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DB-Nummer: 1285

Günter Grass zu "Mein Jahrhundert" (Rohfassung) : Befragt von Jörg-Dieter Kogel und Harro Zimmermann

Günter Grass zu 'Mein Jahrhundert', befragt von Jörg-Dieter Kogel und Harro Zimmermann Kogel: Idee zu "Mein Jahrhundert" und Arbeitsweise? Grass: Idee schon lange vorhanden; Suche nach einer Erzählposition; Ungenügsamkeit eines einzelnen Erzählers, daher Aufsplittung der Erzählerposition in verschiedene Erzähler und Orte; Absicht: entgegensetzt zur offiziellen Geschichtsschreibung Geschichte aus Sicht der Betroffenen (Opfer und Täter) darstellen; der Einfall sei sehr leicht gewesen, die Realisierung habe Schwierigkeiten mit sich gebracht; Bemühen um Chronologie; Ausgangspunkt oft im Aquarell-Motiv, aber auch umgekehrt; Kogel: Wie hat Grass sich den historischen Materialien angenähert und sie bearbeitet? Grass: Bestreben, nicht auf Politisches beschränkt zu bleiben, sondern auch die "wechselnden Zeitmoden" zu berücksichtigen; Beispiel: Geschichte über den Charleston oder über technische Entwicklungen (Schallplatte, Rundfunk, Fernsehen); Großereignisse der Geschichte kämen zwar vor, seien aber sekundär; Kogel: Feste Position im Blick auf das 20. Jahrhundert oder sogar Änderungen der Perspektive während des Schreibprozesses? Grass: Hat viel beim Schreiben des Buches gelernt; Abtauchen in das Jahrhundert sei voller Überraschungen und Entdeckungen gewesen; Kogel: Deutung von Geschichte oder Darstellung von Geschichte? Grass: Erzählen stehe im Mittelpunkt; Entwicklung einer neuen Form der "short story"; der Leser könne sich an das Selbsterlebte erinnern oder sich die Zeit vor seiner Geburt vergegenwärtigen; dies sei die Absicht; die Akzentsetzung des Lesens hänge vom Alter des Lesers ab; Kogel: Spezifische Erzählform abseits der Romanform, da sich diese als unzulänglich erwiesen habe; Romane wie "Der Butt" bewältigten dagegen 5000 Jahre; warum also kein Roman? Grass: Roman hätte auf eine durchgehende Handlung reduziert, was zu einer einseitigen Sicht geführt hätte; selbst mehrere Erzähler wie in "Ein weites Feld" (Autorenkollektiv "Wir vom Archiv") hätte den epischen Zusammenhang verdeckt; Beziehungen zwischen einzelnen Geschichten und fortlaufende Motive zeigten ein episches Muster; Kogel: Vorzug des literarischen Erzählens gegenüber wissenschaftlicher Geschichtsschreibung? Grass: Menschen könnten zu Wort kommen, die sonst nicht zu Wort kämen; Beispiel: Magisterarbeit über die 80er Jahre; Vernachlässigung des Zeit-Colorits in der Geschichtsschreibung; auch Gegenstimmen würden dadurch zu Wort kommen (Beispiele: Besuch Willy Brandts in Warschau; Geschichte um Walther Ratenau); solche Gegenstimmen kämen in der traditionellen Geschichtsschreibung zu selten vor; Kogel: in der Literatur des 20. Jahrhunderts Tradition, dass Geschichte nicht mehr kontinuierlich erfahren und erfasst werden könne und nur fragmentarisch darstellbar sei; bei Grass dagegen Optimismus, dass sich über Alltagserfahrung und -beschreibung geschichtliche Authentizität gewinnen lasse; Grass: hinzu komme, dass nicht distanzlos erzählt werde; Beispiel Forschungsarbeit zum Ersten Weltkrieg, Gespräch mit Veteranen in den 60er Jahren während des Vietnam-Krieges; Beispiel: Treffen von ehemaligen Kriegsberichterstattern während des Zweiten Weltkrieges; im Changieren der Zeiten bestehe der Reiz des Erzählmusters; Kogel: andere Möglichkeit wäre gewesen, die Bildung von historischem Bewusstsein darzulegen; durch Verschränkung der Zeithorizonte würden schnell Erklärungen angeboten; geschichtliche Erfahrung in ihrer Verblendung werde nicht aufgezeigt; Grass: Geschichten würden sich selbst erzählen; der Leser könne seinen Schlüsse daraus ziehen, gerade bei kurzen Geschichten; im Roman oder in essayistischen Formen mögen Erklärungen oder Intentionen angebracht sein; die Geschichten von "Mein Jahrhundert" stünden dagegen für sich; die Mitarbeit des Lesers sei wichtig; Kogel: 100 einzelne Geschichten, zu denen Grass Aquarelle gemalt hat; Motive dafür? Zusätzlicher Erkenntnisgewinn beim Leser durch Aquarelle? Grass: