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DB-Nummer: 1167

„Annähernd schottisch“, „Berliner Spezialitäten“, typisch französisch - Kulinarische Finessen in Ein weites Feld : Vortrag von Dorothee Römhild im Rahmen des Kongresses "Menschen sind Tiere, die kochen können"

Römhild, Dorothee

PD Dr. Dorothee Römhild, Osnabrück „Es wird so wenig gegessen in der deutschen Literatur, wie wenig darin gewohnt wird, es wird kaum von Geld geredet, viel gehungert, auch von der Luft gelebt, und dann die fürchterliche Sitte, das Essen schweigend einzunehmen“ Heinrich Böll: Frankfurter Vorlesungen, 1964 In seinen Frankfurter Vorlesungen, wo er einer noch zu schreibenden „Ästhetik des Humanen“ das Wort redet, hat Heinrich Böll bereits im Jahr 1964 darüber geklagt, dass „so wenig gegessen“ werde „in der deutschen Literatur“ , wie darin zu wenig vom Alltag, und ein Jahr später in seinem Essay Heimat und keine, von „Heimat“ , „Heimat-Assoziationen“ und deren sinnlicher Vergegenwärtigung in sentimentalen Erinnerungsprozessen die Rede ist: Die jederzeit abrufbare Erinnerung des Körpergedächtnisses an „den bitteren Geruch von Rohkakao“ beispielsweise, wie er den jungen Böll regelmäßig auf seinem Schulweg begleitet hat, an den Geschmack vom Brot der frühen Jahre , den Geruch von „frisch gebackenem Kuchen […] Braten und heißem Schmalz“ – für den Nachkriegsschriftsteller Heinrich Böll ist dieses Phänomen, das wir vermutlich alle kennen, der Dreh- und Angelpunkt seiner literarischen Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit und zugleich der Dreh- und Angelpunkt seiner utopischen Entwürfe vom Menschen. Dass hier keineswegs ein deutscher, sondern ein französischer Autor, nämlich Marcel Proust mit seinem siebenteiligen Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (1913-1927) Pate gestanden hat, ist einer Textstelle aus Bölls Roman Gruppenbild mit Dame (1971) zu entnehmen: Was Leni G., „Trägerin der Handlung“ und verkanntes „Genie der Sinnlichkeit“ , dort widerfährt, ist der sentimentalen Vergegenwärtigung lang verschollener Erinnerungen vergleichbar, wie sie der Proustsche Erzähler Auf der Suche nach der verlorenen Zeit seiner Kindheit in jener legendären Schlüsselszene, nämlich beim Verzehr des traditionellen französischen Teegebäcks mit dem sprechenden Namen ‚Madeleine’ erlebt. So wie sich letzterem, veranlasst durch den bloßen Geschmack „eines jener dicken ovalen Sandtörtchen […], die man ‚Madeleine’ nennt“ , die Logik der Zeit aufhebt, und er sich unmittelbar wieder in seiner Jugendzeit befindet , erkennt Lenis rechter Fuß morgens beim Brötchenholen „eine kleine Unebenheit auf dem Straßenpflaster wieder […], die er – der rechte Fuß – vor vierzig Jahren, als Leni dort mit anderen Mädchen Hüpfen spielte, zum letzten Mal erfaßt hatte“ . In beiden Fällen wird Vergangenheit geradezu körperlich, d.h. mit allen Sinnen erfahren und so in einem einzigen Moment wieder restlos gegenwärtig. Ein vergleichbares Konzept der Vergegenwärtigung des Vergangenen, und damit komme ich zum Thema meines Vortrags, liegt auch Grass’ Roman Ein weites Feld (1995) zugrunde. Und das ist meines Erachtens kein Zufall, geht es darin doch um die alltagsnahe Verspiegelung zweier Jahrhunderte ineinander, um die Verlebendigung des Schriftstellers Theodor Fontane, der hier in Gestalt der Kunstfigur Fonty alias Theo Wuttke zeitversetzt im 20. Jahrhundert wieder auftaucht und dessen Leben, Werk und Zeitgenossenschaft, wie ich noch zeigen werde, zu einem anderen Ende hin fortgeschrieben werden. Dass dabei auch kulinarische Finessen und Motivkomplexe eine zentrale Rolle spielen, ist bei dieser Konstellation – Fontane als Gegenstand und Grass als Autor des Romans – keineswegs verwunderlich. Bereits in der Blechtrommel, Grass’ Romandebüt aus dem Jahr 1959, sind Mahlzeiten und Nahrungsmittel von tragender Bedeutung: Man denke an Oskars Großmutter auf dem Kartoffelacker, an Matzerath, der als „passionierter Koch […] Gefühle in Suppen zu wandeln verstand“ , an das legendäre Aalessen und den damit symbolisch verknüpften Suicid der Agnes Matzerath, Oskars über alles geliebter Mutter, die an einer selbst inszenierten Fischvergiftung stirbt. Spätestens aber mit Erscheinen des Butt-Romans (1977), der die Geschichte der Menschheit von der Jungsteinzeit bis in die Gegenwart der siebziger Jahre als Ernährungs- und Beziehungsgeschichte erzählt und – ich erinnere an den Eröffnungsvortrag von Volker Neuhaus – von „Menschen als Tiere, die kochen können“ handelt, und aktueller noch, mit Erscheinen der Autobiographie Beim Häuten der Zwiebel (2006) ist der große Zusammenhang von Essen, Mahlzeiten, Kochen und Erinnern in Grass’ Lebensprojekt: Schreiben gegen die verstreichende Zeit unübersehbar geworden. Ebenfalls in den Werken Fontanes, in denen ja bekanntlich mehr geredet als gehandelt wird, spielen, wenngleich nicht das Kochen selbst, so doch die Mahlzeit, das Essen als Vorgang, als kommunikativer oder bloß als Status und Prestige vermittelnder Akt, gelegentlich auch nur – wie im Fall von Frau Jenny Treibel – der Geruch von „Rührkartoffeln mit Karbonade, beides von Seifenwrasen untermischt“ als assoziative, sinnlich erfahrbare Brücke zur Vergangenheit eine nicht unwesentliche Rolle. Man denke etwa an die vielen Landpartien, Abendtafeln, Diners und Festessen, oder an die – „Der Mensch ist, was er ißt“ (Feuerbach 1804-1872) – wahrhaft sprechenden Essgewohnheiten bestimmter Figuren und, nicht zu vergessen, an die beredte Symbolik des kulinarischen Angebots: Ob Spargelspitzen, Hummer oder Oderbruchkrebse , ob „Grünauer Schinkenstulle“ oder Harzer Schmerle , „Borsdorfer mit einer Pocke“ oder Kochbirnenhälften mit und ohne Stengel – in Fontanes vielstimmigen Zeit- und Gesellschaftsromanen steckt auch auf kulinarischem Gebiet der liebe Gott im Detail. Insofern nimmt es also nicht Wunder, dass der Erzählstrang der Mahlzeiten und damit die Frage, was, wann, wo und wie gegessen wird, in Grass’ Roman Ein weites Feld, der von dem Jahrhundert Fontanes auf der Folie unserer Gegenwart und damit von Geschichtsprozessen im kulturhistorischen Wandel und vor allem nah am Alltag erzählt, keineswegs so nebensächlich zu bewerten ist, wie er auf den ersten Blick daherkommt: Auf 781 Seiten wird, frei nach dem Modell der Gesellschaftsromane Fontanes, mehr geredet als gehandelt. Und diese Gespräche, über weite Strecken handelt es sich um Monologe entweder der Fonty- oder der Hoftaller-Figur, die im Roman als Fortschreibung von Schädlichs Tallhover, ewiger Spitzel und Fontys Tag- und Nachtschatten auftaucht, finden in der Regel in Berliner Gaststätten, Cafés, Bistros, Würstchenbuden, seltener im Treuhandgebäude oder in der „Imbißstube Potsdamer-Straße, gegenüber der Hausnummer 134c“ , gelegentlich auch in der Privatwohnung der Wuttkes und schließlich bei McDonald’s statt. Es wird also regelmäßig gegessen und getrunken, vor allem aber geredet und wichtiger noch – Fonty „hantiert“ ja, wie übrigens Fontane und Grass, gerne „mit zwei Spiegeln zugleich“ (WF, 230) – über Literatur und Leben, Gegenwart und Geschichte und nicht zuletzt im Fontaneschen Plauderton anlässlich des Essens über das Essen selbst geredet. Da wird zum Beispiel während der Feier von Martha Wuttkes verspäteter Hochzeit ausführlich und meistens nicht ohne Hintersinn über „‚sächsische Einflüsse auf die Berliner Küche‘“ (WF, 290) verhandelt, über diverse „köstliche Entengerichte“ (WF, 290), nationale und regionale Spezialitäten, und was man sonst noch alles wann und wo zu sich genommen hat. Oder nehmen wir Fontys anspielungsreiche Festreden, in denen diverse Menues und Menuefolgen ihm die Stichworte zu allzu menschlichen Themen wie Liebe, Ehe, Ehebrüche und sonstigem tabuisiertem Gesprächsstoff liefern. Abgesehen von dieser kulinarischen Metasprache, die in Ein weites Feld überall dort begegnet, wo Fonty wieder einmal mit „zwei Spiegeln zugleich“ disponiert, wird die Rede vom Essen und Trinken dort auch sonst in bester Fontanescher Manier ganz nebenbei und vielstimmig genutzt: Metaphorisch etwa, wenn der ewige Spitzel Hoftaller peinliche Geschichten aus Fontys Vorleben als „zusätzliche Kost […] aufzutischen begann“ (WF, 376-77) oder der real existierende „Sozialismus“ zu DDR-Zeiten als „Eintopfsuppe mit einigen preußischen Zutaten“ (WF, 349) umschrieben wird; oder als Charakterisierungsmittel der Figuren, besonders deutlich bei Hoftaller, der seinen kleinbürgerlichen Reiseproviant, die obligatorische