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DB-Nummer: 1354

Dichter, Bürger, Moralist : Günter Grass im Gespräch mit Fritz Pleitgen anläßlich seines 75. Geburtstags

Frage: Grass' Sicht auf das Vaterland? Grass:In der "Demokratieschule" habe man die Lektionen; die Bundesrepublik sei eine in sich gefestigte Demokratie, wisse dies aber selbst nicht so genau; das Sicherheitsbedürfnis überwiege daher den Genuss der Freiheit; daher zahlreiche Gesetzesentwürfe nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001; aus der Souveränität sollte man lieber ein Selbstbewusstsein entwickeln und das Sicherheitsbedürfnis herunterschrauben. Frage: Engagement für Willy Brandt; wie sieht Grass Brandt heute und im Vergleich zu Gerhard Schröder? Grass: Nicht nur in der Politik könne man späteren Generationen nicht vorwerfen, nicht derartige Brüche wie bspw. Willy Brandt in seiner Biographie zu haben; Brüche in der eigenen Biographie als Motivation und Belastung sowie als Widerstände, gegen die Grass anzuschreiben versucht; jüngere Autoren seien oft auf sich selbst konzentriert und fingen zu früh an, biographisch zu schreiben; aus einem ähnlichen Grund könne man Schröder nicht an Willy Brandt messen; Brandt wird auch mit seinen Fehlern und der "Melancholie als Tischgenossen" von Grass sehr geschätzt, seine Bedeutung sei noch nicht richtig erfasst worden. Frage:Andere Autoren mit gebrochenen Biographien (Böll, Bachmann, Enzensberger, Walser, Lenz, Johnson) in der Gruppe 47 Grass: kurze Generationsbrüche; Walser und Grass selbst seien im Gegensatz zu Böll mehr "von den Themen bedrängt" gewesen; eigene artistische Anlagen (Gedichte und Theaterstücke), dann Auseinandersetzung mit der unausweichlichen Stoffmasse der Nazi-Zeit und der unmittelbaren Nachkriegszeit, die in der "Blechtrommel", "Katz und Maus" und "Hundejahre" mündete; dies sei ein Arbeitskomplex gewesen. Frage: Intention vs. "von der Seele schreiben" Grass: Hat geschrieben, um sich selbst Klarheit zu verschaffen; Suche nach Gründen; er selbst sei bis 1945 gläubiger Nazi gewesen und habe keine Ansätze von Antifaschismus gezeigt; 1945 sei eine Welt für ihn zusammengebrochen. Frage: Grass hat versucht, den Krieg und Ausschwitz abzuarbeiten; leidet Grass immer noch unter dieser Vergangenheit? Grass: Wendet sich auch anderen Themen zu, wird aber immer wieder von seiner Vergangenheit eingeholt (Beispiel: Thema Zwangsarbeiter); Grass könne jedoch damit umgehen, da er die Ursachen kenne; für die jüngeren Generationen sei dies schwer verständlich, schuldlos in der Verantwortung zu stehen, eine Wiederholung dessen zu verhindern; auch dies sei ein Grund für ihn, sich im Wahlkampf zu engagieren; dort seien bereits wieder "grässliche" Töne aufgekommen. Frage: Warum ist Grass politisch aktiv? Grass: Frühe Einsicht, dass die Weimarer Republik aus verschiedenen Gründen gescheitert ist; der Hauptgrund sei aber der gewesen, dass es zu wenig Bürger gegeben habe, die die schwache Weimarer Republik geschützt hätten; Grass versteht sich als Bürger seines Landes und sieht Demokratie nicht als festen Besitz an, sondern als etwas, das täglich neu definiert und verteidigt werden muss; daraus resultiere sein Engagement. Frage: Martin Walser soll gesagt haben, dass Grass 30 Jahre lang Recht gehabt habe; stimmt Grass zu? Grass: Will dies nicht für sich in Anspruch nehmen; er habe aber, im Gegensatz zu Walser, seine Position nicht so oft gewechselt; mit Walser sei er berfreundet; sehr kritisch sei er gegenüber Walsers Paulskirchenrede gewesen; dem "versuchte Rufmord" von Frank Schirrmacher in der FAZ, Walser als antisemitisch darzustellen, widerspricht Grass aber; in "Tod eines Kritikers" finde sich keine einzige antisemitische Zeile, auch im gesamten Werk von Walser nicht; auch die anschließende scheinbare Gegenposition der Süddeutschen Zeitung, das "Feuilleton-Gezänk", sei auf Walsers Rücken ausgetragen worden; dies sei ein "erbärmliches Schauspiel" gewesen. Frage: Ist Grass von der z.T. harten Kritik an seinen eigenen Werken gekränkt? Grass: hat dies bedauert, zu literarischen Auseinandersetzungen sei es oft nicht gekommen; als Ausgleich seien die Reaktionen im Ausland mehr auf die literarische Form eingangen. Frage: Machen die hohen Auflagen in Deutschland selbstsicher oder liegt darin auch eine Gefahr? Grass: hat mit 32 Jahren den Erfolg und den Ruhm kennengelernt; anganfs sei dies "lustig" gewesen, dann habe er den Ruhm als "langweilig" empfunden, schließlich sei der Ruhm seiner Arbeit im Wege gewesen; den Ruhm müsse er also vergessen; beim Schreiben verwende er Blindbände, in denen das Papier "erschreckend weiß" sei; wenn man ein Buch beginne, könne man nicht auf bereits Erreichtes aufbauen; man lerne zwar an Schreibtechnik dazu; das "Chaos" der Stoffmasse müsse jedoch geordnet und gestaltet werden, dies sei jedes Mal ein anderer Widerstand und provoziere jeweils andere literarische Mittel; geändert habe sich, dass er bei seinen ersten Büchern als junger Autor noch neugierig auf die Reaktionen gewesen sei; inzwischen habe er die Erfahrung gemacht, dass das Schönste am Schreiben das Schreiben sei. Frage: Erwartungsdruck und eigene Erwartungen? Grass: Weiß von dem Erwartungsdruck, kann sich aber daran nicht halten, da er eigene Erwartungen hat; das Untergang der Wilhelm Gustloff, den er in "Im Krebgsgang" behandelt, kommt bereits in "Hundejahre" und auch in der "Rättin" erwähnt, doch war dort noch nicht ausgestaltet worden; den literarischen Zugang mit der richtigen Form der Novelle zu finden, habe lange, vielleicht zu lange gedauert. Frage: