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DB-Nummer: 1163

Über den Hunger, wie er beschrieben und schriftlich verbreitet wurde - Günter Grass und der menschengemachte Mangel : Vortrag von Dr. Anselm Weyer im Rahmen des Kongresses "Menschen sind Tiere, die kochen können"

Weyer, Anselm

Dr. Anselm Weyer, Bremen Worüber ich schreibe heißt das programmatische Gedicht aus Der Butt, in dem Günter Grass einen Ausblick von dem gibt, was den Leser auf den folgenden etwa 700 Seiten erwartet. Der Roman, der als „erzählendes Kochbuch“ in Aus dem Tagebuch einer Schnecke angekündigt wurde, beinhaltet nun jedoch nicht nur die „Rezeptgeschichten“ (5:699) , die bereits von Goldmäulchen in den Hundejahren lauthals gefordert wurden. Der Erzähler in all seinen Zeitweilen berichtet zudem über das, was die Matrize jeglicher Ernährungsgeschichte ist, über das aber allzu häufig geschwiegen wird: „Über den Hunger, wie er beschrieben und schriftlich verbreitet wurde“. Der Hunger ist ein Defizitgefühl, ein Verweisen auf etwas Fehlendes. Leerstellen zeichnen sich nun aber dadurch aus, dass sie umschrieben, aber nicht direkt dargestellt werden können. Lücken haben keine beschreibbare Oberfläche. Dies ist bei Günter Grass von entscheidender Bedeutung, denn er hat stets seine Fixierung auf den Gegenstand betont, auf das, was man sehen, fühlen, riechen, hören oder schmecken kann. Grass besteht für seine Kunst auf Oberfläche. Er geht von dem aus, was allen Menschen zugänglich, was intersubjektiv überprüfbar ist, ohne auf auktoriale oder allwissende Instanzen auszuweichen. Was aber allen Lebewesen zweifelsfrei gemeinsam ist, ist die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme, die ihren Ausdruck findet in zubereiteten Mahlzeiten. Solche findet man bei Grass in einer schier überwältigenden Fülle an Prosapassagen, Gedichten, Skulpturen, Radierungen und Lithographien, die Nahrungsmittel beschreiben und darstellen. Nahrungsmittel erscheinen hier gerne als Hinweis auf die lustvolle, fast hedonistische Zuwendung zu dieser Welt. Gutes Essen und Freude am Leben erfahren bei Grass eine Engführung, wie er in Aus dem Tagebuch einer Schnecke ausführt: Ich könnte mir, wenn ich alles zusammenkratzen wollte, hier in Berlin eine der kleineren so gut wie leerstehenden Kirchen kaufen, dann meine gekaufte Kirche in ein Gasthaus verwandeln, das in Anlehnung an die päpstliche Bank des Heiligen Geistes Gasthaus zum Heiligen Geist heißen könnte. Alles gäbe es dort zu essen, was ich selber gerne koche und esse: Hammelkeule und Linsen, Kalbsnieren auf Sellerie, Aal grün, Kutteln, Miesmuscheln, Fasan mit Weinkraut, Saubohnen und Spanferkel, Erbsen-, Fisch-, Lauch- und Pilzsuppen, am Aschermittwoch Lungenhaschee und zu Pfingsten ein mit Backpflaumen gefülltes Rinderherz. Denn soviel läßt sich über mich sagen: Ich lebe gerne. Froh wäre ich, wenn alle, die mich ausdauernd lehren wollen, richtig zu leben, auch gerne lebten. Die Verbesserung der Welt sollte nicht den magenkranken Bitterlingen überlassen bleiben. (7:83f.) Die hier zum Ausdruck kommende Trias aus Essen, Lebenslust und Geselligkeit – schließlich spricht Grass von einem ihm vorschwebenden Gasthaus – findet sich des öfteren in seinem Werk. Zum Essen kommen die Menschen nicht nur im Werk von Grass immer wieder gerne zusammen, ob nun zu den Familienfesten in Blechtrommel und Rättin oder zu Henkersmahl und Buttessen in Der Butt. Das Essen ist