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DB-Nummer: 1164

Wörtliche Bilder - Zur besonderen Dinglichkeit der Essensmotive im Bildenden Werk von Günter Grass : Vortrag von Frauke Meyer-Kemmerling im Rahmen des Kongresses "Menschen sind Tiere, die kochen können"

Meyer-Kemmerling, Frauke

Frauke Meyer-Kemmerling, Hürth Meinem Vortrag habe ich den Titel gegeben: Wörtliche Bilder – Zur besonderen Dinglichkeit der Essensmotive im Bildenden Werk von Günter Grass. Der von mir gewählte Begriff der „Wörtlichen Bilder“ bedarf zunächst einer etwas hintergründigeren Einleitung. Die Bezeichnung „Wörtliche Bilder“ habe ich im Zusammenhang mit der Vorbereitung eines groß angelegten und umfangreichen Ausstellungsprojekts entwickelt, das im Mai und Juni 1998 im Nachklang zu Grass’ 70. Geburtstag stattfand. Das Konzept dieses Ausstellungsprojekts war, den Komplex ‚Günter Grass’ als Gesamtkunstwerk zu begreifen und ihn in allen seinen Facetten konsequent als sinnliches Erlebnis zu präsentieren. Wir haben Alltagsgegenstände, die als Motive in seinen Werken vorkommen, in einem Bürgeraufruf gesammelt und in die Ausstellung integriert: u.a. Backsteine, totes Holz, Schlümpfe und – horribile dictu – sogar einen echten Pferdeschädel, was gewissen Beschaffungsprobleme mit sich brachte. „Die Konfrontation des Gegenständlichen“ ist das Thema des Günter Grass. „Er zeichnet, was übrig bleibt“ – und er ist jemand, „der die Tinte nicht wechselt“, der also Wörter in Bildern und Zeichnungen verliert oder mit Hilfe von Grafik Wortmetaphern überprüft. Die Kunst von Grass ist nicht immer gefällig, aber gefallen tut sie einem Weltpublikum. Man muss sich einlassen auf seine Themen, seine „Wappentiere“, die Schnecke, den Butt, die Ratte und die Unke – und auf seine „Wörtlichen Bilder“. Je mehr man das tut, desto faszinierender erschließt sich seine Welt. Eine eigene Welt, die ganz entscheidend mitgeprägt wird durch seine Erfahrungen mit den typischen Nahrungsmitteln bzw. Rezepten seiner besonderen kaschubisch-polnisch und rheinisch-deutschen Familien-Mischung: Steinpilze und Pfifferlinge aus heimischen Wäldern, Dorsch, Hering, Aal, Krabben und Butt aus der Ostsee, Kartoffeln von kaschubischen Feldern, Bohnen, Birnen und Hammelfleisch. Während meines Germanistikstudiums empfand ich die Werke von Grass zunächst als anstrengend und als Pflichtlektüre. Aber schon nach zwei Vorlesungen an der Universität zu Köln bei Volker Neuhaus kaufte ich mir die Werkausgabe und entschloss mich, meine Magisterarbeit über Günter Grass zu schreiben. Diese Faszination hat mich nicht mehr losgelassen und zunächst dazu geführt, dass ich 1998 als Programmgestalterin des Kulturamtes der im Umfeld Kölns gelegenen Stadt Hürth das Ausstellungsprojekt „Wörtliche Bilder“ initiieren, konzipieren und durchführen konnte. Das Rheinland – und speziell der Rhein-Erft-Kreis, zu dem Hürth gehört – hat eine ganz eigene Beziehung zum Werk von Grass. Günter Grass hat dort nach dem Krieg seine Familie gesucht und gefunden, in der kleinen Gemeinde Oberaußem. Sein Vater musste jeden Tag in die Zeche „Fortuna Nord“, er arbeitete dort in der Pförtnerloge. Sie alle kennen das Kapitel „Fortuna Nord“ aus der „Blechtrommel“. – Grass’ Mutter ist 1954 auf dem dort beschriebenen Friedhof von Oberaußem begraben worden. – Grass fand also im Rhein-Erft-Kreis bei Köln seine