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DB-Nummer: 1259

Zur Person: Günter Grass im Gespräch mit Günter Gaus

Frage: Grass ist als "Einzelwahlkämpfer" durch Deutschland gezogen, um für die SPD Wahlkampf zu betreiben; wie sieht seine Bilanz aus? Würde Grass dies noch einmal auf sich nehmen? Grass: Kann die Ergebnisse nicht schwarz auf weiß belegen; zu Beginn der Reise Unsicherheit und Lampenfieber; die Aufregung habe sich nach einer Veranstaltung in Würzburg gelegt; danach habe er ein gutes Gefühl gehabt, ein besseres als bei anderen Arten des Engagments, z.B. im Feuilleton; er sei ein Feind des "Feuilleton-Engagements" und halte nichts davon, Unterschriften zu sammeln, etwa gegen den Vietnam-Krieg, gegen den Welthunger oder gegen Atombomben; Möglichkeiten, etwas zu ändern, sieht Grass im eigenen Land und zu gegebenen Terminen wie dem jetzigen Wahlkampf; das Ganze sei ein Experiment, habe aber Resonanz gefunden bei Zuhörern/Zuschauern, aber auch bei Kollegen; mit Walter Jens habe er in der Gruppe 47 zwar seinen Streit, sei aber politisch mit ihm auf einer Linie; mit Siegfried Lenz habe er in Lübeck eine Veranstaltung gehabt, mit Paul Schallück in Köln, mit Hans Werner Henze in Bayreuth; das Engagement wolle er nicht als einmalig sehen, es liege in der Tradition der Literatur begründet; es gebe vergleichbare Initiativen, z.B. das Wahlkontor in Berlin; Grass hofft, dass das Engagement Schule macht und nicht als Randnote abgetan wird. Frage: Grass gilt als herausragenster Autor der westdeutschen Literatur; vor allem in der Umstrittenheit nimmt Grass einen unangefochtenen ersten Rang ein; seine Prosa-Werke haben auch im Ausland Rekord-Auflagen erreicht; Grass hat einen frühen Ruhm erlangt; was bedeutet ihm dieser Ruhm vom materiellen Nutzen abgesehen? Grass: Ist 1956 nach Paris gegangen und hatte zu diesem Zeitpunkt einen Gedichtband herausgegeben ("Die Vorzüge der Windhühner"), der 700 bis 800 mal verkauft worden sei; in Paris hat Grass "Die Blechtrommel" geschrieben; nach der Rückkehr nach Berlin habe er seine alten Freunde, vor allem Maler und Bildhauer, wiedergetroffen; dort sei es schwer gewesen, den richtigen Ton zu finden; dies sei eine große Probe für ihn gewesen; 1961/1962 habe sich die Situation verschärft und er habe überlegt, das Land zu verlassen; er habe Zeit gebraucht, um mit seinem Ruhm umgehen zu können; der Ruhm sei eine Belastung gewesen, aber er habe sich mit ihm arrangiert; er bemerke es nicht mehr, wenn er auf der Straße angestarrt werden; Berlin sei ein angenehmes Pflaster, er werde selten angesprochen; in diesem Jahr habe er dann erstmal die Möglichkeit gehabt, mit dem Ruhm etwas Nützliches zu tun im Wahlkampf. Frage: Kann der Ruhm auch nützlich für Grass' literarisches Werk sein? Verbeitert er die Möglichkeiten der Mitteilung? Grass: Die Arbeitszeit am ersten Gedichtband sei unvergleichbar schön gewesen; auch die Arbeit an der "Blechtrommel" sei "unbeobachtet" gewesen, er habe in Paris sieben oder acht Freunde gehabt und oft tagelang niemanden gesehen. Frage: Wieviele Freunde hat Grass heute? Grass: Dies lasse sich schwer sagen, wenn man berühmt sei. Frage: Schmeckt der frühe Ruhm bzw. der Ruhm überhaupt bitter? Grass: Hat sich mit dem Ruhm arrangiert. Frage: Woran sind die Freundschaften beinahe zerbrochen? Welche Freundschaften? Grass: Maler und Bildhauer hätten es schwer in Deutschland; es gebe keinen Kunsthandel, die Kunstkritik sei provinziell, Kunst werde nicht gesammelt; einige Kollegen hätten gefragt, ob er einen Ausstellungskatalog schreiben wolle, dies habe er abgelehnt; er können nur Ausstellungskataloge schreiben, wenn er ein Verhältnis zu der Arbeit habe und nicht, weil er berühmt sei. Frage: Wer hatte Schuld an dem Zerbrechen der