Thermoskanne mit Milchkaffee und Mettwurststullen (WF, 731) , in der Aktentasche immer dabei hat. Auf diese Weise werden einzelne Nahrungsmittel, Getränke und komplette Mahlzeiten zu milieu- und klassenspezifischen Indizien stilisiert, wobei die Mahlzeiten gelegentlich als kommunikative Akte, überwiegend aber als Ausdruck zwischenmenschlicher Entfremdung gestaltet werden. In Ein weites Feld ist der kulinarische Diskurs also in einer Weise sprechend, dass man ihn nahezu mit den Worten von Professor Wilibald Schmidt in Fontanes Frau Jenny Treibel auf folgende Formel bringen könnte: „Das Nebensächliche, soviel ist richtig, gilt nichts, wenn es bloß nebensächlich ist, wenn nichts drin steckt. Steckt aber was drin, dann ist es die Hauptsache, denn es gibt einem dann immer das eigentlich Menschliche.“ Dieser hintergründigen Bedeutung des nur scheinbar Nebensächlichen kommt man aber – bei Grass wie bei Fontane – nur auf die Spur, wenn man sich die Methode Madeleines, Fontys lang verschwiegener Enkeltochter und, wie ich noch zeigen werde, Schlüsselfigur für die utopische Perspektive des Romans, zu eigen macht: Die Germanistin aus Frankreich ist in Deutschland auf den Spuren Fontanes und jenen ihrer Herkunft unterwegs. Dabei interessiert sie sich, wie sie ihrem Großvater Theo Wuttke und den Archivaren des Fontane-Archivs anvertraut, insbesondere für „all die vielen Motivverkettungen“ (WF, 441) und „kunstvollen Verknüpfungen von Motiven“ in den Werken des „Unsterblichen“, „weil es immer Nebensächlichkeiten und keine dicken Leitmotive sind“ (WF, 441) – in denen allerdings, mit Fontane gesprochen, der „Keim des Ganzen“ steckt. Ich habe es also zunächst einmal mit Madeleine gehalten und bin dem kulinarischen Motivkomplex in Ein weites Feld auch dort nachgegangen, wo auf den ersten Blick eher beiläufig gegessen und getrunken wird. Herausgekommen ist ein wahrer Fundus an Material. Ich beschränke mich hier auf das Folgende: • Das Kapitel Annähernd schottisch (WF, 25f.), das bei McDonald’s spielt, von Fast Food, Westorientierung und Globalisierung, von der Vorbereitung eines Jahrhundertgeburtstags, von reduzierter Kommunikation – „Und jeder mampfte für sich“ heißt es im Text (WF, 31) – damals und heute handelt und schließlich mit einem einheitlichen Applaus auf Fontys Rezitation der Fontaneschen Archibald Douglas-Ballade endet. • Die Kapitel Marthas Hochzeit (WF, 279f.) und Weshalb die Braut weinte (WF, 299f.), die in den Offenbach-Stuben spielen, dabei überwiegend von der mit kulinarischem Hintersinn gespickten Tischrede des Brautvaters Fonty zehren, in denen aber – einem Fontaneschen Diner vergleichbar – auch sonst viel vom Essen, u.a. von „Berliner Spezialitäten“ (WF, 274; vgl. 290) und von weiteren allzu menschlichen Dingen die Rede ist, und die im Resultat von zwischenmenschlicher Entfremdung nach der Wiedervereinigung handeln, und schließlich • wird mit der „zartbitteren“ (WF, 471) Madeleine von jener typisch französischen Schlüsselfigur die Rede sein, die keinesfalls zufällig den Namen des Proustschen Gebäcks trägt und die nicht unwesentlich dazu beiträgt, dass dem weiten „Feld“ in Grass’ Roman ein „Ende“ (vgl. WF, 781), perspektivisch betrachtet sogar ein positives, abzusehen ist. Annähernd schottisch oder eine Geburtstagsfeier im Spiegel zweier Jahrhunderte… Romaneingangs befinden wir uns – Stichwort: Maueröffnung – im Jahr 1989 in Berlin-West, und Fontys alias Theo Wuttkes siebzigster Geburtstag steht bevor, dessen Planung, nicht zuletzt in kulinarischer Hinsicht, von Fonty und Hoftaller erörtert wird. „‚Da kann man nicht still drüber weg. Muß begossen werden‘“ (WF, 11). Dieser Ansicht ist wenigstens Hoftaller, Fontys Tag- und Nachtschatten, der mit solchen Argumenten „sein[em] Objekt“ (WF, 11) eine öffentliche Jubiläumsfeier schmackhaft machen will. Fonty, bei dieser Gelegenheit wieder einmal gänzlich in die Rolle Fontanes schlüpfend, reagiert zunächst „postwendend lustlos: ‚Siebzig kann jeder werden, wenn er einen leidlichen Magen hat‘“ (WF, 11) , kommt dann aber zu dem Entschluss: „‚aber wenn es denn sein muß, muß es etwas Besonderes sein‘“ (WF, 12). Und darunter versteht er, der wie Fontane ohnehin für das Aparte ist, eben nicht jene Stätten des Arrivierten