jedoch hinsichtlich seiner einheitsstiftenden Qualitäten ein zweischneidiges Schwert. Einerseits eint die Notwendigkeit zur Nahrungsaufnahme alle Lebewesen, verstärkt durch die sich herausbildenden Nahrungskonventionen, wie Tischsitten, Nahrungsvorgaben, etc. von denen etwa Norbert Elias in Über den Prozeß der Zivilisation berichtet. Andererseits aber trennt die Nahrung auch unüberbrückbar. So ist zwar die gemeinschaftsstiftende Funktion der Nahrung nicht zu bestreiten, wenn man etwa an die Reglementierungen im Judentum denkt, die über Jahrtausende durchgehalten wurden und immer noch identifikationsstiftend wirken. Auf der anderen Seite separieren solche Reglementierungen selbstverständlich, wie ja Definitionen immer Negationen beinhalten. ‚Etwas’ impliziert immer auch ‚Alles andere nicht’, oder mit Spinoza gesagt: Omnis determinatio est negatio. Vegetarier nehmen derzeit in der Gesellschaft ebenso eine Sonderrolle ein, wie etwa der Verzicht auf Alkohol vielerorts als ein auffälliges Wesensmerk aufgenommen wird. Gemeinschaftsstiftende Nahrungskonventionen sind dann auch Angriffsflächen. Konflikte zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und Frankreich werden etwa gerne symbolisch auf die Ernährungsebene übertragen, so dass bei Dissens zuweilen beispielsweise französischer Rotwein publicityträchtig weggeschüttet wird. Franz Josef Degenhardt kontrastiert in seinem Chanson Weintrinker den Wunsch nach französischer Zivilisation mit bierseliger deutscher Schnaps-Kultur. Das Essen separiert aber auch auf viel grundsätzlichere Weise. So bemerkt Georg Simmel in Soziologie der Mahlzeit , dass zwar Gedanken dank der Sprache mitteilbar sind und optische wie akustische Reize gemeinsam wahrgenommen werden können. Beim Essen jedoch sei letztlich jeder mit seinem Eindruck allein. Dies führt auch Grass am Anfang des Vierten Monats von Der Butt aus. Die Horde vollzieht gemeinschaftlich die Ausscheidung, gegessen wird alleine, „der Horde abgewandt“ (8:301). Essen ist kollektive Separierung. Ausführungen zur Ernährung sind somit folgerichtig meist entweder Erläuterungen zur Nahrungszubereitung oder Ausführungen zu Konventionen der Gastlichkeit. Im Mittelpunkt steht, dass und wie ein begrenztes Gut, das zum Überleben notwendig ist, mit Gästen als Zeichen der Freundschaft geteilt wird. Deshalb eignet sich ein solches Mahl auch so gut zur Pervertierung. Vor dem Hintergrund der Gastlichkeit hat so nicht nur Shakespeare etliche Komplotte und Bluttaten noch schärfer kontrastieren können. Berühmt ist das Gift im Wein, an dem Hamlets Mutter anstelle ihres Sohnes stirbt. Aber schon in Titus Andronicus dient der Rahmen eines gemeinsamen vermeintlich freundschaftlichen Mahls beiden Seiten als Schauplatz ihres gegenseitigen Rachefeldzug: „And whilst I at a banket hold him sure,/ I’ll find some cunning practice out of hand,/ To scatter and disperse the giddy Goths,/ Or at the least make them his enemies” , plant Tamora. Titus aber kommt ihr zuvor und serviert ihr in Nachahmung griechischer Mythologie die eigenen Söhne: „there they are, both baked in this pie;/ Whereof their mother daintily hath fed,/ Eating the flesh that she herself hath bred” . Diese Ambivalenz von Einheit und Separierung ist in der gemeinsamen Mahlzeit stets strukturell gegeben. Es gibt gemeinsame Töpfe oder gemeinschaftliches Zubereitungsinstrumentarium, aber auf der anderen Seite immer wieder einen eigenen