Freundschaften? Gab es überhaupt Schuld? Grass: Schuld auf beiden Seiten (Grass und Kollegen); den richtigen Ton zu treffen sei schwer, heute würde er ihn leichter treffen. Frage: Sind jüngere Schriftsteller, die sich um Anerkennung bemühen, für Grass unverständlich, lästig, ärgerlich? Kann sich Grass an seine eigene schwere Zeit erinnern? Grass: Kann sich sehr gut daran erinnern; in Deutschland gebe es die "herrliche, wenn auch manchmal penentrante Schule der Gruppe 47"; dort habe man Umgang mit jüngeren Schriftstellern, die zum ersten Mal dort lesen würden; darum sei die Gruppe 47 sehr angenehm, man werde an die eigenen Anfänge erinnert und können den Zugang zu Anfängern finden. Frage: Könnte Grass auch für die Schublade arbeiten oder braucht er die Reaktion, das "Echo der Beachtung"? Grass: findet, dass er sein erstes Buch ("Die Vorzüge der Windhühner") relativ spät veröffentlicht hat; er ist aber dagegen, dass man zu früh veröffentlicht; die Gedichte habe er nicht für die Veröffentlichung geschrieben, teilweise sogar zum wegwerfen und vergessen; die Perioden unterschiedlicher Stil-Einflüsse würden in diesem Alter sehr schnell wechseln. (Faulkner, Trakl) Frage: Braucht Grass die Beachtung? Grass: Verneint; die Arbeit an einem Roman über mehrere Jahre sei ein "dauerndes Umschichten". Frage: Grass ist im In- und Ausland so berühmt, dass er nie ganz unbeachtet bleibt; fällt es ihm leicht, wenn Grass sich während der Arbeit an einem Roman völlig zurückzieht (von Lesungen, Buchmessen, Literatentreffen etc.)? Grass: Dies sei ihm gleichgültig. Frage: Grass kann also ohne das Echo auskommen? Grass: Er sei Steinmetz und könne auch als Steinbildhauer arbeiten; so könne er notfalls sein Geld auch mit Grabsteinen verdienen. Frage: Grass' Romane spielen in der kleinbürgerlichen Welt, aus der Grass selbst auch kommt; sein Vater ist Kolonialwarenhändler in Danzig gewesen; diese Welt hat Grass detailliert beschrieben; heute ist seine Umwelt eine andere; sehnt Grass sich manchmal in die enge, kleinbürgerliche Welt zurück? Grass: "Zurücksehnen" sei übertrieben; kleinbürgerliche Feste hätten sich geändert, er würde viel kaschiert werden und der Kleinbürger werde als gutbürgerlich dargestellt; hier setze die Satire ein, und hier bestehe ein Unterschied zum Kleinbürgertum vor dem Krieg; vor dem Krieg sei das Kleinbürgertum oft ländlich gewesen bzw. seien Kleinbürgertum und ländliche Bevölkerung aufeinandergetroffen. Frage: Ist dabei etwas verlorengegangen? Grass: Hat wenig restaurative Züge; in dem föderalistischen Deutschland finde man noch das Kleinbürgertum, es gebe aber Unterschiede (Kleinbürgertum in Schwaben vs. Im Ruhrgebiet). Frage: Welche Art von Kleinbürgertum ist Grass eher gemäß? Grass: Das Ruhrgebiet; wenn er aus Berlin wegmüsste, würde er ins Ruhrgebiet gehen. Frage: Weil Grass glaubt, dass das Kleinbürgertum ihm dort vertraut ist? Grass: Stimmt zu; Hintergrund des Proletariats, dessen er sich nicht schäme; er gelte als Bürgerschreck, aber ohne bürgerliche Haltung könne man sich literarisch nicht äußern, da eine Anti-Haltung den literarischen Stil-Formen im Weg sei; wenn er beispielsweise einen Gemüsehändler beschreiben wolle, müsse er auch in diese Rolle hineinschlüpfen; dies sei eine Stilfrage; Sprechrollen wie die des Oskar Matzerath würden nachträglich oft dem Autor in den Mund gelegt; der Autor sei aber das ganze Buch und teile sich in viele Rollen auf; Nebenrollen würden die Hauptrollen unterstützen; dies sei ein "literarisches Sandkastenspiel", aber daraus bestehe eine literarische Welt; ein antibürgerlicher Impuls könne zwar ein Auslöser sein, der aus der Jugendzeit komme, aber bei Schreiben selbst würden Ruhe, Gelassenheit und Liebe zum Sujet dazugehören. Frage: Hat Grass mit