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DB-Nummer: 1251

Im Brennpunkt: Wer hat Angst vor der Wiedervereinigung? : Diskussion mit Volker Rühe, Oskar Lafontaine, Stefan Heym und Günter Grass

Zunächst Kurzberichte über die Reaktionen in Frankreich und Polen zur möglichen Deutschen Wiedervereinigung: in Paris ist die Wiedervereinigung Hauptthema in den Medien; gemischte Reaktionen von Pariser Passanten; in Polen: Ansichten der Kommunistischen Partei und von Solidarnosc stehen gegeneinander; neues Deutschlandbild in Polen insbesondere bei jungen Menschen: Sympathie und Interesse für die Bundesrepublik Deutschland; dann Diskussionsrunde mit Oskar Lafontaine (SPD), Volker Rühe (CDU), Günter Grass (aus Hamburg per Monitor zugeschlatet), Stefan Heym (per Monitor aus der Schweiz zugeschaltet); Frage an Heym: Macht Heym die Wiedervereinigung Angst? Heym: Angst immer unangebracht in der Politik; Frage nach Wiedervereinigung gehört zu den nationalen Fragen, die derzeit überall auf der Welt auftauchen; die wirkliche Frage sei, wie ein wiedervereinigtes Deutschland aussehen könnte; vor einem demokratischen Deutschland mit sozialistischen Elementen brauche man keine Angst zu haben; dies sei die einzige Möglichkeit eines wiedervereinigten Deutschland; Frage an Rühe: 18% der Westdeutschen haben Angst vor der Wiedervereinigung - wovor genau? Rühe: Kein Grund zur Angst; Angst müssten nur die Funktionäre der SED haben; vor einem demokratischen Deutschland brauche sich in Europa niemand fürchten; zunächst Frage der Freiheitsrechte und des Selbstbestimmungsrechts; Menschen in der DDR müsssen selbst entscheiden; Heym an Rühe: Waigels Anspruch auf Schlesien? Rühe: Erst in einem Friedensvertrag können Endgültiges geregelt werden; Wähler müssen über die Regierung und die politischen Inhalte entscheiden; Frage an Lafontaine: Vorschlag von Heym als mögliches Ziel für die SPD? Lafontaine: SPD habe nie ein Problem damit gehabt; Adenauer habe seinerzeit auf die Westintegration gesetzt; Frage der Wiederbewaffung und Aufrüstung ist für Lafontain schon früh unverständlich gewesen; zweites wichtiges Element neben Abrüstung: Entspannungspolitik; dritter wichtiger Schritt: Selbstbestimmung, die im KSZE-Prozess angegangen worden sei; klares "ja" von Lafontaine zur Wiedervereinigung, aber innerhalb der "vereinigten Staaten von Europa"; Frage an Grass: Was würde Grass den Menschen in der DDR angesichts der Flüchtlingswellen sagen? Grass: ist bereits in Halle bei einer Lesung mit dieser Frage konfrontiert worden und findet sie schwer zu beantworten; seine Überlegung, dass man im Land bleiben solle, um die Opposition nicht zu schwächen, habe Beifall gefunden; Respekt vor den Menschen, die in der DDR ausharren und eine Opposition aufbauen, aber auch Verständnis für die Flüchtlinge; die Frage nach der Wiedervereinigung sei falsch gestellt; zwar wirtschafltiche und ideologische Teilung, aber standhafte gemeinsame Kultur; diese gemeinsame Kultur könne ein Grundlage für weiteres bieten; Wiedervereinigung würde zum dritten Mal eine Machtballung in der Mitte Europas bedeuten; Rühe: stimmt Grass zu im Hinblick auf die Einheit der Kultur; bei jungen Menschen sei jedoch auch die Einheit der Nation spürbar; Respekt müsse man auch vor den Flüchtlingen haben; Grass: wirft Rühe ebenso wie seinem Vorgänger Heiner Geißler Demagogie vor; Zusammenarbeit der Sozialdemokraten beider deutscher Staaten sei hoch zu bewerten und eine ähnliche Zusammenarbeit von Ost- und West-CDU; Nationale Einheit seit Bismarck habe bislang nur Unglück gebracht und es gebe auch andere Möglichkeiten; Heym: meint bei Rühe den "Triumph des Sieges" über dir DDR-Oberen zu spüren; diesen Sieg habe aber nicht Rühe und die CDU errungen; der Sozialismus sei keine schlechte Sache, sei aber schlecht durchgeführt worden; die Menschen seien davor weggelaufen und dies werde nur als Sieg verkauft; Norbert Blüms Aussage: "Marx ist tot, Jesus lebt!": Sozialismus sei immer wieder totgesagt worden, u.a. von Hitler; es könne jedoch eine Zeit kommen, in der die "rote Fahne" in den Herzen der Menschen wehen würde; Frage an Lafontaine: absehbarer Umbruch (vgl. Perestroika) vs. fehlende Strategie; Lafontaine: nach Perestroika hätten sich die Ereignisse überstürzt (Polen, Ungarn, jetzt DDR); daher Überraschung und Forderung nach Augenmaß; Mahung an Rühe, die "polemischen Ausfälle" zu unterlassen; Rühe (an Lafontaine): Gespräche der Regierungen seien notwendig und würden auch durchgeführt; mit den Regierungen (bspw. Auch in Chile) müsse gesprochen werden, aber es dürfe keine Beziehung zur Partei aufgebaut werden, was die SPD getan habe; Politik des Abstands mitlerweile auch in den eigenen Reihen der SPD; Unterschätzung der Freiheitsfrage Rühe (an Heym): Blüm sei in Danzig von Lech Walensa unterstützt worden, der "kein schlechter Zeuge" sei; es ginge nicht um Triumph, sondern um die Tragödie, dass die Fortschritte in Polen und in Ungarn nicht auf die DDR übertragen würden; die Ereigenisse dort seien durch die Krise des Sozialismus herbeigeführt worden und durch die Anziehungskraft der Errungenschaften des Westens; als demokratischer Staat müsse ein wiedervereinigtes Deutschland niemandem Angst machen; Frage: Welche Pläne für eine mögliche Vereinigung gibt es? Grass (schaltet sich ein und will seine Ideen weiter ausführen): Nachweis einer gemeinsamen Kultur, auf deren Grundlage einer Konföderation der beiden deutschen Staaten möglich sein könnte; dies sei ein Langzeitkonzept, dass auch die Mauer durchlässig machen könne und letztlich frei machen könnte; Grass hält nichts davon, eine "Machtzusammenballung" in der Mitte Europas anzustreben; Westdeutschland müsse unabhängig eine deutsche Frage formulieren und beantworten; dann könne man den europäischen Nachbarn ein Angebot machen, dass ihnen keine Angst mache, aber auch dem deutschen nationalen Selbstverständnis entgegenkommen könne; dies sei bisher von den Politikern, auch von der SPD, unterlassen worden; Heym: Vorbedingung sei die Auseinandersetzung mit der Sozialismus-Frage; ein neuer, besserer Sozialismus müsse "wahscheinlich zurückgehen auf die Gedanken von Rosa Luxemburg" und deren Losung "Freiheit ist immer die Freiheit von Andersdenkenden"; in Sozialismus auf dieser Grundlage könne vielleicht Grundlage für ein wiedervereintes Deutschland sein; Lafontaine: Langfristiges Konzept müsse die europäische Einigung sein; die Frage der polnischen Westgrenze würde sich dann auch anders stellen, denn Polen sei ein europäisches Land; bezogen auf die DDR müsse man nun direkt an die Menschen denken und die christliche Lehre ernstnehmen; Rühe: man dürfe den Menschen nicht von oben herab sagen, wie sie zu denken haben; dies hätten die Wähler selbst frei zu entscheiden; auch in der DDR müsse es jetzt einen politischen Pluralismus wie in Polen und Ungarn geben mit freier Meinungsäußerung, freiem Demonstrationsrecht und freien Wahlen.