Teller. Menschen kommen gerne zusammen, um gemeinsam in mehr oder minder kultivierter Form zu speisen, aber im Gegensatz zum gemeinsamen Opernbesuch wird beim gemeinsamen Mahl der Erfahrungsgegenstand einverleibt. Das, was gegessen wird, kann kein anderer mehr essen. Nicht nur bei Grass kann man vielleicht noch weitergehen und sagen: Was Grass gerne isst, möchte manch anderer vielleicht gar nicht essen. Zwar fehlt es nicht an lobenden Tönen zu seiner Kochkunst. Das gute Verhältnis zu Karl Hartung scheint auch über die Küche zustande gekommen zu sein. Der Speiseplan, den Grass in Aus dem Tagebuch einer Schnecke entwirft, mag dann auch an einigen Stellen das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen – andere in Aussicht gestellte Gerichte dürften vielen jedoch wie eine Drohung anmuten. Günter Kunert erinnert sich etwa plastisch, dass Günter Grass als Koch bei seinen Schriftstellerkollegen nicht nur ungeteilte Zustimmung erfährt. Anlass ist ein Treffen der ambulanten „Gruppe 47, Sektion Ost“ , in welcher eine zusätzliche Ankündigung von Grass […] Unruhe und Besorgnis unter den eingeladenen Schriftstellern hervorgerufen [hat]: Er wolle eine Kuttelsuppe kochen! Kunert solle die Zutaten beschaffen. Von entsprechender Vorstellung gepeinigt, baten einige Gäste im vorhinein Marianne, sie möge doch ja eine alternative Suppe zubereiten. Kunert berichtet anschließend, dass die Divergenz der Geschmacksvorlieben den Koch Grass nicht sonderlich entzückt: Es hebt in der Küche ein Kochen und Würzen an, und es läßt sich nicht verheimlichen, daß außer den Kutteln ein weiteres Suppenangebot vorhanden ist. Damit sinkt Grassens Laune sichtlich auf den Tiefpunkt. Dann wäre er ja überflüssig, dann hätte er sich die ganze Mühe sparen können, und es dauert eine Weile, bis meine Frau, von gleicher Vorliebe für gekochte Schuhsohlen beseelt, den Meistergourmet beruhigt. Nichts Literarisches, die Kutteln sind dann auch das Hauptgesprächsthema des anstehenden Treffens. Sie sind Kunert zufolge allerdings hinsichtlich des Verzehrs kein Publikumserfolg: Endlich wird die Kuttelsuppe herumgereicht. Mutige wagen eine Kostprobe. Aber so kühn sind die wenigsten. Ich rangiere unter den letzten Feiglingen, und habe an einem Löffel des Gebräus mit den darin schwimmenden zähen und weißlichen Flicken genug. Und ich bin sicher, daß die Erinnerungen der Anwesenden kaum von den Gesprächen, sondern vielmehr von der Kuttelsuppe geprägt sind. Die Kutteln sind also Gesprächsthema seit der ersten Ankündigung, aber sie werden nicht diskutiert, wie andere ästhetische und handwerkliche Fragen bei dem Treffen diskutiert werden. Noch vor dem ersten Bissen, ja sogar lange vor der Zubereitung lassen gesellschaftliche Konventionen die Teilnehmenden des Treffens skeptisch werden. Kunert versucht dann in seinen Erinnerungen auch gar nicht, den Geschmack zu beschreiben. Seine Abneigung erklärt er vielmehr im Verweis auf Optisches und auf die Konsistenz des Zubereiteten. Unhinterfragt wird die These Immanuel Kants zugrundegelegt, derzufolge der Mensch im Bereich des Kulinarischen nicht zu Geschmacksurteilen, sondern nur zu streng subjektiven Sinnengeschmacksurteilen fähig sein soll. Grass selbst ist sich dessen bewusst, auf jeden Fall hat dieses Problem bereits Eingang in Aus dem Tagebuch einer Schnecke gefunden. Ähnliches wie Kunert berichtet Grass dort mit spürbarer Ironie und Selbstkritik in Bezug auf seine