Familie wieder. Aber er weigerte sich, dem Wunsch des Vaters nachzugeben und die Stelle als Bürolehrling bei der Zeche anzunehmen, die sein alter Herr ihm besorgt hatte. Er wollte Kunst studieren. Er ging nach Düsseldorf – und wie wir wissen, war die Akademie wegen Kohlenmangels geschlossen und so wurde Grass zunächst Steinmetzpraktikant und hat erst dann tatsächlich Kunst studiert. Seine Mutter unterstützte ihn stets in den künstlerischen Bestrebungen, denn sie sah die Begabung, die sich gleich auf drei Gebieten zeigte: der Schriftstellerei, der Bildhauerei – und des Kochens. Ein Talentspiegel der drei Onkel mütterlicherseits, die alle im Ersten Weltkrieg gefallen bzw. gestorben waren. Grass hat sich sogar in einem Selbstbildnis als Koch abgebildet: Aus dem Zyklus Am elften November stammt die Radierung Ich als Koch (1981) (s. Abb. 1), die auch für die aktuelle Ausstellung Günter Grass: Menschen sind Tiere, die kochen können hier im Hause aus nahe liegenden Gründen ausgesucht wurde und zum Titelbild dieser Tagung avancierte. Die Persönlichkeit von Grass ist vielschichtig – und so ist auch seine Kunst. Es sind einige Facetten, die es in seinem Gesamtwerk zu berücksichtigen gilt, die stets wieder auftauchen und in ihrer Wiederholung thematische Schwerpunkte in Grass’ Leben und in seiner Kunst bilden. Die Ausstellung „Wörtliche Bilder“ präsentierte diese Facetten deshalb als so genannte „Gesichtspunkte“ im Werk von Günter Grass – und nicht etwa als Grundsätze, mit denen die Welt in „richtig“ und „falsch“ eingeteilt wird. Wir verzichteten auf eine chronologische Hängung der Werke. Die „Gesichtspunkte“ geben bestimmte Ansichten oder Erfahrungen mit der Realität wieder, sie sind keine festen Standpunkte – sondern der Blick schweift – z.B. von unten nach oben – wie in der Blechtrommel, so dass alles, was unterm Tisch oder unter der Tribüne stattfindet, gesehen werden kann. Manchmal bleibt der Blick hängen: Am Elend der dritten Welt, an Umweltkatastrophen und am Unrecht gegenüber anderen Menschen. Die Themen bleiben in Bewegung, das eine schiebt sich zeitweilig vor das andere und wird wichtiger, gerät dann wieder in den Hintergrund, aus dem es jederzeit wieder in Bezug treten kann zu den anderen Themen. Diese Bewegung, diese Schwingung, beinhaltet eine ungeheure Spannung. Eine Spannung, die zwischen der Idealvorstellung, den Träumen liegt, die jeder Mensch hat, und den Erfahrungen, die jeder Mensch mit der Realität, mit seinem Alltag macht. Grass erträgt nicht nur diese Spannung, sondern hält sie tätig aus, d.h. er setzt seine Bücher, seine Grafiken und Skulpturen – seine Kunst – dagegen. Schnell ist hier Bitterkeit oder Resignation als Reaktion „ach, das nützt doch sowieso nichts“ zur Hand – doch das Wort Resignation kommt bei Grass nicht vor. Der Zweifel und die Geduld sind seine Begleiter. Und mit der Konsequenz, die ihm eigen ist und die ihm so schnell keiner nachmacht, ist er ein Camus’scher Sisyphus und ein Narr, der die Welt ändert. Die Konfrontation des Gegenständlichen in sich, die Mischung von scheinbar nicht Zusammengehörigem ist das Markenzeichen seiner Zeichnungen, Grafiken und Lithographien. Die Liebe zur gegenständlichen Kunst ist nur folgerichtig, wenn man im Auge behält, dass Grass jeglicher Transzendenz, allem Ideologischen misstraut. Statt dessen setzt er auf Erfahrung mit der