den kleinen Leuten, die er beschreibt, Mitleid? Grass: Eher Aufmerksamkeit, was eine Form von Mitleid sei. Frage: Was hat Grass gegen den Audruck "Mitleid"? Grass: Er sei sehr abgenutzt; Mitleid sei etwas Untätiges; Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit seinem Beruf setze Arbeit voraus; vielleicht sei Aufmerksamkeit die literarische Form des Mitleids. Frage: Glaubt Grass, dass die kleinen Leute in der heutigen Welt überfordert werden? Könnte er selbst sich noch orientieren? Grass: Es sei schwer (Stichworte Konsumzwang, Wohnungssituation, Freizeitplanung) sein Gesicht zu bewahren und sein Leben zu führen; dies werde sich noch verschärfen. Frage: Kennt Grass ein Beispiel, bei dem ein Mensch von seiner Umwelt überfordert wird? Grass: Beispiel eines jungen Mannes seiner Generation, der der Publizistik zugewandt sei und vielleicht auch einen Roman habe schreiben wollen; dieser habe dann als Regie-Assistent in einer Rundfunkanstalt angefangen und sei im Nachtprogramm gelandet; dieser sitze inzwischen mit drei Kindern in einer neuen Wohnung und sei voller Ressentiments und Melancholie, voller ungeschriebener Literatur und sehr angepasst; "angepasst" treffe sehr gut zu und erkläre vieles in Deutschland: das Einschläfern und Versagen einer ganzen Generation; dies sei ein schwierig zu behandelnder Stoff in der Literatur, aber es gebe schon Versuche (Günter Herburger, Klaus Roehler), bei denen die junge Nachkriegsgesellschaft beschrieben werde. Frage: Welcher Menschenschlag ist Grass unter den Bedingungen der Anpassungen sympathisch? Grass: Mag den schwierigsten und unübersichtlichsten Menschenschlag: Die Emigranten; er habe Emigranten im Ausland (USA, Schweden) und nach ihrer Rückkehr nach Deutschland kennengelernt, auch Emigranten der zweiten Generation; diese würden unbeachtet vom Heimatland deutsche Kultur verbreiten und immer noch diffamiert würden; das Wort Emigrant sei leider ein Schimpfwort in Deutschland geworden; vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte sei der Emigrant die Sorte Mensch, die ihn am meisten berühre. Frage: Warum berührt Grass dieser Menschenschlag so sehr? Grass: Die Emigranten würden ihn daran hindern, sich mit der Gegenwart abzufinden. Frage: Wie hat sich Grass als Heranwachsender in seinem Elternhaus in Danzig zurechtgefunden? Er hat früh künstlerische Begabung und Interesse gezeigt, die möglicherweise fremd gewirkt haben. Wie war Grass' Verhältnis zu seinen Eltern? Grass: Seine Mutter sei ihm eine gute Stütze gewesen, sie habe gelegentlich Gedichte für die Sonntagsausgabe einer Zeitung geschrieben; in den drei Brüdern der Mutter, die alle im Krieg gefallen seien, würden sich alle seine eigenen Begabungen spiegeln; ein Onkel habe Schriftsteller werden wollen, in einem Koffer habe er (Grass) einige Gedichte und Erzählungsfragmente gefunden; er kann sich aber kaum noch erinnern, was diese zum Inhalt gehabt haben; es sei romantisch und stark Eichenroff nachempfunden gewesen; der älteste Bruder der Mutter habe Maler oder Bühnenbildner werden wollen, von diesem habe er einige Entwürfe gesehen; der dritte Onkel habe einen Zug zu Gastronomie und Kochen gehabt; er selbst (Grass) koche auch gerne; seine Mutter habe immer Verständnis für Grass gehabt. Frage: Hat die Mutter Grass geholfen? Grass: "Sie hat mich nicht gestört". Frage: Hat Grass diese Ruhe gebraucht? Grass: Bestätigt; es sei eine kleine Wohnung gewesen, er habe dort nur eine kleine Ecke gehabt. Frage: Die kleinbürgerliche Welt von Danzig bzw. Danzig-Langfuhr werden von Grass mit dichterischer Kraft beschrieben, die sich aus der Erinnerung nährt; was bedeutet Heimat für Grass? In der Kritik wird Grass gelegentlich als Heimatdichter charakterisiert; Grass: hat mithilfe der Literatur