eigenen Kinder, die ebenfalls wenig Gefallen an den Lieblingsspeisen ihres Vaters finden: Es gibt Kutteln, die ich gestern, nach meiner Rückkehr aus Kleve und während ich die Rede für Castrop-Rauxel abmagern, fett werden ließ, vier Stunden lang mit Kümmel und Tomaten auf kleiner Flamme weich kochte. Die späte Beigabe Knoblauch. Anna und ich mögen das; die Kinder sollen das auch mögen. Lappig hängen die Magenwände der Kuh beim Metzger am Haken und werden allenfalls für den Hund verlangt: der Pansen oder zu oft gewaschene Frottierhandtücher. (7:13) Die Kinder sollen das auch mögen. Aber wie bei anderen Nahrungsangeboten auch – sprichwörtlich sind Spinat und Lebertran –, ist Erziehung in diesem Bereich mühsam, zumal diese Sinnengeschmacksurteile sich objektiven Bewertungskriterien weitgehend entziehen. Seit Jahrhunderten wird versucht, gehaltvoll und fundiert über ästhetische Maßstäbe zu diskutieren, die über Handwerkliches hinausgehen. Beim Essen beendet die Diskussion häufig ein lapidares: ‚Das mag ich nicht’. Das Essen eint die Menschen also nicht. Es ist eine exklusive Einverleibung. Außerdem ist der Appetit der Menschen so vielfältig wie die immense Varietät der verschiedenen Speisen, die sich die Köchinnen und Köche dieser Welt bislang so ausgedacht haben. Es ist demnach genaugenommen nicht das Essen, das vereint. Wahrhaft gemein ist den Menschen vielmehr der Hunger. Hunger ist ein Gefühl des Mangels, das von zentraler Bedeutung für den Menschen ist. Schon in der biblischen Schöpfungsgeschichte steht, dass der Acker Dornen und Disteln tragen soll, dass also die Ernährung ungesichert ist. In einer Vielzahl von Märchen ist er das Movens. Die prekäre Versorgungslage ist das Motiv dafür, dass Hänsel und Gretel von den eigenen Eltern ausgesetzt werden. Die Bremer Stadtmusikanten sollen allesamt getötet werden, um die Anzahl der zu stopfenden Mäuler zu reduzieren. Die Nahrung wird somit normalerweise als eine begrenzte Ressource betrachtet, um die gestritten werden muss. Wenn der Krieg der Vater aller Dinge ist, wie Heraklit sagt, dann gehört der Hunger sicherlich zum engeren Familienkreis. Nun ist es schwerlich zu übersehen, dass Grass einen eher pessimistischen Blick auf die Welt wirft und den Menschen eindeutig als Mängelwesen betrachtet. Er sieht, wie er unlängst in seiner Rede vor dem PEN, Dem Krieg geht die Puste nicht aus (2006), wiederholt hat, den Krieg als den Normalzustand, der zuweilen von Friedenspausen durchbrochen wird, und bekämpft vehement jede Art von Utopie, derzufolge etwa nur die Verhältnisse geändert werden müssten, damit der Mensch auf Dauer liebenswürdig und friedfertig wird. Volker Neuhaus hat es in seinem Beitrag ausgeführt: Mit der Sündflut beginnt die Weltgeschichte regelrecht in der Apokalypse Die Rättin. Keine Rede vom paradiesischen Ausgangszustand der Genesis. Ganz im Gegenteil: In Aus dem Tagebuch einer Schnecke fürchtet Grass ausdrücklich den Wunsch nach einem paradiesischen Zustand, der für ihn per se nicht erreichbar ist (7:168f.). Grundsätzlich kann man im Weltbild von Grass von einem nicht zu behebenden Mangel sprechen. Diese Zustände des Mangels schildert er im Verlauf seiner gesamten schriftstellerischen Karriere. In der Danziger Trilogie wird beschrieben, wie sich ein Krieg ankündigt, wie er ausbricht und wie die Nachkriegszeit verläuft. Geschildert werden alle möglichen Gräuel, Morde, Verfolgung, Vergewaltigungen. Mit einer