Wirklichkeit, mit seiner anfassbaren und sinnlichen Art von Realität. Sie ist sein Maßstab, ihr vertraut er. Die Dinge seiner Umgebung setzt er in ein ungewöhnliches, scheinbar nicht zusammengehöriges Miteinander. Die Radierung Kippen und Krabben II (Abb. 2) aus dem Jahr 1974 zeugt in subtiler Weise von dieser besonderen Dinglichkeit der Grass-Motive: Eigentlich nicht Zusammengehöriges weist in der Darstellung durch Grass frappierende Ähnlichkeiten auf. Die kleinen, grauen, gekrümmten Gegenstände sind herausgegriffen aus Pfanne und Aschenbecher – und zusammen ins Bild gesetzt. Das Grau des Alltags und der Kompromisse ist ihm sympathisch, nicht das strahlende Weiß der Idee und auch nicht das erschreckende Schwarz der Unkenrufer. Grau liegt zwischen schwarz und weiß. Es ist jene Farbe, die zwischen den Nichtfarben liegt. Grau sind Steine, Zigarettenasche, Blei und Graphit, Staub, feuchter Ton, Nägel aus Eisen, Kohle auf weißem Papier, Schiefer – und auch Krabben vor dem Garen. All diese Dinge kommen bei Günter Grass regelmäßig vor. Er hat Gedichte geschrieben über seinen Aschenbecher oder sein „spitzes Blei“. Grau ist die Farbe der Gegenstände, des Fassbaren im Hier und Jetzt, das neben und gegen anderes gesetzt werden kann, sich abhebt, auf seiner Dinglichkeit besteht. Eine verknitterte Kinokarte in der Jackentasche, ausgebleicht vom Mitwaschen, ein Knopf in der Küchenschublade, ein allein gebliebener Socken in der Waschmaschine – alle diese Liegengebliebenen sind Erinnerungsstücke, die uns mehr oder weniger teuer, mehr oder weniger lieb sind. Etwas bleibt immer zurück- die Schleimspur der Schnecke, der Knopf einer Uniformjacke, Strandgut, Ablagerungen, Müll, Essensreste, Knochen und Gräten: Fundsachen für die Erinnerung. Ich zitiere aus dem Gedicht Abgelagert aus dem Gedichtband Gleisdreieck (1960): Was ich beschreiben werde, es kann nur den Knopf meinen, der bei Dünkirchen liegenblieb, nie den Soldaten, der knopflos davonkam. Das, was bleibt und uns erinnert, was sinnbildlich für Erlebtes, Erfahrenes steht – die Fundsachen, die die Vergangenheit noch halten – das interessiert Grass und davon kündet seine Kunst. Das „Schwarze unterm Nagel“ ist für ihn nicht gleichgültig, sondern gerade die Hauptsache. Es ist der Teufel im Detail, der sich bei genauerem Hinsehen entpuppt. Der dreckige Rest, die Neige im Glas, Krümel eines Radiergummis, eine verräterische Patronenhülse – und immer wieder Fischköpfe und Fischgräten, die darauf hinweisen – da war einmal etwas. Im Zusammenhang mit dem Butt sind 1977 einige Arbeiten entstanden, die diese „Verweisfunktion“ bebildern: Als vom Butt nur die Gräte geblieben war, Blatt V , Kopf und Gräte, Blatt VI oder Als das Märchen zu Ende war, Blatt VII (Abb. 3-5). Diese Motive zeigen die Überreste des Butt mit Kopf im Ganzen, die Gräte mit dem abgetrennten Kopf an der Seite oder die Gräte säuberlich ohne Kopf, aber mit Brille. So funktioniert Erinnerung: in Bildern, im fantasiereichen Ausmalen von Situationen und atmosphärischen Gegebenheiten, angestoßen durch ein Detail, ein Pars pro toto, das zur Erinnerung hinträgt. Deswegen zeichnet Grass Dinge, die übrig bleiben, er ist wie eine „Sammelstelle für Zerstreutes“ (Aus dem Tagebuch einer Schnecke, 1972), ob in den 70er Jahren in den Butt-Grafiken – oder in den 90er Jahren in Einige Fundsachen für Nichtleser (1997) (Abbildung 