zur Heimat zurückgefunden; die frühe lyrische Arbeit sei eine Art Bestandsaufnahme und ein Benennen von Gegenständen gewesen; an der Nachkriegsprosa hätten ihn der Sprung ins Parabelhafte und die Verfremdung gestört; ihm sei es darauf angekommen, Danzig wiedererstehen zu lassen, dies sei naheliegend gewesen; Literatur sei vor allem eine Angelegenheit des Autors; erst ein Buch würde Detailkenntnisse des Autors zusammenbringen; die Erinnerung an Danzig sei vor der "Blechtrommel" schwach gewesen; das Schreiben decke Schichten auf; nach der "Blechtrommel" habe er gedacht, es sei mit diesem Thema vorbei, aber er habe sich getäuscht; es seien neue Schichten aufgetaucht und es sei kein Ende abzusehen. Frage: Grass hat einmal gesagt, dass ihm Danzig-Langfuhr für sein Autorenleben ausreichen würde; Grass arbeitet mit Schreibplänen; er nach dem Krieg dreimal in Danzig gewesen, um die Schauplätze seiner Bücher zu besichtigen; braucht die Erinnerung solche Auffrischungen? Wie erinnert Grass sich? Grass: Bei der "Blechtrommel" habe er keinen Plan und kein System haben können; die Arbeitsweise habe er sich erarbeiten müssen, dies habe sich aber zwanglos ergeben; nach Polen sei er wegen drei Kapiteln gereist (Polnische Post, "Brausepulver") Frage: Braucht Grass diese Auffrischung? Grass: Er sei sehr auf Optisches angewiesen, da er vom Zeichnen und Bildhauen herkomme; dies sei eine Stärke und eine Schwäche Frage: Kennt Grass den Verlust von Erinnerung im Älterwerden? Was bedeutet Älterwerden für Grass? Grass: Der Ruhm mache unbeweglich; in den letzten Jahren hat Grass an einem Theaterstück ["Die Plebejer proben den Aufstand"] gearbeitet, das nichts mit Danzig zu tun habe; auch dieses Stück arbeite mit Erinnerung, der Erinnerung an den 17. Juni 1953, den er mit eigenen Augen erlebt habe; diese Art von Erinnerung sei aber eine andere als die in Bezug auf "Die Blechtrommel", sie sei "puritanischer" und "erwachsener". Frage: Verliert Grass etwas mit dem Älterwerden? Gewinnt er etwas hinzu? Grass: Beides; im Privaten gewinne man mit der Gründung einer Familie etwas dazu, verliere natürlich auch etwas. Frage: Mit seiner Frau hat Grass vier Kinder; was bedeutet Grass die Familie? Grass: Kinder würden die eigenen Probleme in die richtigen Verhältnisse setzen; wenn man Zeit für Kinder habe, sehe man einige Orte (z.B. den Kürfürstendamm in Berlin) ganz neu; dies u.a. sei eine Bereicherung. Frage: Grass war Hitlerjunge, Flackhelfer und Soldat; 1945 ist er bei Cottbus verwundet worden, 1946 nach Bonn aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden; welche Grundauffassungen haben Menschen aus Grass' Jahrgang über Staat, Politik und Krieg? Worin unterscheiden sich diese Auffassungen von denen der älteren und denen der jüngeren Menschen in Deutschland? Grass: Seine eigene Generation sei zu jung gewesen, um Nazi werden zu können bzw. sich schuldig zu machen; auch zu jung, um Anti-Nazi werden zu können; aber auch zu alt, um diese Zeit abstreifen zu können; erst nach einigen Jahren habe er gemerkt, dass sein Jahrgang eine gewisse Gnade sei, aber auch eine Art Verpflichtung; seine Generation müsse zwischen den Alten und den Jungen zu vermitteln. Frage: Vermitteln durch welche Grundauffassung? Grass: Hat auf seinen Wahlreisen versucht deutlich zu machen, dass eine Generation unter Zwang schuldig geworden sei, aber auch dass die Gefahr bestehe, als junger Mensch ohne Zwang schuldig zu werden. Frage: Grundauffassung also, dass jeder Einzelfall speziell sei und man sich niemals anpassen dürfe? Grass: Nicht "niemals anzupassen"; gewissen Umständen müsse man sich anpassen; der Preis dafür dürfe aber nicht zu hoch sein; die Grenze sei dort, wenn eine Stimme gekauft werde. Frage: Ist die Generation von Grass