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DB-Nummer: 1185

Ein Besuch bei Günter Grass : Günter Grass im Gespräch zu seiner neuen Novelle "Im Krebsgang"

Bitter, Rudolf von

Frage: Bedeutung des Titels und Erzählweise? Grass: Sah sich dem Problem ausgesetzt, den Lebensläufen mehrerer Personen nachgehen zu müssen, die mit der Geschichte der "Wilhelm Gustloff" in Verbindung stehen: Wilhelm Gustloff selbst, David Frankfurter, Alexander Marinesko und die fiktive Figur Tulla Pokriefke, die bereits in früheren Werken von Grass vorkommt ("Die Blechtrommel", "Hundejahre"); deren Sohn Paul erzählt 50 Jahre nach der Gustloff-Katastrophe die Geschichte; die Verschränkung der Lebensläufe setze die Erzählform, den Krebsgang, voraus. Frage: Rolle des Erzählers und Zurückhalten des Spannungsmoments? Grass: Das oberflächliche Spannungsmoment sei von Beginn an genommen, da über die Tatsache des Untergangs direkt auf den ersten Seiten informiert werde; die Spannung werde in das Innere der Novelle verlagert; die Form des Erzählens werde hervorgehoben. Frage: Ausschließlich literarische Gründe für die Erzählweise? Grass: Bejaht; der Inhalt bestimme immer grundsätzlich die Form; zur Bewältigung des Stoffes habe es in diesem Fall einer strengen Form, der der Novelle, bedurft. Einspieler: Historische Aufnahmen von Kriegsflüchtlingen, dazu Erläuterungen zu "Im Krebsgang"; dabei Verweis auf "Die Blechtrommel". Frage: Parallelmontage in der Novelle, die Spannung erzeugt; will Grass Spannung vermeiden? Grass: Marineskos Angriffsmethoden weisen schon zu Beginn auf die Katastrophe hin, die sich dann ereignen wird. Frage: Erzählerfigur Paul Pokriefke, der seine Herkunft und Geburt verneint... Grass: Herkunft und Geburt (am 30. Januar 1945) sind für Paul Pokriefke belastend; auf den 30. Januar fallen die Geburt von Wilhelm Gustloff, die Machtergreifung Hitlers und der Untergang der Wilhelm Gustloff zusammen. Frage: Paul Pokriefke als komischer Held, als Schelm? Grass: Gebrochener Held; dem Schreibauftrag seiner Mutter kann Paul Pokriefke nicht folgen, da das Thema in der DDR tabuisiert wird; das auslösende Moment dafür, dass Paul Pokriefke zu schreiben anfängt, sind rechtsradikale Hass-Seiten im Internet; aus den Zwischenreden einer Figur, die sich David nennt, entwickelt sich eine virtuelle Freund-Feindschaft; der Vorgang werde so mehrmals gespiegelt. Einspieler: Behandlung des Gustloff-Untergangs 1959 im Film "Nacht über Gotenhafen" Frage: Tabuisierung des Themas? Grass: Tabuisierung treffe nur auf die DDR zu; Flüchlinge seien als "Umsiedler" bezeichnet worden; im Westen habe man das Thema aus anderen Gründen ausgespart und den Rechten und Flüchlingsverbänden überlassen. Frage: Vermeidung des Themas auch in der Sowjetunion? Grass: Bejaht; die Wilhelm Gustloff sei allerdings nicht nur ein Flüchlingsschiff gewesen, es seien auch 1000 Marine-Rekruten an Bord gewesen; das Schiff sei nicht als Flüchtlingsschiff deklariert gewesen, daher könne man auch nicht von einem Kriegsverbrechen sprechen. Frage: Im Buch sind Szenen aus "Nacht über Gotenhafen" zu lesen und mit filmischen Mitteln dargestellt; die literarische Darstellung der ertrinkenden Kinder ist aber ergreifender als die kühle, filmische Darstellung, da dies von Tulla Pokriefke in ihrem typischen Sprachduktur erzählt wird; Grass: hat bewusst Tulla Pokriefkes Jargon gewählt, da sie Dinge direkt ausspricht. Frage: Abgrenzung vom Film und Novelle als Lehrstück? Grass: Dies sei nicht die direkte Absicht gewesen; als Schriftsteller müsse man aber alle Möglichkeiten ausschöpfen. Einspieler: Walter Kempowskis "Echolot"-Projekt als kollektives Tagebuch. Walter Kempowski: begrüßt es, dass Grass sich des Themas angenommen hat; erstaunt ist er darüber, dass die Presse meint, dies sei zum ersten Mal geschehen; Grass sei hier eher ein Nachzügler. Frage: Die Fakten zum Thema sind nicht neu; in der Novelle hat es den Anschein, als habe sich das Thema dem Erzähler aufgedrängt; wie lange drängt es Grass schon, darüber zu schreiben? Grass: Hat sich schon lange damit beschäftigt; der naheliegende Einfall, Tulla Pokriefke auf das Schiff zu versetzen, sei jedoch erst jetzt gekommen und das auslösende Moment gewesen. Frage: Aufnahme des Stoffes als Überwindung des "Meinungsmonopols" der Vertriebenenverbände und der Rechten? Grass: Seine Bücher würden oft "quer zur Zeit" stehen; Beispiel "Ein weites Feld": Das Buch sei im Kontext von Grass' Ansichten zur Deutschen Einheit aus politischen Gründen "niedergemacht" worden. Frage: Will Grass den Untergang der "Wilhelm Gustloff" als ein nicht-politisches, deutsches Thema etablieren? Grass: Das Thema werde im Gegenteil noch politischer; durch das Internet werde es globalisiert; durch die Globalisierung (durch das Internet) würden auch etwa Versuche, die NPD zu verbieten, nicht greifen; der Hass spiegele sich im Internet wider und sei viel gefährlicher als die Propaganda-Märsche der Skinheads. Frage: Wie hat Grass recherchiert? Grass: Hat, wie bei "Mein Jahrhundert" und "Ein weites Feld", jemanden um Recherchen gebeten, in diesem Fall den Hamburger Historiker Olaf Mischer. Frage: Wurde die Biographie Marineskos ins Detail verfolgt oder hat Grass auch mit Fiktion gearbeitet? Grass: realer Lebenslauf Marineskos; dieser Lebenslauf sei so absurd und abenteuerlich, dass man nichts dazuerfinden müsse; selbst für den Alkoholmissbrauch gebe es Belege. Frage: Recherchen zum und im Internet? Grass: Nach Hass-Seiten müsse man nicht lange suchen; viele von diesen kämen aus den USA, weil es hier keine Kontrollen gebe; die Adresse blutzeuge.de sei rechtzeitig gegen Missbrauch gesperrt worden. Frage: Grafische Darstellung der Novelle würde zwei Punkte am Anfang und am Ende und eine Verdickung in der Mitte ergeben und ist in sich geschlossen; warum knüpft Grass nicht an das Thema Erziehung an, das gegen Ende der Novelle durchscheint? Grass: "Dann hätte ich einen Roman schreiben müssen"; Spiegelung der virtuellen Welt mit der Realität und Konfrontation in der Wirklichkeit, die zum Mord führt; im vorletzten Kapitel werde das Versagen der Erziehung thematisiert. Frage: Grass' Vergleich der Geschichte mit einer Kloschüssel; Einflussnahme auf den Leser, die Geschichte nicht zu verdrängen? Grass: Das Buch können aus sich heraus wirken; eine "Moral der Geschichte" sei nicht notwendig; ihm sei es darauf angekommen, in der Mischform Bericht+Novelle, die komplexe Handlung und das komplexe Thema darzustellen. Frage: Biographischer Hintergrund: Berlin der 1960er Jahre? Grass: Bestätigt und erinnert an die Leistungen Walter Höllerers. Frage: "Müdeschreiben" des "Alten"… Grass: …ist ein ironischer Schlenker.