6): Alles, was abseits der Buchstaben wie von Sinnen ins Auge fällt: dieses Dingsda, krumme Nägel oder Krümel, die ein Radiergummi hinterließ. Immer wieder stellt Grass die Dinge seiner Welt – und sich selbst – in den Bildrahmen: In Kartoffelschalen – die Nabelschnur (1975) (Abb. 7) ist das Prinzip ähnlich wie bei Kippen und Krabben: Ähnliche, aber dennoch grundlegend unterschiedliche „Gegenstände“ werden nebeneinander präsentiert. „Tote“ Kartoffelschalen oder „tote“ Kippen neben „lebendiger“ Nabelschnur oder „lebendigen“ Krabben. Die Schwelle von „tot“ und „lebendig“ ist leicht überschritten. Für den Künstler Grass ist diese Schwelle nicht von Bedeutung. Es geht ihm um das Abbilden von Wirklichkeit – seiner Wirklichkeit. Für ihn gehört zum Leben der Tod, denn das, was nach dem Sterben übrig bleibt, erinnert an das Leben. Die Sinnlichkeit von Günter Grass ist eines der faszinierendsten und individuellsten Erkennungsmerkmale seiner Kunst: Das bildnerische Werk ist voller Motive, die von Gaumenfreuden, Kochen, Essen und den für Grass natürlich dazugehörigen Themen Sexualität, Geburt und Körperlichkeit erzählen: Butt und Pilz (In Kupfer, auf Stein, 1976) (Abb. 8), Fruchtbare Pilze (In Kupfer auf Stein, 1972) (Abb. 9) oder Mit Sophie in die Pilze gegangen (In Kupfer auf Stein, 1974) (Abb. 10). Der Pilz – meistens Steinpilze oder Pfifferlinge – ist ein Motiv, das sich durch das Lebenswerk von Grass zieht. Er ist damit aufgewachsen, in kaschubischen Wäldern Pilze zu sammeln und sie dann frisch aus der Pfanne zu verzehren. Deshalb sind sie ihm vertraut und geeignet, seine Welt zu bebildern. Er zeichnet sie so, wie er sie sieht: krumm, gebogen, meistens kraftvoll und auf dem Kopf. Oft ähneln sie dem männlichen Penis – und verwandeln sich dann in „fruchtbare“ Pilze. In der literarischen und bildnerischen Welt steht das Essen meistens in Zusammenhang mit Sex oder genauer: Dem Zeugungsvorgang. Vorher oder nachher wird gegessen. Meistens Fisch oder Deftiges vom Hammel, wie in der Anfangsszene des Butt. Von dieser Zusammengehörigkeit erzählt auch die Arbeit Nach dem Fischessen (In Kupfer, auf Stein, 1981) (Abb. 11) ganz persönlich: ein Selbstbildnis mit seiner Frau Ute Grass und einer Fischgräte. . Diese besondere Dinglichkeit erzwingt eine Direktheit des Ausdrucks, die in der öffentlichen Wahrnehmung verschiedentlich dazu geführt hat, das Grass’ Darstellungen als „blasphemisch“ oder „Ekel erregend“, immer aber als provozierend empfunden worden sind. Es hat damit etwas Besonderes auf sich. Je genauer man liest oder hinsieht, desto eher bemerkt man, dass es sich keineswegs um Verzerrungen der Wirklichkeit handelt, sondern eher um „wörtlich genommene Darstellungen“, eben um „Wörtliche Bilder“. Um dieses Phänomen mit sinnlichen Mitteln in einer Ausstellung ganz nah an den Betrachter zu bringen, habe ich damals eine besondere Vitrine gestaltet, in der die Bronze-Aale von Grass ihren Platz fanden. Sie wurden in Sand gebettet und vor und hinter einen echten Pferdeschädel gelegt, der so manchem Besucher Schauer über den Rücken jagte. Diesen Schädel habe ich auch heute dabei, weil er demonstriert, „was übrig bleibt“ – und dass alle sinnlichen Genüsse zwei Seiten haben. Günter Grass hat es selbst so definiert: Im Butt bringt er es auf den Punkt: „Worüber ich schreibe. Über das Essen, den Nachgeschmack […]“. Auf der einen Seite Kartoffeln und Pilze, auf der anderen Seite die Gräte oder der Knochen. Das ist das Spannungsfeld der Grass´schen Essensmotive. Beide Seiten gehören untrennbar zueinander und bilden die Realität, die Erfahrungswirklichkeit ab. Günter Grass liebt drastische „Modelle“: ein toter Schweinskopf oder eine Ratte auf dem Schreibtisch halten ihm beim Schreiben die Realität vor Augen. Die Verweigerung alles Abstrakten ist ein Korrelat zur besonderen Dinglichkeit von Günter Grass, die sich in der bewussten Reduktion auf eine sinnliche Erfahrbarkeit der Welt ausdrückt. Die Direktheit der Grass’schen Darstellungskunst macht den Blick auf die Wirklichkeit frei, sie erzeugt Bilder im Kopf des Betrachters. Grass lässt uns spüren, was seine Figuren und Wappentiere sehen, fühlen und riechen. Unverhüllt spottet sein künstlerischer Ausdruck jeder Doppelmoral, seine Darstellungen sind unbequem und anstrengend im besten Sinne. Grass schreibt, wie er Skulpturen fertigt. Er verlässt sich auf die Wirkung des von ihm Erschaffenen, sei es durch Sprache oder Zeichenstift. Er wechselt nicht die Tinte, um Realität abzubilden. Im Feucht in Feucht der Farben setzt sich die besondere Dinglichkeit auch in den 90ern fort, in den Wörtern, die in Fluss bleiben. Der Aquarellband Fundsachen für Nichtleser aus dem Jahr 1997 nimmt diesen Bedeutungszusammenhang in ironisch-heiterer Manier auf. Sehr häufig bedient er sich dabei verschiedener Essensmotive, der Darstellung essbarer Tiere oder von Gemüse. Spargelzeit Wenig später erinnert uns streng Urin an das Essen mit Freunden, an alles, was sonst noch auf der Zunge zerging. „Urin“, das ist wieder etwas, das übrig bleibt und an das erinnert, was mal da war – nämlich der Spargel. Und dazu die typisch Grass’sche Doppeldeutigkeit von dem, „was sonst noch auf der Zunge zerging“ – neben dem Spargel und – wahrscheinlich Kartoffeln – sicherlich auch Wörter. Urin hat auch wieder die Ekelkomponente, bzw. das Unangenehme, die Kehrseite – wie die Gräte oder der Knochen, die an leckeres Essen nur noch erinnern. Dieses Aquadicht verweist zurück auf die soeben zitierte Butt-Thematik: Das „Essen“ und den „Nachgeschmack“. Die Heiterkeit und die Ironie dieser Aquadichte hat mich dazu ermutigt, Ihnen zu dieser Tagung ein Alter Ego von Günter Grass mitzubringen. Diese Puppe, die Sie hier sehen, habe ich als Volontärin des Kölner Hänneschen-Theaters selber geschnitzt, angezogen und geschminkt. Das Kölner Hänneschen-Theater, die Puppenspiele der Stadt Köln, ist eine traditionelle Volksbühne, die seit über 200 Jahren eines der beliebtesten Theater der Rheinländer ist. Dort wird mit so genannten Stockpuppen von unten her gespielt. Die Spieler stehen hinter einer Bretterwand, der „Britz“ und nur die Puppen können vom Publikum gesehen werden. Markenzeichen dieses Theaters ist natürlich zum Einen, daß in Kölscher Mundart gesprochen wird, zum anderen die unglaubliche Aktualität. Sechs neue Produktionen pro Jahr kommen zur Premiere und der Text jedes Stücks ändert sich jeden Abend durch aktuelle gesellschaftliche Ereignisse. Zur Freude des Publikums extemporieren die Spieler und Spielerinnen, was das Zeug hält. Und Puppen dürfen fast alles – jedenfalls viel mehr als Menschen. – Diese Puppe hatte ihren ersten Auftritt bei der Vernissage zur Ausstellung „Wörtliche Bilder“ in Hürth. Unser