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DB-Nummer: 1226

Spectrum: Günter Grass zum Paragraphen 218

Hillgruber, Hans-Gert

Grass greift immer wieder in die aktuelle politische Diskussion ein; unter anderem beschäftigt Grass die Mitbestimmung beim Paragraphen 218. Grass: Hat sich 1965 zum ersten Mal mit der Frage beschäftigt in der Rede "Des Kaisers neue Kleider"; hohe Dunkelziffer bei Abtreibungen haben damals den "skandalösen Zustand" in dieser Frage deutlich gemacht; Bedarf der Reform von § 218 ist deutlich geworden; Grass ist für seine Rede stark angegriffen worden, u.a. von der Springer-Presse; heutzutage könne man über dieses Thema aber offen diskutieren; Grass ist für die sogenannte Fristenregelung und hat sich eingehend über das Thema informiert: seine Schwester ist Oberhebamme und Grass hat sich von der Fristenregelung überzeugen lassen; wie die Amtskirche in den demokratisch schwierigen Prozess derzeit eingreife, sei ein Skandal, ein "Rückfall ins 19. Jahrhundert"; die Demokratiefeindlichkeit der katholischen Kirche offenbare sich wieder einmal; Grass will daher umgehend aus der Kirche austreten, auch wenn ihm diese Entscheidung nicht leicht falle; er habe "viel Glauben und viel Zweifel" in die katholische Kirche investiert. <Schnitt> Grass: Spricht Julius Döpfner und anderen Vertretern der Amtskirche das Recht ab, in der Frage nach § 218 reglementierend einzugreifen; Grass' Kinder sind katholisch getauft und es habe in der Familie immer ein Gespräch über Glaube und Zweifel gegeben; die Kinder hätten so mitbekommen, dass Zweifel zum Glauben gehöre und Toleranz das erste Gebot sei; das gelte auch für den jetzt beschlossenen Kirchenaustritt von Grass, dem seine Kinder jetzt folgen würden, u.a. wegen des Verhaltens der Amtskirche in der Dritten Welt und die Einstellung der Kirche gegenüber Kriegen. <Schnitt> Grass: Reagiert mit seinem Kirchenaustritt auf Machtmissbrauch der katholischen Kirche und hält diese Reaktion für notwendig; er hätte schon früher austreten müssen, habe aber noch auf Reformen innerhalb der Kirche gehofft. <Schnitt> Frage: Politisches Engagement der Dichter - was ist das Neue an Alexander Solschenizyn? Grass: Solschenizyn beschreibe seine eigenen Erfahrungen, dazu Abstraktion von der Sozialismus-Kritik und Suche nach Ursachen; Vergleich zum Machtaufstieg Hitlers (mit Lenins totalitärem Verhalten); Solschenizyn habe deutlich gemacht, dass der Leninismus die Voraussetzung für den Stalinismus war; das habe zur Abschiebung Solschenizyns geführt. Frage: Grass ist mit einigen Kollegen (Martin Walzer, Peter Weiss, Franz Xaver Kroetz, Günter Herburger) in Streit über das Thema Solschenizyn gekommen - wie ist es dazu gekommen? Grass: Hält es für falsch, wenn kommunistische Schriftsteller das "terroristische Verhalten" im eigenen Lager übersehen oder gar rechtfertigen; Grass ist daher nicht mehr bereit, mit den genannten Schriftstellern einen gemeinsamen Protest gegen Faschismus in Portugal oder Griechenland zu formulieren; grade die kommunistischen Schriftsteller hätten die Chance gehabt, gegen Terror im eigenen Regime zu protestieren; Sowohl die kommunistische Partei als auch die katholische Kirche hätten einen "Unfehlbarkeitsanspruch" und eine hierarchische Ordnung sowie einen konservativen bis reaktionären Charakter. Frage: Ist die aktuelle Phase ein "Stillstand im Fortschritt"? Grass: Zeit der Krise aller Gesellschaftssysteme (Kommunismus, Kirche, parlamentarische Demokratie); Großkonzerne üben in der parlamentarischen Demokratie eine viel zu große Macht aus (Beispiel Ölkonzerne). Frage: Lösungsmöglichkeiten in dieser Situation? Grass: Probleme können nicht von einzelnen westlichen Staaten gelöst werden, sondern könnte eine Aufgabe der europäischen Einigung sein; Renaissance des Parlamentarismus; allerdings momentan noch Utopie; Alternative: demokratischer Sozialismus. Frage: Im Herbst Veröffentlichung von "Der Bürger und seine Stimme"; woran arbeitet Grass im Moment? Grass: Nach "Aus dem Tagebuch einer Schnecke" viele graphische Arbeiten (Radierungen und Zeichnungen), dann wieder Lyrik und nun ein "größeres Prosavorhaben".



Urtitel:
Günter Grass zum Paragraphen 218
Anfang/Ende:
Herr Grass, Sie…meine Talente fordert.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Diskussionen um den Abtreibungsparagraphen 218; Nachwirkungen der Bundestagswahl 1972 Seit 1965 setzte sich Günter Grass für die Reform des § 218 StGB ein, der Abtreibung unter Strafe stellt. Die Befürworter der Reform stellen das Persönlichkeitsrecht der Mutter in den Vordergrund. Die Reformgegner betonen das uneingeschränkte Lebensrecht des Ungeborenen. Spätestens seit 1971, als sich Frauen in der Zeitschrift Stern „ Ich habe abgetrieben“ öffentlich bekannten, brach eine breite gesellschaftliche Diskussion los. Die Fristenregelung, die 1974 per Gesetz in Kraft treten sollte, wurde vom Bundesverfassungsgericht jedoch wieder kassiert. Einfluss und Rolle der katholischen Kirche in diesem Zusammenhang bewegten Günter Grass zum Kirchenaustritt. Die Indikationsregelung gilt seit 1976.

Schlagworte:

Person:
Mann Thomas; Mann Heinrich; Benn Gottfried; Solschenizyn Alexander; Hitler Adolf; Trotzki Leo; Lenin Wladimir Iljitsch Uljanow; Döpfner Julius
Werke:
Des Kaisers neue Kleider; Aus dem Tagebuch einer Schnecke; Vom Stillstand im Fortschritt; Der Bürger und seine Stimme; Der Butt
Sach:
Abtreibung; Parlamentarismus; Kommunismus; Sozialismus; Stalinismus; Leninismus; Kirche; Dritte Welt; Austritt aus der SPD; Toleranz; Glauben; Zweifel; Amtskirche; Großkonzerne
Geo:
Portugal; Griechenland; Tschechoslowakei; Sowjetunion; Europa
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
27.04.1974
Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:17:23
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
MAZ-Beta
Kopie:

Länge der Kopie:
00:17:23
Tonträger:
DVD
Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
AVI
Herkunft:

Sender / Institution:
Hessischer Rundfunk (HR)
Sendereihe:
Spectrum: Das Kulturmagazin
Archivnummer:
0013684
Produktionsnummer:
875130
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))
Person:
Hillgruber, Hans-Gert (Autor(in))

Zitieren

Zitierform:

Hillgruber, Hans-Gert: Günter Grass zum Paragraphen 218. unbekannt .

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