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DB-Nummer: 1474

Thomas Brasch und Günter Grass im Gespräch : Literatur und Zensur in der BRD und DDR

Lämmle, Micaela

Gespräch des SWF ist in die Industrieproduktion eingebunden. Brasch: Unterschiedliche Wahrnehmung von West- und Ostliteratur im jeweils anderen Teil Deutschlands Grass: Im Westen habe man in den 50er und 60er-Jahren eine Politik betrieben, die die Ereignisse nach dem Krieg ignoriert habe: das Entstehen der DDR und das Entstehen einer DDR-Literatur; danach sei der Blick auf die DDR-Literatur "exotisch" und politisch geworden; Gedichte, die auf den ersten Blick unpolitisch wirkten, hätten es daher schwer in der Kritik; übermäßiges Interesse finde dagegen Literatur, bei der man Kritik herauslesen könne; dies sei beklagbar und verständlich, habe aber nur sehr wenig mit Literatur zu tun Brasch: nennt als Grund für lobende Kritien u.a. ein "schlechtes Gewissen" und bedauert dies; schlecht geschriebene Passagen würden nicht, wie beispielsweise bei Grass oder Handke, als solche kritisiert; Brach sieht sich, u.a. durch seinen Gefängnisaufenthalt, als unangfreifbar und findet dies schlimm; bei allen sogenannten Dissidenten gebe es derartige Berührungsängste; als gut gelte im Westen ein Buch, das einige Tabus enthalte und in der DDR verboten sei Grass: dabei spiele der politische Standort der einzelnen Zeitungen und Journalisten auch eine Rolle; Dissidenten würden im Westen oftmals gleich in ein "rechtes Lager geschoben"; dazu trügen die Medien bei; man denke dabei in Schwarz-Weiß-Kategorien; danach suche man auch bei Literatur Brasch: das Feuilleton behandle die DDR-Literatur sehr wechselhaft und lege irgendwann die "Samthandschuhe" ab; davon lebe offenbar der Journalismus Grass: hält dies für ein "Trauma" von Brasch; einige in der BRD lebende DDR-Autoren würden meinen, über den Westen schreiben zu müssen; die Voraussetzungen dafür seien aber nicht da, man könne in so kurzer Zeit keinen Einblick in die westlichen Verhältnisse bekommen; interessanter sei, wenn die Autoren aus Distanz zur DDR über die DDR schreiben würden Brasch: man nehme das "Ausweichen" in historische Stoffe oder in Parabeln nicht wahr; dies sei schon bei Brecht oder Shakespeare so gewesen Grass: der Vergleich stimme nicht, Brecht habe "Mutter Courage" etwa in der Emigration geschrieben Brasch: für einen historischen Tiefblick reiche ein Tabubruch nicht, man stelle dabei nur die "Warze" und nicht die "Krankheit" dar; die "moralische Literatur" verkürze die Darstellung von Problemen Grass: historische Verkleidungen zum Umgehen der Zensur sei jedoch etwas anderes; darum sei vieles in der DDR in solchen Verkleidungen geschrieben worden, denn die DDR-Autoren hätten ihre Kritik loswerden wollen; auf die Dauer führe dies aber nicht weit genug Brasch: Problem der Zensur: die Zensur (bzw. die Möglichkeiten, sie zum umgehen) werde zum Mittelpunkt der Literatur Grass: in der BRD gebe es eine andere Art von Zensur, die schwieriger fassbar sei; diese habe in den letzten Jahren zugenommen; Gründe seien mangelnde Zivilcourage und ein extremes Sicherheitsbedürfnis; Rundfunkanstalten seien dagegen zum Glück Anstalten des öffentlichen Rechts und nicht von Anzeigenschaltung abhängig Brasch: er werde oft gefragt, wie er in der BRD schreiben könne/wolle



Urtitel:
Thomas Brasch: Filme
Anfang/Ende:
Die westlichen Medien…fünf Jahren wieder.
Genre/Inhalt:
Kultur
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Thomas Brasch (* 19. Februar 1945 in Westow/Yorkshire; † 3. November 2001 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller, Dramatiker, Drehbuchautor, Regisseur und Lyriker. 1966 wurde die Inszenierung seines Vietnamprogramms „Seht auf dieses Land“ an der Berliner Volksbühne verboten. 1967 bis 1968 absolvierte Brasch ein Studium für Dramaturgie an der Hochschule für Film und Fernsehen Babelsberg. Wegen der Verteilung von Flugblättern gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die ČSSR 1968 musste er sich gemeinsam mit Frank Havemann, Florian Havemann, Rosita Hunzinger, Sanda Weigl, Erika-Dorothea Berthold, Hans-Jürgen Uszkoreit und Bettina Wegner vor Gericht verantworten. Er wurde zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt und 1969 auf Bewährung entlassen. Danach wurde er als Erziehungsmaßnahme als Fräser im Berliner Transformatorenwerk Oberschöneweide (TRO) beschäftigt. Auf Vermittlung von Helene Weigel arbeitete er 1971–72 im Brecht-Archiv, wo er an einer Arbeit saß, die die Strukturelemente des Westerns mit denen des russischen Revolutionsfilms verglich. Seitdem lebte er als freier Schriftsteller. Mehrere Dramen, die zwischen 1970 und 1976 entstanden, wurden wegen ihrer Thematik und ihrer häufig experimentellen Form nicht aufgeführt oder nach kurzer Zeit abgesetzt, so z. B. die gemeinsam mit Lothar Trolle verfassten Lehrstücke „Das beispielhafte Leben und der Tod des Peter Göring“ und „Galileo Galilei – Papst Urban VIII.“ 1976 war Brasch Mitunterzeichner der Resolution gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Nachdem die Publikation von Prosatexten durch staatliche Stellen verweigert worden war, stellte er einen Ausreiseantrag und übersiedelte gemeinsam mit seiner damaligen Freundin Katharina Thalbach und deren Tochter Anna Thalbach nach West-Berlin. Sein noch in der DDR entstandener und kurze Zeit später beim Rotbuch erschienener Prosaband Vor den Vätern sterben die Söhne wurde ein großer Erfolg und brachte ihm nachhaltige Anerkennung bei den Kritikern.

Schlagworte:

Person:
Biermann Wolf; Brecht Bertolt; Handke Peter
Werke:
Mutter Courage und ihre Kinder
Sach:
DDR-Literatur; Politik; Kritik; Feuilleton; Journalismus; Rundfunk; Zensur; Dissident
Geo:
DDR; BRD
Zeit:
1950er Jahre; 1960er Jahre
Aufnahme:

Datum Erstsendung:
19.02.1977
Sprachen:
deutsch
Original:

Originallänge:
00:14:27
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
DVD
Datenformat:
VOB
Kopie:

Tonträger:
DVD
Datenformat Sichtung:
nicht zutreffend
Datenformat Archiv:
nicht zutreffend
Herkunft:

Sender / Institution:
Urzad Miejski W Gdansku
Sendereihe:
Literaturmagazin
Teilnehmende:

Person:
Lämmle, Micaela (Autor(in))
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))
Person:
Brasch, Thomas (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Lämmle, Micaela: Thomas Brasch: Filme.

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