damaliger Bürgermeister führte ein Interview mit diesem Grass-Alter-Ego – und die Puppe antwortete ausführlich mit Original-Grass-Zitaten. Mit rauchender Pfeife beteuerte die Hänneschen-Figur, dass sie alle jemals geäußerten Grass-Worte in ihrem Lindenholzkopf gespeichert habe. Im zweiten Teil der szenischen Vernissage spielten vier Bühnenschauspieler und ein Schlagzeuger die wichtigsten Figuren aus dem literarischen Werk von Grass, die so niemals miteinander zu tun hatten. Oskar Matzerath, Großmutter Koljaiczek aus Blechtrommel und Rättin, Ilsebill aus dem Butt und „Fonty“ aus Ein weites Feld unterhielten sich in Originaltexten aus den großen Grass-Romanen. Während seiner Studienzeit an der Düsseldorfer Kunstakademie Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre gründete Günter Grass mit Freunden eine Jazzcombo, für die er Texte schrieb und am Waschbrett spielte. Seine musikalische Ader hat er auch später in der Zusammenarbeit mit dem Perkussionisten Günter „Baby“ Sommer einige Male aufleben lassen. Mit dieser szenischen Lesung haben wir an diese musikalischen Editionen angeknüpft. Es folgt nun ein kleiner Ausschnitt, ursprünglich gesprochen von der Schauspielerin Bettina Muckenhaupt in der Rolle der Köchin Ilsebill aus dem „Butt“ – passend zum heutigen Thema mit „Kartoffelgeschichten“. An einer Stelle entsteht eine etwas größere Pause und das Publikum reagiert erheitert. Der Grund: Die Schauspielerin, die vor einem großen Korb mit Kartoffeln sitzt, wirft selbige gezielt ins Publikum. Ilsebill: Ich weiß, dass Geschichten nicht enden können, dass jede Geschichte erzählt werden will, solange Kartoffeln genug im Korb sind. Patata, Potato, Tartuffel, Erdäpfel, Bulwen… Raleigh oder Drake sollen sie nach Europa verschleppt haben. Doch da sie aus Peru kamen, sind es die Spanier gewesen. Shakespeare muss sie als Gegenstand himmlischer Anrufung erkannt haben, wenn er Falstaff sagen lässt: „Nun mag der Himmel Kartoffeln regnen!“ – (Sie wirft eine Kartoffel zu Fonty, ein paar weitere Kartoffeln ins Publikum) wobei eingeschränkt werden muss: Shakespeare hat die süße Kartoffel gemeint, eine Delikatesse, die teuer schon im Handel war, als unsere gemeine Kartoffel wie alle fremdländischen Nachtschattengewächse (Tomaten, Auberginen) noch unter Verdacht stand, von der Inquisition hochnotpeinlich befragt und verurteilt, auf Scheiterhaufen verbrannt und sogar als Viehfutter verschmäht wurde. Zuerst haben die hungernden Iren sie angebaut. Parmentier hat sie Frankreich geschenkt, worauf sich die Königin Marie Antoinette mit Kartoffelblüten geschmückt hat. Graf Rumford hat sie den Bayern gebracht. Und wer half uns Preußen? (Sie schlägt das Kochbuch auf) Heute essen wir: mehlige Salzkartoffeln, rohe Kartoffeln gerieben, in krauser Knochenbrühe gekochte Petersilienkartoffeln oder nur Pellkartoffeln mit Quark. Wir kennen Kartoffeln mit Zwiebeln gedämpft oder in Senfsoße, Butterkartoffeln, mit Käse überkrustete, gestampfte, in Milch gekochte, in Folie gebackene, winterliche Lagerkartoffeln, Frühjahrskartoffeln. Großmutter: (im Lehnstuhl) Oder solche in grüner Soße. Oder Kartoffelmus mit verlorenen Eiern. Fonty: (am Stehpult) Oder thüringische, Vogtländer, hennebergische Kartoffelklöße in weißer Soße mit Semmelbröseln. Oder in Jenaer Glas mit Käse oder, wie es die Brüder Nostiz taten, mit Krebsbutter