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DB-Nummer: 1469

Über die Recherchen an der Stasi-Akte von Günter Grass : Gespräch über das Feature "Deckname Bolzen"

Kai Schlüter hat über die Stasi-Akte über Günter Grass, die mehrere tausend Seiten umfasst, ein Hörfunkfeature "Deckname Bolzen" und das Buch "Günter Grass im Visier - Die Stasi-Akte" veröffentlicht. Frage: Beziehungen von Grass zur DDR? Schlüter: Grass habe sich stets als Gesamtdeutscher verstanden und die deutsche Teilung nie hingenommen; über die Jahrzehnte hat Grass immer wieder die DDR besucht; Grass habe die beiden deutschen Staaten als eine Kulturnation mit gemeinsamer Sprache verstanden und sich deshalb um den Kontakt mit der DDR bemüht; einer schnellen Wiedervereinigung habe er jedoch kritisch gegenübergestanden. Frage: Entwicklungen im Verhältnis zum DDR-Regime? Schlüter: Grass sei immer kritisch gewesen, Beispiel: 17. Juni 1953; Grass hat damals in Berlin gewohnt und sich den Aufstand angesehen (literarisch verarbeitet in "Mein Jahrhundert"); am Tag des Mauerbaus hat Grass einen Offenen Brief an Anna Seghers geschrieben und darin gegen den Mauerbau protestiert; die Überwachung und die Verletzung der Menschenrechte in der DDR habe Grass immer kritisiert. Frage: Hat Grass während des Kalten Krieges zwischen den Stühlen gesessen? Schlüter: bejaht; Grass habe die Positionen des demokratischen Sozialismus und der sozialen Demokratie vertreten und da mit nicht alleine gestanden; Willy Brandt sei ein Freund von Grass gewesen, Grass selbst war zeitweilig Mitglied der SPD. Frage: Wann begannen die Stasi-Aktivitäten gegen Grass? Schlüter: Nach dem Offenen Brief an Anna Seghers 1961; erster Stasi-Eintrag: "Aufgefallen wegen Provokation". Frage: Gründe für das Interesse der Stasi an Grass? Schlüter: Andere Deutsche wie Adenauer, Kiesinger oder Erhardt seien ideologisch leichte Gegener gewesen; Grass habe dagegen durch das Konzept des demokratischen Sozialismus viel mehr Inhalte geliefert und sei dadurch sehr bekannt in der DDR gewesen, obwohl seine Bücher jahrzehntelang verboten waren; Grass sei darum ideologisch gefährlich und ein Staatsfeind gewesen. Frage: Wer kann die Stasi-Akten einsehen? Schlüter: Die Akten sind prinzipiell offen für jeden; die Akten über Personen des öffentlichen Lebens kann jeder einsehen, da dies von öffentlichem Interesse ist; Bezüge zu Dritten und Intimes werden dabei geschwärzt. Frage: Wochenlange Arbeit auch für Grass? Schlüter: bestätigt; es gibt lange Wartezeiten; weitere Schwierigkeit: es gibt nicht "die" Akte Grass, denn die Stasi hat nach geheimdienstlichen Gesichtspunkten und nicht nach archivischen Gesichtspunkten archiviert; Beispiel: Besuch von Grass bei Hans Mayer 1964, der in der Akte Mayer, aber nicht in der Akte Grass dokumentiert ist; dies mache die Recherchen sehr aufwändig; alle Akten zusammengefasst ergeben ein Konvolut von ca. 2000 Seiten; die Behörde suche nur nach dem Namen Grass bzw. seinem Decknamen "Bolzen" oder nach seiner Fahndungsnummer. Frage: Hat Schlüter die mehreren tausend Seiten alle gelesen? Schlüter: musste dies tun, um die Vorgänge zu verstehen; zahlreiche Abkürzungen und Querverweise. Frage: Was ist in den Akten zu finden? Schlüter: Grass sei vollkommen von Spitzeln umstellt gewesen, wenn er in der DDR war; ausnahmslos alle offiziellen Gesprächspartner von Grass seien IM (Inoffizielle Mitarbeiter) gewesen, z.B. Vertreter vom Schriftstellerverband, vom PEN, Verlagsvertreter, Staatsvertreter, Theaterleute usw.; dies sei überraschend gewesen; nach längerer Beschäftigung mit den Akten empfinde man dies aber als normal. Frage: Verfahren der IM? Schlüter: Die IM hätten bei ihren Führungsoffizieren in sogenannten KPs (Konspirativen Wohnungen) Bericht abgeliefert; der Führungsoffizier habe dies dann notiert, der Treffbereicht gehöre zur Akte und es stelle sich die Frage, was nun der Wahrheit entspreche; der Wahrheitsstatus der Berichte sei also kritisch zu sehen. Frage: Verfälschungen durch die mehrfache Informationsweitergabe? Schlüter: Bestätigt; Beispiel: Hans Joachim Schädlichs Bruder Karl Heinz habe seine eigene Familie bespitzelt; ein Kreis von