und Privilegierten, die Hoftaller vorschlägt: Weder der „Künstlerclub ‚Möwe‘“ (WF, 12), ebensowenig „das beliebte Theaterrestaurant ‚Ganymed‘ am Schiffbauerdamm“ (WF, 12) und „auch der ‚Kempinski‘ im Westen der Stadt war [wie übrigens alles Berlinische, D.R.] nicht nach Fontys Wünschen. ‚Mir schwebt‘, sagte er, ‚etwas Schottisches vor. Nicht unbedingt mit Dudelsack, aber annähernd schottisch soll es schon sein…‘“ (WF, 12). Was man sich darunter vorzustellen hat und welcher Kunstgriff in puncto Verspiegelung zweier Jahrhunderte deutscher Alltags- und Literaturgeschichte sich dahinter verbirgt, erfahren wir im zweiten, Annähernd schottisch (WF, 25) überschriebenen Kapitel des ersten Buches. Die Ausgangssituation ist die Folgende: Gänzlich abschließend ist die Frage: Geburtstagsfeier ja oder nein? offenbar immer noch nicht geklärt. Fonty jedenfalls ist jetzt entschieden dagegen. Und so boykottiert er denn auch die inzwischen von Hoftaller organisierte Vorfeier mit jungen (Künstler)Talenten (vgl. WF, 28) vom Prenzlauer Berg, die in der Mitropa-Gaststätte im Bahnhof Friedrichstraße mit Berliner Spezialitäten – es gibt „ein Tellergericht Hackbraten mit Spiegelei zu Bratkartoffeln“ (WF, 28), dazu Bier und Nordhäuser Korn – begangen wird. Unter Hoftallers Druck erscheint der „Ehrengast“ (WF, 26) zwar am Ende doch noch, aber offenbar nur, um den Anwesenden ganz en passant zu erläutern, was er sich unter „Annähernd schottisch“ denn eigentlich gedacht hat: „Nicht auf dem Kurfürstendamm oder am Savigny-Platz“ (WF, 30), also nicht an traditionellen Orten des Berliner Westens, sondern ausgerechnet bei „McDonald’s“ (WF, 30) soll „des Unsterblichen und des Nachgeborenen runder Geburtstag gefeiert werden“ (WF, 30). Eine Idee, die, gelinde gesagt, aufhorchen lässt. Denn was um aller Welt, so wird man sich jetzt fragen, hat McDonald’s, das Fast-Food-Restaurant, das gemeinhin für Verwestlichung, Amerikanisierung, Globalisierung, Modernisierung steht , mit Fontane zu tun? Dabei ist mitzubedenken: nicht schottisch, sondern „annähernd schottisch“ war Fontys Formulierung, und in eben dieser Formulierung ist der kulturelle Wandel vom 19. zum 20. Jahrhundert gleich mitgeschrieben. Bezogen auf den ‚Unsterblichen’ meint das Schottische, auf das Fonty hier anspielt, eben jene uralte Tradition, die Fontane in seinen Balladen besungen hat. Diese ist aber zu seiner Zeit, d.h. gut hundert Jahre später, nur „annähernd“ noch zu haben. Die assoziative Brücke, die hier von McDonald’s, dem Fast-Food-Lokal mit dem originär schottischen Namen, zu Fontane führt, bedarf also der Vermittlung. Zum Beispiel durch eine Kunstfigur wie Fonty, dem sich, wo immer er auftaucht, so manche „Gelegenheit für Abschweifungen ins historische Feld“ (WF, 21) bietet. Wir treffen Fonty bei McDonald’s, wie üblich, in Begleitung Hoftallers an. Nachdem die beiden einen „Zweiertisch“ (WF, 30) in Besitz genommen haben, reihen sie sich in die Warteschlange vor Kasse fünf ein. Viel Zeit für die Auswahl eines Menüs bleibt ihnen bei McDonald’s, wo der „übliche Betrieb“ (WF, 30) herrscht, zwar nicht, und doch ist sowohl Fontys wie Hoftallers Wahl hinreichend bezeichnend: Der eine, „dem der Super Royal TS für 5 Mark 95 West zu teuer war“ (WF, 31) entscheidet sich preisbewusst „für einen Cheeseburger und eine Portion Chicken McNuggets“ (WF, 31), der andere, nachdem er einen Moment mit dem „Evergreen Menue“ (WF, 31) geliebäugelt hat, für einen „doppelstöckigen Hamburger namens Big Mäc“ (WF, 31), was, wenn man es denn im übertragenen Sinne verstehen will, einerseits auf die Doppelfigur Hoftaller/Fonty, andererseits auf die großspurige Mentalität des ewigen Spitzels und konträr dazu auf Fontys fast schon sprichwörtlich schottische Sparsamkeit verweist. In weiterer Doppelbödigkeit travestiert der Ort des Geschehens, das Schnellrestaurant McDonald’s, hier zugleich den Englischen Hof, eines der führenden Häuser Berlins zu Fontanes Zeiten, in dem, wie einem ausführlichen Briefzeugnis des Autors zu entnehmen ist, exakt hundert Jahre zuvor sein siebzigster Geburtstag gefeiert wurde. Aus eben diesem Brief, wir haben es hier mit einem Fall markierter Intertextualität zu tun, wird folgende Passage in Ein weites Feld wörtlich