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DB-Nummer: 1165

Kulinaristische Anerkennung – Anerkennung der Kulinaristik - Zur Erläuterung einer besonderen Würdigung des Gesamtwerkes von Günter Grass : Vortrag von Prof. Dr. Alois Wierlacher im Rahmen des Kongresses "Menschen sind Tiere, die kochen können"

Wierlacher, Alois

Alois Wierlacher, Bayreuth Am 3. Oktober 2005 verlieh die Deutsche Akademie für Kulinaristik ihren nach ihrem Gründungsmitglied und ‚Jahrhundertkoch’ Eckart Witzigmann benannten Preis in der Sektion ‚Literatur, Wissenschaft und Medien’ an Günter Grass. Der Verfasser dieser Zeilen, Gründungsmitglied und damaliger Vorsitzender der Akademie, übergab an diesem Tag, begleitet von Volker Neuhaus, persönlich dem Preisträger in seinem Haus in Behlendorf die Urkunde. Im Folgenden sollen einige Beweggründe verdeutlicht werden, die dieser Auszeichnung zugrunde liegen. Inhaltlich besagt die Ehrung, es gebe keinen zweiten Autor der deutschen Gegenwartsliteratur, der ähnlich aufschlussreich die anthropologische, kommunikative und symbolische Bedeutung des Essens im menschlichen Leben ansichtig gemacht hat. Tatsächlich lassen sich vor allem Romane wie Die Blechtrommel, Der Butt, Das Treffen in Telgte oder Ein weites Feld, aber auch manche Gedichte, Radierungen und Skulpturen als Beitrag zu einer einzigartigen künstlerischen Gastrosophie lesen, in der auf herausragende Weise außer dem Essen auch die Gastlichkeit, das Kochen und die Erfahrung des Hungers als Nahrungsmangels thematisch werden. Mit der Zuerkennung des Akademie-Preises wird diese Leistung gewürdigt. Basisbedeutung aller Würdigungen im Sinne einer Anerkennung ist im Sinne der Logik eines Urteils die Bejahung (Bestätigung) im Unterschied zu einer Verneinung. In Abgrenzung von einem bloßen Lippenbekenntnis ist die anerkennende Bejahung mit einer begründeten Geltungszusage und diese ist mit einem Maßstab, einer Norm und einer zugrunde liegenden Auffassung des Zuerkennenden verknüpft. Sie lautet im vorliegenden Fall: das Essen, das Kochen, die Gastlichkeit und das Reden von diesen Handlungsfeldern prägt den Alltag und den Festtag der Kultur(en), die Verständigung zwischen den Menschen und das Leben des Einzelnen in einem so umfassenden Ausmaß, dass man mit Recht von einem ‚sozialen Totalphänomen’ (Marcel Mauss) gesprochen habe. Diese der Preisverleihung zugrunde liegende Ansicht soll im Folgenden in einigen Hinsichten erläutert werden. Vorab ist zu diesem Zweck auf die Dialektik aller Anerkennung einzugehen. Zur Dialektik der Anerkennung Anthropologisch ist der Wunsch der Menschen nach Anerkennung ein Grundbedürfnis wie das das Essen, das Atmen und das Reden. Der Anerkennungsbedarf ist in vielfältiger Form in der Dialogqualität menschlicher Existenz begründet, da die je eigene Identität entscheidend abhängig ist von den je dialogischen Beziehungen zu anderen. Als eine bejahende und erkennende Zuschreibung von Identität schafft Anerkennung ein wechselseitiges Gesichtgeben, das die Betreffenden in die Lage versetzt, von sich und anderen in ihrer Eigenheit als Andersheit erkannt zu werden. In der Wissenschaft begegnet der Ausdruck Anerkennung vor allem als öffentliche Würdigung individueller Leistungen und als rechtliche Gleichstellung (‚Nostrifikation’) von Studienabschlüssen (Diplomen). In diesem Sinne meint Anerkennung grundsätzlich den performativen Akt der Bestätigung einer Auszeichnung oder der Ebenbürtigkeit durch eine anerkennungsbefugte Instanz. Im Englischen wird der Ausdruck Anerkennung mit dem Ausdruck recognition wiedergegeben; das Wort (von lat. recognoscere) verweist auf die der Geltungszusage zugrunde liegende Aktivität des Erkennens. Die Anerkennung von Leistungen oder Positionen setzt also ebenso wie die Anerkennung von