Logo der Günter Grass Stiftung Bremen

Webdatenbank

Medienarchiv

DB-Nummer: 1304

Das musste raus, endlich (Telefoninterview) : DLR Kultur - Podcast: Zur späten Offenbarung von Günter Grass

Gespräch mit Peter Reichel, Professor am Institut für politische Wissenschaft an der Universität Hamburg Frage: "Brechen des Schweigens" - Hat die Öffentlichkeit darauf gewartet? Reichel: Verneint; überzogene pathetische Formulierung, die auf eine Inszenierung hindeute; niemand habe von der SS-Mitgliedschaft von Grass wissen können; Reichel sieht einen Zusammenhang zwischen dem Geständnis von Grass und dem Erscheinen der Autobiogrpahie; Frage: Inszenierung von Günter Grass oder der FAZ? Reichel: Auch Günter Grass, der dies eigentlich nicht nötig habe; Grass hätte zurückhaltender und bescheidener mit dieser belastenden Aussage umgehen können; die FAZ habe zweifellos die vermeintliche Sensation inszeniert; nach dem ungewöhnlich langen Interview in der FAZ sei noch eine mehrseitige Sonderbeilage miteinem Auszuag aus der Autobiographie zu erwarten; Frage: Instrumentalisierung des Grass-Geständnisses durch die FAZ? Reichel: Stimmt zu; dies sei der eigentliche Skandal, dass weder die Fragen und Antworten von Grass nicht darauf ausgingen, die moralische Rolle und das Image als literarischer Repräsentant Deutschlands von Grass zu diskutieren, was in den nächsten Wochen gewiss geschehen würde; die Frage "Warum erst jetzt?" sei weniger wichtig, wichtiger sei das, was im Gespräch mit Schirrmacher zu wenig und zu ungenau behandelt würde; Frage: Zeitpunkt des Geständnisses - Frage bleibt von Grass unbeantwortet; Reichel: Grass habe vor Erscheinen des Buches dazu Stellung nehmen müssen, da es vermutlich die wichtigste Neuigkeit des Buches sei; ansonsten hätte Grass sich blamiert; Frage: Hätte Grass nicht die Reaktion der Kritik abwarten können? Reichel: Verneint; dies wäre für Grass sehr selbstschädigend gewesen; in der FAZ habe Grass die "Flucht nach vorn" angetreten; es sei bereits kritisiert worden, dass Grass zu einigen früheren Zeitpunkten die Gelegenheit gehabt hätte, sich zu diesem Teil seiner Vergangenheit zu äußern; es handle sich im Grunde nur um eine "Jugendsünde eines verblendeten, politischen Idealismus", die seinerzeit der Normalfall gewesen sei; zur herausragenden Figur sei Grass erst später geworden; bereits zum Erscheinen der "Blechtrommel" oder beim Bitburg-Skandal hätte er Gelegenheit gehabt, diesen Teil seiner Vergangenheit offenzulegen; Frage: Muss sich Grass diesen Fragen stellen? Reichel: Grass komme nicht daraum herum, besonders nicht angesichts seines hohen, herausragenden Ranges als angesehener und angefeindeter oppositioneller Literat; ein Vorwurf, dem Grass sich aussetzen müsste, sei auch, dass er die 1950er Jahre (Adenauer-Ära) schlechter mache, als sie gewesen seien; erstaunlich sei auch, dass die FAZ Grass dies so leicht gemacht habe; Frage: Hat der Wahlkämpfer und streibare, engagierte Bürger Grass nun ein Problem mit seiner Glaubwürdigkeit? Reichel: Grass habe sich die Frage nach seiner Glaubwürdigkeit dadurch eingehandelt und dies werde so bleiben; Schwarz-Weiß-Positionen werde er sich nicht mehr leisten können; immer wieder werde Grass mit der Frage konfrontiert werden, warum er so lange über seine eigene Vergangenheit geschwiegen habe; dies werde sein Problem bleiben.



Urtitel:
"Das musste raus endlich" - Zur späten Offenbarung von Günter Grass
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Am Samstag hat…ja gerne. Danke.
Genre/Inhalt:
Biographie
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Debatte um Grass' Mitgliedschaft in der Waffen-SS Bitburg-Kontroverse: Am 5. Mai 1985 legte US-Präsident Ronald Reagan gemeinsam mit Bundeskanzler Helmut Kohl Kränze an der Gedenkstätte des KZ Bergen-Belsen bei Celle und auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg nieder. Am Besuch in Bitburg entspann sich in der Öffentlichkeit eine Debatte, da in Bitburg neben deutschen Wehrmachtsangehörigen auch Angehörige der Waffen-SS beerdigt liegen. Günter Grass machte seine Ablehnung gegen den Besuch eines Bitburger Soldatenfriedhofs durch den damaligen Bundeskanzler Kohl und den amerikanischen Präsidenten Reagan deutlich. Er warf Helmut Kohl „Geschichtsklitterung“ vor und wandte sich gegen das Ausstellen von „Unschuldszeugnissen“. Seiner Meinung nach „spricht Unwissenheit … nicht frei. Sie ist selbst verschuldet, zumal die besagte Mehrheit wohl wusste, dass es Konzentrationslager gab… Kein selbstgefälliger Freispruch hebt dieses Wissen auf. Alle wussten, konnten wissen, hätten wissen müssen.“

Schlagworte:

Person:
Adenauer Konrad; Kiesinger Kurt-Georg; Brandt Willy; Schirrmacher Frank
Werke:
Die Blechtrommel; Beim Häuten der Zwiebel
Sach:
Waffen-SS; Schweigen; Öffentlichkeit; Inszenierung; FAZ; Autobiographie; Moral; Glaubwürdigkeit
Geo:
Bitburg
Zeit:
1950er Jahre
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
14.08.2006
Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Original:

Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
CD
Kopie:

Länge der Kopie:
00:07:25
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
MPEG 2

Zitieren

Zitierform:

"Das musste raus endlich" - Zur späten Offenbarung von Günter Grass. unbekannt .

Rechte

Nutzung und Vervielfältigung:
Alle Rechte vorbehalten

Export