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DB-Nummer: 1224

Widerstandsproblematik und Verteidigungspolitik in Deutschland : Interview mit Günter Grass

Frage: Mit Blick auf die Presse erscheint Grass derzeit als Buh-Mann Deutschlands? Will er wirklich die Bundeswehr abschaffen? Grass: Reaktionen würden zeigen, dass die Parteien den Text der Resolution nicht gelesen oder ignoriert hätten sowie Grass' Rede in Heilbronn, die in der Frankfurter Rundschau abgedruckt worden ist ("Den Widerstand lernen, ihn leisten und zu ihm auffordern", Dezember 1983, Abdruck in der Frankfurter Rundschau am 21.12.1983); Schriftsteller stünden auf Seiten der Bundeswehr, aber auch auf Seiten des Grundgesetzartikels, dass die Bundeswehr nur zu Verteidigungszwecken eingesetzt werden dürfen (Einblendung: Grundgesetzt Artikel 26, Absatz 1); innerhalb der NATO leiste die Bundeswehr nicht mehr ausschließlich einen Verteidigungsbeitrag; durch Druck der USA und innerhalb der NATO sei die Bundeswehr Teil eines "aggressiven Konzeptes"; "Erstschlagwaffen" in der Bundesrepublik stationiert, die aufgrund des NATO-Doppelbeschlusses installiert werden; dadurch werde Westdeutschland zu einem "unberechenbaren Gegner"; Mitteleuropa werde als Schlachtfeld festgelegt; dies hält Grass für einen Missbrauch der Bundeswehr; Heilbronner Protest werde auch im Orwell-Jahr 1984 fortgesetzt. Frage: Will Grass eine wehrlose Bundeswehr? Grass: Grass' Forderungen werden "Wehrkraftzersetzungen" genannt; in den Medien, besonders in der Springer-Presse, tauchten entsprechende Karrikaturen auf; Grass ist kein Pazifist und ist für Landesverteidigung, aber ohne Atomwaffen und im Sinne des Grundgesetzartikels 26/1; Bundeswehr sei aufgrund des aggressiven Konzeptes falsch ausgerüstet und müsse mehr panzerbrechende Waffen haben; dies sei von Bundeswehrgenerälen bestätigt worden; Grass will die Bundeswehr nicht abschaffen, sondern auf dem Stand einer Verteidigungsarmee sehen. Frage: Geht Grass nicht zu leichtfertig mit dem Begriff "Widerstand" um? Sieht er zu geschichtlich? Schiefe Vergleichslage aufgrund der Verwendung des Begriffs Widerstand im Dritten Reich? Welche Art von Widerstand meint Grass? Grass: es gäbe Völker, die den Widerstand nicht lernen müssten (z.B. Polen); deutsche Geschichte als Geschichte des "versäumten Widerstandes", vgl. 1933; heute andere Situation und anderer Anlass zu Widerstand; Beispiel: Widerstand gegen "offizielle Lüge, die Katastrophenschutz heißt" (im Falle eines Atomschlags); Grass versteht sich als "radikaler Demokrat", der hoffentlich nicht alleine stehe; Reservisten- und Wehrdienstverweigerung sei notwendig, bis die Bundeswehr wieder dem Artikel 26 entspreche; Friedensbewegung beweise, dass die Bundesrepublik eine große Zahl von "radikalen Demokraten" besitze, was in der Geschichte noch nie der Fall gewesen sei; mit Hilfe solcher Leute, die "unbequem" seien, könne man wirkliche Probleme überstehen, weil die Verfassung ernst genommen werde; die Verfassung sei "das beste, was wir haben". Frage: Man könne den Eindruck gewinnen, dass die USA Krieg wollten und die Sowjetunion friedliebend sei; Grass: glaubt dies nicht; möglicher atomarer Kriegsschauplatz werde von den USA aber ausgelagert in den Nahen Osten und nach Mitteleuropa; dies hält Grass für "verbrecherisch". Frage: Sowjetische Ziele und Absichten? Grass: "Hysterisches Sicherheitsbedürfnis" in der Sowjetunion; Grund: Einfall der Deutschen in die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg; eigene "Einkesselung" des Landes, nun auch gegenüber China; interne Schwierigkeiten in der Wirtschafts- und Versorgungslage der Sowjetunion; daher kein Risiko eines Dritten Weltkrieges ausgehend von sowjetischer Seite; bei zunehmendem militärischen Denken könnten jedoch in beiden Lagern die Militärs die Überhand gewinnen und die Gefahr eines Atomkriegs wachsen; man müsse nach geeigneten Sicherheitskonzepten im eigenen Land suchen; "sowjetischer Wahnsinn" dürfe nicht durch "westlichen Wahnsinn" beantwortet werden; Durchbrechen des Teufelskreis "mit mehr Augenmaß"; Frage: harte und provokative Kritik an der Bonner Politik vs. Verhaftungswellen in der DDR, zu denen Grass sich nicht äußert; Grass: fehlende Berichterstattung: Jürgen Fuchs hat in Heilbronn auf Verhaftungen aufmerksam gemacht und dagegen sei protestiert worden; dies sei kein Einzelfall; Solidarität mit Friedensbewegung in der DDR; großes Risiko für den Einzelnen in der DDR, das beispielhaft sei; Friedensbewegung in beiden deutschen Staaten werde Zukunft haben; Frage: Würde Grass noch einmal Kinder in die Welt setzen? Grass: Empfindet dies als schwer zu beantworten; eine seiner Töchter ist derzeit schwanger und habe lange mit dieser Frage gerungen und mit Grass darüber diskutiert; es gäbe nachweisbare Grund zur Angst, aber auch Gründe, "nicht aufzugeben"; dies will Grass nicht dem Zufall überlassen; Initiative von Heilbronn zeige, dass man im Gespräch mit der jüngeren Generation sei, vgl. auch Wehrdienstfrage; aus Verantwortung und Zukunftsangst heraus müsse man offen mit den Gefahren umgehen und nach Lösungen suchen.



Urtitel:
Monitor: Interview mit Günter Grass
Anfang/Ende:
Herr Grass, wenn…Gefahr herauskommen können.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Beim Heilbronner Schriftsteller-Treffen am 8.12.1983 verabschieden auf Anregung von Günter Grass namhafte Autoren, darunter Luise Rinser und Robert Jungk, eine Resolution, in der Jugendliche und Reservisten zur Kriegsdienstverweigerung aufgerufen werden. Die Bundeswehr, so die Verfasser der Resolution, pervertiere mit ihrem Offensiv-Konzept den Verteidigungsauftrag des Grundgesetzes. Vgl. auch: Harro Zimmermann: Günter Grass unter den Deutschen, S. 417ff.

Aufnahme:

Datum Erstsendung:
03.01.1984
Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Stereo
Original:

Originallänge:
00:11:43
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
MAZ-Beta
Datenformat:
VOB
Kopie:

Länge der Kopie:
00:11:40
Tonträger:
DVD
Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
AVI
Herkunft:

Sender / Institution:
Hessischer Rundfunk (HR)
Sendereihe:
Monitor
Archivnummer:
0124620
Produktionsnummer:
592400
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Bednarz, Klaus (Interviewpartner)

Zitieren

Zitierform:

Monitor: Interview mit Günter Grass. unbekannt .

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