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DB-Nummer: 1532

Kenzaburo Oe im Interview (japan.)

Knabe, Günter

Der Nobelpreisträger Kenzaburo Oe besucht Berlin und Köln, um dort zu lesen. Im Japanischen Kulturzentrum in Köln liest er zweimal, am 7. und 9. Juni, dort wird er von Nobert Burger willkommengeheißen, die Lesungen werden von Musik Hikuru Oes begleitet. Beide Lesungen in Köln werden gut besucht, etwas 400 bis 600 Zuhörer sind anwesend. Nach den Lesungen steht Oe den Zuhörern Rede und Antwort; dabei wird deutlich, dass seine Zuhörer aufmerksame Leser seiner Werke sind. Oe bemerkt, dass die Tatsache, dass sein Sohn Hikaru mit einer geistigen Behinderung auf die Welt kam, ihn sehr beeinflusst hat und dass er glaube, Hikaru habe durch die Musik nun eine Ausdrucksmöglichkeit gefunden. Oe hat sogar darüber nachgedacht, mit dem Schreiben aufzuhören, da ihm keine Themen mehr bleiben würden und er es seinem Sohn überlassen müsse, sich auszudrücken. Solche menschlichen Aussagen beeindrucken das deutsche Publikum. Nach der Lesung interviewt Günter Knabe von der Deutschen Welle Kenzaburo Oe. Gefragt nach dessen Eindruck von wiedervereinigten Deutschland sagt er: Er sei am Tag der Deutschen Einheit in Frankfurt gewesen und habe dort mit Günter Grass diskutiert, der dort mit dem Schriftsteller Christoph Hein zusammengetroffen war. Von beiden Autoren sei er sehr bewegt gewesen. Er stimme mit Grass überein, dass die Wiedervereinigung einige Probleme mit sich bringen würde, obwohl es eine wunderbare Sache sei, dass Grass und Hein nun in einem vereinigten Land frei diskutieren könnten. Letztes Jahr habe er ein Gespräch mit Richard von Weizsäcker geführt und einem Symposion mit Hans Dietrich Genscher und Monika Maron beigewohnt. Marons Werke seien auch sehr gut. Er sehe eine gute Zukunft für Deutschland und die deutsche Literatur. Sowohl Japan als auch Deutschland tragen und zeigen Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg, obwohl kritisiert wird, dass Japans Entschädigungszahlungen nicht ausreichend sind. Oe wird von Knabe dazu befragt und antwortet: Letztes Jahr sei Weizsäcker in Japan gewesen, und was die Japaner am meisten beeindrucke, sei, dass die Deutschen Antworten gefunden hätten für ihre Schuld in der Juden-Frage. Dies sei bewundernswürdig und sichere die Ehre der Deutschen. Als Japaner fühle er selbst sich öffentlich verantwortlich für seine Koreanischen Freunde, ebenso ginge es auch seiner Mutter und seiner Schwester. Oe denkt nicht, dass die japanische Regierung genug Verantwortung gegenüber Asien zeigt. Man habe zwar Entschädigungen gezahlt und finanzielle Hilfen gegeben, aber zuerst hätte man sich des Verantwortungsbewusstseins der japanischen Bevölkerung sicher sein müssen und Reue zeigen müssen. Dies sei ein Fehler Japans in den letzten 50 Jahren gewesen, den man ab jetzt beheben müsse und damit auch für die nächsten 50 Jahre Verantworung übernehmen müsse. Über die sogenannten koreanischen "Trostfrauen" des Zweiten Weltkriegs sagt Kenyaburou Oe: Japan und die japanische Regierung hätten dies tief bereut und die volle Verantwortung dafür übernommen; es habe auch Entschädigungszahlungen gegeben, dies würde aber nicht bedeuten, dass man das Maß des Leids damit kompensieren könne; er selbst habe vorgeschlagen, in ganz Japan eine Schweigeminute zu halten und zu beten, um damit zu zeigen, dass auch die japanische Bevölkerung Reue zeige. Ohne die Reue des gesamten Landes, hätten nur private Organisationen versucht, Entschädigungen zu zahlen; dies habe er immer kritisiert. Sein Besuch in Deutschland zieht die Aufmerksamkeit der deutschen Medien auf sich, dort wird Kenzaburou Oe als "Gewissen Japans" bezeichnet. Kenyaburou Oe wird mit dem Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll verglichen. Kenzaburou Oe, der u.a. die "Hiroshima Notizen" geschrieben hat, hat sich zur Atombombe, über Kaiser und die Verantwortung für Kriege geäußert und darüber geschrieben, aber in besonderer Weise ist er auch ein Autor, der sich für das Schicksal des Einzelnen interessiert. Das Bild von Oe ist in Japan und Deutschland sehr verschieden. Zwei Kölner Tageszeitungen haben ein Interview mit ihm veröffentlicht, in dem es vor allem darum ging, was er von den Deutschen lernen möchte. Im Gegensatz zu seinem Freund Günter Grass, schätzt Oe die friedliche Vereinigung Deutschlands hoch und hofft, dass diese ein Beispiel für die Vereinigung von Nord- und Südkorea werden kann. Oe hofft auf eine Welt ohne Nuklearwaffen; als er sich am Protest gegen Frankreichs Atombombentests im Südpazifik beteiligt hat, ist er von der Haltung Deutschlands dazu enttäuscht gewesen.



Urtitel:
Oe Kenzaburo - Ein Interview in Köln
Anfang/Ende:
(Musik) Oe Hikaru sakkyoku…
Genre/Inhalt:
Politik
Präsentation:
Interview
Historischer Kontext:

Der japanische Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe besucht Deutschland.

Schlagworte:

Person:
von Weizsäcker Richard; Burger Norbert; Genscher Hans-Dietrich; Maron Monika; Hein Christoph; Oe Hikuru
Werke:
Hiroshima-Notizen
Sach:
Lesung; Deutsche Einheit; Wiedervereinigung; Weltkrieg; Verantwortung; Schuld; Entschädigung; Trostfrau; Atombombe
Geo:
Berlin; Köln; Japan; Frankreich; Südkorea; Nordkorea; Korea
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
27.06.1996
Datum Erstsendung:
02.07.1996
Aufnahmeort:
Köln
Sprachen:
japanisch
Betriebsarten:
Mono
Original:

Originallänge:
00:09:25
Analog/Digital:
reformatted digital
Original-Tonträger:
Band
Datenformat:
nicht zutreffend
Kopie:

Länge der Kopie:
00:09:24
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Westdeutscher Rundfunk (WDR)
Archivnummer:
3526459000 Tontr.-Verweisung 1724599000
Produktionsnummer:
9214270696201
Teilnehmende:

Person:
Knabe, Günter (Autor(in))
Person:
Junko, Nagai (Übersetzer(in))
Person:
Knabe, Günter (Interviewpartner)
Person:
Oe, Kenzaburo (Vorredner(in))
Person:
Sasaki, Yoko (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Knabe, Günter: Oe Kenzaburo - Ein Interview in Köln. Köln .

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