eher geschützt gegen Anpassung als die Älteren und Jüngeren? Grass: verneint; auch ein Großteil seiner Generation habe sich "einkaufen" lassen; ein Teil der Kräfte sei durch den Ersten Weltkrieg, ein anderen Teil durch Anpassung weggefallen; dies sei u.a. ein Grund dafür, dass immer noch "die alten Männer regieren". Frage: Grass hat sich am Wahlkampf als Einzelkämpfer beteiligt; Grass hat dabei die Unvollkommenheiten der Parteien akzeptiert; Grass hat sich auf das ungewohnte Terrain der Politik gewagt; wirft Grass einigen Freunden und Kollegen vor, abseits der pragmatischen Politik zu stehen und zu idealisieren Politik betreiben zu wollen? Grass: Sieht in vielen Fällen ein schädliches Versagen; Beispiel Enzensberger, dessen politische Sichtweisen zu ästhetisch, willkürlich und utopisch seien; Enzensberger habe sich einen utopischen Staat ausgedacht, der von Persien über Kuba bis nach Vietnam reiche; von der Realität nehme Enzensberger Abstand; Enzensberger reagiere mit seiner Nase auf den "Mief", er selbst (Grass) gehöre zum "Mief"; zwischen einer Wahlrede und einem Roman sieht Grass keinen Unterschied, denn beide befassten sich mit Gesellschaft; ein Roman sei natürlich vielschichtiger als eine Wahlrede, letztere beschränke sich auf einen bestimmten Zeitraum; mit den Studenten sei zwar eine politisch informierte Generation herangewachsen, aber mit diesen Fakten über der Gesellschaft schwebe, sich zum Gewissen der Nation aufspiele und sich nur an "großen Staatsaktionen" wie der Spiegel-Affäre entzünde; ein Großteil der Studenten sei apolitisch, wie man auch an den ASTA-Wahlen sehe; er selbst habe eine andere Position eingenommen, die u.a. in der deutschen Tradition der Aufklärung begründet sei. Frage: Grass hat nach dem Bau der Berliner Mauer mit einem offenen Brief an Anna Seghers und andere ostberliner Schriftsteller appelliert, gegen den Mauerbau zu protestieren; in "Die Plebejer proben den Aufstand" wird ein ostberliner Theaterchef beschrieben, der Ähnlichkeiten zu Brecht aufweist und dem Grass vorwirft, den Aufstand nur für ein Theaterstück benutzt; wie weit darf die Literatur in den Dienst der Politik gestellt werden? Muss das Engagement nicht auf die Person des Dichters beschränkt bleiben ohne sein Werk zu berühren? Grass: Roman und Wahlrede seien verschiedene literarische Formen; es sei unerwünscht und auch gar nicht möglich, einen Roman für die SPD zu schreiben; dennoch könne der Roman eine Form von engagierter Literatur sein; Gedichte von Hans Arp (Dadaismus) weise man voreilig in den "Elfenbeinturm" würden die Gegenstände neu benennen, auch dies sei eine Form von Engagement. Frage: Auch das literarische Werk und nicht nur der Dichter kann sich engagieren? Grass: Wenn das Werk in der Realität Bestand haben wolle, müsse dies so sein; das Werk müsse Bestand haben an der Realität; Figuren eines Roman dürften keine Ideenträger sein, sondern müssten widersprüchliche Figuren bleiben. Frage: Über Grass' Bücher hat u.a. Walter Jens gesagt, dass Grass seiner Fabulierkunst zu sehr freien Lauf lasse; wie weit ist Grass Herr über seine eigenen Einfälle? Grass: Er habe eine relativ simple Methode: Einfälle notiere er erst dann, wenn sie ihm immer wieder einfallen würden; optische Motive würden wiederkehren, die Disziplinen (Zeichnen und Schreiben, Lesen, Kochen) würden sich mischen. Frage: Wie arbeitet Grass, wenn sich ein Einfall mehrmals gemeldet hat? Grass: Je phantastischer ein Einfall sei, um so genauer müsse man ihn belegen; Beispiel: Reden der Ritterkreuzträger in "Katz und Maus", für die er fünfzig "von diesen schrecklichen Pabel-Heftchen" [Pabel = ein Verlag für Landser-Hefte] habe lesen müssen, da man den Stil nicht erfinden könne; er habe zwar eine Vorstellung von diesem Stil