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Medienarchiv

DB-Nummer: 1351

Telefoninterview nach einer Informationsreise durch Nicaragua

Frage: Warum ist Grass nach Nicaragua geflogen? Grass: Einladung des Kulturministers; Grass und seine Mitreisenden sind u.a. der Frage nachgegangen, ob es politische Gefangene in Nicaragua gibt; daraufhin Besuch eines Gefängnisses; dort herrsche trotz Armut im Land ein humaner Strafvollzug; ehemalige Nationalgarde sitzt dort ein aufgrund schwerer Verbrechen; Frage: positives Urteil über Zustände in Nicaragua? Grass: mehrere Aspekte; Landwirtschaftsreform ermöglicht Bauern erstmalig eigenen Boden; Alphabetisierung: über 2000 Kubanische Lehrer seien ins Land gekommen, woran eine gute Absicht erkennbar sei; dadurch aber auch neue Probleme von Bildungsgefällen innerhalb der Familie; imponierende Leistungen in den letzten 3 Jahren; man müsse die USA davon abhalten, einen "zweiten Vietnamkrieg" in Nicaragua zu entfesseln; durch Hilfeleistungen in den Bereichen Landwirtschaft und Kleinindustrie könne man dafür sorgen, dass Nicaragua nicht abhängig von Kuba werde. Frage: Warum behauptet Johano Strasser, dass es in Nicaragua, in dem der Ausnahmezustand verhängt ist, mehr demokratische Freiheiten gebe, als in den Medien dargestellt wird? Grass: war auch überrascht über den Zustand in Nicaragua; Möglichkeit, frei mit allen Menschen zu sprechen; Grass ist viel in Ostblockstaaten und Länder der Dritten Welt bereist und kenne daher politischen Druck; davon sei in Nicaragua nichts zu spüren; Grass findet lediglich Missfallen an der Pressezensur seit Verhängung des Ausnahmezustands; Pressezensur beträfe hauptsächlich die Oppositionszeitung des Landes; der Leiter der Oppositionszeitung habe in einen Gespräch keine Einwände gegen den Ausnahmezustand geäußert, habe aber Bedenken, weil die Zensur auch in andere Bereiche (z.B. Tagespolitik) hineinreiche; dies habe der Chefredakteur öffentlich geäußert. Frage: Warum hat Grass den Innenminister nach den politischen Gefangenen gefragt? Es sei nicht vorstellbar, dass jemand diese Frage bejahen würde. Grass: ehemalige Nationalgarde hat nachweislich Verbrechen begangen und ist daher nicht als politische Gefangene zu bezeichnen; bei der Revolution hätten deren Führer auf Rache verzichtet, daher auch humaner Strafvollzug; in keiner Revolution habe man keine Rache genommen; nur in Nicaragua haben die "Revolution nicht ihre Kinder gefressen".



Urtitel:
Morgenmagazin: Telefoninterview mit dem Schriftsteller Günter Grass nach Rückkehr von einer Informationsreise durch Nicaragua
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Ein Gespräch mit…Auf Wiederhörn. Wiederhörn.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Im Frühsommer 1982 reist Johano Strasser zusammen mit Günter Grass und Fernsehmoderator Franz Alt auf Einladung des nicaraguanischen Kulturministers Ernesto Cardenal für politische Gespräche nach Nicaragua. Nicaragua gewann Ende der 1970er Jahre in Deutschland eine im europäischen Vergleich bemerkenswerte Popularität. Die heterogene Solidaritätsbewegung wies eine Vielfalt von Gruppen auf, über 15000 Deutsche bereisten während der Revolutionsregierung (1979-1990) das Land und engagierten sich in den unterschiedlichsten Projekten. 1983 wurde der Arzt Tonio Pflaum, 1986 der Gewerkschaftler Berndt Koberstein von den antisandinistischen Contras in Nicaragua ermordet. Die Gründe für die Attraktivität Nicaraguas müssen auch in der deutschen Diskussion über Neutralismus, Pazifismus und Anti-Nuklearismus gesehen werden: Nicaragua erschien als Land, dessen autonomer Entwicklungsweg durch den Koloss im Norden eingeengt wurde, eine Parallele zur Situation in der Bundesrepublik, wo zu Beginn der 1980er Jahre die Stationierung neuer Atomwaffen und Raketen bevorstand, drängte sich auf. Vor diesem Hintergrund erklärt sich möglicherweise auch die in der Rückschau eigenartige Konstellation von Friedenstaube und Maschinengewehr, die sich in nicht wenigen der zahlreichen Publikationen finden lässt. Sie äußerte sich auch in der Kontroverse über deutsche Wehrdienstverweigerer, die in Nicaragua mit der Waffe in der Hand für die Verteidigung der Revolution eintraten. Besondere Faszination ging von der Verbindung von "Christentum und Revolution" aus; der Priester Ernesto Cardenal, der 1980 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hatte, war bis 1987 Kultusminister in der Sandinistischen Regierung und begrüßte nicht wenige Solidaritätsarbeiter persönlich am Flughafen. Die hohe Bedeutung, die Nicaragua in der deutschen Innenpolitik der 1980er Jahre gewann, lässt darauf schließen, dass es auch um die Erfüllung eigener Utopien ging. Die Solidarität mit Nicaragua und später mit der Befreiungsbewegung in El Salvador bedeutete eine Absage an die traditionelle Machtpolitik einer Weltgesellschaft, als deren Opfer sich die Friedensbewegung selbst empfand. Darüber hinaus ermöglichte sie es der mittlerweile in der Opposition stehenden SPD, sich vor der eigenen Jugendorganisation ein kritisches und antiimperialistisches Profil zu geben. Mittelamerika wurde so zu einem Spielfeld für eine verdeckte Konfrontation mit den USA. Es kam aber auch zu Kontroversen innerhalb der Sozialistischen Internationale (SI), da einige lateinamerikanische Politiker den Vorwurf äußerten, die SPD würde für fremde Länder etwas propagieren, was sie im eigenen Lande spätestens mit dem Godesberger Programm von 1959 abgelegt habe. Diesen Einwand erhob später auch der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa gegenüber Günter Grass mit Blick auf dessen Beurteilung der Revolution in Nicaragua. Die innenpolitische Kontroverse wurde von den großen Parteien angeheizt. Heiner Geißler, Generalsekretär der CDU, verfasste das Vorwort zum Bericht "Wie frei ist Nicaragua?" Martin Kriele, als SPD-Mitglied an der Ausarbeitung der Ost-Verträge beteiligt, schrieb ein kritisches Buch zu Nicaragua und trat aus der Partei aus.

Schlagworte:

Person:
Strasser Johano; Alt Franz
Sach:
Diktatur; Strafvollzug; Revolution; Zensur; Demokratie; Freiheit; Dritte Welt; Landwirtschaft; Alphabetisierung; Innenminister
Geo:
Nicaragua; Skandinavien; Kuba; USA; Honduras
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
01.09.1982
Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:09:27
Original-Tonträger:
unbekannt
Datenformat:
CD-A
Kopie:

Länge der Kopie:
00:09:24
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Westdeutscher Rundfunk (Fernsehen)
Sendereihe:
Morgenmagazin
Archivnummer:
5073509
Teilnehmende:

Person:
Kotowski, Christa (Interviewpartner)
Person:
Conen, Hans-Werner (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Morgenmagazin: Telefoninterview mit dem Schriftsteller Günter Grass nach Rückkehr von einer Informationsreise durch Nicaragua. unbekannt .

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