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DB-Nummer: 1560

Ich war arm wie eine Kirchenmaus : Wiederholung des Gesprächs zum 70. Geburtstags vom 16.10.1997 in Ausschnitten anlässlich des Literaturnobelpreises

Wiederholung des Gesprächs mit Günter Grass zu dessen 70. Geburtstag am 16.10.1997 in Ausschnitten anlässlich des Literaturnobelpreises Frage: beschleunigte und veränderte Lebensformen der Gegenwart; wünscht Grass sich ein anderes Jahrhundert und/oder einen anderen Zeitgeist? Grass: leistet sich solche Wünsche nicht; das Jahrhundert habe ihn gefordert; durch den Krieg sei die Thematik wie vorgegeben gewesen; dies sei anderen Autoren auch so gegangen; die Literatur erlaube Ausflüge in andere Zeiten und Themen (Bsp: "Das Treffen in Telgte" oder "Der Butt"); dies sei mitunter das Reizvolle am Schreiben; Frage: 1945 hat Grass seine Heimat Danzig verloren und sich im Westen neu orientieren müssen; wo ist Grass zuhause? Rolle der Heimat für den 70jährigen? Grass: "Das juckt mich eigentlich nicht mehr so sehr"; nach dem Krieg sei der Verlust schwer zu begreifen gewesen; durch deutsche Schuld sei die Heimat "verschleudert" worden; auch der Verlust an Sprache (schlesisch, ostpreußisch als "literaturfähige Dialekte") sei schmerzhaft gewesen; er habe in seinen Büchern versucht, das Ostpreußische und Kaschubische zu erhalten; nach dem Krieg Düsseldorf bis zum Ausbruch des Wirtschaftswunders; in Berlin dann Studium der Bildhauerei; darauf Paris und wieder Berlin; seit einiger Zeit Wohnsitz in Schleswig-Holstein; Grass ist an allen Orten sehr gerne, inklusive der weiteren "Schreiborte" in Portugal und Dänemark; es sei ein Nomade geworden und halte nicht viel vom "Wurzelschlagen"; seine Frau sei anders; Grass ist für Aufbrüche an andere Orte, sofern er einen Arbeitsraum vorfinde; Frage: im neuen Buch von Volker Neuhaus "Schreiben gegen die verstreichende Zeit" wieder nachlesbar: Welterfolg durch die "Blechtrommel"; Bedeutung des frühern Erfolgs? Grass: bei Erscheinen der "Blechtrommel" und durch Preis der Gruppe 47 im Vorjahr erstmals Geld für das eigene Schreiben; vorher sei er "arm wie eine Kirchenmaus" gewesen; seitdem wirtschaftliche Unabhängigkeit, die Grass "dankbar zu schätzen" weiß; der frühe Ruhm sei zunächst lästig gewesen, denn die Erwartungen seien hoch gewesen und seien es heute noch; der Arbeitsaufwand bei größeren epischen Werken sei so groß, dass er sich keine Gedanken über die Erwartungen machen würde, die anderen an das Werk und an Grass selbst stellen; Frage: Oskar Matzerath als Lebensbegleiter? In den USA jüngst Pornographie-Vorwürfe an die "Blechtrommel"-Verfilmung Grass: Oskar sei schon während des Schreibprozesses eine widerspänstige, fiktive Figur gewesen; fiktive Figuren würden sich mit der Zeit verselbstständigen und Oskar habe dabei auch dem Autor widersprochen; so habe er sich beispielsweise gegen eine Schwester gewehrt; dies habe eine Schreibsperre bei Grass verursacht; aus der Schwester für Oskar sei dann Tulla Pokriefke geworden, was Oskar nicht habe verhindern können; bei der "Rättin" sei Oskar auf einmal wieder da gewesen, als es um "neue Medien" gegangen sei; Oskar habe sich immer mit Medien befasst (Trommeln und Rückwärtstrommeln) und sich zugehörig gefühlt; dies habe sich aber problemlos in der Romangeflecht der "Rättin" einfügen lassen; [Anmerkung: Grass spricht bei der "Rättin" hier von einem Roman, während dem Buchtext eine Gattungsbezeichnung fehlt] Frage: in einem Interview vor 10 Jahren hat Grass gesagt, dass es selten paasiere, dass er seine Bücher nicht selbst lese bzw. sich dies fürs Alter aufhebe; Grass hat nun die gesamte "Blechtrommel" noch einmal für eine CD-Produktion eingelesen (Länge 28 Stunden) - welcher Art war die Wiederbegnung mit dem eigenen Werk? Grass: beim anstregenden Einlesen auf eine Studiobühne des Deutschen Theaters in Göttingen vor Publikum (ohne Publikum und dessen Unerstützung hätte Grass nicht lesen können) habe er sich an die jeweilige Schreibsitutation (meistens in Paris, wo er die "Blechtrommel" größtenteils geschrieben hat) erinnert; auch Schreibvarianten und Verworfenes sei ihm dabei eingefallen und er habe acht geben