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DB-Nummer: 1514

Gespräch mit Martin Walser 1990 : Über die "deutsche Einheit", Politik, Literatur und Heimat

Martin Walser erhält den großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Künste; Walser gilt als Verfechter der Deutschen Einheit, wofür er von Kollegen (u.a. von Günter Grass) kritisiert worden ist Gespräch von Erhard Kluge mit Martin Walser: Bewertung des Einheitsprozesses, der Walser erfreut; die Öffnung der Grenzen als "Schönwetterepoche"; einzigartiger Demokratisierungsprozess; Engagement in der Frage der Deutschen Einheit; Vermeidung des Begriffs "Wiedervereinigung" bei Walser; durch Adenauers Verwendung dieses Begriffs seien Intellektuelle abgestoßen worden; innerdeutsche Grenze als nicht hinnehmbarer Zustand; die Ausformulierung dieser Gedanken habe Kritik und Polemik bei Walsers Kollegen hervorgerufen; Begriff des "Geschichtsgefühls"= historisches Bewusstsein von einem gemeinsamen Deutschland dürfe nicht durch das Dritte Reich nichtig gemacht werden; gegen ein geteiltes Land wehrt sich Walsers Gefühl; Günter Grass als Antipode zu Walser; Grass habe Walser Sentimentalität vorgeworfen, was sein gutes Recht sei; Walser zeigt Verständnis dafür, dass Grass die nazistische Vergangenheit mit Angst betrachtet; dies sei eine mögliche Sichtweise; dass eine Nation sich als "missbrauchbar" erwiesen habe, heißt aber für Walser nicht, dass diese Nation abgeschafft werden müsse; das Maß an Verantwortung sei groß in Deutschland; auch andere Einrichtungen (Ehe, Kirche etc.) hätten sich als missbrauchbar erwiesen und würden deswegen auch nicht abgeschafft werden; Gegensätzlichkeit von politischen Meinungen auchu bei Walser selbst, widerspruchsvolles Denken; Hochschätzung von Handlung, von Pragmatik; Skepsis gegenüber Theorie und Meinungen, da für Intellektuelle niemals die Realisierbarkeit von Bedeutung sei; Theorien wie die des demokratischen Sozialismus würden von Intellektuellen wie "religiöse Formeln" wiederholt; daher ist Walser misstrauisch gegenüber Meinungen, auch gegenüber seinen eigenen; einen Roman zu schreiben, sei aber auch eine Tätigkeit, ein Handeln; Hochschätzung der Gewerkschaften und deren "schlichter Praxis" bei Walser; Walser sieht in den Gewerkschaften die Möglichkeit einer realeren, praktischeren Demokratie; Kapitalismuskritik in den 60er Jahren; Walser hat seine Kritik aber nie in seiner Literatur formulieren können und wollen und sich auch nie als Gesellschaftskritiker verstanden; seine Figuren seien Leidende an und in der Gesellschaft und drückten gesellschaftliche Bedingungen aus; eine direkte Absicht zur Gesellschaftskritik sei schädlich; Verhältnis zur Literaturkritik; "Halbzeit" sei "unhöflich dick" gewesen; erzählerisches Erfassen der 50er und 60er Jahre in Romanen (auch bei Grass); tragende Rolle des Alltagsromans in diesen Generationen; danach Verfeinerungen (Peter Handke, Botho Strauß) mit anderem Romankonzept, in der oft der Schriftsteller selbst im Mittelpunkt steht; Walser als Gast bei der CSU und Wildbad Kreuth: Walser ist dort aus Interesse hingegangen und die Diskussion mit den CSU-Politikern sei "wunderbar" gewesen, er habe dort sogar mit dem Politikern Karten gespielt; dass dies auf Kritik gestoßen ist, zeige eine "Unfreiheit im zeitgenössischen Denken"; Walsers Heimat Bodensee als Schauplatz für seine Romane; Walser sagt jedoch, dass er kein Heimatgefühl habe; ein Erzähler mache einfach von der Umgebung am meisten Gebrauch, das er kennt; das Recherchieren lehnt Walser ab; er sei angewiesen auf den Dialekt, der sein Hochdeutsch stütze; dies will Walser nicht abschaffen; das Aussterben der Dialekte sei bedauerlich; Vorliebe für skurille menschliche Eigenschaften, die Walser jedoch nicht bewusst ist; Verlierer seien ihm lieber als Sieger bei seinen Figuren; das Leben könne nicht gelingen und Walser will diese Einsicht bei seinen Figuren darstellen; Aufnahme früherer Figuren im Roman "Jagd"; Preis der Bayerischen Akademie der schönen Künste für Walser, Preisrede von Joachim Kaiser.



Urtitel:
Gespräch mit Martin Walser
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Hören Sie nun…Schriftsteller Martin Walser. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Großer Literaturpreis 1990 der Bayerischen Akademie der Künste für Martin Walser Martin Walser und Günter Grass haben wiederholt über die Deutsche Einheit diskutiert und dabei gegensätzliche Positionen vertreten. Ihre Auseinandersetzung darüber setzt sich sogar bis 1994 fort, vgl. DB AUD 85 und DB AUD 1347.

Schlagworte:

Person:
Luxemburg Rosa; Kaiser Joachim; Adenauer Konrad
Werke:
Jagd; Das Einhorn; Halbzeit; Ein fliehendes Pferd; Der Sturz
Sach:
Einheit; Demokratisierung; Wiedervereinigung; Nation; demokratischer Sozialismus; Roman; Erzählen; Gesellschaftskritik; Teilung; Heimat; Preis; Figur; Alltagsroman
Geo:
Bodensee
Zeit:
1960er Jahre
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
26.04.1990
Datum Erstsendung:
06.05.1990
Aufnahmeort:
Überlingen
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:28:10
Original-Tonträger:
Band
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:28:00
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Westdeutscher Rundfunk (WDR)
Sendereihe:
Gedanken zur Zeit
Archivnummer:
3529302000 Tontr.-Verweisung 1715201000
Produktionsnummer:
9014030590278
Teilnehmende:

Person:
Kluge, Erhard (Interviewpartner)
Person:
Walser, Martin (Vorredner(in))
Person:
Oessling, Brigitte (Beitragende(r))

Zitieren

Zitierform:

Gespräch mit Martin Walser. Überlingen .

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