen zu müssen? Grass: Grass versucht zu vermitteln, dass überhaupt gewählt werden sollte, dass dies ein Beitrag zur Demokratie sei. Er habe immer wieder an die DDR erinnert, die nicht wählen dürfen. Grossmann: Grossmann fragt Grass, wo in der Bundesrepublik die Nicht-Wähler sitzen. Grass: Bei der zweiten Wahlreise habe es ein ganz anderes Publikum gegeben als bei der ersten. Der Anteil der jungen Leute liege ungefähr bei zwei Dritteln. Stritzik: Kommen die jungen Leute aus politischem Interesse zu den Veranstaltungen oder wegen dem Schriftsteller Günter Grass? Grass: Die Neugierde am Schriftsteller Günter Grass verfliege rasch. Das Publikum sei politisch interessiert, wie man an den Reaktionen merke. Steffen: Das politische Interesse der Studenten ist kaum noch vorhanden. Grade hier sitzen viele Nicht-Wähler. Die Reise von Günter Grass kann dazu beitragen, dass verschüttete Politikinteresse wieder auszugraben. Riesenhuber: Riesenhuber stimmt Steffen zu. Die Idee, als Intellektueller in der Politik zu arbeiten, sei "ausgezeichnet und sehr sinnvoll". Probeleme bestünden aber beim Auseinanderhalten des Politikers und des Literaten. Die Intellektuellen, die über politische Themen sprechen, seien "faul". Als Beispiel nennt Riesenhuber Sammelbände zu den Bundestagswahlen. Grossmann: Gibt es einen Literaten, der Grass entgegengetreten wäre oder entgegentreten könnte, so dass auf den Veranstaltungen mehrere Literaten politisch diskutieren? Grass: Nennt Klaus Habrecht. Stritzik: Rolf Schroers könnte als Literat mitgemacht haben; Strizik hält dessen unparteiisches Engagenment für besser als Grass' Engagement für die SPD bzw. seinen "Freund" Willy Brandt. Grass: Grass bestreitet die Parteimitgliedschaft und die Freundschaft mit Willy Brandt; Grass sehe Brandt mit Symphathie, aber auch Kritik; Grass sagt, er habe die Wahlreise gemacht, weil nur Parteien die Bürger in Deutschland vertreten könnten. Gerke: Welche Rücksichten hat der Wahlredner Günter Grass zu nehmen, wenn er für die SPD spricht? Grass: Er habe gar keine Rücksichten zu nehmen; einige Themen wie das Thema Wiedervereinigung werde als Tabuthema von allen Parteien ausgespart; als einziger Staatsmann habe Willy Brandt vor allem auf außenpolitischem Gebiet wirklich etwas geleistet. Riesenhuber: Wenn Grass Thesen anspricht, die die SPD nicht vertritt (z.B. Paragraph 218), ist dies nicht ganz "lauter". Grass: Grass geht explizit auf Paragraph 218 ein und die Haltung der SPD dazu. Gerke: Den Bürger erstaunt es, dass Grass als Literat diese Themen aufnimmt. Grass: Grass will keine Mitläufer werben, sondern aufmerksame Staatsbürger. Grossmann: Tut Grass genug, wirklich "unbequeme" Jungwähler zu mobilisieren? Grass: Die Initiative mit den Studenten zusammen war für die Parteien ungewohnt; Grass sagt, es bestehe kein Grund von den Parteien begeistert zu sein; man habe es mit "Grautönen" zu tun. Gerke: Grass hat den Antrag gestellt, auch bei den Wahlen in der DDR im Oktober reden zu dürfen. Welches Echo hat er erhalten? Grass: Grass hat eine Zwischenbescheid erhalten, wartet jedoch noch auf eine konkrete Antwort; er sehe solche Bemühungen als "Politik der kleine Schritte", die DDR habe jetzt den "Schwarzen Peter"; Grass sagt, er werde dort über den 17. Juni reden, was der DDR bekannt sei.



Urtitel:
Bundestagswahl 1965
Anfang/Ende:
Es klingt fast…meine Herren, schönen Dank.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Diskussion
Historischer Kontext:

Vorfeld der Bundestagswahlen 1965; Günter Grass hat seine ersten Wahlreisen hinter sich (Moderator: "Es klingt wie ein Märchen")

Schlagworte:

Person:
Habricht Klaus; Brandt Willy; Schroers Rolf
Sach:
Wahlkampf; Bundestagswahl; SDS; SPD; CDU; FDP; Wahlreise; Jungwähler; Demokratie; Studenten; Paragraph 218; LSB; Junge Union
Geo:
DDR; BRD
Zeit:
17. Juni 1953
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
10.09.1965
Datum Erstsendung:
11.09.1965
Aufnahmeort:
Frankfurt am Main
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:29:25
Kopie:

Länge der Kopie:
00:29:27
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Herkunft:

Sendereihe:
Die Jugendpressekonferenz
Archivnummer:
B001531443/3017891 ff
Produktionsnummer:
1020-000165.-
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Sonstige)
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))
Person:
Gerken, Eike (Interviewpartner)
Person:
Grossmann, Heinz (Beitragende(r))
Person:
Riesenhuber, Heinz (Beitragende(r))
Person:
Steffen, Gustav (Beitragende(r))
Person:
Stritzik, Helmut (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Bundestagswahl 1965. Frankfurt am Main .

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