Zeugnissen voraus, dass man sich mit dem Anzuerkennenden befasst, es ernst genommen und geprüft hat. Insofern Anerkennungshandlungen als Zuerkennungen von Identität zugleich dialektische Verstärkungen des Selbstentwurfs des Anerkennenden sind, stiften sie Gemeinsamkeit und Vertrauen zwischen dem erkennend Anerkennenden und dem Anerkannten. Der prüfende Akt der Anerkennung ist insofern, bündig gesagt, das Zuschreiben einer Identität als Alterität. Das Bedürfnis nach Anerkennung und der tägliche ‚Kampf um Anerkennung’ sind mithin keine weltfremden oder revolutionären Versuche, Ungleichgewichtigkeiten oder Ungleichzeitigkeiten aufzuheben, sondern Folgen des Wissens um die wechselseitige Bedingtheit des Einen durch den Anderen im Erkanntwerden. Der Anerkennende agiert als Zeuge und Produzent, er muss für diesen produktiven Akt auch legitimiert sein. Mit dem Anzuerkennenden steht folglich zugleich der oder die anerkennende Person oder Institution zur Diskussion. Deshalb ist im Folgenden auch zu fragen, ob die Akademie im Sinne der rechtlichen und philosophischen Anerkennungsbedingungen eine anerkennungsbefugte Instanz ist. Da sich die anerkennende Instanz mit der reflexiv prüfenden Zuerkennung von Identität dialektisch mitbegründet, bewahrt die rückfragende Selbstprüfung sie zugleich davor, den anzuerkennenden Anderen zum abkünftigen Modus ihrer selbst zu machen. Zur Anthropologie des Essens Menschen reden und essen mit demselben Organ. Folgen dieses Konnexes präsentiert schon der biblische Mythos vom Baum der Erkenntnis. In der Tat ist das Essen als Handlung eine nichtdelegierbare Tätigkeit der Lebenserhaltung wie das Nachdenken auch; die alte humanistische Metapher von der ‚geistigen Nahrung’ spiegelt dieses Wissen. Jeder aufmerksame Tourist weiß heute ein entsprechendes Lied von fremden Speisen zu singen; der Alltag multikultureller Gesellschaften lehrt uns, welch erhebliche Kontaktschwierigkeiten durch fremdkulturelle Küchen entstehen; dass durch Normenfragen des Essens auch Lernbarrieren aufgebaut werden, hat die Nahrungsethnologie aufgedeckt. Es gibt im übrigen einen vielschichtigen Zusammenhang von Essen und Reden, den die Anthropologin Mary Douglas in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einmal in die Worte gefasst hat: Eating like talking is patterned activity. Gemeint ist nicht nur die Konventionalität des Handelns. Ein Wort des französischen Philosophen Jean Paul Sartre lässt den Sachverhalt verstehen, es lautet in scheinbar einfacher Formulierung: „Jede Nahrung ist ein Symbol“. Doch genau genommen geht es um Grundsätzliches: Der Akt des Essens und der Akt der Stiftung von Bedeutungen und Werten hängen unmittelbar zusammen. Mithin steht auch und gerade den Bedeutungswissenschaften, vor allem den sprach- und textbezogenen Kulturwissenschaften sehr gut an, die fächerübergreifende Essenforschung (arbeitsteilig) zu einem ihrer Schwerpunkte zu machen, zumal inzwischen communis opinio der Forschung ist, dass die Gegenstände kulturwissenschaftlicher, speziell literaturwissenschaftlicher Disziplinen nicht eo ipso gegeben sind, sondern durch Problemstellungen und theoretische Annahmen konstituiert und in einem vorgegebenem Verstehensrahmen entwickelt werden, mithin Bestandteile von Kulturen sind. Sinn und Zweck des Essens erschöpfen sich, mit anderen Worten, weder in der Feinschmeckerei noch darin, kreatürlichen Hunger zu stillen und die Nährwertzufuhr auf dem physiologischen Bedarfsniveau zu halten. Essen war immer schon mehr als Ernährung (Nutrition), war immer auch eine besondere kommunikative Sprache (‚language of food’), eine Lust- und Leidquelle menschlicher Existenz, ein Spiegel von Armut und Wohlstand, vermittelte Glück und erregte Ekel, förderte Gemeinschaft und Individuation, stiftete Krieg und