zitiert: „Man hat mich kolossal gefeiert und – auch wieder gar nicht. Das moderne Berlin hat einen Götzen aus mir gemacht; aber das alte Preußen […] hat sich kaum gerührt“. (WF, 25). Auch dass es dabei um jene „offizielle Nachfeier“ des siebzigsten Geburtstags vom 30. Dezember 1889 geht, „die gleich zu Beginn des neuen Jahres, am 4. Januar, im Restaurant ‚Englisches Haus’ in der Mohrenstraße stattgefunden hatte“ (WF, 25), wird explizit gesagt. Bezeichnend für Grass’ Verspiegelung zweier Geburtstagsfeiern in der, die Fonty und Hoftaller probeweise bei McDonald’s begehen, scheint mir aber vor allem folgender Schlüsselsatz: „Dann saßen sie, und jeder mampfte für sich“ (WF, 31). Bezogen auf die Gegenwart komprimiert sich in diesem einen Satz noch einmal das ganze Ausmaß jener Entfremdung, von der die künstliche Atmosphäre des modernen Schnellrestaurants, die uns hier begegnet, ohnehin schon zeugt. Fonty und Hoftaller sitzen sich zwar gegenüber, reden aber ebensowenig miteinander wie die anderen Gäste. Alle Anwesenden sind so sehr auf das Zweckrationale der Nahrungsaufnahme konzentriert, dass nur Kaugeräusche – Fonty und Hoftaller hören „sich und andere essen“ (WF, 31) – noch vernehmbar sind. Was hier detailliert geschildert wird, könnte man aber ebensogut als Zuspitzung jener Scheinkommunikation und Phrasenhaftigkeit verstehen, von der, bei Lichte besehen, bereits die Gesellschaften und Diners in Werken und biographischen Zeugnissen Fontanes gekennzeichnet sind: Man denke nur an die hohlen Tischgespräche, die namentlich die Treibels und Schmidts und weitere Vertreter des Geld- und Bildungsbürgertums in Frau Jenny Treibel mit- oder besser gesagt gegeneinander führen. Oder auch an besagte Jubiläumsfeier des siebzigsten Geburtstags, wie der Autor sie erinnert: „Man hat mich kolossal gefeiert und – auch wieder gar nicht“ beklagt sich Fontane und resumiert: „Das unpassende Benehmen eines Bruchteils der einen Tafel hat mir freilich wie wohl auch vielen andern den Schluß des Festes verleidet…“ Ob auch damals schon, abgesehen von Fontanes verletzter Eitelkeit, die solches durchaus nahelegen könnte, ‚jeder für sich mampfte’, darüber können wir allenfalls spekulieren. In Ein weites Feld jedenfalls, wo mindestens offizielle Mahlzeiten durchweg von Kommunikationslosigkeit und Entfremdung überschattet werden, drängt sich diese Interpretation geradezu auf. Wobei der kulturelle Wandel im schielenden Blick auf zwei Jahrhunderte u.a. im Sujet der Mahlzeiten immer mitgeschrieben wird: Vom „Englischen Hof“ zum „annähernd schottischen“ Schnellrestaurant; vom „modernen Berlin“ zu Fontanes Zeiten, wo das Prestige- und Standesbewusstsein des Besitz- und Bildungsbürgertums das gesellige Leben regiert, zum postmodernen Berlin, wo Klassengegensätze, wenigstens bei McDonald’s, scheinbar keine Rolle mehr spielen. Menschen aller Schichten, Generationen und Nationen sind dort versammelt: „Laufkundschaft, die bestellte und mitnahm, viel jugendliches Publikum, aber auch Devisenhändler von gegenüber belebten den Betrieb […]. Hier und da standen ziemlich abgetakelte alte Männer und Frauen aus dem Bahnhofsmilieu, die sich bei McDonald’s aufwärmten […]“ (WF, 32). Wirkliche Kommunikation aber findet hier ebensowenig statt wie zu Fontanes Zeiten. Im Gegenteil, wo bei Fontane von der Hohlheit und Phrasenhaftigkeit etwa des Besitz- und Bildungsbürgertums die Rede ist, von einer subtilen Form der Entfremdung also, die sich, man denke an Frau Jenny Treibel, insbesondere bei Tischgesprächen manifestiert, findet bei Grass – „und jeder mampfte für sich“ (WF, 31) – offenbar überhaupt keine Kommunikation mehr statt. So könnte man jedenfalls meinen, wäre da nicht diese spektakuläre Solo-Einlage, mit der Fonty alle Anwesenden bei McDonald’s in seinen Bann schlägt: „Zwischen Biß und Biß, kauend kommentierte er das Lokal: die Messingleuchter über der Theke, die abgeschirmte Schnellküche, für deren Angebot Preistafeln sprachen […]. Und auf das überall […] doppelbäuchig werbende Firmenzeichen wies er hin, um sich sogleich von jenem westlichen, nunmehr die Welt erobernden Namen, dessen Signum als Heilszeichen galt, davon- und zurückführen zu lassen“ (WF, 32) in eine seiner fiktiven Zeitreisen, die hier „bei den historischen McDonald’s“ (WF, 32) und deren kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Campbells anno 1692 beginnt, um dann, „vom Stammsitz der Fast-Food-Firma Schloß Armedale ausgehend“ (WF, 33), wie der Wanderer Fontane „jenseits des Tweed ins schottische Hochmoor […] Maria Stuarts Spuren hinterdrein“ zu jagen und schlussendlich „mit linker Hand die Schachteln, Soßenschälchen und den Pappbecher samt Strohhalm“ (WF, 34), kurzum mit einer für Fonty mehr als bezeichnenden Geste den gesamten Gegenwartsmüll vom Tisch zu fegen und gänzlich in die Rolle des ‚Unsterblichen’ zu schlüpfen: Mit würdiger Haltung und „heller Stimme […] jegliches Geräusch“ (WF, 34) übertrumpfend, rezitiert er nun selbstbewusst „seinen ‚Archibald Douglas’“ (WF, 34), der bereits hundert Jahre zuvor deklamiert wurde. Allerdings mit anderem Ausgang: Während Fontane bitter enttäuscht über ein Publikum war, das in Unkenntnis der Ballade zu früh applaudierte (vgl. WF, 41), befindet Fonty, der ausführlich auf diese peinliche Episode zu sprechen kommt: „‚Jedenfalls war vorhin noch, was das Publikum betrifft, McDonald’s besser als Englisches Haus damals!‘“ (WF, 41) Und in der Tat, über „wichtigtuerische“ (vgl. WF, 41) Ehrengäste und deren „Renommiergehabe“ (WF, 40), über „zur Schau gestellte Ordensbrüste und Schmuckkollektionen“ (WF, 40) kann Fonty sich bei McDonald’s ebensowenig beschweren wie über „vorzeitigen Applaus“ (WF, 41). Im Gegenteil, ausgerechnet an dem Ort, der heutzutage für Künstlichkeit, Isolation und Entfremdung, aber eben auch für die klassenlose Gesellschaft einsteht, steigt dank seiner mitreißenden Darbietung „die Stimmung“ (WF, 35) zu einer Art Happening: „Jung und alt klatschte“ (WF, 34), ja, sein „Vortrag hatte so sehr begeistert“ (WF, 34), dass Integration des üblicherweise Getrennten möglich wird. Personal und Stammkundschaft, die strenge Kassiererin Sarah Picht, schrille Typen aus dem Bahnhofsmilieu und selbst Hoftaller können sich dem nicht entziehen: „So etwas hatte es bei McDonald’s noch nie gegeben“ (WF, 35). Und doch, fast als wäre nichts gewesen, geht man gleich darauf wieder zur Tagesordnung über: „Danach saßen beide [die Rede ist von Fonty und Hoftaller, D.R.] nur noch für sich […], sückelten sparsam und ließen ihre Gedanken treppab eilen“ (WF, 35-36). Und damit haben wir eine, für die Mahlzeiten in Ein weites Feld durchaus charakteristische Grundsituation: Wo immer gegessen, beim Essen geredet oder auch nur nachgedacht wird‚ ‚eilen die Gedanken treppab’, taucht insbesondere Fonty „ganz gegenwärtig und ganz vergangen“ (WF, 38) in unterschiedliche Zeiten, mal in Leben und Werk Fontanes, dann wieder in seine eigene Vergangenheit ab, um unvermittelt wieder in die Gegenwart zu springen. Einzelne Speisen, Getränke und Menuefolgen können unter seiner Regie – dem Proustschen Madeleine-Erlebnis vergleichbar – offenbar ebensogut zwischen den Jahrhunderten vermitteln, wie der singuläre Festakt selbst. So lässt Fonty beispielsweise bei „Hähnchenhappen“ und Coca-Cola (WF, 33), einem typischen McDonald’s-Menue, den siebzigsten Geburtstag Fontanes Revue passieren, kommt dabei auf jenes „vereinzelte Radieschen“ (WF, 41) zu sprechen, auf das Fontane während der Rezitation seiner Ballade „verlegen gestarrt habe, als sei“ ihm „ein Hühnerdreck auf den Teller gefallen“ (WF, 41), um schließlich selbst „auf die leergefutterten Schachteln“ (WF, 41) zu starren, „als läge in deren Mitte noch immer das einsame Radieschen vom 4. Januar 1890“ (WF, 41). Und in dieser, zwei Jahrhunderte im Fokus eines Nahrungsmittels miteinander verbindender Blickinszenierung wird wiederum Kontinuität im Wandel sichtbar: Steht jenes einsame Radieschen auf dem Teller Fontanes für einen Mangel aus Überfluss, wird gleichsam Symbol einer Prestigemahlzeit und verweist so auf den Geltungsdrang derer, die es sich leisten können, Nahrungsmittel als Dekor zu verwenden, so verweisen die „leergefutterten Schachteln“ (WF, 41) bei McDonald’s im übertragenen Sinne auf die Berge von Restmüll, die unsere Wohlstandsgesellschaft mit ihrer Fast Food-Kultur hinterlässt. Und so wird, gewissermaßen als Schnittmenge zweier Jahrhunderte, im kulinarischen Sujet jener „gedoppelten“ Geburtstagsfeier hier