Urtitel:
Lese-Zeichen (Lesezeichen): Ein Besuch bei Günter Grass
Anfang/Ende:
(ATMO) Im Krebsgang. Der…ironischen Schlencker erlaubt.
Genre/Inhalt:
Literatur
Präsentation:
Dokumentation
Historischer Kontext:

Veröffentlichung von "Im Krebsgang"

Schlagworte:

Person:
Kempowski Walter; Gustloff Wilhelm; Marinesko Alexander Iwanowitsch; Höllerer Walter; Frankfurter David
Werke:
Im Krebsgang; Die Blechtrommel; Nacht über Gotenhafen; Echolot; Ein weites Feld
Sach:
Wilhelm Gustloff; Zweiter Weltkrieg; Drittes Reich; Novelle; Form; Internet; Rechtsradikalismus; Vertriebenenverbände; Katastrophe
Geo:
Schweiz; Berlin; Sowjetunion; DDR; Davos; Odessa
Zeit:
30. Januar 1945
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
04.08.2002
Aufnahmeort:
Diverse
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:29:48
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
DVD
Datenformat:
VOB
Kopie:

Länge der Kopie:
00:29:13
Tonträger:
DVD
Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
AVI
Herkunft:

Sender / Institution:
Hessischer Rundfunk (HR)
Sendereihe:
Lese-Zeichen (Lesezeichen)
Archivnummer:
445134
Produktionsnummer:
0000445134
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))
Person:
Kratzert, Armin (Redaktion)
Person:
Bitter, Rudolf von (Autor(in))
Person:
Bitter, Rudolf von (Interviewpartner)

Zitieren

Zitierform:

Bitter, Rudolf von: Lese-Zeichen (Lesezeichen): Ein Besuch bei Günter Grass. Diverse .

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