Frieden, setzte Zeichen der Liebe und des Hasses, diente als Integral des Alltags und des Festtags, fungierte als Herrschaftsinstrument und Sozialisationsmittel, Medium und Experimentierfeld sinnlicher, sozialer und ästhetischer Erfahrungen oder Sehnsüchte. Nicht zuletzt ist das Essen von jeher auch ein besonderer Modus der Lebensbejahung (affirmatio vitae) gewesen, wie außer der Geschichte der Feste und der Künste die zahlreichen Mythen (Religionen) klarmachen, in denen, der biblischen Erzählung vom Sündenfall vergleichbar, Essen und Erkennen in ihrem Ursprung miteinander verknüpft sind. Kleinkinder machen durch ihre Gewohnheit, unbekannte Gegenstände zur prüfenden Erkenntnis in den Mund zu nehmen, deutlich, dass Erkennen und Essen an einen identischen Körper gebundene analoge Aneignungshandlungen sind, die nicht vertreten werden können. Ein kurzer, gegen höfische Schauessen gerichteter Fabeltext des 18. Jahrhunderts stellt diese Nichtvertretbarkeit des Menschen beim Essen und ihre politische Brisanz anschaulicher als manche umfangreiche Abhandlung dar: Wir haben gegessen Am Geburtstag eines jungen Adlers gab König Adler seiner Familie ein großes Mahl und lud alles Heer des Himmels zu diesem Freudenfest ein. Ehrerbietig warteten Tausende von Vögeln bei seiner Tafel auf, bewunderten den Reichtum der Speisen und noch mehr die heroischen Verdauungskräfte ihres Königs. „Wir“, sprach endlich der gesättigte Adler zu dem zuschauenden Volk, „wir haben gegessen.“ „Wir aber nicht“, zwitscherte ein von Heißhunger geplagter Sperber. „Ihr seid“, erwiderte der erhabene Monarch, „mein Staat, ich esse für euch alle.“ In eins mit der Unvertretbarkeit des Essens stellt dieser kleine Text in der Gleichzeitigkeit von Nahrungsmangel, Nahrungsüberfluss und Nahrungsverweigerung ein Grundproblem auch der gegenwärtigen Welt vor, auf das Grass in seinem Werk häufig zurück kommt und über dessen Bedeutung für die Entwicklung der thematischen Konstanz seines Werkes er in seinem jüngsten Roman Beim Häuten der Zwiebel hinsichtlich des Hungers biographische Auskunft gibt. Inspirator war demnach die Mangelerfahrung im amerikanischen Kriegsgefangenenlager nach 1945. Sie brachte den späteren Autor auf das Thema, trieb ihn „in einen abstrakten Kochkurs“ (S. 202), in dem er dem lehrenden Chefkoch höchst aufmerksam zuhörte, der mit verbaler und zeichnerischer Imagination dem fiktionalen Nichts der Speisen Geschmack abgewann (S. 204), Luft zu sämigen Suppen rührte (S. 204) und sich die Gefangenen der „kulinarischen Betäubung des nagenden Hungers überließen (S. 213). Auch in seiner Dankesrede auf die Verleihung des Nobelpreises berührt er das Thema: „Herzen können verpflanzt werden. Drahtlos telefonieren wir rund um die Welt. Satelliten und Raumstationen umkreisen uns fürsorglich. Waffensysteme sind, infolge gepriesener Forschungsergebnisse, erdacht und verwirklicht worden, mit deren Hilfe sich ihre Besitzer vielfach zu Tode schützen können. Was alles des Menschen Kopf hergibt, hat seinen erstaunlichen Niederschlag gefunden. Nur dem Hunger ist nicht beizukommen. Er nimmt sogar zu.“ Versteht man dieses Memo im Sinne Axel Honneths als Aufforderung zur Anerkennung der sozialen Grammatik des Essens und seiner Zubereitung, dann sehen sich alle Kulturwissenschaften auch und vor allem in einer Überflussgesellschaft mit der Aufgabe konfrontiert, sich mit ihren diskursiven Mitteln und in Kooperation mit der Literatur in notwendiger Ergänzung der Ernährungswissenschaften dem Nachdenken über den Nahrungsmangel und die enorme Bedeutung des Genusses im Alltag und Festtag zu widmen. Die Kulinaristik ist aus diesem Grund sowohl Teil als auch Ausdruck und Variante der Kultur- und Lebenswissenschaften. Zur neueren Kulturforschung des Essens Philosophie und poetische