Urtitel:
Wer hat Angst vor der Wiedervereinigung?
Anfang/Ende:
(Trailer) Ja, guten Abend…und guten Abend. (Trailer, Abspann)
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Dokumentation
Historischer Kontext:

2. Mai 1989: Teilweise Grenzöffnung an der ungarisch-österreichischen Grenze 7. Mai 1989: Kommunalwahlen in der DDR mit später nachgewiesenen Wahlfälschungen 2. Oktober 1990: Friedliche Demonstrationen in Leipzig für die demokratische Erneuerung der DDR 7. Oktober 1989: 40. Jahrestag der Gründung der DDR, begleitet von Protesten und Unruhen.

Schlagworte:

Person:
Waigel Theo; Blüm Norbert; Hitler Adolf; Luxemburg Rosa; Krenz Egon
Sach:
Wiedervereinigung; Nation; Kultur; Konföderation; Sozialismus; Demokratie; Wahlen; Selbstbestimmung; Pluralismus
Geo:
Berlin; Polen; Frankreich; Paris; Oder; Sowjetunion; DDR; Ungarn; Halle; Chile; Schlesien
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
20.09.1989
Aufnahmeort:
Diverse darunter Frankreich und Polen; Studio
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:33:22
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
MAZ-Beta
Kopie:

Länge der Kopie:
00:33:22
Tonträger:
DVD
Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Herkunft:

Sender / Institution:
Hessischer Rundfunk (HR)
Sendereihe:
Im Brennpunkt
Archivnummer:
0181768
Produktionsnummer:
553995
Teilnehmende:

Person:
Wickert, Ulrich (Vorredner(in))
Person:
Grass, Günter (Beitragende(r))
Person:
Rühe, Volker (Beitragende(r))
Person:
Lafontaine, Oskar (Beitragende(r))
Person:
Heym, Stefan (Beitragende(r))
Person:
Schulze, Martin (Interviewpartner)

Zitieren

Zitierform:

Wer hat Angst vor der Wiedervereinigung?. Diverse darunter Frankreich und Polen; Studio .

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