verwunderlichen Ausnahme: Der Hunger fehlt in der Danziger Trilogie fast völlig. Die in diesen drei zentralen Werken von Grass geschilderte Kriegszeit scheint zunächst keine Zeit des Hungers und der Entsagung zu sein. Die Ostergasse ist in Katz und Maus erfüllt vom Geruch der eigentlich knappen Zwiebeln (4:120f.). Der Studienrat Brunies hungert in den Hundejahren lediglich nach einer Form von Luxus, nämlich nach Süßem. Am Anfang steht bei Grass fast immer der Überfluss in positiver Form – nicht jener, der in örtlich betäubt dargestellt wird: die Kuchen in sich hinein schaufelnden „Pelztiere“, die schwelgenden Gewinner des Wirtschaftswunders. Es herrscht wohliges Genügen, das gerne von richtiggehenden Fruchtbarkeitsgöttinnen ausgeht. Oskars Großmutter wird eingeführt als Gaia, die auf dem Feld sitzt und Kartoffeln brät, dank der kartoffelfarbenen Qualität ihrer Röcke fast eine Einheit mit den Kartoffeln bildet: Meine Großmutter Anna Bronski saß an einem späten Oktobernachmittag in ihren Röcken am Rande eines Kartoffelackers. Am Vormittag hätte man sehen können, wie es die Großmutter verstand, das schlaffe Kraut zu ordentlichen Haufen zu rechen, mittags aß sie ein mit Sirup versüßtes Schmalzbrot, hackte dann letztmals den Acker nach, saß endlich in ihren Röcken zwischen zwei fast vollen Körben. Vor senkrecht gestellten, mit den Spitzen zusammenstrebenden Stiefelsohlen schwelte ein manchmal asthmatisch auflebendes, den Rauch flach und umständlich über die kaum geneigte Erdkruste hinschickendes Kartoffelkrautfeuer. Man schrieb das Jahr neunundneunzig, sie saß im Herzen der Kaschubei, nahe bei Bissau, noch näher der Ziegelei, vor Ramkau saß sie, hinter Viereck, in Richtung der Straße nach Brentau, zwischen Dirschau und Karthaus, den schwarzen Wald Goldkrug im Rücken saß sie und schob mit einem an der Spitze verkohlten Haselstock Kartoffeln unter die heiße Asche. (Die Blechtrommel, 3:12f.) Auch die Nachkommen dieser Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin sitzen mit einem Kolonialwarenladen im Familienbesitz und der fischreichen Ostsee vor der Tür an der Quelle und segnen sich: Oskars mutmaßlicher Vater Matzerath vermag Gefühle in Suppen zu verwandeln, und Oskars Mutter leistet sich den Luxus, sich zu Tode essen zu können mit einem Übermaß an Karfreitagskost, wie übrigens auch Greff sich in der Kriegszeit, die doch eigentlich Mangelzeit sein sollte, durch Überfluss zu Tode bringt, indem er sich nämlich mit Kartoffeln aufwiegt (vgl. Die Blechtrommel, 3:412f.) und erhängt. Im Palindrom ‚Sarg’ und ‚Grasen’ führt Grass Essen und Tod gerne eng. Der Tod entspringt bei ihm nicht wie in fast der gesamten literarischen Tradition dem Mangel, sondern eher einem Zuviel, wie ja auch das mit offener Nadel verschluckte Partei-Abzeichen in Alfred Matzeraths Hals eindeutig ein Zuviel ist. In der Nachkriegszeit mit ihren genau zugeteilten Kalorien, in denen bei Wolfgang Borchert der Mann heimlich seiner Frau das Brot stiehlt, hat die Familie dann Kurtchen, den Ernährer, der über eine geheimen Quelle für wertvolle, in Nahrung umtauschbare und für das Kochen unverzichtbare Feuersteine verfügt. Die hochoffizielle Urmutter in der persönlichen Mythologie von Günter Grass wiederum ist die in Der Butt beschriebene Aua, deren drei Brüste einen paradiesischen Überfluss ausdrücken, dem nachgetrauert werden kann. Aua Und säße gegenüber drei Brüsten und wüßte nicht nur das eine, das