Literatur wissen seit langem, dass sich Kulturen nicht nur über Rechts- und Wirtschaftsordnungen, sondern auch über ihre Geschmacksbegriffe und Essenordnungen definieren. Nietzsche sieht in Essenordnungen „Offenbarungen über Kulturen“, rechnet das Essen zu den „allernächsten Dingen“ menschlicher Existenz und führt Beschwerde darüber, dass man es nicht zum Gegenstand unbefangenen und allgemeinen Nachdenkens mache: „Man sage nicht, es liege hier wie überall an der menschlichen Unvernunft […]. Vernunft genug und übergenug ist da, aber sie wird falsch gerichtet und künstlich von jenen kleinen und allernächsten Dingen abgelenkt“ . Goethe bestimmt ausgerechnet im Tasso als „erste Pflicht des Menschen, Speis’ und Trank/ Zu wählen, da ihn die Natur so eng/ Nicht wie das Tier beschränkt“ (V,1). Grass hält Essen und Ernährung für das existentiell wichtigste Thema. Zahlreiche weitere Autoren, unter ihnen Gottfried Keller, Theodor Fontane, Adalbert Stifter, Thomas Mann, Franz Kafka, Joseph Roth und Heinrich Böll, gehören in diese literarischen Anerkennungs-Reihe, die sich bis in die jüngste Zeit verlängern ließ, ich verweise nur auf Dietrich Krusche und seine Darstellung der nazistischen Perversion der sozialhistorischen Institution des Streuselkuchens (in Stimmen im Rücken). Im Anschluss an diese Kenntnisbestände ist der Aufbau einer wissenschaftlichen Essenforschung in den letzten zwei Dekaden vom sanften Rückenwind der Veränderung der Geisteswissenschaften zu Kulturwissenschaften beflügelt worden. Die alte Abneigung der Geisteswissenschaft gegen die Technik und die Körperlichkeit menschlicher Existenz, von der ja auch das Handwerk des Kochs lebt, hat man weithin ebenso hinter sich gelassen wie die Praxisverachtung und den vielschichtigen Dualismus von Körper und Geist. Das war vor einer Generation noch anders. Vor allem in den sprach- und textbezogenen Wissenschaften, aber auch in der Medizin, in der Philosophie und in den Ernährungswissenschaften hielt man die Befassung mit der Kulturalität des Essens eher für wissenschaftsunwürdig, alltäglich und banal (der Verfasser hat all diese Vorurteile in der Wissenschaftskommunikation am eigenen Leib erfahren). Erst die zunächst über die auslandsphilologische Perspektive in Gang gebrachte Grundlegung einer interkulturell orientierten Germanistik als einer Kulturwissenschaft hat in Deutschland das fundierte fächerübergreifende Nachdenken über das Kulturthema Essen auch in den Geisteswissenschaften möglich gemacht, während Nachbarwissenschaften wie die Soziologie und Verhaltensforschung bereits eine lange Forschungstradition aufweisen: Georg Simmel und Norbert Elias haben ihre wegweisenden Aufsätze schon vor zwei Generationen geschrieben. Ein außerordentliches und hier anzuführendes Resultat dieser neue Kulturwissenschaft ist der 1994 vom Verfasser zusammen mit Gerhard Neumann, Horst Kühne und anderen gegründete, bis heute lebendige und in Deutschland einzigartige Internationale Arbeitskreis für Kulturforschung des Essens. Auf die neue, aus der interkulturellen Germanistik herausgewachsene Literatur- und Kulturwissenschaft des Essens hat kürzlich der Wissenschaftsrat in einer seiner Empfehlungen verwiesen. Eine Kultur- und Literaturwissenschaft des Kochens und der Küche, verstanden als Arbeitsplatz, ist dagegen nach wie vor ein Desiderat, obgleich die europäische und speziell die deutsche Literatur seit Homer nicht nur das Essen, sondern, allerdings in geringerem Umfang, auch das Kochen immer wieder thematisiert. Aufgrund der öffentlichen Rechtstellung der Geschlechter wirkte Jahrhunderte lang im Privatleben die Köchin, in der Öffentlichkeit der Politik oder eines Hotels dagegen der Koch. Diese Differenzierung schwächt sich erst seit Ende des 20. Jahrhunderts langsam ab. Zu den