Deutsche Kriegsopfer als Tabuthema der Linken; Grass: vor allem in der DDR sei dies ein Tabu gewesen; Walter Kempowski habe in "Echolot" das Thema bereits angesprochen, auch Arno Schmidt und Siegfried Lenz; die literarische Gestaltung sei jedoch unzureichend gewesen und man habe das Thema den Rechten überlassen; diese hätten das Thema für dich nutzbar gemacht und geschichtliche Tatsachen verdreht. Frage: Akute Themen oder Probleme, die Grass angehen will? Grass: Hat kürzlich das Buch "In einem rechen Land" zusammen mit Daniela Dahn und Johano Strasser herausgegeben; Anregung dazu durch den französischen Soziologe Pierre Bourdieau ("Vom Elend der Welt"). Frage: Erfolg durch die "Blechtrommel" und Preis der Gruppe 47? Grass: Hat ein Jahr vor Veröffentlichung der "Blechtrommel" zwei Kapitel des Romans bei der Gruppe 47 gelesen und dafür den Preis der Gruppe zugesprochen bekommen; die 4500 DM seien sein "erstes großes Geld" gewesen; das Geld sei auch eine große Hilfe gewesen, um das Buch zuende zu schreiben. Frage: Bedeutung des Preises abgesehen vom Materiellen? Grass: Hat sich über den Preis der Gruppe 47 mehr gefreut als über den Nobelpreis; 20 Jahre sei er für den Nobelpreis in der Diskussion gewesen, mit dem Nobelpreis habe er dann nicht mehr gerechnet. Frage: Rückblick auf die Reaktionen zur "Danziger Tirlogie" und Rückschlüsse auf die damalige Gesellschaft? Grass: Besonders in Süddeutschland sei die "Blechtrommel" damals unter dem Ladentisch verkauft worden; Angriffe und Anfeindung, Literaturskandal in Bremen (Bremer Literaturpeis 1960); Prozess gegen Kurt Ziesel, der Grass wegen Pornographie und Gotteslästerung angezeigt hatte. Frage: Immunisierung durch laufende Angriffe? Grass: Ständige Manuskript, die viel Kraft erfordere; Schreiben als "selbstgewählte Einsamkeit"; Grass schreibt im stehen und liest dabei das Geschriebene; jedes Buch entstehe in vier bis fünf Fassungen. Frage: Ablenkung vom Schreiben durch die Angriffe und Negativ-Kritiken (z.B. bei "Die Plebejer proben den Aufstand"); Grass: das Stück sei aus politischen Gründen "niedergemacht" worden, obwohl es an Bühnen im In- und Ausland ein Erfolg gewesen sei; heute sei das Stück tot und werde nirgendwo mehr gespielt, obwohl es das einzige Theaterstück über den 17. Juni sei; in beiden deutschen Staaten seien die Ereignisse am 17. Juni 1953 verfälscht worden, in der DDR als Konterrevolution, bei Adenauer als Volkserhebung. Frage: Auch "Butt" und "Rättin" sind kontrovers aufgenommen worden, doch die Leser haben auf Grass' Seite gestanden - Genugtuung für Grass? Grass: Der "Großkritiker, der sich als Quartett ausgab" [Marcel Reich-Ranicki], habe die "Rättin" niedergemacht, die Buchhändler hätten daraufhin das Buch abgelehnt; bei "Ein weites Feld" sei ihm das nicht gelungen, obwohl er dabei weit über Literaturkritik hinausgegangen sei; das Cover des "Spiegel", auf dem Ranicki das Buch zerreißt, habe auch zu Protesten im Ausland geführt und die Leser hätten Ranicki nicht mehr geglaubt; mit Hilfe der Leser habe sich dann das Buch durchgesetzt; die Darstellung habe Grass aber getroffen. Frage: Mit einer Aussöhnung mit Reich-Ranicki ist nicht mehr zu rechnen? Grass: Schließt Aussöhnung nicht aus, Radnicki müsse das aber zurücknehmen und seinen Fehler eingestehen; die Kraft dazu fehle Reich-Ranicki aber offenbar; Ranicki habe behauptet, der "Spiegel" hätte das Motiv ohne seine Zustimmung verwendet. Frage: Solidarität von Schriftstellerkollegen? Grass: Hat immer wieder Solidarität erfahren, auch von Kollegen im Ausland (Salman Rushdie, John Irving, Adolf Muschg u.a.). Frage: Verhältnis zu Böll, Walser und Enzensberger? Grass: Die Gruppe 47 sei eine "Einübung in Toleranz" gewesen aufgrund der großen Breite an Texten und Stoffen; mit vielen Kollegen aus der Gruppe 47 sei er befreundet (Walser, Rühmkorf); Kollegialtiät sei wichtig, bei jungen Autoren scheine ein "Genie-Gehabe" aufgekommen zu sein; Alfred Döblin als notwendiger Lehrer für Grass. Frage: Andere Vorbilder und Anreger? Grass: Autoren des pikaresken Romans (Cervantes, Grimmelshausen); ohne die Vorbilder des Pikaro als Kunstfigur, die Spiegel ihrer Zeit ist, hätte Grass die "Blechtrommel" oder "Ein weites Feld" nicht schreiben können; weitere Einflüsse: Lyrik des Frühexpressionismus, Apollinaire. Frage: Fehlen Heinrich Bölls? Grass:In gewisser Hinsicht "Arbeitsteilung" mit Heinrich Böll: Böll mehr von linker Seite und aus Sicht des Katholizismus, Grass mehr als "Verfassungspatriot; Herausgabe der Zeitschrift "L 80" zusammen mit Carola Stern als Reaktion auf die Okkupation der Tschechoslowakei; trotz der Untescheide Freundschaft zwischen Böll und Grass; nach Bölls Tod habe Grass einige Aufgaben übernehmen müssen; Grass wünscht sich jüngere Autoren, die diese "Tradition der Einmischung" fortsetzen; das Feuilleton rate den jüngeren Autoren zum Rückzug in den "Elfenbeinturm"; von Walter von der Vogelweide an habe es Autoren gegeben, die sich über ihre literarische Arbeit hinaus gesellschaftspolitisch engagiert hätten. Frage: Beschäftigung mit dem Thema Tod? Grass: Hat durch seine Berufe ein "reiches Leben" geführt und will seine Zeit auf Erden ausfüllen; was nach dem Tod komme, interessiere ihn nicht sonderlich. Frage: Bücher voller Sinnlichkeit - Rolle der Sexualität? Grass:Im Alter nehme die stürmische Sexualität ab und die zärtliche Sexualität zu; dies sieht Grass als Gewinn an; Wechsel des Handwerks; Geburtstagsfeier mit der Familie; bei runden Geburtstagen versuche er, der Familie einen Kopfstand zu präsentieren, was ihm beim 70. noch gelungen sei.