Schriftstellern in Ost-Berlin habe sich mit Grass getroffen, die Stasi habe daraufhin versucht Karl Heinz Schädlich in diesen Kreis einzuschleusen; dies sei aber nicht gelungen; der Spitzel habe dann seinem Offizier erzählt, er sei zu dem Treffen eingeladen, was aber nicht gestimmt habe; Karl Heinz Schädlich habe also nur mit seinen Kontakten angegeben. Frage: Nicht nur Überwachung, sondern auch Einflussnahme im Umfeld von Grass - wie? Schlüter: Die DDR habe Menschen zu instrumentalisieren versucht; in dem 70er und 80er Jahren hätten viele Mediziner versucht die DDR zu verlassen, Mediziner hätten aber als Flüchlingshelfer gegolten und deshalb unter Überwachung gestanden; ein Mediziner habe Karl Heinz Schädlich angesprochen und ihn gefragt, ob Grass zu einer Lesung bereit wäre; diese Anfrage habe Schädlich sofort weitergegeben an seinen Führungsoffizier; man habe Grass dann tatsächlich zu einer Lesung unter Medizinern eingeladen, der Spitzel habe dieser beigewohnt; Grass sei also der Lockvogel gewesen, um in den Kreis der Mediziner einzudringen. Frage: Hat Grass von den Stasi-Aktivitäten um ihn herum etwas mitbekommen? Schlüter: verneint; Grass habe von der lückenlosen Überwachung bei jedem Grenzübertritt nie etwas gemerkt, wie er selbst sage; Grass ist konspirativ überwacht worden. Frage: Ist der Fall Grass typisch oder eine Sonderbehandlung für Prominente? Schlüter: eine gewisse Sonderbehandlung; die Stasi habe gegen den Prominenten Grass nicht so vorgehen können wie gegen andere; die verhängte Einreisesperre gegen Grass ist für die Dauer seiner Besuche stets aufgehoben worden, um Skandale zu vermeiden. Frage: Warum dann eine Einreisesperre? Schlüter: Dies entsprach den Regularien und habe so funktioniert. Frage: Wieviele Leute sind in die Bespitzelung verwickelt gewesen? Schlüter: ungewiss; noch immer kenne man nicht alle IM; über die Jahre seien mehrere hohe Stasi-Offiziere damit befasst gewesen, da Grass eine hohe Persönlichkeit ist. Frage: Warum haben sich so viele Menschen als Stasi-Spitzel zur Verfügung gestellt? Schlüter: Die Stasi habe viele unter Druck gesetzt; der Schriftsteller Günter Kunert sei von Nachbarn überwacht worden, die die Stasi erpresst habe. Frage: Wie gehen die ehemaligen Spitzel jetzt damit um? Schlüter: teilweise schlechtes Gewissen; Beispiel: Nachbar von Manfred Krug, der für eine Schlagbohrmaschine den Schauspieler Krug bespitzelt hat; dieser Nachbar habe dies später frei und offen zugegeben. Frage: Karl Heinz Schädlich (IM Schäfer) hat sich auf einer Parkbank erschossen. Schlüter: Selbstmord 2007, der als "Bilanzsuizid" gewertet wurde; die Spitzeltätigkeit als Ursache ist nicht genau zu rekonstruieren. Frage: Hatte bei der Vielzahl an Stasi-Berichten noch jemand den Überblick über diese? Schlüter: Die Stasi habe mit der Zeit den Überblick verloren, dies auch bemerkt und dann beim Stasi-Minister Mielke einen Stab eingerichtet (ZAIG - Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe), um das Material zu strukturieren; das Material sei aber so umfangreicht gewesen, dass es die Stasi am Ende nicht einmal geschafft hat, es zu zerstören. Frage: Haftet den Bemühungen der Stasi aus heutiger Sicht auch Lächerliches an? Schlüter: Teilweise; Beispiele aus der Stasi-Akte über Grass; man dürfe aber auch nicht verharmlosen. Frage: Wie lange sollten die Stasi-Akten noch zugänglich sein? Schlüter: noch lange; sowohl die Opfer als auch die Täter leben noch; einige würden Aufklärung wollen, andere nicht. Frage: Schließung der Akten als Abschluss der Wiedervereinigung? Schlüter: Geschichte könne man nicht ungeschehen machen; Schlüter ist froh, dass die Bestände weiterhin einsehbar sind. Frage: "Wessi-Arroganz" gegenüber ehemaligen Spitzeln? Schlüter: Man müsse sich zügeln und immer wieder die Geschichte vergegenwärtigen; man dürfe sich nicht im Nachhinein und von Außen ein Urteil anmaßen. Frage: Was zeichnet die Stasi aus im Vergleich zu anderen Geheimdiensten? Schlüter: Teilweise absonderliche Methoden, z.B. Geruchsproben; alles getreu dem Motto von Miehlke: "Wir müssen alles wissen". Frage: Erniedrigung als Methode oder als Nebeneffekt? Schlüter: Beides.