in den Augen des Verfassers bedeutungsvollsten Darstellungen eines Kochs in der Literatur der Moderne gehört die Erzählung Napoleon von Carl Sternheim. Doch weder dieser Text noch Grass’ Darstellungen der Köchinnen und Köche sind in der Forschung Gegenstand eines breiten Diskurses geworden, obwohl sich Grass’ Charakterisierung der Köche und Köchinnen sehr von der überlieferten Figurengeschichte des ungebildeten, geschwätzigen und letztlich lebensfeindlichen Kochs, der auch den anthropologischen und kulturellen Sinn der Interdependenz von Essen und Reden nicht versteht, unterscheidet. In Opposition zum Auftritt der schwarzen Köchin der Lebenszerstörung am Ende des Romans Die Blechtrommel erscheint die Großmutter zu seinem Anfang im Sinne des mythischen Konzepts der Großen Mutter und des ursprünglichen Konzepts der Kultur in uralter Geste der Lebens- und Kulturstiftung als Köchin auf dem Acker. Von Oskars Vater Alfred Matzerath heißt es im Text, er habe Gefühle in Suppen verwandeln können, und 1972 konnte man in Aus dem Tagebuch einer Schnecke die Ankündigung des Butt lesen: „Ein erzählendes Kochbuch“ will Grass schreiben, „über 99 Gerichte, über Gäste und Menschen als Tiere, die kochen können“. Alle drei Arten des Kochens hat Grass in seine Texte eingestaltet; das tägliche Kochen als Hungerstillung vor allem in der Familie ebenso wie das gelegentliche Hobby-Kochen innerhalb und außerhalb der Familie und das professionell-berufliche Kochen, das dem Zweck dient, Geld zu verdienen. Zum Bedarf an kulinarischer Kompetenz und Genussfähigkeit Kulinarisch Gebildete wissen, dass der individuelle menschliche Geschmack, abgesehen von der physiologischen Interdependenz der Sinne, eine kulturell geprägte Dimension besitzt und dass das Essen, vor allem das gemeinsame Essen, ein Code der Kommunikation ist, der durch keinen anderen ersetzt werden kann. Diplomaten und Kaufleute haben immer schon gewusst, dass aus diesem Grund dem gemeinsamen Essen auch in der interkulturellen Kommunikation eine besondere Bedeutung zukommt, die auch eine besondere kulinarische Kompetenz verlangt, die es auszubilden gilt. Weder der Geschmack noch der Genuss sind bloß orale Kategorien, sondern mehrdimensionale und mehrwertige Wahrnehmungskategorien und als sinnliche Erkenntnismittel ins Netzwerk der Sinne eingebunden. Das Wort Genuss verweist im Deutschen auf das Wort Genosse; die Semantik dieses Begriffes spiegelt die oben schon betonte Dialogqualität menschlicher Existenz. Niemand setzt sich darum gern mit Menschen, die man nicht mag, an einen Tisch, weil die Dingsymbolik des Tisches eine symmetrische Beziehung aufdrängt, die vorab von den Handelnden gebilligt sein will, man vergleiche die kulturelle Regel des Tischverständnisses als Raum der privacy. Manche außereuropäischen Kulturen vermeiden darum überhaupt die Tische. Sitzen Menschen mit mehreren Personen an einem Tisch, dann lassen sie in aller Regel, auch im Kontext der besonderen kommunikativen Aufgaben eines Familientisches, aus wohlverstandenem Eigeninteresse (wie schon die Gastrosophen des neunzehnten Jahrhunderts anrieten) die Eigenheit der anderen wechselseitig gelten (Treffen in Telgte). Auf diese Weise wird der Genuss zur Quelle einer Toleranzfähigkeit, ohne die das Zusammenleben der Menschen gar nicht möglich ist – Grass hat die Toleranzfrage denn auch mehrfach zum Thema seiner Reden gemacht. Die Befassung mit dem Essen und dem Kochen wird dringlich, wenn man unter Gesichtspunkten unserer Zukunftsfähigkeit bedenkt, dass zu Anfang des 21. Jahrhunderts nicht mehr nur kulturspezifische Normen und das Geflecht von symbolischen Bedeutungen, in denen Menschen im Rahmen von Makro-, Regional- und Subkulturen ihre Erfahrungen interpretieren, mitbestimmen, was als Lebensmittel angesehen, zum