wie dort Entfremdung sichtbar. Denn einmal abgesehen von der integrativen Wirkung, die Fontys beeindruckende Archibald Douglas-Rezitation für einen kurzen Moment hervorruft, gleicht sie doch eher einer kommunikativen Einbahnstraße: Fonty hält Monologe und sein Publikum reagiert, wenn auch nicht mit vorzeitigem Applaus, so doch – wie zu Fontanes Zeiten – in völliger Unkenntnis der Fontaneschen Ballade. Was da abläuft, ist ein gruppendynamischer Prozess – nur dass es dabei nicht mehr um „Renommiergehabe“ (WF, 40) als Distinktionsmittel, sondern um Teilhabe an einem Event geht. Die einzige Anwesende, die aus der Anonymität der Masse heraustritt, ist bezeichnenderweise eine ‚Kopfgeburt’: In einer „Frau seines Alters, die mit Blick auf ihn, ständig ihr rechtes Auge verkniff, als wollte sie ihm zuzwinkern“ (WF, 43), meint Fonty eine der Fontaneschen „Kräuterhexen“ (WF, 43) wiederzuerkennen, „etwa die Buschen aus dem ‚Stechlin‘ oder […] Hoppemarieken aus ‚Vor dem Sturm‘. Die hätte so zwinkern können“ (WF, 43). „Berliner Spezialitäten“ und was auf Marthas Hochzeit sonst noch aufgetischt wird… Wie der siebzigste Geburtstag sind auch die Planung und anschließende Feier von „Marthas Hochzeit“ ein Paradebeispiel dafür, mit welchen Finessen der „doppelt gewebte“ (WF, 260) kulinarische Erzählstrang in Ein weites Feld zwei Jahrhunderte miteinander verknüpft, so dass die Kontinuität der Geschichte als Prozess immer erkennbar bleibt. Schon als er auf der Suche nach einem geeigneten Lokal für das Hochzeitsessen probehalber die alte Berliner „Kneipe ‚Keglerheim’ in der Lychener Straße“ (WF, 274) betrat, wollte Fonty, „der hier zu Hause war, nichts vergangen sein, sondern alles gegenwärtig, auf Abruf“ (WF, 275). Und damit sind wir schon bei den zwei Jahrhunderte miteinander verknüpfenden „Berliner Spezialitäten“ (WF, 274), die allerdings – auch Fontane stand ja allem Berlinischen eher skeptisch gegenüber – mehr nach Hoftallers als nach Fontys Geschmack sind: Wo überall Hoftaller mit seinen obligatorischen Mettwurstbroten – zu feierlichen Anlässen darf es auch schon mal Hackbraten mit Spiegelei, dazu Bier und Nordhäuser Korn (vgl. WF, 28) oder „ein Schultheiß“ (WF, 272) sein – als fast schon prototypischer Anhänger der kleinbürgerlichen Berlinischen Küche auftritt, zeigt Fonty sich wählerischer und – man denke an die deutsch-französische Herkunft der Fontanes – eher dem Französischen zugeneigt: Anstelle von Bier bevorzugt der Brautvater französischen Rotwein (vgl. WF, 272), für die kirchliche Trauung erscheint ihm im Fontaneschen Redejargon „Französischer Dom besser als Hedwigskirche“ (vgl. WF, 273), und „für ein Hochzeitsessen“ (WF, 274) kommen die „Berliner Spezialitäten“ (WF, 274) – „etwa Schweinshaxe und Schlachteplatte oder Kohlroulade“ (WF, 274) – der Gaststätte „Keglerheim“ für Fonty ebensowenig in Frage wie deren dekoratives Zille-„Milljöh“ (WF, 275), wobei er sich erneut auf Fontane beruft: „Er legte sich Zitate zurecht, die seinem Spott auf alles Berlinische zupaß kamen – ‚Jede Semmel ist pappig, jedes Stück Fleisch schmeckt nach Kellermuff, und kein Buchbinder kann ein Buch hübsch einbinden; und dabei der unerträglichste Dünkel…’“ (WF, 275). Auch in diesem Punkte fällt also die Entscheidung zugunsten des Französischen aus: Ohne lange zu überlegen – und entgegen den Wünschen seines künftigen Schwiegersohns „nach einem ‚guten Italiener’“ (WF, 277) – reserviert Fonty im „sogenannten Musikzimmer“ der „Gaststätte ‚Offenbach-Stuben’“ […] einen Tisch für zwölf Personen“ (WF, 277). Und mit diesem Stichwort – Offenbach, der deutsche Opernkomponist, der in Paris seine Triumphe feiert – kommt bereits jener deutsch-französische Ausgleich ins Spiel, der im weiteren Verlauf der Erzählung eine tragende Rolle spielen wird. Bleibt die Frage, welches Menü? Und die wird von Fontys Seite selbstredend auf gut Fontanesch, d.h. mit „doppelt gewebtem“ (WF, 260) Hintersinn beantwortet. Eigentlich hätte der Brautvater, dem die Verbindung seiner geliebten Tochter mit dem weit älteren West-Bauunternehmer Grundmann so gegen den Strich geht, dass er von vornherein auf eine anzügliche Tischrede aus ist, ‚Orpheus in der Unterwelt’, nämlich „geschmorte[n] Ochsenbraten in Zwetschgensoße mit