müssen, sich an den Text zu halten; Frage: ist Grass stolz auf seine "multikulturelle Herkunft" (kaschubisch-deutsch)? Grass: Reichtum durch "doppelte Verwurzelung"; dazu mehrere Talente, die Grass von mütterlicher Seite geerbt habe: Schreiben und Zeichnen; die Frage, ob er Schriftsteller und/oder Grafiker sei, habe er sich nie gestellt; er habe alle Talente wie selbstverständlich ausschöpfen wollen; stolz sei er darauf, dass es ihm gelungen sei, das durch verbrecherische Politik verspiele soweit wie möglich zurückzugewinnen mit literarischen Mitteln; die zerstörte und wiederaufgebaute Stadt Danzig habe er literarisch "beschwört" und auferstehen lassen; dies schiene gelungen zu sein; Frage: vor ca. 50 Jahren Anfänge der Gruppe 47, Ende der Gruppe 1968; am Ende von "Das Treffen in Telgte" wird das Fehlen weiterer Schriftstellertreffen beklagt; hat Grass die Gruppe 47 gefehlt? Grass: hat die Gruppe gefehlt; die Schriftsteller in Deutschland würden jeweils in der Provinz bzw. der Zerstreuung leben; es gebe kein Zentrum wie Paris oder Kopenhagen, die kulturelle oder literarische Hauptstädte seien; Berlin stelle zwar diesen Anspruch, habe ihn aber nie erfüllen können; dass es viele provinzielle Zentren gebe, sei aber auch ein Reichtum; Hans Werner Richter habe es jedoch verstanden, etwas Ungewöhnliches in Deutschland zu schaffen: keinen festen Mitglieder, keine "Vereinsmeierei"; damit habe Richter einmal im Jahr die Illustion einer literarischen Hauptstadt geschaffen; in der Gruppe habe man "besten Freunde und Feinde finden" können; Austausch über Arbeit und Schwierigkeiten mit der Arbeit, Aufhebung des Gefühls von Vereinsamung durch das Schreiben; den jüngeren Autoren fehle ein solcher Austausch; der "aufgeklärte Dispot" Richter habe Maßstäbe setzen können und Toleranz fordern können; für diese Erfahrung ist Grass Richter nach wie vor dankbar; die Artikel zum Jubiläum der Gruppe 47 seien sehr dürftig (bspw. Von Professor Arnulf Baring, der sich "unverschämt" zu den literarischen Fähigkeiten Richters äußere); die Gruppe 47 gehöre zu dem herausragenden Dingen der Nachkriegszeit, aber die Tendenzen, auch diese zu "zerreden", seien groß; für viele Autoren sei die Gruppe 47 sehr wichtig gewesen, für jüngere Autoren fehle etwas Vergleichbares; Frage: Freundschaft unter Literaten vs. Solidarität der Einzelgänger; Grass: auch hier habe Richter vermitteln können: Trotz unterschiedlicher Meinungen sei man kollegial miteinander umgegangen; auch bei der politischen Distanz (z.B. zwischen Grass und Walser oder Grass und Enzensberger) habe man diese Kollegialität nicht unterbinden können; trotz unterschiedlicher Meinungen bspw. Zum Einigungsprozess sei Walser für Grass ein "liebenswerter Kollege"; Frage: jüngere Autoren wie John Irving oder Salman Rushdie beziehen sich auf Grass - steht Grass mit ihnen in Kontakt? Grass: Treffen mit Rushdie seien durch das Todesurteil erschwert und man könne sich nur alle paar Jahre einmal begegnen; mit Irving und anderen Autoren Briefwechsel; Grass findet es amüsant, dass seine Literatur im Ausland mehr Schule gemacht habe als in Deutschland; Frage: "Das Zirkuskind" erinnert an Grass… Grass: …die früheren Romane Irvings noch mehr; Irving und Rushdie würden sich dazu bekennen; sie seien aber so talentierte Schüler, dass nie die Gefahr bestanden hätte, dass sie zu Epigonen werden würden; Grass' großer Lehrer: Alfred Döblin; Döblins Romanwerk sei nicht so geschlossen wie das Kafkas oder Thomas Manns; Autoren, die bei Kafka oder Mann anknüpfen würden, seien der Gefahr ausgesetzt, zu Epigonen zu werden; Döblin sei reich an neuen epischen Einfällen gewesen, durch die man Anknüpfungspunkte bekommen hätte; Frage: Grass als Stifter verschiedener Preise - warum ist Grass damit so singulär? Grass: weiß darauf keine Antwort; als Schriftsteller habe er gelegentlich "Überschüsse" erwirtschaftet (etwa nach dem "Butt"), mit denen er bspw. Den Alfred-Döblin-Preis habe stiften können und sich somit für die Gegenwartsliteratur engagieren können; der Preis werde für Manuskripte verliehen; Grass erinnert sich an die schwierige wirtschaftliche Situation von Autoren und wie sehr ihnen ein Preis helfen kann.