Verzehr zubereitet und aus welchem Anlass, in welcher Situation, wie, warum und mit wem gegessen wird, sondern auch die Nahrungsmittelindustrie: das Wort ‚Geschmack’ bezeichnet infolge der nahrungsmitteltechnologischen Entwicklung mittlerweile sowohl eine komplexe, physiologisch und kulturell geprägte Sinnesfähigkeit als auch ein industriell hergestelltes Produkt. Im Licht dieser interessen- und widerspruchsvollen Großwetterlage erscheint die Gründung einer privatrechtlich verfassten, der Erhellung der Interdependenz von Wissenschaft, lebensweltlicher sowie beruflicher Praxis – insbesondere im Gastgewerbe – gewidmeten Institution wie der Deutschen Akademie für Kulinaristik (2000) als eine kultur- und wissenschaftspolitische Notwendigkeit. Im Zeitalter der anhaltenden Globalisierung auch der Nahrungsmittelsproduktion ist eine zu guter Praxis befähigende kulinarische Kompetenz als Vorbedingung einer wenigstens gewissen Selbstbestimmung auch breiter Bevölkerungsschichten bei der Nahrungswahl unerlässlich geworden. Diese Kompetenz lässt sich nur über eine kulinarische Bildung aufzubauen, die als kritische Selektionsfähigkeit aus dem Uferlosigkeit von Angeboten und Informationen praktisch wird und die die Zeitgenossen befähigt, wenigstens in Grundzügen über sich selbst und ihre soziokulturelle Umgebung Auskunft zu geben und dabei doch für divergierende Ansichten, Formen, Interessen auch der Esskulturen offen zu bleiben. So gesehen, wird alles Fachwissen erst durch Bildung fruchtbar, und diese ist eo ipso ein Stück kultureller und politischer Bildung. Ein konstitutives Element dieser Bildung ist eine kulinarische Sprache. Menschen vollziehen die Beteiligung an anspruchsvollen öffentlichen Aufgaben in aller Regel über ihre Muttersprache. Jede lebendige Sprache ist Teil einer geschichtlich gewachsenen Region. Erst die Aktualisierung dieser Verknüpfung eröffnet praktische Teilhabe am Leben einer Gesellschaft. Die Wissenschaften werden sich darum in den kommenden Jahren im übergeordneten Kontext der europäischen Einigung, der Globalisierungsprozesse und der weiteren Technologisierung des Alltagslebens menschlicher Existenz der Herausforderung stellen müssen, das kulinarische und kulinaristische Sprach- und Kulturwissen zu fördern sowie im eigenen Interesse dem Prinzip der Mehrsprachigkeit die nötige Resonanz und Geltung zu verschaffen, also in Ergänzung der lingua franca des Englischen und der traditionellerweise französischen Küchensprache unter anderen auch eine deutsche kulinarische Sprache zu schaffen, die als solche zugleich mehr ist als eine nationalkulturelle Sprechweise oder ein Abklatsch des geisteswissenschaftlichen Jargons früherer Jahrzehnte. Als Beleg für den Bedarf an dieser Sprachkompetenz und kulinarischem Wissen zugunsten kultureller Selbstbestimmung sei hier nur auf die Auseinandersetzungen innerhalb der Europäischen Union um die Anerkennung der kulturellen Signatur von Speisen und Getränken oder auf die Rolle des Essens in der kulturellen Selbstbehauptung nationaler Selbstverständnisse in Japan verwiesen. Diese Kämpfe sind identitätspolitisch relevant, weil Speisen in ihrer authentischen, also auch verbürgten Qualität ebenso wie Mahlzeitenkonzepte Traditionen stiften und auf diese Weise das Selbstverständnis und die kollektiven Verhaltensweisen der Menschen prägen und zugleich Sicherheit für die Selbstverständnisse und Lebensart der Menschen und deren alltagssoziologische Basis liefern; verwiesen sei beispielsweise auf die Biergärten oder auf den kulturellen Stellenwert der ‚Spätzle’, für dessen Pflege im Jahre 2002 sogar ein eigenes Colloquium gegründet wurde, das sich zur Aufgabe gemacht hat, schwäbische Leitkultur am Leben zu erhalten. Zur Anerkennungsbefugnis der Akademie Mit dem Anzuerkennenden