gehabt und habe versucht, ihn zu schreiben, aber dies sei unzureichend gewesen; ein Nebeneffekt sei, dass er zu den Autoren gehöre, die kriegsverherrlichende Literatur gelesen hätten; er sei auch gegen ein Verbot dieser Literatur; wenn man mit Zensur an einer Stelle anfange, gebe es kein Ende mehr; Grass ist allerdings dagegen, dass die Landser-Heftchen in Bundeswehrkasernen angeboten werden; man solle diese Heftchen aber nicht fördern, sie würden sich selber als Schund erledigen. Frage: Glaubt Grass daran, dass sich diese Hefte von selbst erledigen? Grass: Es bestehe eine gewisse Nachfrage an Schund; die Feuilletons würden in "sehr gescheiten Aufsätzen" über die Pabel-Heftchen schreiben; diese Aufsätze würden aber nicht von den Pabel-Heftchen-Lesern gelesen; man müsse eine Konkurrenz schaffen, etwa Bibliotheken für die Bundeswehr zusammenstellen und die Pabel-Heftchen dabei nicht zu beachten. Frage: Grass hat sich nach dem Krieg durchschlagen müssen, er ist Steinmetz gewesen und hat in einem Bergwerk gearbeitet; auch das Abitur hat er nachholen wollen, hat dies aber wieder verworfen; was ist der Anlass, sich zum Schreiben zu entschließen und von der Norm abzuweichen. Grass: Er habe, als der Geschichtslehrer über die Emser Depesche habe reden wollen, es in der Klasse nicht mehr ausgehalten und zwei Tage später im Bergwerk angefangen; er sei neugirig auf das Leben gewesen und darauf, was sich nach dem Krieg geboten habe; der Schulunterricht wäre für ihn ein Rückfall gewesen. Frage: Kann Grass den Auslöser für den Schritt über die Norm hinaus benennen? Grass: Er habe Zufällen ausgesetzt sein wollen und nicht mehr reglementiert sein; Schule sei nicht das gewesen, was er gesucht habe und was ihm gefehlt habe; dies sei für ihn selbstverständlich gewesen. Frage: Grass hatte dann die Ausdauer, diesen Weg weiter zu gehen; wie hat er so ausdauernd sein können? Grass: Nach dem Krieg sei er zwischen angehenden Künstlern aufgewachsen; bei vielen Malern und Bildhauern würde diese Unsicherheit das ganze Leben über nicht aufhören und sie würden trotzdem weiter malen und bildhauern; schwierig sei es in Paris gewesen, als er auf einmal Vater von Zwillingen wurde; nach der "Blechtrommel" hätten die [finanziellen] Sorgen dann aufgehört; wer den Künstler-Beruf wähle, sei selber Schuld daran; ein Autor solle einen Roman dann schreiben, wenn er ihn schreiben müsse; Vorstellung, Neugierde, Ton und innerer Zwang müssten zusammenkommen. Frage: Ist Grass selbst neugierig auf die Ergebnisse seines Schreibens? Grass: bejaht; einen Roman zu schreiben sei "ungeheuer spannend und beinah so spannend wie ein Wahlkampf" Frage: Grass liest gerne Jean Paul; wen noch? Grass: Jean Paul könne man nicht isoliert betrachten, dazu würden noch Laurence Sterne und Rabelais gehören. Frage: Mag Grass die "unbändigen Fabulierer"? Grass: Stimmt zu; Grimmelshausen ebenfalls; er ist aber gegen das Didaktische in der Literatur Frage: Auch gegen das Didaktische im Wahlkampf? Grass: Auch dort eher in Form des Understatements, also unauffällig. Frage: Wäre Grass in der Lage ein Snob zu sein? Grass: "Als Koch schon, ja". Frage: Warum trägt Grass einen Schnurrbart? Grass: Ausgleich zum Unterbiss; inzwischen habe er sich mit seinem Bart befreundet. Frage: Grass arbeitet an der zweiten Fassung des Theaterstückes "Die Plebejer proben den Aufstand"; wächst dabei noch etwas andere mit oder ist Grass nach dem Wahlkampf der Literatur müde geworden? Grass: Bei und nach dem Wahlkampf das Bedürfnis, "ein paar leichte und verspielte Gedichte zu schreiben"; er wisse nicht, ob es dazu komme; er werde jetzt zunächst seine Büchner-Preisrede schreiben; er habe es als seine Aufgabe gesehen, sich auf die Seite des diffamierten Willy Brandt zu stellen.