Urtitel:
Gesprächszeit: Kai Schlüter im Gespräch über Stasi-Akte Günter Grass
Anfang/Ende:
Mehrere tausend Seiten… und das war's.
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

20 Jahre nach dem Fall der Mauer gibt es immer noch eine Behörde, bei der man die Akten der DDR Staatssicherheit einsehen und so manches Interessante darin finden kann. Für die Recherche über die Bespitzelung von Günter Grass war die Einsicht der Stasi-Akten natürlich sehr hilfreich. Was drin steht, wie man sie einsehen kann, und ob die Akten nicht langsam einmal geschlossen werden sollten, darüber sprachen Nordwestradio-Moderator Stefan Pulss mit Redakteur Kai Schlüter. Quelle: http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/feature/grass100.html

Schlagworte:

Person:
Seghers Anna; Schädlich Hans-Joachim; Mayer Hans; Kunert Günter; Krug Manfred; Schädlich Karl Heinz; Mielke Erich
Werke:
Mein Jahrhundert
Sach:
Stasi; Stasi-Akte; Wiedervereinigung; Mauerbau; Spitzel; IM
Geo:
DDR; Berlin
Zeit:
17. Juni 1953; 1964
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
05.11.2009
Aufnahmeort:
Bremen
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:27:02
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
CD
Datenformat:
CD-A
Kopie:

Länge der Kopie:
00:27:01
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
MPEG 1
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen (RB)
Sendereihe:
Nordwestradio: Gesprächszeit
Teilnehmende:

Person:
Schlüter, Kai (Vorredner(in))
Person:
Pulss, Stefan (Interviewpartner)

Zitieren

Zitierform:

Gesprächszeit: Kai Schlüter im Gespräch über Stasi-Akte Günter Grass. Bremen .

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