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DB-Nummer: 1160

Günter Grass auf dem blauen Sofa : Leipziger Buchmesse 2007

Vorbericht mit Wolfgang Herles (04:09) und Gespräch mit Interviewer (24:13) Quelle: ZDF Homepage vom 23.03.2007 Text von Justin Pietsch Selbstgerecht vorm Schnellgericht Günter Grass verteidigt sich mit einem Gedichtband Pünktlich zur Buchmesse in Leipzig hat Günter Grass seinen neusten Gedichtband veröffentlicht. "Dummer August" heißt dieser treffend und zweideutig. Grass als dummer August - oder der Monat August 2006, der dumm gelaufen ist für den Schriftsteller. Damals gab er in seinen Memoiren "Beim Häuten der Zwiebel" erstmals zu, dass er als 17-Jähriger bei der Waffen-SS gewesen war. Angriff auf die Presse In "Dummer August" verarbeitet Grass nun - so der Verlag - die Mediendebatte um seine SS-Vergangenheit. Schnell ist klar: Grass fühlt sich als Opfer von "Schnellschreibern", greift die Presse an. Schon letztes Jahr hat er die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) bezichtigt, sich in der Debatte um seine Person auf das Niveau der Bild-Zeitung herabgelassen zu haben. Von dieser Abwehrhaltung gegenüber seinen Kritikern weicht er in seinem neuen Werk nicht ab. Seine Gegner sind dabei die Zeitungen im Allgemeinen, ganz besonders aber die FAZ. Der Nobelpreisträger, der sich dazu durchgerungen hatte, sein lang gehütetes Geheimnis zu offenbaren, schießt scharf gegen seine Kritiker und sieht sich vor dem "Schnellgericht der Gerechten". "Literaturkundige Kommentatoren" ironisiert er. Später wird der Ton direkter, schärfer: Ihn packe der Ekel, wenn er die Zeitung aufschlage, und "Jahr für Jahr sind es mehr Zecken, die uns befallen". Die Kritiker "kennen die Scham nicht, nur des Scharfrichters Ehrgeiz juckt sie, verletzend zu sein." Bissige Reaktionen Auch trotzige Töne sind zu hören: "Mag doch das gleich gesinnte Pack mir seine Ekelpakete druckfrisch frei Haus liefern; ich verweigere die Annahme". Und nicht zu übersehen der Hieb gegen die FAZ - die Zeitung, die er einst als "Sprachrohr des Kapitals" titulierte: In Frankfurt am Main ziehe "das Niederträchtige als das Mächtige Hochgewinn". Die Reaktionen auf diesen verbalen Rundumschlag ließen nicht lange auf sich warten. Bissig erwidert die FAZ Grass' literarische Selbstverteidigung. Viele Gedichte würden seinen "autoritär-herablassenden Charakter verraten", von "wehleidiger Selbstgerechtigkeit" ist die Rede. Mit seiner Selbsterforschung sei Grass in all den Jahren nicht weit gekommen, denn es fehle an kritischer Eigenkritik und an Worten des Bedauerns. Unversöhnlich Und auch die Süddeutsche Zeitung spart nicht an Kritik, denn Grass sei "zu selbstgewiss, zu sehr auf die Rechtfertigung seiner selbst bedacht". Als zu polemisch empfindet sie die Pauschalkritik an der Zeitung und zeigt sich verwundert über die moralische Empörung, die Selbstinszenierung als geschundenes Opfer. Uneinsichtig und stur sei Grass also, so der Kanon in der Feuilletons; er wolle sich nur rechtfertigen, Ruhm und Ehre wiederherstellen - nicht aber kritisch eigenes Handeln reflektieren. Es ist ein Gefecht zwischen dem Schriftsteller und den Zeitungs-Feuilletons, das letztes Jahr begonnen hatte und in der Veröffentlichung dieses Gedichtbandes seine Fortsetzung findet. Bereits während des Lesens der Gedichte kann man sich allerdings des Eindrucks nicht erwehren: Grass' Verse sind larmoyant, die Auseinandersetzung mit sich selbst scheut er. Kritische Selbstreflexion bleibt aus Keine Frage, Grass' Memoiren lesen sich spannend, sie sind ein beeindruckendes Dokument des Erinnerns. Und man nimmt es ihm ab: Es habe "Ausreden genug" gegeben für seinen Beitritt zur Waffen-SS. Auch, dass er sich aus Scham so lange geweigert habe, sich "das Wort und den Doppelbuchstaben einzugestehen". Und ebenso keine Frage: Die FAZ ist mit Grass letztes Jahr hart ins Gericht gegangen, hat mächtig Wirbel um die SS-Mitgliedschaft gemacht, die der Schriftsteller 60 Jahre lang verschwiegen hatte. Da ist es nur eine natürliche Reaktion, ein paar erboste Gedichte zu verfassen und sich zu verteidigen. Das ist des Schriftstellers gutes Recht. Dabei vergisst er nur, sich kritisch mit sich selbst zu beschäftigen. Statt endlich mit sich zu hadern, teilt er aus gegen die kritischen Stimmen aus den Feuilletons. Gewünscht hätte man sich von der "künstlerischen Reaktion auf die Mediendebatte" (Verlag) aber eher, was längst überfällig ist: Einsehen, Bedauern und kritische Selbstreflexion. Denn wie Grass selbst im Gedicht gesteht, ihm hängt Makel an, und Makel verpflichtet. Von Justin Pietsch



Urtitel:
Aspekte extra. Günter Grass auf dem blauen Sofa.
Anfang/Ende:
Track 1: (Anmoderation) Zur Buchmesse in…der Schublade gelassen. Track 2: Meine sehr geehrten…für Ihre Aufmerksamkeit. (BEIFALL)
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Gespräch
Schlagworte:

Werke:
Beim Häuten der Zwiebel; Dummer August
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
23.03.2007
Datum Erstsendung:
23.03.2007
Aufnahmeort:
Leipzig, Buchmesse
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:28:36
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
DVD
Datenformat:
VOB
Kopie:

Länge der Kopie:
00:28:22
Tonträger:
DVD
Datenformat Sichtung:
MPEG 2
Datenformat Archiv:
AVI
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Gdansk
Sendereihe:
aspekte extra: Die lange Nacht des blauen Sofas
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Herles, Wolfgang (Vorredner(in))
Person:
Twickel, Felicitas von (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Aspekte extra. Günter Grass auf dem blauen Sofa.. Leipzig, Buchmesse .

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