Speckbohnen, als Hauptgericht“ (WF, 280) bevorzugt. Auch „‚Ritter Blaubart’ als Rinderfilet“ hätte ihm gefallen, da „dessen Wiederholungstätergeschichte eine Menge Anspielungen erlaubt, zum Beispiel auf die verbotenen Zimmer einer jeden Ehe, gleich welcher“ (WF, 290). Doch als am Ende, um „weitere Ausrutscher“ (WF, 280) zu verhindern, Emmis Vorschlag, ‚Die schöne Helena’, aufgetischt wird, „gab ihm die äußerlich kroß gebratene, doch innen saftig gebliebene Entenbrust“ nicht minder „gewagte Anspielungen ein: ‚Schöne Helena paßt immer. Doch zartrosa muß nicht jüngferlich heißen. Die Braut, unsere schon so lange zuwartende Schönheit, versteht, was gemeint ist“ (WF, 280). Auf die vielen weiteren Anspielungen, mit denen Fonty in seiner Tischrede die einzelnen Gänge kommentiert, will ich hier gar nicht erst eingehen. Wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang vielmehr das, was ich hier einmal die kulinarischen Finessen des Romans nennen möchte: Ausgehend von alltäglichen Mahlzeiten, Festessen, einzelnen Gängen und Nahrungsmitteln und nicht zuletzt von der Gastronomie, also den Orten, an denen aufgetischt wird, unternimmt Grass vermittels seiner Kunstfigur Fonty und deren indirekter Sprechakte diverse Ausflüge in die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und verbindet dabei die jeweilige Esskultur zudem mit jener – in Stichworten: Fontane, Fontane-Rezeption, Offenbach, Offenbach-Rezeption – der schönen Künste. Und um einen weiteren Aspekt dieser kulinarischen Finessen des Romans noch einmal zu betonen: Es geht dabei, so auch in den nachfolgenden Episoden um Marthas Hochzeit, immer um Kontinuität im Wandel. Wie schon anlässlich des siebzigsten Geburtstags bei McDonald’s macht sich innerhalb der geschlossenen Gesellschaft, die sich, wenngleich bei ganz anderen kulinarischen Genüssen, anlässlich von Marthas Hochzeit in den Offenbach-Stuben versammelt hat, Entfremdung breit. Der Riss geht mitten durch die deutsch-deutsche Hochzeitsfeier hindurch und betrifft, unmittelbar nach der Wiedervereinigung, nicht nur die problematische Wuttke-Grundmann-Beziehung, sondern auch die innerfamiliäre Konstellation der Wuttkes selbst: „Die meisten am Tisch waren einander fremd oder, was den verlorenen Sohn Friedel betraf, fremd geworden. Selbst als die Vorspeise, der hauchzart in Scheiben geschnittene Lachs, serviert war, kamen Tischgespräche nur stockend in Gang“ (WF, 287). Von einer richtigen Aussprache „nach so langer Zeit“ (WF, 287), wie Emmi sie sich erhofft hatte, kann schon gar keine Rede sein; „wir sind uns ja alle fremd geworden, leider, bis in die Familie hinein“ (WF, 287) – so bringt der Pfarrer Bruno Matull die Situation auf den Punkt. „Und jeder mampfte nur noch für sich“ – darauf lief ja bereits die Geburtstagsfeier bei McDonald’s hinaus; am Ende des Kapitels Weshalb die Braut weinte (WF, 299f.) heißt es nun: „Kein Gesang mehr. Um den Tisch saßen wir fremd […]. Zwischen Braut und Bräutigam war ein Loch“ (WF, 311). Typisch französisch oder wie sich das Blatt wendet… Und doch mündet der Roman am Ende in eine utopische Perspektive; das letzte Wort hat Fonty, der mit seiner wiedergefundenen Enkeltochter namens Madeleine auf dem Weg in die Cevennen ist und von unterwegs Folgendes verlauten lässt: „Wir gehen oft in die Pilze. Bei stabilem Wetter ist Weitsicht möglich. Übrigens täuschte sich Briest; ich jedenfalls sehe dem Feld ein Ende ab…“ (WF, 781). Hier kommt jene typisch französische Spezialität ins



Urtitel:
„Annähernd schottisch“, „Berliner Spezialitäten“, typisch französisch - Kulinarische Finessen in Ein weites Feld
Genre/Inhalt:
--
Präsentation:
Rede
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
30.09.2006
Aufnahmeort:
Bremen, Stadtwaage
Sprachen:
deutsch
Anmerkung Qualität:
Sprecherin sehr leise, da das Mikrofon sowie Kamera auf Rednerpult ausgerichtet waren.
Kopie:

Tonträger:
DVD
Teilnehmende:

Person:
Römhild, Dorothee (Autor(in))
Person:
Römhild, Dorothee (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Römhild, Dorothee: „Annähernd schottisch“, „Berliner Spezialitäten“, typisch französisch - Kulinarische Finessen in Ein weites Feld. Bremen, Stadtwaage .

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