Seit "Ein weites Feld" wieder Aquarelle; davor zuletzt in den 50er Jahren; Entstehen von "Fundsachen für Nichtleser"; die Aquarelle in "Mein Jahrhundert" seien jedoch ganz anders geartet als die der "Fundsachen" und eher zeichenhaft; Konzentration der geschichtlichen Ereignisse auf einen Gegenstand; für Grass Hilfsmittel, die Geschichten auf maximal dreieinhalb Seiten zu beschränken; Kogel: historisch-literarische Erkundung durch das Jahrhundert in Bezug auf die heutige Perspektive; Aufarbeitung von historischem Rohmaterial; Lerneffekte bei Grass? Grass: Hat gelernt, wie sehr die erste Hälfte des Jahrhunderts von den beiden Weltkriegen geprägt sei; die zweite Hälfte sei von den Folgen geprägt; dies sei Grass nicht so klar gewesen wie vor dem Schreibprozess; Kogel: "Mein Jahrhundert" als deutsches Geschichtsbuch über "das Jahrhundert der Desillusionierung"; Bruch in der Zivilisation Deutschlands; glaubt Grass, dass die Deutschen ihre Lektion als Demokraten gelernt haben? Grass: Hofft es; nach 1945 habe man im Westen Demokratie gelernt; keine ernsthaften wirtschaftlichen Krisen; Preis dafür sei die Integration in den Westen und die Teilung Deutschlands gewesen; 1989 habe sich gezeigt, dass man wirtschaftlich zum "Ausbeuten" fähig gewesen sei, aber die Einigung vor der Einheit versäumt worden sei; die Teilung wirke fort; nun sei man zum ersten Mal mit deutschen Soldaten in einen Krieg hineingeraten; dies sei eine Konsequenz der Souveränität und Einheit Deutschlands; die Vertreibung der Kosovo-Albaner müsse vordringlich behandelt werden; die Serben hätten die Verhandlungen genutzt, um die Vertreibung vorzubereiten und durchzuführen; eine weitere Frage sei, warum die Amerikaner das Oberkommando über diesem Einsatz hätten; dies zeige die Unmündigkeit Europas und die Abhängigkeit von den USA; die Kriegsführung missfällt Grass; die Berichterstattung sei verfälscht; zuviele Zivilisten seien von den Bombardements betroffen; dies sei ein zu hoher Preis; die Diskussion um Bodentruppen sei irreal - man komme gar nicht um Bodentruppen herum; Grass hofft, dass das geeinte Europa auch endlich außenpolitische Verantwortung übernimmt; Kogel: "Mein Jahrhundert" erscheint in 22 Sprachen; Botschaft aus dem "anderen" Deutschland und Bekenntnis einer humanitären Literatur? Grass: Will und kann die Bedeutung des Buches nicht ermessen; Verwunderung über großes ausländisches Interesse an dem Buch; Interesse an deutscher Innensicht sei nach wie vor interessant für andere; zum Erscheinen von der "Blechtrommel" habe Kurt Wolff Grass gefragt, ob er sich vorstellen könne, dass sich amerikanische Leser für das Buch interessieren könnten; Grass habe dies verneint, das Buch spiele in der Provinz, es komme Jargon vor und er sei schon froh, wenn das Buch in Bayern verstanden werde; darauf habe Wolff geantwortet, dass alle große Literatur aus der Provinz komme; damit habe Wolff Recht gehabt; Grass habe sich auch da über das Interesse im Ausland gewundert; Kogel: Mitte der 90er Jahre Begriff vom "Ende der Geschichte"; in "Mein Jahrhundert" Rückblick auf das vergangene Jahrhundert; glaubt Grass, dass die Geschichte weitergeht und wie; Grass: befürchtet Wiederholungen der Geschichte; Beispiel Boxeraufstand in "Mein Jahrhundert"



Urtitel:
Günter Grass im Gespräch mit Harro Zimmermann und Jörg-Dieter Kogel
Anfang/Ende:
Herr Grass, in....ja, bitte.
Genre/Inhalt:
Erzählung
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Veröffentlichung von "Mein Jahrhundert"

Schlagworte:

Person:
Graf Steffi; Becker Boris; Brandt Willy; Rathenau Walther; Scheidemann Philipp
Werke:
Mein Jahrhundert; Der Butt
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
30.04.1999
Aufnahmeort:
Bremen, Radio Bremen
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:31:00
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
VHS
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Tonträger:
VHS
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Günter Grass im Gespräch mit Harro Zimmermann und Jörg-Dieter Kogel. Bremen, Radio Bremen .

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