überbacken. Großmutter: Oder (in Kriegszeiten) Kartoffelmarzipan, Kartoffeltorte, Kartoffelpudding. Fonty: Oder Kartoffelschnaps. Oder die Hammelkartoffeln meiner Emilie, wenn sie (auf Feiertage) zu Hammeldünnung, in Nierentalg angebraten, bevierteilte Bulwen tat, mit Wasser auffüllte und so lange kochte, bis der Sud eingekocht war. Jetzt erste löschte Emilie die Hammelkartoffeln mit Braunbier. Ilsebill: Oder Kartoffelsuppe, die das Gesinde der königlich-preußischen Staatsdomäne Zuckau alltäglich am Abend löffelte, wenn der Himmel seine Tinte ausgoß und der Wald näher und näher rückte. Dies ist nur ein kurzer Ausschnitt einer CD, die eine Länge von 45 Minuten hat und das Projekt „Wörtliche Bilder“ in Radiobeiträgen und Live-Aufzeichungen von der Eröffnungsveranstaltung, die ich damals inszeniert habe, dokumentiert. Die CD haben wir schon im Hinblick auf den 80. Geburtstag von Günter Grass im Herbst 2007 vorbereitet. Die Stadt Hürth und insbesondere unser Haus, das Kultur- und Tagungszentrum, wird sich auch für diesen Anlass wieder etwas Besonderes ausdenken. Das Thema „Essen & Kultur“ wird in unserem Theater schon lange gepflegt. Neuerdings mit einem Gastronom, der Kultur zu unterstützen weiß. Und das nicht im Sinne von „Erlebnisgastronomie“, was sich wie eine schlechte Musical-Masseninszenierung anhört, sondern im Sinne von Essen und Trinken als gleichwertiger Begleiter oder sogar Partner der Kultur. Hier sind Konzepte gefragt, die auf ein qualitatives Gesamtergebnis zielen. Diese Qualität ist gar nicht so einfach zu bekommen. Ich erzähle Ihnen da nichts Neues: Gehen Sie mal essen in der Eifel, am Rhein oder auch an Mosel oder Ahr – deutsche touristische Gebiete, in denen ich mich wandernd oft aufhalte! Schnitzel rauf und runter, Steak und Salat mit Putenbrust. Furchtbar einfallslos und vor allem: Was hat das mit deutschen oder regional geprägten Speisen zu tun? Das Speisenangebot für Kinder besteht jeweils aus Pommes Majo oder Fischstäbchen, vielleicht noch Spaghetti Bolognese. Und letztere essen Kinder häufig auch nur, wenn es sich um eine Fertigsoße handelt. Frisch angebratenes Hackfleisch könnte da schon zum Problem werden. Und was tut Grass? Er kocht mit seinen Söhnen Linsen. Na gottseidank, denke ich dabei und kreiere nach der Grass-Lektüre eine neue Linsensuppe mit roten Linsen und Zucchini frisch aus meinem Garten. Durch unzählige eigene Kochexperimente haben sich aus der Grass’schen Bilderwelt viele Gerichte und Rezepte entwickelt. Auch in Zukunft: Mein ganz persönlicher Genuss der „Wörtlichen Bilder“ des Künstlers Günter Grass. Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen und uns noch weiterhin eine schöne Tag.



Urtitel:
Wörtliche Bilder - Zur besonderen Dinglichkeit der Essensmotive im Bildenden Werk von Günter Grass
Genre/Inhalt:
--
Präsentation:
Rede
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
30.09.2006
Aufnahmeort:
Bremen, Stadtwaage
Sprachen:
deutsch
Kopie:

Tonträger:
DVD
Teilnehmende:

Person:
Meyer, Manuel (Sonstige)
Person:
Meyer-Kemmerling, Frauke (Autor(in))
Person:
Meyer-Kemmerling, Frauke (Vorredner(in))

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Meyer-Kemmerling, Frauke: Wörtliche Bilder - Zur besonderen Dinglichkeit der Essensmotive im Bildenden Werk von Günter Grass. Bremen, Stadtwaage .

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