steht, so wurde oben betont, eo ipso die anerkennende Person oder Institution zur Diskussion, weshalb ergänzend zu fragen sei, ob die Akademie im Sinne der rechtlichen und philosophischen Anerkennungsbedingungen eine anerkennungsbefugte Instanz sei. Die Antwort darf hier kurz ausfallen. Die Deutsche Akademie für Kulinaristik zählt angesehene Wissenschaftlern verschiedener Fächer, Gastronomen und kulinaristisch ausgewiesenen Personen aus anderen Berufsfeldern zu ihren Mitgliedern; viele Mitglieder des angeführten Arbeitskreises wirken in der Akademie mit. Ein vergleichbares Kompetenzzentrum gibt es in Deutschland nicht. Im selben Jahre 1977, in dem Grass seinen Roman Der Butt herausbrachte, legte der für die Preisverleihung verantwortliche Vorsitzende der Akademie den ersten Beitrag seiner Veröffentlichungen zum Thema Essen vor: Der Diskurs des Essens und Trinkens in der neueren deutschen Erzählliteratur. Zur Literaturwissenschaft eines „sozialen Totalphänomens“ . Nach mehreren weiteren Aufsätzen erschien 1987 das Buch Vom Essen in der deutschen Literatur. Mahlzeiten in Erzähltexten von Goethe bis Grass (Stuttgart); es war die erste monographische Publikation zu diesem Thema in Deutschland überhaupt. 1989 folgte ein interdisziplinäres Symposium als Auftakt einer interdisziplinären Kulturwissenschaft des Essens (Kulturthema Essen 1993), 1994 die Gründung des erwähnten Arbeitskreises ; der Verfasser hat ihn zusammen mit Gerhard Neumann und Rainer Wild bis zum Frühjahr 2006 auch geleitet. Im Jahre 2000 gelang in Kooperation mit dem renommierten Hotelier Andreas Pflaum die Gründung der Akademie. ‚Message’ ist die Erkenntnis, dass das Kulturphänomen Essen als individueller und kollektiver, privater und öffentlicher Verhaltens-, Kommunikations-, Wert-, Symbol- und Handlungsbereich den ganzen Menschen betrifft. Entsprechend wird unter ‚Kulinaristik’ eine mehrdimensionale Wissenschaft verstanden, die das Ziel verfolgt, das ‚Totalphänomen’ in Forschung und Lehre zu verdeutlichen und mittels wissenschaftlicher Weiterbildung auch die wechselseitige Aufklärung von Theorie (Wissenschaft), lebensweltlicher und beruflicher Praxis über seine Rolle und Funktion für den einzelnen Menschen und in den Verständigungsprozessen unter den Menschen. Das Verhältnis von wissenschaftlicher Theorie und beruflicher Praxis wird nicht als Einbahnstraße des Wissenstransfers, sondern als Lernprozess aller Partner, die Akademie selbst als lernendes System im Sinne des lebensbegleitenden Lernens gedacht. Da nur in der Zusammenführung der Wissensbestände und der Bündelung der Kompetenzen auch das Orientierungswissen geschaffen werden kann, das unsere Gegenwart im Kontext sowohl des Hungers in der Welt auch des der industriellen Nahrungsmittelwirtschaft dringend benötigt, wurde die Akademie von Anfang an als Netzwerk von Lehre, Forschung und Praxis im Sinne einer Corporate University gebaut. Zu den Partnern zählen Hochschulen des In- und Auslands, Fachgebiete verschiedener Universitäten, Hotels und Institutionen der nationalen und internationalen Kulturarbeit, unter ihnen das Deutsche Historische Museum (Berlin). Den Neologismus Kulinaristik findet man noch in keinem Wörterbuch; der Verfasser hat den Ausdruck geprägt (abgeleitet von lat. culina = die Küche), um einen Begriff zur Verfügung zu stellen, der geeignet ist, sowohl die Komplexität des Gegenstandes unverkürzt ins Wort zu fassen als auch von einer breiteren Öffentlichkeit verstanden zu werden. Wie die bisherige Erfahrung zeigt, sind beide Annahmen gerechtfertigt. Die Akademie und ihr Preis Am 24. Januar hatte 2004 beschloss die Mitgliederversammlung der Akademie, einen Großen Preis ins Leben zu rufen und ihn in Würdigung ihres ‚Jahrhundertkochs’ und Gründungsmitglieds Eckart Witzigmann