Urtitel:
Gespräch mit Günter Grass zum 70. Geburtstag vom 16.10.1997. Wiederholung in Ausschnitten anläßlich seiner Auszeichnung mit dem Nobelpreis für Literatur
Anfang/Ende:
(Anmoderation) Thema heute: Günter…war Erhard Kluge. (Abmoderation)
Genre/Inhalt:
Biographie
Präsentation:
Gespräch
Historischer Kontext:

Grass hat den Literaturnobelpreis 1999 erhalten

Schlagworte:

Person:
Richter Hans-Werner; Mann Thomas; Kafka Franz; Walser Martin; Enzensberger Hans Magnus; Baring Arnulf; Irving John; Rushdie Salman; Döblin Alfred; Matzerath Oskar
Werke:
Das Treffen in Telgte; Der Butt; Die Blechtrommel; Hundejahre; Katz und Maus; Die Rättin; Das gelobte Land; Das Zirkuskind; Mitternachtskinder; Scham und Schande
Sach:
Gruppe 47; Heimat; Pornographie; Schreiben; Schriftsteller; Provinz; Kollegialität; Lehrer; Preis
Geo:
Danzig; Düsseldorf; Berlin; Schleswig-Holstein; USA
Zeit:
Jungsteinzeit; 17. Jahrhundert
Aufnahme:

Aufnahmedatum:
30.09.1999
Datumszusatz:
ESD unbekannt
Sprachen:
deutsch
Betriebsarten:
Stereo
Original:

Originallänge:
00:19:55
Analog/Digital:
born digital
Original-Tonträger:
File
Datenformat:
WAV
Kopie:

Länge der Kopie:
00:19:37
Tonträger:
CD
Datenformat Sichtung:
mp3
Datenformat Archiv:
WAV
Herkunft:

Sender / Institution:
Arte
Sendereihe:
Politik und Zeitgeschehen
Archivnummer:
3591676000 Tontr.-Verweisung:1730963000
Produktionsnummer:
227853
Teilnehmende:

Person:
Kluge, Erhard (Interviewpartner)
Person:
Grass, Günter (Vorredner(in))

Zitieren

Zitierform:

Gespräch mit Günter Grass zum 70. Geburtstag vom 16.10.1997. Wiederholung in Ausschnitten anläßlich seiner Auszeichnung mit dem Nobelpreis für Literatur.

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