Urtitel:
Dichter, Bürger, Moralist: Günter Grass im Gespräch mit Fritz Pleitgen
Anfang/Ende:
(Musik) Mit 75 hat man…auch schaffen werde. (Musik)
Genre/Inhalt:
Biographie
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Günter Grass wird 75 Jahre alt Veröffentlichung von "In einem reichen Land", hrsg. Von Günter Grass, Johano Strasser und Daniela Dahn, Steidl 2002

Schlagworte:

Person:
Brandt Willy; Schröder Gerhard; Böll Heinrich; Lenz Siegfried; Bachmann Ingeborg; Enzensberger Hans Magnus; Walser Martin; Johnson Uwe; Schirrmacher Frank; Reich-Ranicki Marcel; Dahn Daniela; Strasser Johano; Döblin Alfred; Rushdie Salman; Irving John; Rühmkorf Peter; Bourdieu Pierre; Muschg Adolf
Werke:
Katz und Maus; Hundejahre; Die Blechtrommel; Die Rättin; Ein weites Feld; In einem reichen Land; Tod eines Kritikers; Vom Elend der Welt; Berge, Meere und Giganten; Die drei Sprünge des Wang-Iun; Wallenstein
Sach:
Demokratie; Terroranschlag; Wahlkampf; Theaterstück; Engagement; Weimarer Republik; Literaturpreis; Kritiker; Nobelpreis; Kritik; Gruppe 47; Vorbild; Sexualität; Tod
Geo:
Bremen
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
09.10.2002
Aufnahmeort:
unbekannt
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:29:20
Original-Tonträger:
unbekannt
Datenformat:
CD-A
Kopie:

Länge der Kopie:
00:29:19
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Westdeutscher Rundfunk (Fernsehen)
Archivnummer:
5082205
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Pleitgen, Fritz (Interviewpartner)
Person:
unbekannt, (Redaktion)

Zitieren

Zitierform:

Dichter, Bürger, Moralist: Günter Grass im Gespräch mit Fritz Pleitgen. unbekannt .

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