Internationaler Eckart Witzigmann-Preises der Deutschen Akademie für Kulinaristik zu benennen. Der Preis dient im Sinne des Gemeinnützigkeitsrechts dem Zweck, die Akademie als hochschulische Einrichtung auf dem Weg über die jährliche Auszeichnung von Personen und Institutionen bekanntzumachen, die sich auf nationaler und internationaler Basis um die Essenordnungen im Allgemeinen und um die Kochkunst im Besonderen verdient gemacht haben. Das Protokoll der Sitzung weist die Zustimmung des Namensgebers aus und deutet auch die leitende Begründung an: Dem großen Ethnologen Claude Levi-Strauss zufolge begann die menschliche Kultur nicht mit der Verführung Adams durch Eva oder mit der Entwicklung der Schrift, sondern mit der Entdeckung des Feuers und der nachfolgenden Unterscheidung des Rohen vom Gekochten. Als man die Nahrung nicht mehr wie die Tiere generell roh aß, sondern zubereitete, begann die Ausdifferenzierung der cultura humana. Köche oder Köchinnen erscheinen in dieser Darstellung als handwerksmeisterliche Kulturstifter; die Perversion ihrer Tätigkeit im öffentlichen oder privaten Raum heißt immer Kulturzerstörung, man vergleiche den Bau des Romans Die Blechtrommel und die Eröffnung des Romans Der Butt. Am 23. April 2005 trug der Verfasser des vorliegenden Beitrags und damalige Vorsitzende der Akademie Günter Grass schriftlich die Ehrung an. In seinem Antwortschreiben vom 2. Mai 2005 nahm Grass das Angebot als „inspirierend“ an und gratulierte dem Vorsitzenden „zu der Idee, eine Akademie für Kulinaristik zu begründen“. Grass reagierte also im Sinne der Anerkennungslehre mit einer reziproken Anerkennung der Kulinaristik. Bei der Lektüre der Urkunde am 3. Oktober 2005 stellte Grass zustimmend fest, er fühle sich verstanden. Akademie und Autor wurden mit der Zuerkennung und Annahme des Preises wechselseitig erkannt, gewürdigt und vertrauensgeleitet in Beziehung zu einander gesetzt. Der Text der Urkunde Die Deutsche Akademie für Kulinaristik verleiht hiermit Herrn Günter Grass ihren Internationalen Eckart Witzigmann-Preis in der Kategorie ‚Literatur, Wissenschaft und Medien’. Günter Grass ist der einzige deutschsprachige Schriftsteller der Gegenwart, der das Kulturthema Essen immer wieder zu einem bevorzugten Gegenstand seiner künstlerischen Arbeit gemacht hat. Von Die Blechtrommel über Der Butt bis hin zu Gedichten wie Im Ei oder Die Schweinekopfsülze und zahlreichen Radierungen hat Günter Grass im Sinne der Akademie die anthropologische, kommunikative und symbolische Bedeutung des Essens sowohl im Aufbau der Kultur(en) als auch in der Verständigung zwischen den Menschen und im Leben des Einzelnen ansichtig gemacht. Ebenso spielen im Gesamtwerk von Günter Grass die Handlungsfiguren des Kochs und insbesondere der Köchin als Kulturstifter eine herausragende Rolle. Unermüdlich hat Günter Grass auch die Grundbedingung aller Kulinaristik, den Kampf gegen den Hunger in der Welt, thematisiert. Die Akademie beglückwünscht Günter Grass zu dieser herausragenden Leistung und gibt mit der Preisverleihung ihrer Anerkennung Ausdruck.



Urtitel:
Kulinaristische Anerkennung – Anerkennung der Kulinaristik - Zur Erläuterung einer besonderen Würdigung des Gesamtwerkes von Günter Grass
Genre/Inhalt:
--
Präsentation:
Rede
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
30.09.2006
Aufnahmeort:
Bremen - Stadtwaage
Sprachen:
deutsch
Kopie:

Tonträger:
DVD
Teilnehmende:

Person:
Wierlacher, Alois (Autor(in))
Person:
Wierlacher, Alois (Vorredner(in))

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Wierlacher, Alois: Kulinaristische Anerkennung – Anerkennung der Kulinaristik - Zur Erläuterung einer besonderen Würdigung des Gesamtwerkes von Günter Grass. Bremen - Stadtwaage .

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