andere Gesäuge und wäre nicht doppelt, weil üblich gespalten und hätte nicht zwischen die Wahl und müßte nie wieder entweder oder und trüge dem Zwilling nicht nach und bliebe ohne den übrigen Wunsch… Aber ich habe nur andere Wahl und hänge am anderen Gesäuge. Dem Zwilling neide ich. Mein übriger Wunsch ist üblich gespalten. Und auch ganz bin ich halb nur und halb. Immer dazwischen fällt meine Wahl. Nur noch keramisch (vage datiert) gibt es, soll es Aua gegeben haben: die Göttin mit dem dreieinigen Quell, dessen einer (immer der dritte) weiß, was der erste verspricht und der zweite verweigert. Wer trug dich ab, ließ uns verarmen? Wer sagte: Zwei ist genug? Schonkost seitdem, Rationen. Diese Fülle ist es, von der Grass im Gegensatz zu weiten Teilen der Tradition im Bereich des Essens ausgeht. Von ihr aus kommt er erst auf den Hunger zu sprechen. Der Mangel ist nun bei ihm ein Zustand, der künstlich von der aus krummem Holz geschnitzten Menschheit herbeigeführt wurde und wird. Und bei Grass ist Hunger fast immer nahezu ein Synonym für Krieg: „Krieg, Hunger und Inflation“ (Mein Jahrhundert 1927, S. 98) wirken stets zusammen, wie laut Mephistopheles die Trias „Krieg, Handel und Piraterie“ (Faust II, 5. Akt). Das erste Mal ist bei Günter Grass in örtlich betäubt, also 1969, von wirklich peinigendem Hunger der ersten Art, dem Hunger nach Nahrung, die Rede, wenn der Kochkurs in Kriegsgefangenschaft – später eines der Glanzstücke von Beim Häuten der Zwiebel – von Störtebecker durchlebt wird: Die Kriegsgefangenen rückten zusammen, damit eine Unterrichtsbaracke Platz und Gelegenheit bot, den vulgären Hunger durch Bildungshunger zu verdrängen: Sprachkurse für Anfänger und Fortgeschrittene. Die doppelte Buchführung. Deutsche Dome. Mit Sven Hedin durch Tibet. Der späte Rilke — der frühe Schiller. Kleine Anatomie. […] Und jeden Mittwoch und Sonnabend gab uns ein ehemaliger Hotelkoch — den jetzt jedermann als Fernsehkoch schätzt — einen Kochkurs für Anfänger. Brühsam gab vor, bei Sacher in Wien gelernt zu haben. Brühsam stammte aus Siebenbürgen. Seine Lehrsätze begannen: „In meiner Heimat, dem schönen Siebenbürgerland, nimmt die kochfreudige Hausfrau…“ Da Mangel den Lehrplan bestimmte, lehrte Brühsam das Kochen mit Zutaten aus der Luft gegriffen. Er imaginierte Rinderbrust Kalbsnieren Schweinebraten. Wort und Geste ließen die Lammkeule saftig bleiben. Sein Fasan auf Weinkraut und sein Karpfen in Biersoße: Spiegelungen von Spiegelbildern. (Ich lernte, mir vorzustellen.) Während wir großäugig vergeistigt, dank Unterernährung markant, in der Unterrichtsbaracke auf Schemelchen hockten und Brühsam lauschten, füllten sich unsere Oktavhefte — eine amerikanische Spende — mit Rezepten, die uns zehn Jahre später verfetten ließen. (6:97) Hunger wird nun quasi gleichbedeutend mit Leid, das der Krieg verursacht, egal, ob die Kinder der Gesindeköchin Amanda Woyke während des Siebenjährigen Krieges verhungern oder aber die deutschen Barockdichter während des Dreißigjährigen Krieges beim Treffen in Telgte hungern, weil Soldaten raubend und prassend das Land verwüsten, und zwischenzeitlich selber wiederum nur durch kriegerische Handlung gesättigt werden, später sündenfrei – wie Julian Preece ausgeführt hat – durch Fisch. Diese Engführung von Hunger und Krieg entdeckt Grass gemeinsam oder zumindest bemerkenswert zeitgleich mit dem von ihm verehrten Willy Brandt, dem späteren Vorsitzenden