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DB-Nummer: 1471

Berliner Premiere zu "Günter Grass im Visier" : Gespräch und Lesung

Schlüter, Kai

Ausgleicher und Provokateur Gerade einmal fünf Tage nach dem Bau der Mauer legt die Staatssicherheit eine Akte in Sachen Günter Grass an. "Angefallen wegen Provokation" vermerkt die handschriftliche Notiz vom 18. August 1961. Aus den 2 200 Aktenseiten, die bis 1989 folgen sollten, hat Kai Schlüter die wichtigsten und eindrucksvollsten in dem Buch "Günter Grass im Visier. Die Stasi-Akte" (BLZ vom 17. 3.) versammelt. Wollte Grass bei der Premiere des Buches auf der Bühne des Berliner Ensembles gestern Vormittag an seine Provokationskünste erinnern, als er sagte, die Bundesrepublik sei 1961 auch alles andere als ein "demokratisches Aushängeschild" gewesen? Seine Stasi-Akte wollte Grass zunächst gar nicht lesen. Man dürfe der Stasi nicht zu dem späten Triumph verhelfen, das gesammelte Material als Wahrheit zu lesen: "Das ist eine Siegermentalität", sagt Grass. Ein sonderbares Argument, erinnert es doch unfreiwillig an Helmut Kohl, der verhindern wollte, dass aus seiner Akte vermeintlich Verwertbares in Sachen anonymer Spender gesucht und als Wahrheit verkauft werden könnte. Sonderbar, da der Fall Grass doch ein ganz anderer ist. Von dessen Mitgliedschaft in der Waffen-SS enthalten die Akten, nebenbei bemerkt, keine Spur. Vorbildhaft ist die Auswertung der Spitzelberichte und Observationsprotokolle bei Grass gerade im Rahmen eines Buches, wie es Schlüter jetzt vorgelegt hat. Der Redakteur von Radio Bremen liest die Akten genau, nimmt sie ernst, bleibt aber nicht dabei stehen. Deswegen kommen auch die Ausspionierten zu Wort, kommentieren, ordnen ein, gleichen aus. Grass fordert einen Stilvergleich - zwischen Geheimdienst West und Geheimdienst Ost. "Man muss vergleichen, um Unterschiede feststellen zu können", bemerkte einst der Publizist Johannes Gross in einer Variation des beliebten deutschen Spiels namens Systemvergleich. Auf der Bühne des BE hebt Grass gleichwohl den rhetorischen Zeigefinger und mahnt: "Wer im Westen gelebt hat, hat kein Recht den Stab zu brechen." Worüber? Grass will ausgleichen und differenzieren - und zugleich provozieren und vereinheitlichen. Das ist zu viel auf einmal. Außerdem unterschätzt er Publikum und Leser, die im Schrecken über die Stasi-Methoden ja nicht den Westen verklären, aber auch nicht die alte Bundesrepublik im Sinne einer falsch verstandenen "inneren Einheit" nachträglich zur Diktatur erklären. So lag auch Leutnant Schindler vom MfS nicht nur daneben, als er in einem der ersten Einträge über Grass im Juli 1961vermerkte, Grass habe keine feste politische Einstellung: "Er schießt praktisch nach beiden Seiten und kommt sich dabei sehr imposant vor. Er möchte immer als ein Freiheitsapostel erscheinen." Autor:Lutz Lichtenberger http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0322/feuilleton/0040/index.html



Urtitel:
Günter Grass im Visier - Die Stasi-Akte. Günter Grass im Gespräch mit Kai Schlüter und Christoph Links
Anfang/Ende:
Meine Damen und…für Ihre Aufmerksamkeit. (BEIFALL)
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Gespräch
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
21.03.2010
Datum Erstsendung:
23.03.2010
Aufnahmeort:
Berlin, Berliner Ensembe
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
01:59:52
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
CD
Datenformat:
CD-A
Kopie:

Länge der Kopie:
01:07:54
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Radio Bremen (RB)
Sendereihe:
SR2 KulturRadio, Literatur im Gespräch
Teilnehmende:

Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Schlüter, Kai (Vorredner(in))
Person:
Schlüter, Kai (Autor(in))
Person:
Links, Christoph (Vorredner(in))
Person:
Wittmann, Thomas (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Schlüter, Kai: Günter Grass im Visier - Die Stasi-Akte. Günter Grass im Gespräch mit Kai Schlüter und Christoph Links. Berlin, Berliner Ensembe .

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