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DB-Nummer: 1088

Die politische Kompetenz der Dichter : Diskussion zwischen Günter Grass, Herbert Anton, Kurt Biedenkopf, Adolf Muschg und Marcel Reich-Ranicki

Die politische Kompetenz der Dichter (O-Ton) Grass: Warnung vor gefährlichen Entwicklungen häufig von Intellektuellen, Beispiel frühzeitige Warnungen vor Eingriff der Amerikaner in Vietnam. (O-Ton) Biedenkopf: Dichter haben politische Kompetenz, können Inkompetenz der Zuständigen erkennen, aufzeigen und gegen sie mobilisieren. (O-Ton) Muschg: spricht Schriftstellern Sachverstand in der Beurteilung von Entwicklungen zu, Kompetenz in der Realisationsphase häufig aufgrund der wenig konsensusorientierten Dichtersprache nicht gegeben, Publikum kann ihm nicht folgen. (O-Ton) Reich-Ranicki: Kompetenz für die Beurteilung politischer Entwicklungen vorhanden, da Dichter sich von Berufs wegen mit der Beobachtungen aller Phänomene des menschlichen Lebens beschäftigen: "… we welch ein Irrsinn wäre es, die Politik da auszuklammern"; dagegen steht: Dichter "sind alles etwas unsichere Kantonisten … Leute, deren Einsichten in politische Dinge oft tief, wichtig, herrlich sind und die zwei Tage später den größten Blödsinn reden …"; bin zutiefst überzeugt, daß Schriftsteller das Recht und die Pflicht hat, die politischen Vorgänge zu kritisieren, ist aber nicht berufen am Steuer zu stehen; Frage nach der politischen Wirksamkeit des Dichters ist wichtiger als die der Kompetenz; "… Wenn ich mir vorstelle, daß die große Dichtung … der letzten dreißig Jahre politische Wirkung ausgeübt haben soll, da kann ich nur lachen, zwischen der modernen Literatur und dem Publikum ist eine tiefe Kluft …" (Ab 11:23) Grass: Schriftsteller Mitte der 50er zum Gewissen der Nation wurden als übersteigert, Schriftsteller ist in erster Linie Bürger; Aufgabe des Schriftstellers ist es, sich für Diffamierte einzusetzen / Biedenkopf: Dichter und Wissenschaftler brauchen Schutz dafür, daß sie ihre spezielle Kompetenz für politische Zwecke einsetzen dürfen. (Ab 20:28) Reich-Ranicki: Dichter hat größere Möglichkeiten als normaler Bürger, Entwicklungen zu beobachten und die bessere sprachliche Ausdrucksmöglichkeit. Muschg: Chance des Autors ist, daß er ein ganz bestimmtes Verhältnis zum Wort hat. 200: (???) Grass: Schriftsteller können sich politisch wirksam in Zeitungsartikeln, in Diskussionen etc. artikulieren; Gründe dafür, daß es keine Schriftsteller gibt, die sic CDU/CSU auseinandersetzen, ähnlich wie dies bei der SPD der Fall ist: Mißtrauen des Intellektuellen gegenüber einer starken Parteigruppierung, die reaktionär ist; Erfahrungen aus der Weimarer Republik, in der Schriftsteller zwar kritisierten, aber nichts für den Bestand der Demokratie getan haben, brachte Schriftsteller unserer Generation dazu, es nicht beim Protest zu belassen, sondern auch für etwas zu stehen. Biedenkopf: Engagement von Schriftsteller für die SPD beschränkte sich auf die Zeit des Regierungswechsels; "… Ich bin nämlich nicht der Meinung, daß es der Dichter auf die Dauer aushält, praktische Politik zu machen, weil er da nämlich die Distance zu dem politischen Geschäft verliert, der er gerade die Durchdringungsfähigkeit verdankt …" (Ab 15:18) Reich-Ranicki: Für die überwiegende Mehrheit der Schriftsteller dieses Landes ist die CDU nicht interessant, sie sehen die SPD/FDP-Koalition als das kleinere Übel. Biedenkopf: Welche Vorteile hat Politik von der politischen Kompetenz der Schriftsteller? Grass: Schriftsteller leistet es sich, nach Anstrengung bedrückt zu sein, zu resignieren, weil er weiß, daß Resignation und Melancholie Voraussetzung für weitere Erkenntnis sind; empfiehlt Politikern, gelegentlich Resignation in der Öffentlichkeit zu zeigen. Muschg: Politiker muß auch auf das Schweigen von Schriftstellern hören. (Ab 25:50) Reich-Ranicki: "… Herr Muschg, was machen Sie sich für Illusionen, meinen Sie wirklich die Politiker werden Zeit und Lust haben, in der Schweiz ist es vielleicht besser, aber in diesem Lande sind Politiker im allgemeinen glücklich, wenn die Dichter schweigen …" (Lachen, Beifall); Dichter sollen nicht aufhören, sich in die Politik einzumischen, auch auf die Gefahr hin, daß ihre Einmischung hie und da auch inkompetent ist.



Urtitel:
Die Tribüne: Die politische Kompetenz der Dichter
Anfang/Ende:
Das Problem, vor…das zu schreiben. (BEIFALL)
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Diskussion
Historischer Kontext:

Ausschnitte aus einer Diskussion auf dem Bildungsforum in Düsseldorf zum Thema "Die politische Kompetenz der Dichter".

Schlagworte:

Person:
Reich-Ranicki Marcel
Sach:
Schriftsteller; Gesellschaftskritik
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
23.07.1975
Datum Erstsendung:
23.07.1975
Aufnahmeort:
Düsseldorf
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:58:20
Original-Tonträger:
unbekannt
Kopie:

Länge der Kopie:
00:58:34
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Herkunft:

Sendereihe:
Die Tribüne
Archivnummer:
B001667852/ 4659178/79
Produktionsnummer:
2240-072461.100-200
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Anton, Herbert (Interviewpartner)
Person:
Biedenkopf, Kurt (Beitragende(r))
Person:
Muschg, Adolf (Beitragende(r))
Person:
Reich-Ranicki, Marcel (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Die Tribüne: Die politische Kompetenz der Dichter. Düsseldorf .

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