der Nord-Süd-Kommission, der bereits als Außenminister einschlägige Erfahrungen in armen Ländern gesammelt haben dürfte. Brandts berühmtes Diktum bei seiner Rede vor Vertretern der Vereinten Nationen im September 1973 – „Auch Hunger ist Krieg“ – zitiert Grass immer wieder, zumal Grass selbst „damals in New York war und Gelegenheit fand, im UNO-Gebäude seiner erstaunlichen Rede zuzuhören“ . Er lässt diese These sogar zum Gedicht werden (Als in Chile). Und jedes Mal, wenn er auf das Thema ‚Hunger’ zu sprechen kommt, ob in seiner Nobelpreisrede oder vor dem Internationalen PEN, wird stets auch der tote Freund zitiert. Grass jedoch verkürzt und verschärft die immer noch relativ diplomatische These des Politikers Willy Brandt in eine generelle Gleichsetzung von Hunger und Krieg. „Armut, Elend und die Zahl der Verhungerten“ werden in der Rede Preisgabe der Vernunft (1981) als direkte Folgen der Rüstung bezeichnet. Dies allerdings nicht in dem Sinne, dass der verachtenswerte Krieg ein zusätzliches bedauernswertes Nebenprodukt namens Hunger in Kauf genommen hätte oder diese Kriegsfolge nicht verhindert werden könnte. Der Hunger ist vielmehr mittlerweile ein oftmals aktiv gebrauchtes Machtmittel der Reichen und Mächtigen: „Wer den Markt für Grundnahrungsmittel beherrscht und also mit den Preisen steuernd über Mangel und Überfluß verfügt, muß keinen herkömmlichen Krieg führen“ , so Grass in der Eröffnungsrede zum Kongress des Internationalen PEN in Berlin 2006. Der Krieg wird inzwischen mit Saatgut geführt, das nur für eine Ernte taugt. Geführt wird solch ein Krieg also vom Schreibtisch aus; der Hunger wird, wie es im eingangs zitierten Butt-Gedicht heißt, „schriftlich verbreitet“. An Beispielen für seine und Brandts These mangelt es Grass nicht. „Während der ersten Nachkriegsjahre bestimmten Hunger und Kälte, die Not von Flüchtlingen, Vertriebenen und Ausgebombten den Alltag“, konstatiert Grass in seinem Essay Freiheit nach Börsenmaß (2005). Aber was verschuldet den Hunger? Den eigenen Hunger im Kriegsgefangenenlager setzt Grass in scharfen Kontrast zum Müllberg der amerikanischen Besatzungssoldaten. Genügend Nahrung wäre vorhanden. Den Hunger der Deutschen beschreibt Beim Häuten der Zwiebel als Rache der Siegermächte, die zudem durch genau abgeteilte Kalorien eventuelle Aufsässigkeiten der Deutschen bereits im Keim ersticken wollen. Im Jahr 1947 wird in Mein Jahrhundert „der Wunsch nach einer deutschen Beteiligung an der internationalen Walfangflotte von den britischen Behörden abschlägig entschieden“ (Mein Jahrhundert 1947, S. 169). Gründe werden nicht genannt, es scheint sich auch hierbei um eine Machtdemonstration und einen Akt der Vergeltung zu handeln. Auch in der Literatur hat diese Idee Tradition. Als „Kapitän Sirius“ verweist der Erzähler im Kapitel 1906 von Mein Jahrhundert auf die Geschichte von Sir Arthur Conan Doyle, in der England durch den Einsatz von U-Booten dezidiert von der Nahrungsmittelversorgung abgeschnitten und ausgehungert werden soll. Übermutter Aua verweigert die Brust, um den auf eigene Gedanken kommenden Edek mit den Machtmitteln des Matriarchat zu maßregeln. Der Hunger auf der Welt ist von Menschen gemacht. Die Tatsache, dass in absoluten Zahlen noch niemals so viele Menschen auf der Erde ernährt wurden wie in der Gegenwart, nötigt Grass keinen Respekt ab, der es bis auf das Papier oder in ein Mikrophon geschafft hätte. Vielmehr argumentiert