Urtitel:
Zur Person: Günter Grass im Gespräch mit Günter Gaus
Anfang/Ende:
(Musik) Herr Grass, der…wieder zu korrigieren. (Musik)
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Nach dem Bundestagswahlkampf 1965 (Wahl am 19.9.1965), vor Verleihung des Georg-Büchner-Preises an Grass (9.10.1965). Im Juni 1965 hatten Grass und weitere Schriftsteller und Intellektuelle (u.a. Klaus Wagenbach, Klaus Roehler, Nicolas Born, Hubert Fichte, Peter Härtlich und Peter Schneider) das Berliner "Wahlkontor"; von dort aus organisierte man die Wahlkampf-Unterstützung für Willy Brandt. Gleichzeitig unternahm Grass eine eigene, von der SPD unabhängige Kampagne und wurde dabei von Berliner Studenten aus dem SDS (Sozialdemokratischer Hochschulbund) und aus dem Liberarlen Studentenbund sowie von einigen Kollegen (Hans Werner Richter, Paul Schallück, Siegfried Lenz und Max von der Grün) unterstützt. Im Frühsommer und Frühherbst hielt Grass auf seinen Wahlreisen insgesamt 52 Reden u.a. seine vielbeachtete Rede "Es steht zur Wahl". Bevorzugt trat er dabei in CDU-Hochburgen auf, etwas in der Viehauktionshalle Cloppenburg, die Grass wegen heftiger Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten nur unter Polizeischutz verlassen konnte. Vom Erlös seiner ersten Wahlreise 1965 finanzierte Grass fünf Bibliotheken für die Bundeswehr, eine Liste mit 350 Buchtiteln hatte auf Grass' Bitte hin Uwe Johnson zusammengestellt. Nach Rückkehr von seiner zweiten Wahlreise wurde am 15./16. September 1965 ein Brandanschlag auf den Eingang von Grass' Wohnhaus in Berlin verübt; der Täter wurde nie gefasst. Trotz des Engagements von Grass kam es bei den Bundestagswahlen 1965 nicht zu dem erhofften Regierungswechsel. Grass' Rede "Über das Selbstverständliche" bei der Verleihung des Büchner-Preises in Darmstadt wurde dem Preisträger zu einer verspäteten Wahlrede, in der er seine politischen Gegner, aber auch Schriftstellerkollegen (Böll, Andersch) angriff.

Schlagworte:

Person:
Jens Walter; Lenz Siegfried; Schallück Paul; Seghers Anna; Henze Hans Werner
Werke:
Die Vorzüge der Windhühner; Die Blechtrommel; Die Plebejer proben den Aufstand
Sach:
Wahlkampf; SPD; Engagement; Feuilleton; Gruppe 47; Ruhm; Malerei; Bildhauerei; Kochen; Georg-Büchner-Preis; Bundeswehr; Wahlkontor; Pabel-Heftchen; Emser Depesche
Geo:
Berlin; Paris; Lübeck; Köln; Würzburg; Vietnam; Bayreuth
Zeit:
1965
Aufnahme:

Datumszusatz:
Aufnahme zwischen 19.9.1965 (Bundestagswahl) und Büchner-Preis (9.10.1965)
Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Anmerkung Qualität:
s/w
Original:

Originallänge:
00:59:00
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
VHS
Kopie:

Länge der Kopie:
01:05:19
Tonträger:
DVD Double Layer
Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
AVI
Herkunft:

Sender / Institution:
Günter Grass Stiftung Bremen
Sendereihe:
Zur Person
Teilnehmende:

Person:
Gaus, Günter (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Zur Person: Günter Grass im Gespräch mit Günter Gaus. unbekannt .

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