er immer noch vom Müllberg ausgehend. Die Welt ist ihrer Möglichkeit nach reicher geworden, aber trotzdem sinkt die Armut nicht. Der vorhandene Überfluss lindert den vorhandenen Hunger nicht. Der existentielle Mangel in fernen Ländern dient als mächtiges wirtschaftliches Machtmittel, um kostengünstig produzieren zu können. So beschreibt Grass in Zunge zeigen den Hunger und das Elend in Calcutta, das beispielhaft ist „für den wachsenden oder sich stabilisierenden Wohlstand der Industriestaaten auf Kosten der Dritten Welt“ (Zum Beispiel Calcutta, 16:206), in Mein Jahrhundert widmet er das Kapitel 1980 dem Leiden der Boat people, also den Folgen des Wirtschaftskrieges. Dies alles ist im Deutschland der Bonner und nunmehr der Berliner Republik zeitlich oder räumlich weit weg. Wie bei diesem Kongress, so ist es auch in der allgemeinen Wahrnehmung wohl immer noch so, dass wir Bürgerinnen und Bürger der sogenannten Industrienationen bei aller Armut von einem breiten Angebot ausgehen können, „hier […] vollziehen sich Verarmung und Vereinzelung im Schatten einer Wohlstandskulisse“ . Hungergefühle sind bei allen Problemen in Deutschland immer noch hauptsächlich Resultate des mit Diäten bestrittenen Kampfes gegen Übergewicht. Der Müllberg der westlichen Länder zeugt davon, dass der elementare Hunger, der doch als Vergegenwärtigung des für das Leben unerlässlichen Metabolismus eigentlich das ist, was alle Organismen eint, nicht zur täglichen Erfahrungswirklichkeit gehört. „Gerade weil der Hunger auf ganzen Kontinenten fortwährt, obwohl er technisch abgeschafft werden könnte, vermag keiner so recht am Wohlstand sich zu freuen“ , behauptete Theodor W. Adorno. Dieser These kann leicht widersprochen werden, überspitzt mit der Formulierung, die Kurt Tucholsky in seinem Gedicht Nach der Schlacht gewählt hat: „Ein fremder Hunger langweilt fürchterlich“ Die Hungernden auf der Welt kommen in den so genannten Industrienationen kaum vor. Grass selbst sieht eine Notwendigkeit, diesen vorhandenen Hunger immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, denn, wie er 1999 an prominenter Stelle, bei der Entgegennahme des Nobelpreises in seiner Rede Fortsetzung folgt…, mahnt: Dieses Thema ist uns geblieben. Dem sich anhäufenden Reichtum antwortet die Armut mit gesteigerten Zuwachsraten. Der reiche Norden und Westen mag sich noch so sicherheitssüchtig abschirmen und als Festung gegen den armen Süden behaupten wollen; die Flüchtlingsströme werden ihn dennoch erreichen, dem Andrang der Hungernden wird kein Riegel standhalten. Der Hunger muss als menschengemachtes Defizit in diesem reichen Land, das die allen Menschen gemeine Macht des Hungers vor vollem Teller vergessen hat, immer wieder beschrieben und als Skandal schriftlich verbreitet werden.



Urtitel:
Über den Hunger, wie er beschrieben und schriftlich verbreitet wurde - Günter Grass und der menschengemachte Mangel
Genre/Inhalt:
--
Präsentation:
Rede
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
01.10.2006
Aufnahmeort:
Bremen, Stadtwaage
Sprachen:
deutsch
Kopie:

Tonträger:
DVD
Teilnehmende:

Person:
Weyer, Anselm (Autor(in))
Person:
Weyer, Anselm (Vorredner(in))

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Weyer, Anselm: Über den Hunger, wie er beschrieben und schriftlich verbreitet wurde - Günter Grass und der menschengemachte Mangel. Bremen, Stadtwaage .

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